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Schwierig zu wissen, wo ich zuhause bin

Lourdes Picareta | Filmemacher

Lourdes Picareta wurde vor 58 Jahren in Santa Iría, im tiefsten Alentejo geboren. In Almada machte sie ihr Abitur. Sie spricht Portugiesisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Englisch und Griechisch. Zwei Jahre nach der Nelkenrevolution tauschte sie Portugal gegen Deutschland, um in Mainz und München Geschichte, Kunst und Deutsche Philologie zu studieren. Danach begann sie sich für Journalismus zu interessieren und ging zum Deutschen Fernsehen wo sie bis heute für mehrere Sendeanstalten in der ARD arbeitet. Jedes Jahr macht sie drei bis vier lange Dokumentarfilme, von denen viele auch bei ARTE, dem französisch-deutschen Sender und auf 3sat ausgestrahlt werden. Ihre journalistische Reise durchs Leben führte sie zu vielen ökologischen und sozialen Brennpunkten dieser Erde. Für den Film „Gemachte Armut“, wurde sie 2013 für den begehrten deutschen Grimme Preis nominiert. Im vergangenen Jahr veröffentliche sie einen sehr authentischen Film im Deutschen Fernsehen, den sie „Meine Heimat Alentejo“ nannte*. ECO123 besuchte sie während ihres Urlaubs an der Westküste.

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Sie sind Portugiesin. Ihr Ehemann ist Grieche. Sie leben in Deutschland und machen Urlaub im Alentejo. Was machen Sie mit Ihrer Zeit?

Ich erlebe sie. Ich bin immer sehr neugierig. Ich empfinde die Zeit als ein sehr großes Gut. Sie ist wie ein Gefäß. Man kann es füllen oder leerlaufen lassen. Beides hat seinen Wert. Manchmal lohnt es sich, das Gefäß zu füllen. Aber manchmal muss man es auch leerlaufen lassen. Die Zeit genießen und spüren. Einen Beruf in einem Kulturkreis auszuüben, der nicht der eigene ist, ist manchmal kompliziert und nervenzerreißend. Dann muss man wieder zu sich finden und vergegenwärtigen, man ist in Santa Iría geboren, in einem kleinen Dorf mit wenigen Ansprüchen, wo die Menschen überlebt haben. Die Grundlagen dieser ganz einfachen Lebensweise sind wichtig. Der Mensch braucht gute Nahrung, gute Luft, wenig drum herum und das Meer. Die Natur. Ich glaube, ich bin hier und jetzt und in meinem Leben eins mit ihr. So bin ich groß geworden. Wir sind ein Teil der Natur und doch machen wir mit ihr oft Sachen, die man auch als Müll bezeichnen kann.

Wie ist das, Ausländerin in Deutschland zu sein?

Es ist manchmal sehr angenehm. Man kann immer fliehen, zum Beispiel in die Ausländerwelt. Das ist eine Entschuldigung für viele Sachen, wo man sich sonst mit den Problemen direkt auseinandersetzen müsste. Es fehlt einem aber auch oft die Leichtigkeit des Seins, nicht belastet mit dem Gefühl zu sein, dass man immer außen davorsteht. Manchmal ist man mit Freunden oder Kollegen zusammen und man macht einen Kommentar über die Gesellschaft, in der man lebt. Dann hört man „Ja ist es denn bei euch anders?“ Ich denke, ich bin hier bei mir. Dieses Außen immer „implizit“ zu sehen, dass man nicht zu Deutschland gehört, ist manchmal nicht schön. Ich lebe jetzt 40 Jahre in Deutschland. Aber ich bin eine Portugiesin und werde es immer bleiben.

Was fällt Ihnen beim Thema Europa ein?

Europa ist eine sehr schwierige Geschichte und ist ein Traum. Als ich nach Deutschland kam, war die deutsch-französische Freundschaft eine Notwendigkeit, später auch mit Holland und Belgien. Ich war auch in dem Glauben, dass diese Freundschaft möglich war. Es ist aber daraus eine ökonomische Frage geworden und viel zu wenig eine kulturelle. In unseren Tagen, in der die Wirtschaft das tägliche Leben dominiert denke ich, dass die eigentliche Basis für Europa, nämlich das man sich kulturell gut versteht, verloren gegangen ist. Wie Deutschland sich in Bezug auf Griechenland verhielt, hat mir das Letzte gegeben. Wenn man bis dahin von einem Traum Europa ausgegangen ist, dann ist man in einen Alptraum geraten. Wenn wir uns nicht überlegen eine andere Form von Vereinigung zu erreichen, außer auf der Basis dieser harten ökonomischen Grundlagen, haben wir diesen Traum ausgeträumt. Ich bin da skeptisch geworden. Ich habe sehr viele Filme im Ausland gemacht, deshalb lebe ich auch noch in Deutschland…-

…- können Sie diesen Satz erklären?

