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TAG 2
Von Silves zum Funcho Stausee.

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Von Silves zum Funcho Stausee.

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Von Silves zum Funcho Stausee.

Aufgewacht. Ich knipse das Licht an und finde mich in einem 45 Euro Zimmer in einer Pension wieder, die meinen Hund akzeptiert: sie verlangt dafür fünf Euro Aufschlag. Auf meine Frage, ob das mit oder ohne Frühstück sei, erhalte ich keine Antwort. Aber das Mitbringen von Haustieren sei generell erlaubt. Gerade stelle ich mit der Fernbedienung den Kameraden an der Ecke dort oben ein, wo sich Wand und Zimmerdecke treffen, um den Wetterbericht abzurufen. Keine Änderung in Sicht. Es bleibt heiß und trocken. Wunderbares Touristenwetter, schlecht für den Wald, für die Landwirtschaft und für das Klima. Avocado- und Orangenbäume, die in Monokulturen um Silves herum gepflanzt werden wie Rettungsringe, haben keine Chance, dieses Jahr ohne künstliche Bewässerung auszukommen. Es regnet ja nicht. Aber wir haben die Stauseen in direkter Nähe. Mit dem Wasser nachhaltiger umzugehen, kommt allerdings keinem Beamten in den Agrar- und Umweltbehörden der Algarve in den Sinn.

Wieviel Zeit haben wir eigentlich noch? Wie groß ist denn schon das Loch in der Bordwand  unseres Schiffes? Wann wird es sinken? Nehmen wir sie uns noch, diese Zeit – am Besten zur gleichen Zeit, zu der sich die VertreterInnen aus 195 Staaten dieser Welt zum 26. Mal zu einer internationalen Klimakonferenz namens COP, dieses Mal in Glasgow, treffen, um die wohl wichigste Entscheidung der Menschheit vorzubereiten, so die Hauptstadtjournalisten…

Zurück zur Natur

Nein, ich bin nicht nach Glasgow geflogen, um von dort zu berichten. Ich verbinde mich stattdessen mit der Natur, in dem ich über die Brücke der Nationalstraße 124 von Enxerim gehe und dann sofort links in den Feldweg einbiege. Es ist kurz vor neun Uhr morgens. Und so einfach wird man verschluckt und ist weg vom Teer, Beton und der modernen Architektur und dem Lärm des Straßenverkehrs. Unbestellte Felder und aufgegebene Häuser säumen den alten Pilgerweg. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn man da im Auto dran vorbeifährt. Irgendwann sind auch keine Ruinen mehr zu finden. Es ist ein anderer Weg, für den ich mich entscheide: zu Fuß gehen bedeutet, mehr zu sehen, zu hören, zu riechen, zu fühlen – alle Sinne werden dabei geweckt. Man schaut hinter die Kulissen eines Landes. Ich folge den rotweißen Markierungen und gelange in einen Hohlweg, der direkt nach Osten führt und lange von einem ausgetrockneten Bachbett begleitet wird, in dem die Reste von gefällten Eukalyptusbäumen herumliegen, einfach liegengelassen.

Da habe ich für mich in diesem Jahr eine ganz andere Entscheidung getroffen, resümiere ich auf meinen Weg zu Fuß und über Land und schreibe einen Teil dieser Geschichte in mein Wandertagebuch. Ja, es ist viel zu heiß im Oktober. Darüber brauchen wir keinen Klimakongress mehr abzuhalten, um das zu diskutieren. Ja, es fällt nicht genug Regen im Herbst und Winter. Auch das müssen wir nicht mehr diskutieren. Gleichzeitig pflanzen einige Forstwirte und die Navigator Company noch mehr Monokulturen, die den Böden die letzten Wasserreserven rauben und die Artenvielfalt zerstört. Das ist ein Thema von vielen, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken sollten: was machen wir mit unserem Wasser an der Algarve und wie retten wir die Artenvielfalt der Fauna und Flora vor Ort? Sollten wir nicht alle mal langsam Nägel mit Köpfen machen, das sogenannte Loch in der Bordwand abdichten, oder anders gefragt, nur noch heimische Baumarten pflanzen, die dem Wasserhaushalt der Region entsprechen und damit auch die Waldbrandrisiken reduzieren? Sollten wir für einen Moment einhalten und uns fragen, ob man Geld wirklich nicht essen kann und ob der nachhaltige Umgang mit Wasser nicht sehr viel wichtiger ist?

