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von Paul Piendl

Nº 114 – Bonair ist überall – auch in Glasgow
von Paul Piendl

Samstag, der 13. November 2021.

Das Wasser der Meere, die Lebensweise auf einem Segelboot und unsere Probleme, die wir alle haben, verbinden uns Segler: egal ob große, moderne Yacht oder kleines, robustes Globetrotterboot, wie meines es ist. Bei uns allen verstopft der Vergaser des Hilfsmotors, die Batterien machen manchmal Probleme, oder der Kühlschrank funktioniert nicht. Wir verbringen viele Tage auf See, teilen sie alleine mit dem Boot und seiner Crew. Wenn ich neu in einen Hafen oder eine Bucht einlaufe, kenne ich meist niemanden. Das ist bei allen gleich und auch das verbindet. Die meisten sind sehr offen und wir kommen leicht miteinander ins Gespräch. Manchmal bleibt die Beziehung nur sehr oberflächlich. Man trifft sich auf ein Bier an der Bar, unterhält sich ein wenig über dieses und jenes.

Andere Begegnungen enden jedoch in ganz speziellen Freundschaften. Wir haben oft nicht viel Zeit, müssen uns beeilen, uns besser kennenzulernen. Wir unternehmen Ausflüge zusammen, helfen uns gegenseitig bei Reparaturen und kochen zusammen zu Abend. Doch Wetter und Wind bestimmen, wann wir wieder aufbrechen müssen.

Oft steht schon nach ein paar Tagen die Weiterreise eines Seglers vor der Tür, gerade dann, wenn man so richtig warm geworden ist. Man trinkt ein letztes Bier zusammen, drückt sich so fest es geht und verspricht, sich auf irgendeiner Insel wiederzusehen.

Das Tauchen hat mich nach Bonair (Bonaire) gebracht. Eine Insel zuvor, in Curação, bin ich beim Schnorcheln zum ersten Mal überhaupt mit Korallen in Kontakt gekommen. Ich war überwältigt von der Schönheit und lernte, dass Korallen sogar mehr Lebewesen ein Zuhause bieten, als Regenwälder es tun. Ich wollte mehr darüber erfahren und alle nannten Bonair als den Ort, um Tauchen zu lernen.

Auch Jannika ist eine dieser besonderen Freundschaften. Wir lernten uns auf dem Weg zu einem 10-Kilometer Rennen auf Grenada kennen. Später trafen wir uns auf ein paar Feiern wieder und gingen zusammen joggen. Auf Bonair, das zu den Niederlanden und somit zur EU gehört, wurde sie meine Tauchlehrerin und brachte mir die neue Welt unter Wasser näher. Während ich noch viel damit beschäftigt war, mich auf meine Atmung zu konzentrieren, um nicht unkontrolliert nach oben zu schießen, schwebte Jannika oft nur ganz knapp über den Korallen, inspizierte jedes noch so kleine Detail und machte mich hier und da auf kleinste Lebewesen, die ich nie erahnt hätte, aufmerksam.

Bonair schützt seine Unterwasserwelt. Die gesamte Küstenregion um die Insel ist Marinepark und das macht die Insel zu einen der Top-Tauchspots weltweit. Ankern ist strengstens verboten. Eine am Boden schleifende Ankerkette würde Korallenstöcke geradezu abmähen. Stattdessen gibt es Muringbojen, die von STINAPA, der Leitung des Marineparkes, gesetzt wurden und deren Einnahmen dem Erhalt der Unterwasserwelt zur Gute kommen.

Als ich in den San Blas Islands, die schon zu Panama gehören, zum ersten Mal in das Wasser springe, bin ich baff. „Hier sind die Korallen ja gar nicht bunt.“ Die meisten von ihnen sind weiß oder haben einen grünen, moosartigen Pelz über ihren Tentakeln liegen. Einige Riffe sind ganz und gar abgestorben und werden nur noch von abgebrochenen Kalkresten bedeckt. Ich frage mich, wie lange diese Korallen schon tot sind. Einige sehen schon sehr „kalt“ aus, bei anderen bin ich mir aber nicht sicher. Sie erwecken den Anschein, als ob sie kürzlich erst gestorben wären oder gerade im Moment Teil ihrer kahlen Umgebung werden.

Korallen sind eine Unterart der Nesseltiere und brauchen zum Leben ganz bestimmte Bedingungen. Eine Erhöhung der Wassertemperatur um ein bis zwei Grad kann bereits ausreichen, um die berüchtigte Korallenbleiche hervorzurufen, die die Tiere schwächt und letztendlich zum Absterben bringt.

 

Wie warm das Wasser genau ist, dass kann ich nicht sagen. Es ist auf jeden Fall so warm, dass es mich mancherorts nicht einmal erfrischt, wenn ich nach dem Kochen vom Boot in das Wasser springe.

Der Atlantik ist dieses Jahr wärmer als sonst. Hervorgerufen durch allgemein gestiegene Oberflächentemperaturen und Effekten des El Nino Phänomens ist die Hurrikanesaison in der Karibik dieses Jahr ungewöhnlich früh aktiv. Nach einigen tropischen Wellen im Mai und Juni, bleibt Grenada am 2. Juli dieses Jahres, drei Tage vor meinem Aufbruch nach Curação, nur knapp vom ersten Hurrikan der Saison, Hurrikan Elsa, verschont.

Wenn Sofien und ich abends im Cockpit sitzen und uns fragen, wie unsere Kinder und Enkelkinder so einen schönen Platz einmal erleben werden, dann denken wir nicht nur an die sterbenden Korallen. Wir fragen uns „existieren diese Inseln dann überhaupt noch? Oder schauen dort, an der Stelle, nur noch die fauligen Stümpfe abgestorbener Palmen aus dem Wasser“. Im Bericht über „die Zukunft der Meeresspiegel“ schreibt das Konsortium Deutsche Meeresforschung (KDM), dass der mittlere Meeresspiegel, selbst beim Einhalten der Ziele des Pariser Klimaabkommens, bis zur Jahrhundertwende um 30 bis 60cm steigen wird. Bei gleichbleibenden Emissionswerten könnte das Niveau sogar 60 Zentimeter bis über einen Meter ansteigen!

Von Dupwala, unserer Lagerfeuerinsel in den Coco Bandero Cays, wird dann nicht mehr viel zu sehen sein. „Können wir das Drohende noch verhindern?“, und falls nicht, „was passiert mit den Guna Indianern, die im gesamten Guna Yala, verteilt auf kleinen Inseln ihre Familien beherbergen?“ Es ist höchste Zeit, in Glasgow  ein Klimaabkommen zu besiegeln, das allen Menschen und zukünftigen Generationen eine friedliche, klimaneutrale Zukunft bietet.

Paul Piendl (21)

Traduções: Dina Adão,  Rudolfo Martins, Kathleen Becker

Fotos: Paul Piendl, Antonia Gerhards

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