Dienstag, Dezember 18, 2018
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Das Auslaufmodel Monokultur

Fritjof Capra v. René Descartes

Das mechanische Weltbild der Dinge setzt einfaches lineares mathematisches Denken voraus. Grundschule, Mathematikunterricht, dritte Klasse: am Beispiel von hundert Metern mal hundert Metern Fläche, die 10.000 Quadratmeter oder einen Hektar ergeben, erntet ein agroindustrieller Bauer auf diesem einen Hektar Fläche rund zehn Tonnen Früchte. Seither gilt der Wert als der Maßstab aller Werte für einen Businessplan. Man kann seinen Gewinn damit im Voraus berechnen, einfacher an EU Fördermittel kommen oder sogar einen Kredit von der Bank. Die Erwartungen der Investoren an die Rentabilität einer Fruchtplantage mit Monokulturen orientieren sich also an 10.000 kg Früchten pro Hektar und Jahr, die sie zu Geld machen können. Eine handelsfähige Avocado zum Beispiel wiegt im Durchschnitt 250 Gramm. Soweit die Rechnung, soweit der mathematische Dreisatz. Bleiben drei Variablen. Welchen Preis erzielt die Frucht im Verkauf auf dem Markt? Und wie und wohin wird sie transportiert, exportiert? Und last but not least: hat der Bauer alles richtig berechnet oder gibt die große Unbekannte, die Natur, Grund zur Sorge?

monocultura abacate

Ist die Frucht eine Orange, kommen höchstens 25 Cent pro Kilogramm dabei heraus. Nehmen wir die Zitrone, ist es schon nahezu das Doppelte. Doch der Mensch ist gierig und auch clever. Es dürfen auch noch ein paar Cent mehr sein. Denn 100 Cent machen bekanntlich einen Euro. Vielleicht schafft es die Frucht, die in dieser Geschichte die Hauptrolle bekommt, sogar einen Preis von einen Euro fünfzig zu erzielen? Es handelt sich um das knappe grüne Gold der Veganer und Vegetarianer, um die Avocado. Sie ist bestimmt für den Export von Portugal und Spanien nach Nordeuropa. 76 Hektar könnten pro Ernte bei einem Preis von einem Euro fünfzig pro Kilo, also stolze 1.08 Mio. Euro pro Jahr Ertrag einbringen. Eine Rendite vor Steuern im dritten Geschäftsjahr von nahezu hundert Prozent, wenn man eine Investition von 1,3 Mio. Euro im Jahr Null voraussetzt. Wenn einer dann noch ein paar Bekannte hat, die wiederum in einer Kommission sitzen, die einen mit 600.000 Euro EU-Subventionen unterstützt, ist die Geschichte nahezu perfekt. Eine geniale Geschäftsidee, wohl wahr. Fehlt nur noch der Grund und Boden. Gedacht, gesagt, getan. Wir befinden uns in Barão São João im Landkreis Lagos, an der schönen Algarve.

ECO123 springt aus dem Mathematikunterricht der dritten, überspringt einige Jahrgänge und landet im Biologie- Chemie- und Physikunterricht der zwölften Klasse, nimmt Philosophie-, Psychologie- und Ethikunterricht hinzu und taucht in einen zirkulären Denkprozess ein. Denn die Sicht auf die Dinge endet nicht beim Blick durch die Brille auf der Nasenspitze. Alle Disziplinen zusammengenommen ergeben ein möglichst genaues Gesamtbild. Dieses stellt mehrere aktuelle Szenarien in den Mittelpunkt seiner zyklischen Betrachtungen.

Risiken: Was passiert wohl mit der Ernte eines ganzen Jahrgangs, wenn eine Plage Heuschrecken alle Blätter der Avocadobäume in der Monokultur fressen würde; was, wenn ein Unwetter mit Gewittern, Wirbelsturm, Hagel, Starkregen und Überschwemmungen die gesamte Ernte eines Jahres zerstören würde; was, wenn die künstliche Bewässerung aufgrund einer längeren Dürreperiode stark eingeschränkt werden müsste?