Nach Glasgow fliegen und dabei noch mehr CO2 emittieren und Zeit mit Reden verlieren, statt klare internationale, nationale und regionale Entscheidungen vor Ort zu treffen? Nein? Jeder weiß, um was es geht: um ein Ende des industriellen Diktats über die Natur. Diese Entwöhnungskur ist wirklich nicht einfach. Aber daß Geld verdienen nur im Einklang mit den Gesetzen der Natur geschehen darf, muß auch langsam jedem Kommunalpolitiker und Unternehmer dämmern. Wie lange noch wollt Ihr weiterhin die Gesetze der Marktwirtschaft über die Naturgesetze stellen? Falls ja, wie lange noch will sich die Menschheit die Erde untertan machen, statt sich zu integrieren? Und falls die Staatengemeinschaft der 195 wieder keine Entscheidung zu einem konkreten Klimaabkommen treffen kann, weil sie einfach immer so weitermachen will, als sei alles gut an der aktuellen Situation oder nur Lippenbekenntnisse daraus werden, dann wird sich die Menschheit auf dem Planeten Erde bei Naturkatastrophen zahlenmäßig verringern. Das Wasser der Quellen, Bäche und Flüsse versiegt und wir schauen zu, wie die Sommer immer länger werden und die Winter immer kürzer. Regenzeiten verringern sich bereits seit vielen Jahren. Der Wasserpegel des Grundwassers sinkt im Binnenland. Klimaflüchtlinge aus Dürreregionen strömen nach Europa. Gleichzeitig werden wir in Kürze zehn Milliarden Menschen sein, die Wasser verbrauchen als gäbe es noch genug davon und mindestens acht Milliarden davon verbrennen weiterhin jeden Tag Kohle, Gas und Erddöl in seinen Derivaten für’s Kochen, die Stromproduktuion, für’s Autofahren und Fliegen; für den allgemeinen Komfort. Es wird wärmer und die 1,5 Grad Celsius des Pariser Abkommens sind in ein paar Jahren bereits erreicht. Und dann? Gehen wir dann tanzend und singend unter, wie die Passagiere damals auf der Titanic, egal wie groß das Loch in der Bordwand bereits ist?

Ist Weniger Mehr?

Die Auswirkungen des Klimawandels schmerzen bereits heute. Ich denke, wir Journalisten sollten den Finger in die Wunde legen, wenn Flüsse über die Ufer treten, Deiche brechen oder andersherum, wenn Dürren das Leben auf unserem Planeten infrage stellen, wenn das Wasser schwindet und sich nichts mehr im Gleichgewicht befindet. Als Journalisten sollten wir schonungslos die Hintergründe und die Zusammenhänge beschreiben. Der Planet beginnt sich langsam zu wehren, wird hier und da unbewohnbar. Noch werden die Schäden durch Subventionen und Versicherungen kaschiert. Wieviel Jahre nacheinander darf die Dürre Bäche austrocknen, die Artenvielfalt dezimieren – oder die Gewitter mit Hagel und Sturzregen ausgetrocknete Bäche und Flüsse überfluten lassen, bis das Geld zum Wiederaufbau fehlen wird? Einfacher wäre, drei Worte zu beherzigen: weniger ist mehr. Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir werden immer mehr Menschen auf diesem überschaubaren Planeten und die meisten von uns leben jeden Tag ihr Leben, als wäre es der letzte Tag im Spielkasino, als gäbe es keine Zukunft für die nächsten Generationen mehr.

