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Ein Gast-Kommentar von Matthias Toying

Nº 138 – So etwas spricht sich herum!
Ein Gast-Kommentar von Matthias Toying

Ein Gast-Kommentar von Matthias Toying

Samstag, der 3. Dezember 2022.

 

Dieser Tage wird in Monchique ein Wanderfestival veranstaltet. Aufwändige Werbeannoncen hatten lange vorher in mehreren Sprachen angekündigt, es gäbe “Wanderungen entlang der Wasserwege, Workshops, Shows und Gesprächsveranstaltungen”. Das klingt nach Erholung, nach Harmonie, nach naturnahem Tourismus. Ein scheint, als habe man ein großes Spektakel mit vielen ausländischen Besuchern zu erwarten. Ich bin so ein Besucher aus dem Ausland. Ich komme seit Jahren immer wieder, habe hier Freunde, die ich gern besuche. Gäbe es sie nicht, würde ich vermutlich andere Ziele wählen. Denn ich sehe, wie sich diese Region verändert, wie sie langsam ausstirbt im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Jahr 1960, hatte der gesamte Kreis Monchique fast 15  Tausend Einwohner. Heute, etwa 50 Jahre oder zwei Generationen später, zählt die Region gerade noch etwas mehr als fünf Tausend Einwohner. Sie ist um zwei Drittel geschrumpft. Ein Prozess, der augenscheinlich ist. 2016, war ich das erste Mal hier. Seither haben mehrere der kleinen Händler ihre Geschäfte geschlossen, mangels Umsatz oder mangels geeigneter Nachfolger. Blinde Fenster, vernagelte Türen, eingefallene Dächer, Ruinen wohin man schaut. Ganze Straßenzüge sind entvölkert. Ich sehe eine Geisterstadt, wenn ich heute durch Monchique spaziere. So etwas spricht sich herum, auch unter Touristen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Wanderungen in der weiteren Umgebung: Verlassene Häuser, brach liegende Terassen und überall Ekalyptus. Eine Baumart, die in Australien und Indonesien heimisch ist, keineswegs hier an der Algarve, auch wenn manche Einheimische das glauben mögen. Eine Baumart, die hier als Monokultur angepflanzt wurde und wird. Monokulturen zerstören langfristig die Böden, die gesamte Natur. Landwirte wissen das oder sollten es eigentlich wissen. Denken wir zum Beispiel an den Anbau von Soja in Brasilien, wo jährlich mehr Regenwald gerodet wird, weil die zuvor intensiv genutzten Böden nach einigen Jahren kaum noch Erträge abwerfen. Bei Eukalyptus kommt hinzu, dass dieses Holz besonders gut brennt. Überall erinnern verkohlte Baumleichen an das letzte verheerende Feuer von 2018. Und damit komme ich zurück auf das vollmundig angepriesene Wanderspektakel:

Ich frage mich, wie eine Wanderung durch verbrannte Wälder ein Vergnügen sein kann? Ich sehe, wie Tausende junger Eukalyptusbäume an den verkohlten Baumleichen empor in die Höhe streben. In Italien und Nordafrika wurden Eukalyptusbäume wegen ihres hohen Wasserbedarfs zum Austrocknen von Sümpfen angebaut. Sie entziehen dem Boden enorm viel Nährstoffe und Wasser. Dass der Wassermangel im letzten Sommer in der gesamten Region um Monchique auch auf die invasive Verbreitung von Eukalyptus zurückzuführen ist, liegt auf der Hand. Noch nie waren so viele Quellen versiegt, noch nie so viele Bäche ausgetrocknet. Und nun wandern wir ausgerechnet “entlang der Wasserwege”? Wie lange werden diese Wasserwege überhaupt noch vorzeigbar sein? Als  ich diese Gegend kennenlernte, hatten mich die zahlreichen sprudelnden Quellen begeistert. Ich habe das klare weiche Wasser aus den hohlen Handflächen getrunken. In diesem Jahr musste ich Wasser im Supermarkt kaufen. So etwas spricht sich herum, auch unter Touristen.