Resilienz

Drei mögliche Szenarien für eine Plantage mit 21.000 Avocadobäumen auf 76 Hektar Anbaufläche. Alles kein Problem, sagt der Agro-Bauer den Autoren dieser Geschichte. Alles gut versichert. Man habe eine Versicherung gefunden, die ihm jede Ernte im Schadensfall bezahlen würde. Wirklich? Sind Versicherungen in Zeiten des Klimawandels noch so gutgläubig und versichern lineare Großprojekte, Monokulturen? Die Münchener Allianz ist da inzwischen ganz anderer Meinung.

Die Autoren dieser Geschichte behaupten, der Agro-Bauer, nennen wir ihn CITAGO, habe – im übertragenen Sinn – seine Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn woher wolle er heute bereits wissen, dass die Veganer und Vegetarier im Norden Europas; die Märkte in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg die Masse der agroindustriellen Früchte aus dem kleinen Barão de São João nicht beim Kauf im Supermarkt links liegen lassen, weil sie erfahren haben, dass so eine Frucht erstens unreif geerntet wurde, damit sie auf dem langen Weg ins ferne Nordeuropa erst reife – und – weil sie auch erfahren haben, dass zweitens die gesamte Ernte während des Wachstumsprozesses mit dem Pflanzengift Glyphosat gespritzt wurde? Vorsicht, Gefahr im Verzug?

Mit jeder Reise wird unsere Welt in diesen Tagen etwas kleiner. Wer heute in den Urlaub an die Algarve fliegt, hinterlässt nicht nur einen großen ökologischen Fußabdruck, sondern hat auch sein Smartphone immer dabei, in der Hosen- oder Handtasche, und über das Internet wird man es sowieso irgendwann früher oder später einmal erfahren. Monokulturen im Allgemeinen und genau diese Avocado-Monokultur in Barão de São João im Speziellen, die Größte Plantage in ganz Europa, wie die Wochenzeitung Barlavento von den Besitzern der Plantage, den Gebrüdern Gonçalves erfahren haben will, wird in den Tagen des Klimawandels im Jahr 2018 nach Christus ökologisch und ökonomisch immer bedenklicher und somit auch risikoreicher. Das Thema Monokultur birgt viele sogenannte Landminen, die im Business-Plan versteckt, die enormen Risiken in der Rentabilitätsrechnung des Agro-Bauern darstellen: ein Kredit, den CITAGO aufnehmen möchte, um die nötigen Investitionen für weitere 50 Hektar zu stemmen, steht vielleicht auf der Kippe? Warum also investieren sie nicht in Mischkulturen? Es gibt doch auch noch Mangos, Feigen, Aprikosen, Bananen und so viele andere schöne Früchte, die an der Algarve wachsen. Wären die Autoren von Beruf Banker statt Journalisten, würden sie es sich drei Mal überlegen, ob sie für Monokulturen noch Kredite bereitstellen würden. Das Ausfallrisiko wäre ihnen einfach zu hoch. Und wären sie in der Versicherungsbranche tätig, würden sie die Avocado-Plantage gleich an die Konkurrenz weiterreichen.

Monokulturen

monocultura

Zurück zum Konsumenten. Dieser wird die Avocados des Bauern CITAGO möglicherweise gar nicht kaufen wollen, wenn er erfährt, dass er durch seinen Kauf das Abholzen historischer Wälder unterstützt. Sie werden nur noch Früchte kaufen, die einen Unbedenklichkeitsnachweis per Zertifikat besitzen: selbst wenn die Avocado aus Malaga stammen sollte und umdeklariert worden ist. Viele kaufen heute schon lokal, regional und allenfalls national und am liebsten BIO. Beispiel. Die Erdbeeren der Monokulturen aus Lepe (Andalusien, Spanien) lassen sich immer schwieriger in Europa verkaufen. Wer auf der Höhe seiner Zeit hunderte von alten Korkeichen klandestin abholzt, um stattdessen Avocado-Fruchtbäume zu pflanzen; hundertjährige Schirmpinien mit der Motorsäge fällt, alte knorrige Johannisbrotbäume, tausendjährige Olivenbäume, traditionelle Mandel- und Feigenbäume, wer einen seit Menschengedenken gut funktionierenden Biotop aus Flora und Fauna mit Bulldozern platt macht, muss damit rechnen, eines Tages dafür die Quittung zu bekommen. Man bekommt seine Ernte schlechter verkauft, wenn sie nicht wirklich unbedenklich erzeugt wurde. Die Zeiten ändern sich und Youtube hat einen gewissen Anteil daran. Was ist mit den Rückständen aus chemischem Dünger, was mit dem giftigen Glyphosat, was mit dem ewig sterilen, wässerigen Geschmack, der erst auf dem Transportweg nachreifenden Früchte? Wir kaufen mit den Augen. Der Geschmack ist uns egal? Und unsere Gesundheit auch? Das war einmal so. Heute ist der Kunde König. Die Zeiten ändern sich.

