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Nº 109 – Wirklichkeit

Samstag, der 9 Oktober 2021.

Wer bestimmt eigentlich unsere Zukunft? Ein Kind durchläuft verschiedene Stadien und Zukunft wird zum Alltag, zur Normalität. Was ist mit unseren Träumen? Wer verwirklicht sie und wie macht man das? Wir kommen auf die Welt und in die Kita, dann werden wir in die Schule gesteckt, vielleicht auch noch in die Uni und natürlich liefern wir Zeugnisse, bestehen Prüfungen, strengen uns an in Lernprozessen, die nur ein Heranwachsender macht. Was lernen sie da, unsere Kinder, die einmal selbst Erwachsene werden? Was haben wir gelernt, als wir Kind waren? Für das Leben? Und was ist das für ein Leben? Geld verdienen? Wofür und warum? Und irgendwann ist Schluß. Unverhofft. Den einen erwischt es früher, den anderen später. Wir hatten doch noch so viel vor! Was war das doch noch? Muß eine Investition im Leben profitabel sein? Und was bedeutet Profit? Daß die Gesetze des Marktes die Naturgesetze auf den Kopf stellen? Wasser fließt nicht bergauf. Feuer kann man löschen. Kartoffeln wachsen in der Erde. Was bedeutet Zukunft vor dem Hintergrund des Klimanwandels? Wenn die Luft und das Wasser der Ozeane einfach zu warm werden? Wenn Algen das Meer überwuchern? Wenn Hurrikane immer stärker werden? Welche Vorstellungen haben wir von unserer Zukunft? Ist es wahr, daß 40% aller befragten jungen Menschen in der EU zwischen 16 und 21 keine Kinder mehr haben wollen, weil sie Angst vor der Zukunft haben? Ist das gut oder schlecht? Wohin treibt die Menschheit, wohin junge Menschen? ECO123 begleitet verschiedene Menschen auf ihren Wegen. In der Serie „In zehn Schritten klimaneutral“ erzählt ECO123 hier die Geschichte eines jungen Mannes und seines Segelbootes. Wohin fährt er?

… Geräuschlos über den See gleiten, weit entfernt von Stress und Lärm des Alltags. Abends, nach der Schule oder nach der Arbeit ein paar Stunden, alleine oder zusammen mit Freunden auf dem Wasser verbringen. Allein durch die Kraft des Windes getrieben, von A nach B, von einer Insel zur nächsten  gelangen. Das Abenteuer, im Sturm den Elementen zu trotzen und fremde Länder, die von Schönheit, Natur und Unberührtheit strahlen, zu entdecken…

Ein Mann und sein Boot – In vier Jahren allein um die Welt

„Mein Name ist Paul Piendl. Ich bin 23 Jahre alt und wurde am 7. September 1998 in München, Deutschland geboren.“ Das schreibt der junge Mann in seinem Lebenslauf,” aus dem ECO123 zitiert. In unmittelbarer Nähe der Alpen aufgewachsen, träumt Paul in seiner Jugend vom Segeln, der freundlichsten und saubersten Fortbewegungsart, mit dem Wind über Wasser. „Mit der Geburt meiner Schwestern 2002,“ schreibt Paul, „entscheiden meine Eltern, die Stadt zu verlassen und etwa 40km südwestlich, nach Schondorf, an den Ammersee zu ziehen.“ Dort besucht er die Grundschule und später, ein paar Orte weiter das Ammerseegymnasium, wo er seine Schullaufbahn mit der Allgemeinen Hochschulreife abschließt. Schon während der Vorbereitungen auf das Abitur entscheidet Paul, dass er anschließend, anstelle eines Studiums eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Bootsbauer beginnen wird. Was will er damit bezwecken?

Es sind die Elemente Wasser und Luft, die den Jungen faszinieren. Er lebt am Wasser des Ammersees, im Vorgebirge. Dann jedoch liest er das Buch von Rollo Gebhard  Ein Mann und sein Boot – In vier Jahren allein um die Welt”, das der Urgroßvater dem Jungen vermacht und ein Traum beginnt wie ein Samenkorn zu wachsen. Damals ist er in der sechsten oder siebten Klasse und verschlingt die Abenteuererzählungen eines Mannes, der mehrere Weltumsegelungen in seinem langen 92-jährigem Leben unternahm. In Paul reift der Plan, auch eines Tages mit einem eigenen Segelboot in See zu stechen und die Welt zu erkunden. Das ist die Perspektive, an die er glaubt und sie reicht weiter als die Berge mit ihren im Winter verschneiten Gipfeln. Doch wie kann er das Abenteuer umsetzen, wie finanzieren?