Anfangs habe ich für das ZDF gearbeitet. Die Sendung hieß „Nachbar Europa“. Obwohl ich mit der Arbeit als Übersetzerin in dieser Sendung ziemlich viel Geld verdient hatte, bemerkte ich, dass ich mich nicht in eine Schublade stecken lassen möchte. Da wäre ich immer der Gastarbeiter geblieben. Irgendwann habe ich gesagt, ich wechsele in den – damals hieß das noch – Südwestfunk, weil ich eine ganz normale journalistische Arbeit leisten wollte. Dann kam ich sehr schnell in die europäische Berichterstattung und dann in die Weltberichterstattung in der ARD. Ich wurde überall hingeschickt, entweder aufgrund eigener Vorschläge oder von der Redaktion kommend dorthin; wo es interessante Sachen zu berichten gab und worüber wir viele unterschiedliche Sendungen gemacht haben. Eine davon heißt „Länder, Menschen, Abenteuer“. Und dieses Reisen, diese Welt erfassen, ich glaube das ist das, wo Deutschland mich getroffen hat als Portugiesin. Wir Portugiesen waren ja immer so. Wir sind immer aufgebrochen in die Welt. Ich spürte so ein Gefühl, das viele Portugiesen auch haben. Diese Neugierde, etwas Neues zu sehen. Ich glaube nicht, dass wir nur aus dieser finanziellen Notwendigkeit heraus so einen Hang haben, mehr von der Welt kennenlernen zu wollen. Das riesige Meer vor uns, das uns immer das Gefühl gab, immer mehr sehen zu wollen. Diese Unruhe in der man ständig ist, die wir nie definieren wollen, das wir etwas suchen… Wir sind keine praktisch veranlagten Menschen. Der Fernsehsender hat mich zu den Mayas geschickt, in die Katinga nach Brasilien, oder nach Indien. Herausforderungen, die sehr groß waren für mich. Jedes Mal habe ich sie bestanden. Ich glaube, diese Entdeckungen sind das, was mich so sehr an Deutschland gebunden hat, dass ich mir gesagt habe, hier habe ich die Chance, die Welt zu sehen und interessante Themen zu bearbeiten. Und ich sagte mir, sei du DU selbst und bleib dabei und dann wird es dir gut gehen.

Natürlich habe ich dann meinen griechischen Mann geheiratet und wir haben zwei Kinder miteinander. Deutschland gibt einem ein großes Gefühl der Sicherheit. Wenn man dann Kinder bekommt, will man seinen Kindern Sicherheit geben. Mein Mann liebt seine Arbeit als Mathematiker sehr und so sind wir dann immer wieder ein Jahr geblieben und immer mit dem Gefühl, dass man nicht angekommen ist. Es ist auch heute noch so. Ich weiß es nicht, ob ich eines Tages mit meiner Erfahrung über mich selbst sagen kann, ob ich irgendwo ankomme. Auch wenn ich nach Portugal zurückkäme, wäre ich eigentlich immer noch nicht angekommen. Ich bin immer auf Reisen. Deshalb bin ich immer noch in Deutschland, weil ich immer noch auf Reisen sein darf.

Fotios Giannakopoulos e Lourdes Picareta

Wo waren Sie denn schon überall?

In den europäischen Ländern war ich fast überall. Außerhalb Europas in Burkina Faso, Mali, Südafrika, Nigeria. In Südamerika kenne ich Mexiko, Belize und Guatemala, Brasilien, Argentinien, die USA. Dann war ich in Macao, China, Indien, Kambodscha und in Thailand.

Die Menschheit hat sich innerhalb von 50 Jahren nicht nur verdreifacht. Die Probleme haben sich potenziert, wenn man jedenfalls dem Journalismus glauben darf, der seine Reportagen aus den letzten Winkeln dieser Erde ins Wohnzimmer sendet. Was sehen Sie da?