Weil die 76 Hektar Avocado-Monokulturen die Besitzer von CITAGO noch nicht zufriedenstellen, haben sie nun vor einigen Wochen einen Antrag bei verschiedenen Genehmigungsbehörden gestellt, weitere 50 Hektar mit Avocado-Bäumen bepflanzen zu können. ECO123 fragte die beiden Agro-Bauern und Besitzer der CITAGO, die Gebrüder Paulo(33) und Luís Gonçalves (47), ob sie nicht ihre Sicht in einem großen Interview darstellen möchten. Nach zweiwöchiger Bedenkzeit erklärten sie, dass sie grundsätzlich keine Interviews mehr geben würden. Ein bereits geplanter Rundgang auf der Avocado-Plantage fiel aus. So machte sich Petra Pantera auf den Weg nach Lagos zu einer zweistündigen Wanderung rund um den Zaun der Plantage. Lesen Sie mehr über das Thema auf den folgenden vier Seiten.

Die neue Sicht der Wirklichkeit auf die Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer.

René Descartes (1596 bis 1650) war ein französischer Philosoph und Naturwissenschaftler. Er sah die Natur unter dem linearen Gesichtspunkt, dass diese zwar gottgegeben sei, der Mensch sie jedoch zu beherrschen habe. Der cartesianische Dualismus (Principia Philosophiae) Geist und Materie – oder auch Reduktionismus (unter Isaac Newton) genannt, nach dem ein System durch seine Einzelbestandteile bestimmt wird (…für mich ist der menschliche Körper eine Maschine)… … steht im krassen Gegensatz zum zyklischen Denkansatz des österreichisch-amerikanischen Physikers und Philosophen der Gegenwart Fritjof Capra (1939), der die Funktion der Natur und Kultur als ganzheitlich-systemischen Weg betrachtet. In seinem Buch „Wendezeit“ beschreibt Capra 1982 den Paradigmenwandel und das Leben der Natur als Biotop. Der Mensch bewegt sich unter vielen, abhängig von anderen und in einem zyklischen System, in dem jedes Lebewesen im Biotop seine ganz eigene Funktion ausfüllt. Linearem steht zyklisches Denken und Handeln gegenüber – einfarbige Monokultur der bunten Vielfalt eines vernetzten Biotops.

About the author

Uwe Heitkamp, 53, Journalist und Filmemacher, ist seit 25 Jahren in Monchique, Portugal zuhause. Er unternimmt gern lange Wanderungen in den Bergen und schwimmt in Gebirgsbächen und Seen. Schreibt und erzählt Geschichten über Menschen und ihre Bezüge zur Ökologie und Ökonomie. Sein aktueller Film „Erben der Revolution“, erzählt über 60 Minuten die Geschichte einer Wanderung durch Portugal. Zehn Menschen berichten aus ihrem Leben. Alle Protagonisten zusammen malen ein Bild vom Leben und Arbeiten in den Bergen Portugals. Der Film offenbart Einblicke in die Schönheit der Natur und das Leben der normalen Menschen. Welcher Weg bestimmt die Zukunft des Landes? (Abonnieren Sie ECO123 und sehen Sie den Film in der Mediathek)

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