Diese Frage stellt sich immer wieder im Laufe der kommenden Jahre. Erst einmal lernt er den Beruf des Bootsbauers, etwas auf dem das praktische Seemannswissen fußt. Mit dem Gesellenbrief des Bootsbauers in der Tasche, arbeitet er noch Monate nach seiner Ausbildung in der Werkstatt; auch, um sich Geld für die Weltumsegelung zu verdienen. Im März 2020 bricht Paul Piendl nach Portugal auf, um das Schiff das er dort erworben hat, für seine geplante Weltreise zu restaurieren. Und so beginnt diese Geschichte eigentlich an der Algarve. Nach der Zeit des Suchens, findet Paul in Olhão eine neun Meter lange, 42 Jahre alte Segelyacht. Sie heißt WASA und gehörte einem Ehepaar, das das Segeln aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben und das Boot zum Verkauf gestellt hat. Und das Beste daran ist, so schreibt es Paul: “das Boot habe bereits eine erfolgreiche Weltumsegelung und einige Atlantiküberquerungen hinter sich, sei voll mit Ausrüstungsgegenständen und verspreche mit ein wenig Farbe und Liebe schnell wieder auf Vordermann gebracht werden zu können.” Wirklich?

Bei einem Abendessen erzählt er den Eltern von seinem Fund. “Ich eröffne ihnen, dass ich bereits Kontakt zum Verkäufer aufgenommen habe und darüber nachdenke, in den nächsten Tagen das Boot zu besichtigen.” Resümé: „Es ist das erste Mal, dass meine Eltern so richtig bemerken, daß ich es mit meinen Plänen tatsächlich ernst zu meinen scheine.”

Es wird eine lange Nacht. Vater, Mutter und Sohn diskutieren die Weltumsegelung, sprechen über mögliche Routen, etwaige Gefahren und Möglichkeiten, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sie sind zwar durchaus etwas ängstlich, bei dem Gedanken daran, ihn auf den Weltmeeren zu verlieren, stehen aber vom Anfang an hinter ihm. Da er als junger Auszubildender kaum über Geld verfügt, erhofft er sich, das für den Bootskauf benötigte Geld familienintern leihen zu können. Mit einer genauen Beschreibung seiner damaligen Pläne und dem Versprechen, auf sich aufzupassen und nach Beendigung der Reise alles wieder zurückzuzahlen, klappt es dann tatsächlich.

Langsam wird ihm klar, wie herausfordernd sein Plan tatsächlich ist. Er braucht in Portugal einen Platz zum Wohnen und Schlafen, außerdem ein Budget für alle anfallenden Kosten für Haushalt, Miete, Stellplatzmiete, Werkzeug, Baumaterialien, Farben, Lacke. Das Geld ist eine der größten Hürden. Er beginnt also, in der Zeit bis zur Abreise nach Portugal so viel zu arbeiten, wie möglich. Und er plant auch, unterwegs auf seiner Weltumsegelung zu arbeiten. Er stockt die Arbeitsstunden in seinem Nebenjob auf, arbeitet auch nach Werftschluß immer mal wieder selbst an Projekten und jobt während seines Urlaubes sogar auf dem Münchner Oktoberfest.

„Ich beginne, mit immer mehr Leuten über mein Vorhaben und all die Probleme, mit denen ich konfrontiert bin, zu sprechen,” erklärt er ECO123 in seinem ersten ZOOM Gespräch. “Die meisten sind begeistert von meiner Idee und versuchen, mir in irgendeiner Form weiterzuhelfen. Im Ruderclub, wo ich gelegentlich mittrainiere, finde ich irgendwann den ersten Sponsor der mich mit 1.000€ unterstützt, mich ermutigt weiterzumachen und glücklicherweise dazu auffordert, meine Gedanken zu Papier zu bringen.”