Das ist sehr schwierig zu erklären, weil wir Journalisten geschickt werden, um über Mißstände zu berichten. Das heißt, wir erfassen nicht ein Land, sondern sehr gezielt ein Problem. Wenn man das dann wiedergibt, dann ist es selten eine positive Erfahrung, eben eine andere, als wenn man dort als Tourist hingeht. Insofern bin ich vorsichtig mit meinem Urteil. Aber was ich in den Arbeiten, die ich gemacht habe sehe, selbst bei kulturellen Arbeiten wie jetzt bei dem Film über die Routen der Mayas, sehe ich immer wieder Ausbeutung von Menschen, ich sehe Wenige, die auf Kosten von Vielen leben und Skrupellosigkeit. Wenn ich an meinen Film über Kinderprostitution in Kambodscha denke oder Gewalt gegen Frauen in Indien, dann ist das meine Erfahrung. Ich habe mir manchmal erlaubt, ganz früh morgens um drei Uhr einen Tempel zu besuchen, denn ich wollte auch hin und wieder etwas Großes sehen von der Kultur. Im Gegensatz zu der Niedertracht, die ich sehen musste, wie Kinder mit neun Jahren verkauft, wie sie misshandelt und dann auf die Straße geworfen werden. Das Gleiche auch in Indien. Asien ist für mich völlig negativ besetzt. Zu sehen, dass die Mayas, ein Kulturvolk zu den Ärmsten gehören, ist traurig. Wir Journalisten denken immer, dass wir etwas verändern können und ich freue mich immer, wenn jemand im Sender anruft und sagt, ich möchte das Studium für dieses Mädchen bezahlen. Das ist schon eine Veränderung. Mehr als das erreichen wir nicht.

Fragen Sie sich nicht manchmal, was mache ich hier eigentlich? Erfüllt so ein Journalistenleben?

Ich glaube, was erfüllt, ist das Werk an sich. Wenn ich meine Filme als Werk bezeichnen darf. Wenn ich sehe, dass ein Film bestimmte Menschen erreicht und bestimmte Gefühle vermittelt, das ist Erfüllung. Aber irgendetwas zu schaffen? Ich bin die Tochter einer Schneiderin und eines Schusters. Wir hatten in der Familie immer ein gutes Gefühl, wenn die Leute die fertigen Kleider anzogen und sich wohlfühlten. Das ist der Moment der Erfüllung. Die schöpfe ich nicht aus dem Gedanken, dass ich die Welt politisch und gesellschaftlich verändern kann. Meine Aufgabe ist es, Kulturen, Schönheit, aber auch Missstände wiederzugeben und die Gefühle, die ich vor Ort hatte, zu vermitteln. Wenn das gelingt, kommt dieses Gefühl der Erfüllung.

Was nehmen Sie auf jeden Fall mit auf Ihre Reisen, etwas dass Sie auf keinen Fall zuhause lassen?

Die Handkasse, (lacht) um Honorare auszahlen zu können. (Lacht) Nein, das ist auch ein Fläschchen mit Arnika-Globuli. Ich kann nicht reiten, aber ich reite trotzdem. Wir machen Expeditionen, wo wir dann mit fünf oder sechs Pferden und mit der Kameraausrüstung und viel Material auf einen Gletscher hochsteigen. Da fährt nämlich kein Auto hoch. Mein Mann gibt mir immer eine kleine Apotheke mit auf den Weg. Da habe ich das Gefühl, das mich etwas schützt. Zu einer anderen Zeit hatte ich immer mal zwei kleine Diamanten mit dabei. Die bekam ich in Brasilien geschenkt. Die Menschen suchten nach Diamanten und wir filmten sie dabei und sie haben mir dieses Glas geschenkt. Das waren meine Talismane, bis sie mir in Siegburg einmal gestohlen wurden. In Deutschland!

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Gibt es etwas, was Ihnen mehr bedeutet als Geld und Reisen?

Aber sicher. Meine Familie, mein Mann, meine Kinder und so ein schöner Tag wie heute. Ich bräuchte vielleicht einen Monat, um alles aufzuzählen. Geld ist eine Notwendigkeit. Geld ist ein Tauschmittel, aber mehr nicht.

Was bedeutet Ihnen dieses Tauschmittel?