Die Politik sollte Auswege aus der Krise, der Gier und Maßlosigkeit finden? Wer den Klimawandel mit verursacht und jeden Tag den Schlüssel im Zündschloß seines PKW herumdreht, sollte schon wissen, was er damit der Menschheit antut. Sollte wissen, daß im Motor Benzin verbrannt wird und aus dem Auspuff CO2 und viele andere giftige Stoffe in die Atmosphäre emittiert werden, die mich während meines zu Fuß gehens anstinken. Nehmen wir uns als Menschheit zu wichtig, aber den von uns iniierten Klimawandel nehmen wir nicht mal ernst?

Ich fliege als Journalist nicht mehr zu irgendwelchen Klimakongressen wie früher einmal, auch nicht nach Glasgow, nehme nicht mehr an Sitzungen teil auf denen viel Egoismus geredet wird, geredet und wieder nur geredet, auf Kongressen, auf denen jeder nur an sich selbst denkt und nicht an das große Ganze. Alle wissen, daß es ans Eingemachte geht. Deswegen fliege ich überhaupt nicht mehr. Und ich empfehle all jenen, die etwas zu sagen haben, erst einmal ihren eigenen Fußabdruck auszurechnen und dann selbst einmal Verzicht zu üben oder wenigstens einen ersten eigenen Schritt in Richtung Klimaneutralität zu gehen und den Leitsatz zu beherzigen: weniger ist mehr. Mit der Bahn anreisen, kann auch ganz schön sein. Oder eben mal ein paar Tage zu Fuß gehen, statt in den Urlaub zu fliegen…

Wie halten wir’s mit der Verbindlichkeit?

Mein CO2 Fußabdruck verträgt keine Flüge und keine Gesprächsrunden mehr, bei denen am Ende sowieso nichts herauskommt. Da bleibe ich lieber zuhause und gehe achtsam mit dem jungen Wald unserer Genossenschaft um und bereite etwas vor, was die Resilienz von Wäldern unterstützen soll. Ich installiere mit meinen Freunden ein Sprinklersystem gegen mögliche zukünftige Waldbrände. Die gute Nachricht erreicht mich während der Wanderung am zweiten Tag: die Finanzierung des Sprinklersystems durch unser ECO123-Crowdfunding ist gesichert. Wir wollen einen diversen Wald pflanzen, auch um unsere eigenen CO2 Fußabdrücke damit zu reduzieren und um zu zeigen, daß es Vielfalt zum Nutzen aller geben kann.

Was ich seit Jahren praktiziere: ich fliege nicht mehr, ernähe mich nicht mehr von Fleisch, Wurst und anderen Derivaten von toten Tieren. Es ist nicht leicht, diesen Verzicht zu lernen. Ich habe mich aufgerafft, diese lange Wanderung zu unternehmen, um den Zustand meiner eigenen Welt zu erkunden. Ich habe es über einen langen Zeitraum geschafft, meine Bedürfnisse zu verringern und reduziere damit auch meinen Fußabdruck auf rund eine Tonne CO2 pro Jahr. Im Vergleich dazu stehen durchschnittliche fünf Tonnen CO2-Emissionen eines Portugiesen und elf Tonnen CO2 eines Deutschen. Mein Ziel ist, meine ganz persönliche Klimaneutralität so schnell wie möglich zu erreichen: am Besten noch in 2025. Wie werde ich das machen? Meinen eigenen Strom und die Elektrizität meines Arbeitsplatzes stelle ich bereits seit zehn Jahren eigenständig mit 40 Solarpanelen her, die jährlich 14.000 kWh produzieren. Was ich an grüner Elektrizität verbrauche, produziere ich selbst und dieses Gefühl, daß ich etwas zum Besseren verändern kann, fühlt sich durchweg gut an. Dafür bin ich selbst verantwortlich und keine Regierung, auf die wir immer alles Schlechte abschieben können. Jedes Jahr kommt eine kleine CO2 Reduktion dazu. Und mein Fußabdruck bei Mobilität und Haushalt wird immer kleiner. Man darf nicht nur die Politik für ihre Untätigkeiten kritisieren, sondern muß bei den Klimazielen mit sich selbst beginnen, auch Verzicht zu üben gehört dazu und den Konsum zu verändern. Natürlich braucht es den politischen Rahmen. Aber der allein genügt auch nicht.