Paul Piendl verfasst ein erstes Dossier über das Boot und seine Pläne. Er beschreibt, wer er ist, was er bisher gemacht hat, welche Arbeiten er am Boot erwarte, wie lange die Restaurierung dauern wird, wieviel es kosten und wie seine Reiseroute um die Welt aussehen soll. Er hat weder Ahnung, wie so ein Dossier aufgebaut sein muß, noch irgendeine Erfahrung über die Kommunikation mit Unternehmen oder potentiellen Sponsoren. Nach einer Woche Arbeit, hat er endlich einen Sieben-Seiten-Text und ein paar Seiten Bildexposé, das er immer wieder nutzt, wenn er seinen Traum präsentiert.

Paul Piendl erklärt ECO123 „dadurch, dass immer mehr Leute von meinem Vorhaben Wind bekommen, entwickelte sich irgendwann eine Möglichkeit, das Wohnungsproblem zu lösen. Eine Freundin meiner Mutter, war vor ein paar Jahren zusammen mit ihrem Mann nach Lagos an die Algarve gezogen. Ursprünglich bat die Mama sie nur darum, ein Auge auf ihn zu werfen, wenn der Junge von Zuhause weg ist.” Nach einigen Gesprächen und einem Besuch bieten ihm die Beiden jedoch an, bei ihnen wohnen zu können. Er hatte nun also das Geld für den Umbau und auch eine Schlafmöglichkeit. Sogar mehr als das. Die beiden Künstler arbeiten beide als Bildhauer in Lagos und hatten daher nicht nur eine Werkstatt auf ihrem Grundstück, sondern auch immer wieder viele gute Ideen, wenn er nicht weiter wusste. Piendl sagt in einem Rückblick: „wir verbringen letztendlich neun Monate, die gesamte Coronazeit, inklusive Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen zusammen. Die Beiden sind für mich da, wenn ich jemanden zum Reden brauche und sie werden für mich wie ein zweites Paar Eltern…”

 

Aufbruch…

Am Freitag dem 13. März 2020, bricht Paul Piendl zusammen mit Sofien, einem Freund aus der Bootsbauschule auf, um von München nach Lagos zu fahren. Sie leihen sich Papas VW Bus, sagt Paul, um so Materialien, Werkzeug, sein verbleibendes Hab und Gut mitzunehmen und unterwegs im Auto zu schlafen. An diesem Tag hatte Italien als erstes europäisches Land seine Grenzen geschlossen und es war zu befürchten, dass dasselbe auch in Frankreich und Spanien bevorstand, da es dort bereits massive Covidausbrüche zu verzeichnen gab.

15 Minuten vor Abfahrt telefoniert Paul noch immer mit den verschiedenen Botschaften dieser Länder, ob irgendjemand wisse, ob es möglich sei, die Grenzen zu passieren. Niemand war sich sicher! Paul und Sofien entscheiden sich zwar, loszufahren und fassen den Plan, jeden Tag mindestens eine Grenze zu passieren, aber schon in der ersten Nacht in Frankreich hegt Paul große Zweifel daran, ob das, was er hier gerade unternimmt, richtig ist. Die ganze Nacht überlegt er hin und her, kann kaum ein Auge schließen. Ein Krisengespräch mit seinen Eltern am nächsten Morgen ermutigt ihn zur Weiterfahrt. Zwei Tage später, ein Tag vor Grenzschließung, erreichen die Beiden Portugal und werden abends von Gabriela und Christian Tobin in Lagos in Empfang genommen.

Angekommen und eingelebt wollen Sofien und Paul am liebsten so zügig wie möglich mit den Arbeiten am Schiff beginnen. Anstelle dessen verbringen sie jedoch viel Zeit im Garten, richten ihre Wohnung ein und suchen nach Beschäftigung. LOCKDOWN. Die Arbeiten am Boot stehen still, nichts ist mit der Bootsüberführung von Olhão nach Lagos. Erst nach vier Wochen lockert sich die Situation. Paulo Piendl: „Wir konnten tageweise mit dem Auto zum Boot fahren und Kleinigkeiten erledigen. Später übernachteten wir sogar immer ein paar Tage in Olhão auf dem Werftgelände, um dann fürs Wochenende wieder zurück nach Lagos zu kommen. Der Fortschritt ist schleppend. Wir beginnen das Boot von all dem zu befreien, was sich in den 42 Jahren der Vorbesitzer angesammelt hat. Instrumente, Segel, Schränke, Ersatzteile, Teppiche, marode Elektrik werden sortiert und entweder eingelagert oder entsorgt. Wir entfernen nach und nach immer mehr, um den wahren Zustand des Bootes in Erfahrung zu bringen, müssen aber aufpassen, da das Segelboot für die Überfahrt nach Lagos seetauglich bleiben muß.”