Ich bin ja in der glücklichen Lage, dass ich die Wichtigkeit nicht messen muss. Weil es immer gereicht hat, gut zu leben. Wenn man nicht zu große Ansprüche hat, dass man fünf Häuser bräuchte oder so, dann ist Geld eine Notwendigkeit für eine bestimmte Sicherheit im Leben. In meinem Beruf trifft man aber jeden Tag Leute, die Geld verdienen müssen, egal wie und nur, um sich davon etwas zum Essen kaufen zu können. Ich konnte bisher in einem Land leben, in dem alles geregelt ist. Ich musste nie für mein Geld kämpfen, obwohl ich für meine Filme hart gearbeitet habe, sowohl für den Film über die Armut in Europa als auch über die Gewalt in Indien. Es gibt kein Verhältnis vom dem was ich tue, zu dem was ich als Gegenleistung an Geld bekomme. Für einen Film über 45 Minuten gibt es ein festgelegtes Honorar und das ist es dann; egal wie lange ich dafür arbeite.

Können Sie sich vorstellen, in die Stube Ihrer Kindheit zurückzukehren, nach Santa Iría und dort auf ihre alten Tage das Leben zu verbringen?

Also, wenn ich weiterreisen kann, dann vielleicht ja. Da mein Mann Grieche ist, werden wir vielleicht dorthin reisen. Das hängt aber auch von unseren Kindern ab und da werden wir Entscheidungen treffen, die wir heute noch nicht kennen.

Nach Santa Iría?

Nein. Das ist so weit weg von mir. Auch wenn ich dort um meine Anfänge weiß und diese Zeit sehr schätze und mich sehr gern und bewusst daran erinnere. Es ist sehr schwierig zu wissen, wo mein Platz auf dieser Welt ist.

Ihr Leben also ist eine Reise und sie sollte immer so weitergehen?

Ich hoffe ja.

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Alexis e Gilberto Orestis

Sie haben zwei Söhne, zu denen ich überleiten möchte. Wie sehen Sie die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen und steigender Müllberge?

Eigentlich ist das ein Problem, mit dem wir uns nicht befassen möchten. Das ist mir neulich aufgefallen, weil ich für den nächsten Themenabend über die Flüchtlinge berichten sollte. Wir haben uns vorgenommen, über Sri Lanka und Indien zu berichten, weil bereits heute durch den Anstieg des Meeresspiegels die Menschen von Sri Lanka nach Indien flüchten, weil ihre Felder versalzen…

Erklären Sie mir das bitte mal als Mensch. Wie sehen Sie die Zukunft des Menschen?

Ich mache da keinen großen Unterschied zwischen Journalist-Sein und Mensch-Sein. Ich habe mir überlegt, warum wir uns so aufregen lassen über einen terroristischen Anschlag, bei dem zwei, drei, fünf oder zehn Menschen sterben…

…oder hundert…

…und nicht darüber nachdenken, dass sich 60 Millionen Menschen aus Afrika und Asien auf den Weg nach Europa machen und das da Kriege entstehen werden. Ich glaube, die Menschheit verdrängt das. Weil das mit dem Thema der Umwelt zu tun hat und weil wir nicht imstande sind, konsequent genug zu handeln. Ich bekenne mich schuldig…

… schuldig oder verantwortlich?

Unverantwortlich und schuldig.

Ist Verantwortung zu tragen für Sie positiv besetzt?

In Deutschland haben wir gelernt, lokal einzukaufen, beim Bauern im Hofladen und erst wenn es ein Lebensmittel nicht gibt, auf ein ausländisches Produkt zurückzugreifen. Da bin ich verantwortungsvoll. Das ist der Alltag und der ist wichtig. Aber ich bin nicht imstande zu sagen, ich fahre überhaupt kein Auto mehr, das unsere Atmosphäre verschmutzt oder ein Elektroauto, wie sie da so eines haben. Stattdessen lasse ich mich von meinen Söhnen überzeugen, in Portugal einen R4 zu fahren und in Deutschland mit der Bahn.

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Das Autofahren ist das kleinere Übel. Das könnten Sie schnell ändern. Aber Ihr schlechtes Gewissen sind die Flüge. Wie viele Flüge im Jahr?

Ich fliege nicht so viel, weil ich lange Filme drehe. Ich fliege, bleibe drei bis vier Wochen am Drehort und dann fliege ich wieder zurück. Mehr als vier Filme schaffe ich nicht.

Also vier Flüge, plus Urlaub, da kommen Sie auf fünf bis sechs Flüge pro Jahr?

Fünf Flüge.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viel CO2 diese Flüge Sie kosten?

Das ist die Frage, vor deren Beantwortung wir uns drücken.

Kennen Sie Ihren jährlichen ökologischen Fußabdruck?