Bleiben wir doch mal ganz bei uns selbst. Jeder von uns ist Teil eines Systems und jeder hat dieses System mit dem Verbrennen von Kohle, Gas und Erdöl dermaßen überhitzt, daß wir bis in alle Zukunft die Quittung dafür bekommen werden, wenn wir uns nicht jetzt weiterentwickeln. Wir Menschen haben unser Leben der Natur aus dem Gleichgwicht gebracht, aber wir könnten es auch immer noch zurück ins Gleichgewicht zurückbringen, in dem wir achtsamer und konsequenter leben. Das aber ist harte Arbeit und setzt ein anderes Verständnis von Leben voraus. Das sollte die Politik kommunizieren und den Weg zur Klimaneutralität nicht weiter beschönigen. Dazu bedarf es des Verzichts und der Weiterentwicklung der menschlichen Werte, statt ein Leben nach dem Konkurrenzprinzip zu leben, bräuchten wir „nur“ grundsätzlich miteinander zu kooperieren und den Respekt für alle anderen Lebenwesen aufbringen, die wir nicht mehr in Massentierhaltung quälen,  schlachten und aufessen sollten. Das wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung, weniger Fleisch essen und …

… weniger Energie verbrauchen, was auch bedeutet, weniger Energie zu verschwenden, weniger Energie in die Hand zu nehmen, zur Ruhe zu kommen. Machen wir das Licht aus auf unserem Planeten, wenn wir ins Bett gehen, kommen wir zur Ruhe. Gehen wir schlafen und ruhen wir uns aus, wenn wir für unseren Lebensunterhalt genug getan haben, ob mit 40 oder nur 20 Stunden die Woche. Werden wir genügsam. Helfen wir anderen, teilen wir unseren Wohlstand mit allen anderen Bewohnern dieses Planeten. Ist uns immer noch nicht klar, daß wir nackt auf diese Welt kommen und wir wieder nackt von dieser Welt gehen? Wir nehmen nichts mit, was materieller Natur wäre. Wir könnten aber Gutes auf dieser Erde, eine Atmosphäre im Gleichgewicht und im Frieden hinterlassen. Jeder von uns kann das. Dieser Gedanke beschäftigt mich immer, so lange ich noch zu Fuß unterwegs sein darf. Deshalb ist es gut, sich zu entschleunigen und mit den eigenen Füßen wieder gehen zu lernen. Man löst das Problem der Emissionen durch Mobilität, in dem man auch zu Fuß geht – statt in den Urlaub zu fliegen, zur Arbeit zu fahren, zum Einkaufen um die Ecke, in die Disco. Und ich merke dann immer, wenn die eigenen Kräfte zur Neige gehen. Und auch das ist wichtig, sich selbst kennenzulernen und auch seine Grenzen …

Diese Ausgabe wird (nach knapp zehn Jahren) die letzte regulär gedruckte Ausgabe auf Recyclingpapier sein, die Sie in den Händen halten. ECO123 wird es ab 2022 nur noch online geben, mit wöchentlicher Erscheinungsweise, immer samstags. Einmal im Jahr werden wir uns dann ein Buch als Zusamenfassung mit dem Titel The Best Storys of ECO123 kurz vor Weihnachten gönnen. Jeder wird, wenn er es zielstrebig angeht schaffen, Schritt für Schritt, die eigenen CO2-Emissionen zu verringern, bis wir alle bei Null ankommen werden, und wir werden dem irgendwann nicht mehr ausweichen können. Wir werden dem Klima diesen Respekt zollen.

Zu Fuß gehen ist die natürlichste Fortbewegungart des Menschen. Das habe ich für mich erkannt, als ich am zweiten Wandertag in Silves nach einem exzellenten Frühstück mit vielen Früchten aufbreche und mich auf den Weg nach S.B. Messines mache, der nächsten Etappe meiner Wanderung nach Osten. Meine Wasserflaschen habe ich aufgefüllt. Zuerst einmal möchte ich den geheimnisvollen Funcho-Stausee erreichen.

