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Nº 30 – Im Zeitalter der Solidarität

Mittwoch, der 6. Mai 2020

von Leila Dregger

Jetzt hat mich die Krise doppelt gepackt: Ich liege mit einer Nervenentzündung und Fieber im Bett und bin ziemlich stillgelegt. Immer noch melde mich bei Menschen, von denen ich länger nichts gehört habe. Einer von ihnen erzählte mir etwas sehr Erstaunliches: Im letzten Jahr besuchte er den Stamm der Kogi in Nord-Kolumbien. Sie leben im Hochland noch weitgehend ungestört nach ihren Traditionen und nennen sich unsere “Großen Brüder”. Denn sie verfügen über ein Wissen im Zusammenleben mit der Natur, das sie uns, ihren “kleinen Brüdern”, nach und nach beibringen müssen, damit die Menschheit überlebt. Diese Kogi sagten meinem Bekannten etwas sehr Interessantes: Es werde eine globale Krise kommen, ausgelöst durch ein „intelligentes Virus“. Die Menschheit habe daraufhin vier Jahre Zeit, aus dem kollektiven Trauma auszutreten. Schaffe sie es, beginne das Zeitalter der Solidarität.

Für mich sind Prophezeiungen von Indigenen immer inspirierend. Selbst wenn man nicht zu wörtlich an sie glaubt, so sind sie der Blick einer Instanz von außerhalb, die unser Leben relativiert. Diese Prophezeiung nun hat es in sich. Die Krise ist eingetreten. Und jetzt kommen vier Jahre, wo wir unser kollektives Trauma überwinden können und müssen. Wie kann das gehen? Was ist dieses Trauma überhaupt?

Corona macht uns das kollektive Trauma im Moment überdeutlich. Social Distancing ist fast wie ein absurdes Theater für die Trennung, in der wir ohnehin leben. Trennung ist unser kollektives Trauma: Wir leben getrennt voneinander und von dem, was uns nährt. Unser Dasein war schon lange vor Corona so organisiert, dass wir kaum noch mitbekommen oder fühlen, wenn es Mitmenschen oder Mit-Tieren schlecht geht. Wir haben unsere Versorgung in die Hände von Großunternehmen und Staaten gelegt. Trennung bringt Profitdenken, Konkurrenz, Gier, Misstrauen, Kontrolle, Gewalt hervor. Wenn wir am eigenen Leib spüren würden, was unser Konsum z.B. Tieren antut, könnten wir nicht damit fortfahren.

Ich finde, die Kogi haben Recht: Eine nachhaltige Lebensweise aufzubauen, beginnt damit, tiefer zu gehen und das kollektive Trauma zu überwinden. Trennung aufzuheben, bedeutet: verstehen und fühlen, dass wir eins sind – und auch so zu handeln. Ich schaue von meinem Krankenlager nach draußen und sehe, wie sich die Büsche und Blätter im Wind bewegen – demselben Wind, der durch das offene Fenster meine Stirn kühlt. All das sind Organe eines großen Organismus. Ein Organismus wirkt zusammen. Die Leber versucht nicht, die Niere zu übertrumpfen. Das Herz klaut nicht der Lunge den Sauerstoff. Alle würden daran sterben. Einem Organ geht es nur gut, wenn es allen gut geht. Nur der Mensch ist so schwachsinnig – oder so getrennt – dass er diese Einheit nicht mehr spürt und permanent zerstört.

Das wäre ein äußerst effektiver Vierjahresplan: Lebens- und Produktions-Verhältnisse, Wohnformen und Versorgungsstrukturen nach und nach so umzubauen, dass sie uns die Einheit wieder spüren lassen. Es beginnt immer – so kitschig es sich anhört – mit der Herzöffnung für die Menschen, Tiere und andere Wesen um uns herum. Mit Nächstenliebe also. Wahrzunehmen, wie es ihnen geht, helfen, wo Hilfe gebraucht wird, bitten, wenn ich selbst Hilfe brauche – das übe ich gerade – das ergibt Nachbarschaftshilfe. Und die ist ein großer Schlüssel für eine Kultur der Nachhaltigkeit. Der zweite ist Kooperation mit Tieren, Pflanzen, Wasser und anderen Organen des gemeinsamen Organismus Erde. Und darauf aufbauend gemeinsam verwaltete, regionale Versorgungssysteme, geregelt durch eine regionale, faire Tausch-Ökonomie. Dann kann das Zeitalter der Solidarität kommen.

Leila Dregger

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