Meine Freunde haben 2018, erlebt, dass weder die Feuerwehr, noch der Zivilschutz in der Lage sind, ihre Häuser und ihr Leben zu schützen. Der Wald um Monchique wird erneut brennen, die Frage ist nur wann. Ich fühle mich in dieser Gegend nicht mehr sicher. Auch das spricht sich herum unter Touristen. Weder die Behörden, noch die fast ausnahmslos privaten Eigentümer der Eukalyptusplantagen werden lange so tun können, als sei alles beim Alten. Ohne grundlegende Veränderungen wird das Geschäft mit dem Tourismus hier nicht mehr lange so weitergehen. Welches Konzept hat die Region für die Zukunft? Gibt es Pläne zur Bekämpfung der Monokulturen und zur Wiederaufforstung mit unterschiedlichen, einander schützenden Baumarten, die den Wasserhaushalt der Böden nicht zerstören, sondern erhalten? Ich lese stattdessen von einem Programm, das Waldbesitzer finanziell dabei unterstützt, ihre Eukalyptusbestände “aufzuräumen”, was immer das bedeuten mag. Und was ist das Ziel der Aktion? Ein höherer Ertrag natürlich. So wird sich das Problem der Waldbrände und der Wasserknappheit nicht lösen lassen.

Schließlich beobachte ich ein verbreitetes Unverständnis, was guten Service für Gäste bedeutet. Um das Schwimmbad zu benutzen, muss ich mich bei den Behörden registrieren lassen. Ein bürokratischer Akt, den ich nicht verstehe und nicht will. Ich würde stattdessen gern einen Obulus bezahlen, so wie das überall auf der Welt üblich ist. Dort wo ich bezahlen muss, zum Beispiel in der Therme im “Badeort” Caldas de Monchique, sind die Preise astronomisch hoch – im Vergleich zu dem, was geboten wird: Zwei Saunakabinen, eine davon kaputt. Auf der Sitzbank ist eine Holzplanke lose und droht demnächst durchzubrechen. Am Boden ragen Schrauben gefährlich in die Höhe. Im sogenannten Ruheraum, einem fensterlosen und bis zur Decke gekachelten winzigen Quadrat, ein permanentes Rauschen, vermutlich von einer Klimaanlage. Der Ruheraum „strahlt den Charme eines OP-Saals aus”, wie eine kanadische Besucherin meinte. Zwei Angestellte sitzen beim Empfang, aber keine von ihnen macht zum Beispiel Aufgüsse mit heilenden Essenzen, wie das in Saunen weltweit üblich ist und von den Besuchern gern angenommen wird. Hinzu kommt eine Vielzahl unerklärlicher Regeln. Auf dem kurzen Weg von der Sauna durch den Flur in das kleine Schwimmbecken, muss der Gast vorübergehend eine medizinische Maske aufsetzen. Wohlbemerkt NUR im Flur, sonst nirgends. Warum? “Wir sind eine medizinische Einrichtung” verkündet die aufsichtsführende Person. “Komplett irrational” lautet der Kommentar eines portugiesischen Besuchers.

Wer gut essen möchte, macht auch sehr unterschiedliche Erfahrungen. Monchique hat im Grunde nur ein einziges Restaurant, das diesen Namen verdient, also nicht nur Hähnchen Piri-Piri, Pommes Frites und Coca-Cola anbietet.  Die Preise freilich sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Wer möchte hier Urlaub machen? Mein Eindruck ist: Diese Region braucht kein aufwändig organisiertes und teuer beworbenes Wanderfestival, damit hier wieder Leben einkehrt. Vielmehr braucht es nachhaltige Konzepte für die lokale Wirtschaft, erschwingliche Immobilien, einen Fokus auf die Erzeugung von Solarstrom um die nötige Energie günstig und weitgehend unabhängig selbst produzieren zu können. Wenn schon ein staatlich gefördertes Spektakel, dann mit dem Ziel, Unternehmer mit neuen Ideen einzuladen, auch Handwerker sich hier wieder gern ansiedeln, um den Ort und die Umgebung zu beleben. Nicht zuletzt braucht es eine nachhaltige Forstwirtschaft, damit Waldbrände zukünftig vermieden werden, Einheimische und Touristen sich hier wieder sicher fühlen und letztere gern wiederkommen. So etwas wird sich dann herumsprechen.

 

Matthias Toying

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