Zu Beginn des Jahres 2022 gibt es weder den Beruf des Försters noch des Rangers. Der Beruf ist zum Ende des letzten Jahrhunderts in Portugal ausgestorben. Es gibt da noch eine kleine „Gurkentruppe“ der „GNR Ambiente“, die in Portimão sitzt, wohlgemerkt sitzt und nicht patroulliert, für die gesamte Region des Südens stehen sieben Polizisten auf der Gehaltsliste des Staates. Denn nur zwei Prozent der Waldfläche Portugals sind in staatlichem Besitz. Warum also sollte der Staat sich in Kosten stürzen, wenn ihm der Wald gar nicht gehört? So kann man sich auch aus der Verantwortung schleichen und den Naturschutz den privaten Forstbesitzern allein überlassen. Was dabei herauskommt, sehen wir auf dem Weg von Silves nach Messines. Nein, ich gehe nicht auf der EN 124, die außerhalb von Silves über keinen Bürgersteig mehr verfügt bei allen Geschwindkeitsübertretungen der Autofahrer. Ich gehe den Feldweg parallel zur EN 214, die Via Algarviana, einen offiziellen Weitwanderweg im Sektor 9, in den seit vielen Jahren keine signifikative Investiton mehr vorgenommen wurde und die sich immer mehr von der EN 124 entfernt. Irgendwann höre ich auch keinen Straßenverkehr mehr.

Was bringt ein Weitwanderweg der Algarve und seinen Gemeinden? Die Antwort ist geteilt. Kurzfristig betrachtet bringt sie sicherlich nur Kosten. Also muß man sein Geld auf andere Art und Weise verdienen und so wird der Forst dort regelmäßig zu Geld gemacht. Erst vor kurzem, im Sommer, wurden hier die letzten Bäume gefällt, das Astwerk abgeschnitten und einfach auf dem Weg liegen gelassen, wie Müll, denn mit den Blättern kann die Navigator Company und ihr industrieller Komplex nicht wirklich etwas anfangen und auch nicht die lokalen Forstbeseitzer. Obwohl – das ganze Material der Bäume – es könnte auch nachhaltig in Elektrizität transformiert werden, wenn man es schreddern würde und kompostieren, als Biomasse. Eine gesetzliche Regelung täte besonders hier gut, denn dieser sogenannte Müll im Wald ist hochbrennbar und sehr oft erst der Grund für die desaströsen Waldbrände. Und es würde bedeuten, Ressourcen zu nutzen. Nicht alle Holzfäller verstehen diese Logik. Sie verstehen (noch) nicht, was Nachhaltigkeit bedeutet.

 

Das System Eukalyptus

Es beginnt immer damit, ein Team von Holzfällern (madeireiros) mit Motorsägen zu kontraktieren
und man handelt einen Tageslohn aus. Ein 30 bis 40 Tonnen LKW mit Kran wird für das Aufladen und Abtransportieren angemietet, der das Tagewerk der Holzfäller in die Fabrik nach Setúbal oder Huelva zur Weiterverarbeitung bringt. Am Ende des Arbeitsprozesses erhält der Konsument blütenweißes, chemisch gebleichtes Papier, das der Produzent fertig zum Export ausschreibt. Das moderne Arbeitsleben spielt sich heute zumeist in Büros ab. Noch braucht man das Papier Portugals in diesen Büros. Und alle machen bei diesem linear und zu kurz gedachtem Geschäft mit. Der private Forstbesitzer stellt das Land zur Verfügung und bekommt als Prämie mindestens 500 Euro cash auf die Hand. Die Firma Navigator betreibt diese direkte Förderung in Monchique durch A5 Flugblätter. Die sehr oft angeheuerten brasilianischen Holzfäller machen die Drecksarbeit im Forst. Der Staat drückt beide Augen zu. Denn es ist vermutlich egal, ob die Holzfäller angemeldet sind oder nicht, denn die Papierindustrie ist ein treuer guter Steuerzahler, einer von den wenigen, die dadurch auch politische Macht durch Lobbyismus generieren. Gesetze aus Brüssel werden dabei kreativ umgangen, bestenfalls ignoriert. Es gibt zwar einen ICNF*, der seit vielen Jahren den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, aber für den Naturschutz und seine Einhaltung doch verantwortlich sein will. Für ihn ist Eukalyptus nur eine von vielen Baumarten, die zwar in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts erstmals nach Portugal eingeführt wurde und mittlerweile beinahe als heimische Baumart klassifiziert wird. Und es wird Zeit, daß der ICNF auch für seine Politik endlich einmal verantwortlich gemacht wird. Vielleicht kommt dann vermutlich  heraus, welchen Wert die Untätigkeit im Naturschutz hat, wieviel Vitamin C dafür nötig war. Und überhaupt kann man den Buchstaben „C“ des ICNF auch als „Comercialização” statt “Conservação” interpretieren…