Bis zu Sofiens Abreise im Mai 2020 sind die Häfen in Portugal immer noch geschlossen. Es ist unmöglich die WASA von Olhão nach Lagos zu segeln. “Wir haben in den zwei Monaten leider kaum etwas geschafft, hatten aber eine gute Zeit zusammen und konnten so die Gegend etwas besser kennenlernen,” schreibt Paul.

Mitte Mai öffneten die Häfen dann endlich! “Ich verliere keine Zeit  und bringe die alte Dame so schnell wie möglich zu Wasser. Mit einem Zwischenstopp in Villamoura überführe ich sie in zwei Tagen nach Lagos. Am 22. Mai wird sie wieder an Land gehievt. Der Mast wird gelegt und jetzt kann die Arbeit richtig losgehen!”

 

Überraschungen

“Hinter jeder Ecke und hinter jeder Verkleidung finde ich neue Schwachstellen: Die Borddurchlässe sind vergammelt, Sperrholzteile verrottet, Laminate lösen sich und sogar die Püttingeisen, die die Aufnahme der Mastverstagung am Boot darstellen, sind so verrostet, dass sie alleine beim Versuch sie zu bewegen, zerbrechen! Oft muss ich dafür, um an eben genau solche Stellen zu gelangen, die komplette Verkleidung entfernen oder zerstören. Das Boot ist irgendwann komplett entkernt.”(…)

An Deck sieht es auch nicht viel besser aus. Die Farbe hat mit der Zeit sehr gelitten und die teilweise einige Millimeter dicke Lackschicht blättert an vielen Stellen ab. Das will ich so nicht lassen. Ich beabsichtige, die alte Farbe zu entfernen und das Deck neu zu streichen, werde aber schon beim Versuch, die Decksbeschläge zu entfernen auf eine neue Probe gestellt. Mindestens jede dritte Schraube ist bereits so schwach, dass sie beim Versuch sie zu lösen irgendwo bricht und feststeckt. Alles was ich anfasse und genauer unter die Lupe nehme geht kaputt, ist vergammelt oder verrostet. Langsam lernt Paul, dass er sich mit den geplanten drei Monaten für die Umbauzeit heftig verschätzt hatte.

Bis Ende Juli 2020 arbeitet er alleine auf dem Boot. Immer noch ist es zu schwierig, über Grenzen hinweg zu reisen. Freunde und Arbeitskollegen, die ihn besuchen und ihm helfen wollen, können nicht kommen. Seine Eltern sind der erste Besuch am Boot und in Portugal. Sein Vater benötigt das Auto wieder zurück. Vor allem aber wollen sie ihren Sohn sehen und wissen, wie es ihm geht. Paulo Piendl: Mein Papa half die gesamte Woche des Aufenthaltes mit auf der Baustelle…

… und Paul schreibt: „die Tage verbringe ich damit, bei 30° C, eingepackt in Schutzanzug und Atemmaske die Innenseite der GFK Hülle zu schleifen. Bereits nach Minuten sind alle Klamotten klitschnass. Als ich endlich fertig bin und dem Innenraum den ersten Anstrich verpasst hatte, trifft mich fast der Schlag. Die Farbe härtet nicht aus! Zwar stimmen augenscheinlich meine Mischungsverhältnisse, aber  Reste des alten Klebers sind in den tiefen Mulden der Laminate zurückgeblieben, die nun die ganze Arbeit zunichte machen. Ich muß die komplette Fläche mehrmals mit Aceton abwaschen und nochmals schleifen, bevor ich einen neuen Versuch unternehmen kann (…)…es ist nicht auszuhalten. Ich bin so niedergeschlagen, so verzweifelt, Tage, Wochen umsonst gearbeitet zu haben, sodass ich erstmal ein paar Tage brauche, um wieder normal denken zu können. Heimlich weine ich in der Heckkabine und denke mehrmals ernsthaft darüber nach, nach Hause zu fahren, einfach alles sein zu lassen und zurück in mein “normales”, einfaches Leben an den See zu ziehen.”