Nein. Ich weiß nur, dass wir bereits seit Anfang August am Limit stehen und alles was wir seit Wochen hier auf Erden machen, erhöht die Erwärmung der Atmosphäre zusätzlich.

Sie dürfen nur zweieinhalb Tonnen CO2 pro Jahr verursachen. Ein Flug in den Urlaub und Sie sind am Limit. Da haben Sie noch keine Autofahrt, keine Einkäufe gemacht und keine Kilowattstunde Elektrizität verbraucht.

Wir leben unverantwortlich. Das reicht aber nicht, um das festzustellen.

Es geht hier um die ganz konkrete Frage, wie bekommt der Mensch sein Leben und seinen Beruf dahingehend in Einklang mit der Natur, dass er immer weniger Kohlendioxyd in die Atmosphäre emittiert. Als Journalist, Pilot, Truckfahrer, Unternehmer, Arbeitnehmer usw. Denn nicht nur bei der Zeit, auch beim CO2 gibt es ein Gefäß und wenn das voll ist, geht nichts mehr. Es ist bereits am Überlaufen.

Warum nehmen Sie sich nicht mehr Zeit? Wenn wir alle nicht mehr fliegen und uns langsamer auf Reisen fortbewegen, lebten wir gesünder. Können Sie sich vorstellen, weniger oder anders zu reisen?

Wenn ich nicht mehr mit dem Flugzeug reisen würde, müsste ich weniger arbeiten. In Europa könnte ich anders reisen. Bei Interkontinentalflügen geht das nicht. Es ist auch für die Kameraleute nahezu unmöglich. In der Regel bestimmt der Sender die Art der Fortbewegung.

Es gibt da so ein Dokument, das wurde im Dezember 2015 in Paris verabschiedet. Darin heißt es „Plus Zwei Grad Celsius“ …

Kenne ich.

Hat das eine Bedeutung?

Nein. Das sind Absichtserklärungen.

Es wird sich also nichts ändern? Die Menschheit wird musizierend und tanzend untergehen?

Ja.

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Nur deswegen, weil wir nicht in der Lage sind, uns infrage zu stellen?

Es sei denn, da kommen die 60 Millionen Flüchtlinge und klopfen an unsere Türen und sagen, Dein Umweltverhalten hat dazu geführt, dass ich unterwegs bin. Nimm mich auf.

Die Flüchtlinge als Herausforderung zu umweltbewusstem Handeln?

Was wollen wir machen? Einen Vorboten haben wir bereits bekommen. Die erste Welle kam und steckt nun in Griechenland und Italien fest. Das können wir noch mit einer knappen halben Million Menschen machen, nicht aber mit 60 Millionen. Für mich wird das eine der größten Herausforderungen.

Muss nicht jeder bei sich selbst beginnen? Vielleicht nicht mit einem Schritt, aber über Jahre in vielen kleinen Schritten?

Dann bin ich in Rente. Dann schaffe ich das. Tut mir leid, dass ich nichts Besseres sagen kann. Warum haben wir Nachrichtensendungen über Nachrichtensendungen zum Thema Terrorismus? Ich will nicht sagen, dass das nicht wichtig ist, aber wir sehen die Gefahr nicht, dass wir alle in den Abgrund laufen. Vielleicht, weil wir es nicht glauben? Vielleicht weil wir nach der Theorie von Darwin leben und meinen, das wird sich schon alles von selbst regeln? Irgendetwas in unserem Kopf macht uns blind für diese Gefahr.

Warum fehlen konkrete Konzepte, die lösungsorientiert sind?

Sie kennen doch das Buch von Saramago „Die Stadt der Blinden“. Das ist für mich eine gute Metapher für die Situation, in der wir leben.

Heimische Produkte einkaufen. Global denken und lokal handeln.

Das machen wir schon 20 Jahre. Das ist kalter Kaffee. Der Ist-Zustand ist der des Reisens.

Könnten Sie das Volumen Ihrer Flüge schrittweise reduzieren? Journalisten könnten ihre Arbeitsmethoden grundsätzlich einmal infrage stellen.

Ich habe keine Antwort darauf.

Vielen Dank.

 

Aktueller Film: https://www.ardmediathek.de/daserste/video/reportage-und-dokumentation/das-grosse-artensterben/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIyMGM3ZjZlLTY1YTQtNDIwNi05MTI5LWFlYWNiMjBhNDk3OQ/

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