Seit drei Stunden, es ist bereits Mittag, quälen Max und ich uns auf einem Pfad, der uns zum Funcho-Stausee bringen soll, in einer Gegend, in der wir nur auf ausgetrocknete Quellen, leere Bachbetten und gefällten Eukalyptus stoßen. Trotz allem, es herrscht ein wunderbares Touristenwetter. Keine Menschen und vor allen Dingen, keine Tiere weit und breit. Früher gab es hier wenigstens Schlangen, die sich sonnten und Fische im Wasser der Bäche. Das Artensterben, stelle ich mir gerade vor, hat in einem solchen ausgetrockneten Biotop bei Silves begonnen, dem selbst Menschen kaum gewachsen sind: kein Schatten nirgendwo. Kein Baum, dessen Wurzeln die Erde hält. Max und ich werden hier auf eine harte Probe gestellt. In der prallen Sonne laufen. Sollten wir in der prallen Sonne eine Wanderpause riskieren und dabei noch mehr dehydrieren? Auch kein Wasser, nirgendwo. Alle Hügel sind blank und von sandfarbiger Erde. Über uns führt eine Trasse sechs Starkstromleitungen mit 300.000 Volt. Es summt und zischt. Den Weg säumen Medronheiro Büsche, die sich längst an die Trockenheit gewöhnt haben. Von 12 Uhr an, geht auch unser Wasser langsam zur Neige. Die Gewalten der Natur, der Sonne und des Windes, trocknen weiter die erodierten Böden der Hügel östlich und nördlich von Silves aus und wehen den Staub durch die Täler und über die Hügel ins Nirwana. Eine Todeszone für Wanderer, die nicht genug trainiert sind und zu wenig Wasser mitnehmen.

Der Wald um Silves brannte im Sommer 2003 lichterloh während eines vollen Monats und seit diesem Megafeuer hat es hier keine Wiederaufforstung mit Korkeichen oder Schirmpinien, keine Erholung der Natur gegeben. Aufforstung? Nur im privaten Interesse und dann ausschließlich mit Eukalyptus und in Monokulturen. Es ist die Ausbeutung der Natur pur. Das Land erinnert mich an Bilder von Sebastião Salgado aus den Goldminen Afrikas oder Brasiliens. Hier wird die Versteppung der Algarve durch den Klimawandel beginnen, wenn nicht ziemlich bald, zum Beispiel entlang der Via Algarviana, der Fußweg mit nachhaltigen Gewächsen bepflanzt wird. Denn mittel- bis langfristig würde jede Investition, die die Wüste im Süden Europas zurückdrängt, einen nachhaltigen Gewinn für das Land bedeuten. Land, das man aufgibt, aus welchen Gründen auch immer, geht und bleibt immer für die Menschheit verloren. Eine Wüste zu renaturieren wird immer zu einem teuren Spaß, bis sie irgendwann einmal unbezahlbar wird. Ich sehe mich um. Kein Ort, kein Haus, kein Lebenszeichen. Ich gehe ohne Eile. Einatmen, ausatmen. Langsam trocknet auch mein Gehirn, mit jedem Atemzug.