Glücklicherweise ist der Wille, durchzuhalten und der Traum vom Segeln stärker.  Auch Christian und Gabriela helfen, indem sie ihn in harter Arbeit und mit viel Kaffee wieder aufbauen.

Erneut streiche ich also die Innenschale, baue Schränke, Innenverkleidungen und einen neuen Schiffstisch. Alles muss an die speziellen, runden Formen des Bootes angepasst werden. Nichts kann mit einem rechten Winkel angezeichnet oder mit einem geraden Schnitt abgelängt werden. Jedes Teil ist eine Maßanfertigung…”

Er ist froh, als im August Leon, ein anderer Freund vom Ammersee, nach Portugal kommt. Er will später mit über den Atlantik segeln, hat eben gerade seine Schreinerlehre abgeschlossen und ist hoch motiviert, ihm bei den Arbeiten am Boot zu helfen. Bis auf einen Monat Pause, blieb er bis zum Schluss und sie beginnen, große und vor allem gut sichtbare Fortschritte zu machen. Sie bauen eine Küche, noch mehr Innenverkleidungen, modifizieren Stauräume, bauen Fensterrahmen und lackieren später den gesamten Innenraum. Alles was auszubauen ist, wird nun ein weiteres Mal ausgebaut. Das Schiff ist wieder leer. Sie schleifen alle Holzteile, um sie anschließend zu lackieren. Was fest im Boot verbaut ist, wird von Pinsel und Rolle, alles andere durch die Spritzpistole mit einem strahlenden Weiß überzogen.

Es ist einer der letzten Schritte, den Mast wieder auf Vordermann zu bringen. Fast neun Monate lag er, nahezu unangetastet neben dem Boot. Auch hier sind alle Beschläge und Nieten korrodiert, die Farbe blättert ab und die Verstagung (die Drahtseile die den Mast stabilisieren) würde keinen Sturm mehr überstehen. Auch hier kommt alles ab bis das blanke Aluminiumprofil frei liegt, wird neu lackiert und die gewarteten Beschläge mit neuen Nieten wieder angesetzt. Die Wanten werden vom hiesigen Segelmacher neu zugeschnitten und gepresst.

Endlich! Mit stehendem Mast sieht die Baustelle zum ersten Mal wieder nach einem Segelboot aus! Nur noch zwei Mal Schlafen bis zum geplanten Krantermin!” steht in Paul’s Tagebuch und “Was für ein Moment! Eine unglaubliche Erleichterung! Alles dicht, alles schwimmt, nichts zerbricht.”

Moritz, das dritte Mitglied der Atlantikcrew, ist am Vortag in Lagos angekommen. Die drei jungen Männer sind so euphorisch, dass sie direkt durch den kleinen Kanal raus aufs Meer fahren wollten. ‘Ein wenig Ozeanluft schnüffeln.’ “Wir werden aber in die Realität zurückgeholt, als das überall verteilte Werkzeug anfängt durch das Boot zu rutschen. Lieber fahren wir schnell zurück. Das erste Mal warten wir vor der Zugbrücke, welche die Durchfahrt in die Marina von Lagos verhindert. Hunderte Male hatten wir sie auf dem Weg zur Mittagspause überquert. Immer mit dem Gedanken daran, irgendwann selbst der Grund zu sein, weshalb die Passanten auf beiden Seiten des Flusses warten mussten. Jetzt ist es endlich so weit. Die Brücke geht auf und wir, die WASA dürfen passieren.”

Einen ganzen Monat geben wir noch Vollgas. Wir haben uns als Ziel gesetzt, noch 2020 zu unserer ersten Etappe nach Lanzarote aufbrechen. Wir schneidenen Polster für die Kojen, installieren das Wassersystem, Bilgenpumpen, warten den Motor und installieren ein komplett neues Bordnetz (Stromsystem)…

Ab und an unternehmen die Drei eine Testfahrt vor der Küste in Lagos, ändern hier und da ein paar Kleinigkeiten und ziehen am 15. Dezember für die erste Nacht aufs Boot. Zwei Wochen später ist alles vorbereitet. Sie haben sich eingerichtet und Lebensmittel eingekauft. Das Auto ist verkauft, übergebliebener Unrat beseitigt, die Wohnung bei den Tobins geputzt. Sie  schaffen es tatsächlich, ihren Zeitplan einzuhalten und nehmen am letzten Tag des Jahres, am 31. Dezember, direkten Kurs auf Lanzarote!

