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Nº 51 – Generation Zukunft.

Samstag, den 5. September 2020

Machen wir die Dinge kompliziert, wenn es auch einfach geht. Das ist Portugal live. Wer verrückt genug ist, und von Lissabon nach Berlin mit dem Zug reisen möchte oder umgekehrt von Berlin nach Lissabon –  kann jetzt auf nostalgische Weise mitunter eine halbe Woche lang unterwegs sein. Der Urlaub beginnt ja bekanntlich im Zug. Ich befürchte, daß die Portugiesische Bahn statt einen TGV die Reaktivierung ihrer im Jahr 1945 in Rente geschickten Esel diskutiert, um im Jahr 2020 den Kunden ein wahrhaft historisches Angebot machen zu können. Klimaneutral wohlgemerkt: mit dem Esel von Lissabon nach Berlin.

Seit jemand entschieden hat, dass es den Nachtzug nach Lissabon nicht mehr gibt, ist Portugal auf dem Landweg von Europa aus nicht mehr wirklich zu erreichen. In anderen Worten: von Europa abgeschnitten. Es gibt keinen durchgehenden Schnellzug mehr nach Spanien und auch nicht mehr nach Frankreich und auch nicht umgekehrt: von Frankreich über Spanien nach Portugal. Und nun? Zurück ins Jahr 1945? Mit dem Esel unterwegs?

Es gibt ja nun nur einen Nachbarn und der heisst nun mal Spanien, ob wir das gut finden oder nicht.  Und da Portugal (noch) keine TGV Verbindung von und nach Paris besitzt – da es keine schnelle Zugverbindung von Frankreich nach Portugal nach Frankreich gibt, fährt der Reisende zuerst einmal von Lissabon mit einem Regionalzug nach Norden, wenn er nach Osten möchte, nach Entroncamento. Das sind schon mal die ersten 117 km und das 27 mal am Tag. Man könnte auch über Évora reisen, das wäre näher, aber leider endet dort der aktuelle Schienenweg. Bis Entroncamento beträgt die Fahrzeit in der Regel bis zu einer Stunde und 26 Minuten. Wer dann den Zug nach Badajoz nimmt, hat keine andere Wahl. Der einzige Zug verlässt Entroncamento um 10h24, fährt über Abrantes und Portalegre die 181 km, um die spanische Grenzstadt Badajoz um 14h14 zu erreichen. Umsteigen. Wir verlassen das Mittelalter. Übrigens: die direkte Bahnstrecke von Lissabon nach Badajoz beträgt nur 226 km.

Weiter geht es von Badajoz nach Merida, die alte römische Garnisonsstadt mit dem kleinen Kollosseum. Der Zug der Renfe fährt um 14h30 die 60 km von Badajoz nach Merida und braucht dafür 44 Minuten: Kosten € 4,30. Umsteigen. Um 15h20 geht es für € 31,10 in vier Stunden und 50 Minuten nach Madrid. Ankunft 20h10. Angekommen in der Neuzeit. Um 20h30 geht es weiter nach Barcelona. Ankunft um 23h40. Übernachtung suchen…

Am nächsten Morgen geht es weiter. Von jetzt an wird es etwas einfacher. Der französische TGV verlässt um 8h10 Barcelona mit dem Ziel Paris, wo er um 14h49 eintrifft. Bahnhofwechsel. Vom Gare de Lyon geht es zum Gare de Nord mit der Metro, Linie 4. Das dauert 45 Minuten. Dann geht es um 15h55 weiter nach Köln und der ICE 947 trifft in Berlin um 00h10 ein. Die französische Bahngesellschaft SNCF gibt mir die Info, dass ich 7,3 kg CO2 durch die Fahrt von Paris nach Berlin emittiere. So wenig?

Apropos CO2-Fussabdruck. Bis vor zwei Jahren hatte auch unsere portugiesische Bahn so einen Klimarechner auf ihrer Webseite. Den hat sie abgeschafft, denn sie wollte zurück auf den Stand von 1945. Kriegsende in Eurpoa passt gut zur Covid-19 Krise im Jahr 2020. Die Wiederindienststellung der Esel passt gut zu Portugal. Um mit dem Esel zu reisen brauchen wir nämlich keinen Klimarechner.

So. Und nun anders herum. Ich möchte von Berlin über Köln nach Paris fahren und von dort nach Lissabon. Einmal umsteigen in Köln. Die Reise beginnt um 21h35 und Ankunft in Paris (Ostbahnhof) ist um 9h51 morgens. Um 11h49 geht es vom Gare de Lyon weiter nach Madrid, Umsteigen in Barcelona und Ankunft um 23h14 in Madrid. Ich bin bereits 26 Stunden unterwegs, bin 2.723 km gefahren, drei Mal umgestiegen. Ab in die Unterkunft.

Am nächsten Morgen fahre ich um 10h15 von Madrid nach Merida, wo ich um 15h18 ankomme und in den Zug nach Badajoz umsteige, der um 15h25 abfährt und um 16h05 ankommt. Um 16h24 steige ich dann in den Regionalzug R 5500 nach Portugal, über Entrocamento (18H14) nach Lissabon, wo ich endlich glücklich um 20h12 im Bahnhof Oriente ankommen werde. Ich bin zehn Stunden unterwegs und 695 km Zug gefahren und drei Mal umgestiegen.

Liebe Politiker, die Ihr Portugal regiert. Ich warte seit vielen Jahen darauf, dass Ihr den Plan einer TGV Verbindung zwischen Lissabon, Paris, Brüssel nach Berlin verwirklicht. Das sind auf dieektem Wege nur 2.812 km und wenn ich abends um 19 Uhr in Lissabon in den TGV einsteige, möchte ich am nächsten Morgen  um vier Uhr in Paris, um fünf Uhr in Brüssel und um neun Uhr in Berlin aussteigen. Dann wären wir durchschnittlich mit 200 km/h gefahren, was technisch jederzeit machbar wäre. Machen wir Dinge einfach, auch wenn es kompliziert geht.

Fahrplan Comboios Regionais Linha Do Leste

Uwe Heitkamp (60)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, lebt seit 30 Jahren in Monchique Portugal, Gründer von ECO123.

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