Die Idee

Gehen. Eine Mandel langsam kauen, eine getrocknete Feige essen und einen Apfel. Den Geschmack abspeichern. An etwas Schönes denken. Den Hut lüften und wieder aufsetzen. Den Rucksack schütteln und festzurren. Das letzte Wasser bleibt in der Flasche, die eiserne Reserve. Ich sorge mich um meinen Hund. Er hat seit einer Stunde nichts mehr zu trinken bekommen und das letzte Wasser in meiner Flasche ist für ihn reserviert. Er wartet jetzt immer unter einem Busch, bis ich ihn einhole. Wir beide sind ein Herz und eine Seele. Er weiß, daß er jetzt mental stark sein muß und die Kraftreserven vorsichtig nutzen, denn ich kann ihn nicht tragen. Mit seinen 44 kg Gewicht würden wir hier auf dem Trail einfach liegen bleiben und vertrocknen. Es gibt hier auf der Strecke keinen Notrufknopf. Niemand kommt vorbei und niemand anders ist unterwegs. Keiner kommt uns entgegen. Falls einer von uns beiden schlapp machen würde, könnten wir nicht einmal telefonisch Hilfe rufen. Die Mobiltelefone  funktionieren hier die meiste Zeit des Tages nicht, es gibt kein Netz in den meisten Tälern dieser Gegend östlich von Silves. Ich schicke eine Nachricht an meine Frau und setze eine Mitteilung ab, wo genau ich mich befinde und daß wir noch vier Kilometer vom Damm entfernt sind. Erst beim fünften Versuch findet das Telefon ein Netzwerk und wird abgeschickt. Eine weitere Stunde gehen. Ungeahnte Einsamkeit, Stille. Und mitten in diesem Bild stört ein Geräusch die Idylle. Ein Quadbike braust heran, das Ehepaar winkt und ist so schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht sind. Ein Trost ist, es kann nur noch besser werden. Und damit es besser werden würde, müssten sich alle einen Ruck geben und müssten alle über ihren Schatten springen. Ich gehe zwei, drei Stunden weiter und nichts ändert sich. Die sportliche Kondition meines Hundes gibt mir Anlaß mich zu sorgen.

Rosa Cristina Gonçalves da Palma ist die neue und alte Bürgernmeisterin von Silves. Sie wurde mit 6.457 Stimmen bei den Kommunalwahlen am 26. September wiedergewählt. Auf sie entfielen 43,10 % der abgegebenen Stimmen. Falls sie in ihrem Budget für 2022 und 2023 ein paar tausend Euro – einen vierstelligen Betrag – reservieren und dieses Geld in die Wiederaufforstung stecken würde, wäre dem alten Pilgerweg dadurch sehr geholfen. Man sollte die Bürgrmeisterin auf eine solche Wanderung einfach mal einladen und ihr diese Idee in der Praxis erklären. Wer hier alle fünf Meter autochtone Bäume während der Wintermonate pflanzen würde, nur rechts und links des Weges, würde eine nachhaltige Investition in die eigene Region unternehmen. Eine Schulklasse, die Feuerwehr von Silves, ein Dutzend Freiwillige könnten die Wiederaufforstung am Wegesrand der Via Algarviana meistern und die spätere Pflege und die Bewässerung der Bäume im Sommer übernehmen. Die Wanderer würden  sich für den Grünen Gürtel bedanken und eine Kurtaxe bei der Übernachtung in Silves bezahlen, um diese Investition zu kompensieren. Es wäre eine langfristige Investition in die Natur, in den Naturtourismus und es würde die Versteppung und Verwüstung der Algarve zurückdrängen.