 

Willkommen, Du neues Jahr, auf hoher See.

Diese erste Überfahrt ist eine Generalprobe für Crew und Schiff”, scheibt Paul Piendl in sein Logbuch. “Schon kurz nachdem wir kein Land mehr sehen, bekommen wir deutlich mehr Wind als angesagt. Zwei Tage lang haben wir zwischen 30 und 40 Knoten Wind auf dem Bug. Die Wellen sind steil und hoch, geschätzte fünf Meter. Wir werden alle seekrank und müssen uns übergeben. Beim Versuch die Batterien zu laden, qualmt der Motorraum: die Lichtmaschine hat einen Kurzschluss. Wir kennen das Boot noch nicht gut genug und reffen die Segel infolge dessen oft zu spät. Die Überfahrt bringt uns, unerfahren wie wir sind, an unsere psychischen und physischen Grenzen…”

Als sie nach fünf Tagen spät nachts die Marina von Lanzarote erreichten, sind sie die müdesten, aber auch die glücklichsten Menschen weit und breit. Sie bleiben rund einen Monat auf der Insel. Der Weg hierher hat ihnen gezeigt, dass sie noch einiges optimieren sollten, bevor sie sich auf die Atlantiküberquerung stürzen können. Sie brauchen eine neue Lichtmaschine, müssen ein Loch im Cockpit flicken, das Vorsegel nähen lassen und einige Verbesserungen an der Leinenführung und dem Segeltrimm vornehmen.

Einige Zeitschriften in Deutschland haben in der Zwischenzeit Wind von unserer Reise bekommen und darüber geschrieben. Viele neue Leute lesen seine Beiträge über die Vorbereitungen und die Überfahrt. Sie freuen sich mit ihnen, und sprechen uns Anerkennung für unseren Mut und das Durchhaltevermögen aus. Sie sind regelrecht beflügelt von der guten Resonanz und kommen bei ihren Projekten schnell vorwärts. Durch eingehende Spenden werden alle anfallenden Kosten für die kaputte Lichtmaschine, den Segelmacher und die weiteren Reparaturen gedeckt!

Von Lanzarote aus geht es nach La Palma, wo wir ein letztes Mal unsere Vorräte auffüllen. Wir sind am westlichsten Punkt Europas angelangt. Der Startpunkt der Atlantiküberquerung!

In nur 18 Tagen und zwei Stunden legen sie die 2.526 Seemeilen von La Palma bis nach Französisch Guyana zurück. Sie haben sich lange darauf vorbereitet und jetzt ist es eine perfekte Überfahrt. Der Passat weht konstant und kräftig mit 25 Knoten. Auf der kompletten Strecke kommen sie in kein einziges Gewitter und müssen daher ihre Segelstellung während des Törns nur einmal ändern, um einen Riss im Vorsegel nähen zu können.

Paul: „Wir erreichten Französisch Guyana bei Dégrad des Cannes, knapp nördlich der brasilianischen Grenze. Herrlich, als sich früh morgens, nach so langer Zeit, umringt von Wasser, die Konturen des Regenwaldes am Horizont abzeichnen. “Land in Sicht!”, jubeln wir. Trotz der langen Nachtschicht ist alle Müdigkeit verschwunden. Wir freuen uns, baden und waschen uns. Machen uns bereit für den ‘Landfall’. Wir passieren einen französischen Militärstützpunkt und ankern später ein paar Meilen landeinwärts im Mahoury River. Die Palette Bier, die für unsere Ankunft in der Bilge, dem kühlsten Ort an Bord, verstaut war, wird jetzt aufgebraucht und wir feiern bis spät in die Nacht. 

 

Mehr von der Überquerung des Atlantiks berichte ich nächste Woche Samstag.“ …

Uwe Heitkamp (60)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.
Übersetzungen : Dina Adão, Tim Coombs, João Medronho, Kathleen Becker
Fotos: Paul Piendl

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