 

Ohne Investment kein Gewinn…

Und wer am Ende noch ein paar hundert Euro aus dem Budget übrig hätte, würde auf einem Hügel mit Rundumblick zwei Bänke und einen Tisch für Wanderer montieren, um sich bei einer Wanderpause mal hinsetzen zu können, um ein Butterbrot zu essen und um einen Schluck Wasser zu trinken. Es braucht ja nicht gleich ein Coca-Cola Automat mitten in der Wildnis stehen… Aber Schatten braucht es. Am Besten durch Bäume …

Auf dem Hügel mit der besten Aussicht schaue ich zurück nach Monchique, wo ich am Tag zuvor aufgebrochen bin. Auf jetzt rund 250 Höhenmetern teilt sich unser Weg. Hund und Herrchen biegen rechts ab und beginnen mit dem Abstieg. 180 Meter geht es über eine Distanz von zwei Kilometern hinab in ein breites trockenes Flußbett, das als Überlaufbecken des Funcho-Staudamms dient. Mein Hund ist auf einmal weg. Ich entdecke ihn in einem Bach, sich im Wasser baden. Glücklich schaut er mich an und will sagen, guck mal, was ich gefunden habe. Der Serpentinenweg beherbergt nur Korkeichen, einige Steineichen und wenige Johannisbrotbäume, langsam wachsende, genügsame und heimische alte Bäume. Eine Quelle, die aus dem Berg das Wasser rinnen läßt, mündet in einen Bach, der wiederum den Weg quert und rechts des Weges in Kaskaden ins Tal hinunterläuft. Was für ein glücklicher Zufall. Da hatte doch glatt einer vergessen, den letzten Winkel von Silves mit Monokulturen zu bestücken. Ich fülle an der Quelle unsere Flaschen und nehme einen Probeschluck. Nun ja, ich muß mich auf meine Geschmackssinne verlassen. Im Oktober, nach einem langen und heißen Sommer hier an der Algarve sauberes Wasser vorzufinden, ist der mentale Höhepunkt eines jeden Wandertages. Als ich das erste Mal vor knapp 20 Jahren so eine Weitwanderung unternahm, gab es im Herbst noch viele solcher Quellen. Ich aber hatte heute gar nichts erwartet und werde gerade jetzt zum glücklichsten Menschen. Wasser!

Wir können uns als Konsumbürger kaum vorstellen, was es bedeutet, kein Wasser mehr zu haben und gleichzeitig höllischen Durst zu schieben. Solange es immer noch Nachschub gibt, können wir uns auch nicht vorstellen, daß wir den Wasserhahn in der Küche aufdrehen und es fließt kein Wasser. Für Leute, die in der Stadt leben, käme das gar nicht in den Sinn, die Wasserknappheit logisch zu erfassen. Sie sind so weit weg von der Natur…

Noch sind es zwei Kilometer bis zum Staudamm. Eine gute halbe Stunde brauchen wir noch, bis wir einen ersten Blick in das kristalklare Wasser des Funcho-Stausees werfen können, der die Algarve besonders in den Sommermonaten vor dem völligen Vertrocknen bewahrt. Wir tappsen den Weg, der die 50 Meter hohe Staumauer erreicht hoch, und so gelangen über die 100 Meter lange Mauer zu einem Picknickplatz im Schatten alter schöner Schirmpinien. Es ist 14 Uhr. Für heute ist es das gewesen und meinen Hund werde ich bei dieser Oktoberhitze von 32 Grad C im Schatten vermutlich eher nach Hause schicken. Auf den 17 km haben wir nur eine einzige Quelle gefunden. Max sollte sich besser erholen.

Jetzt besucht uns erst einmal Stefanie. Sie organisiert ein Picknick im Parque de Merendas, nahe der Aufzuchtstation des Iberischen Luchses. Und dann? Es sind noch knapp 15 km bis nach S.B. Messines ins Casa do Povo, der nächsten Übernachtung. Und über Alte und Salir soll es dann in die Serra da Caldeirão gehen. Ich beschließe, von jetzt an besser allein nach Osten zu gehen.

Uwe Heitkamp (60)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.
Übersetzungen : Fernando Medronho & Kathleen Becker
Fotos: Uwe Heitkamp, Henk Hin

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