{"id":22291,"date":"2021-01-20T01:00:45","date_gmt":"2021-01-20T01:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/eco123.info\/de\/?p=22291"},"modified":"2021-02-12T21:17:12","modified_gmt":"2021-02-12T21:17:12","slug":"schwierig-zu-wissen-wo-ich-zuhause-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eco123.info\/de\/im-mittelpunkt\/schwierig-zu-wissen-wo-ich-zuhause-bin\/","title":{"rendered":"Schwierig zu wissen, wo ich zuhause bin"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\"><strong>Lourdes Picareta | <span id=\"result_box\" class=\"short_text\" lang=\"de\" tabindex=\"-1\"><span class=\"\">Filmemacher<\/span><\/span><br \/>\n<\/strong><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #99cc00;\"><strong>Lourdes Picareta wurde vor 58 Jahren in Santa Ir\u00eda, im tiefsten Alentejo geboren. In Almada machte sie ihr Abitur. Sie spricht Portugiesisch, Deutsch, Franz\u00f6sisch, Spanisch, Englisch und Griechisch. Zwei Jahre nach der Nelkenrevolution tauschte sie Portugal gegen Deutschland, um in Mainz und M\u00fcnchen Geschichte, Kunst und Deutsche Philologie zu studieren. Danach begann sie sich f\u00fcr Journalismus zu interessieren und ging zum Deutschen Fernsehen wo sie bis heute f\u00fcr mehrere Sendeanstalten in der ARD arbeitet. Jedes Jahr macht sie drei bis vier lange Dokumentarfilme, von denen viele auch bei ARTE, dem franz\u00f6sisch-deutschen Sender und auf 3sat ausgestrahlt werden. Ihre journalistische Reise durchs Leben f\u00fchrte sie zu vielen \u00f6kologischen und sozialen Brennpunkten dieser Erde. F\u00fcr den Film \u201eGemachte Armut\u201c, wurde sie 2013 f\u00fcr den begehrten deutschen Grimme Preis nominiert. Im vergangenen Jahr ver\u00f6ffentliche sie einen sehr authentischen Film im Deutschen Fernsehen, den sie \u201eMeine Heimat Alentejo\u201c nannte*. ECO123 besuchte sie w\u00e4hrend ihres Urlaubs an der Westk\u00fcste.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-21938\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/05-INTROS-LOURDES-PICARETA.jpg\" alt=\"05-intros-lourdes-picareta\" width=\"800\" height=\"1117\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/05-INTROS-LOURDES-PICARETA.jpg 800w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/05-INTROS-LOURDES-PICARETA-768x1072.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie sind Portugiesin. Ihr Ehemann ist Grieche. Sie leben in Deutschland und machen Urlaub im Alentejo. Was machen Sie mit Ihrer Zeit? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erlebe sie. Ich bin immer sehr neugierig. Ich empfinde die Zeit als ein sehr gro\u00dfes Gut. Sie ist wie ein Gef\u00e4\u00df. Man kann es f\u00fcllen oder leerlaufen lassen. Beides hat seinen Wert. Manchmal lohnt es sich, das Gef\u00e4\u00df zu f\u00fcllen. Aber manchmal muss man es auch leerlaufen lassen. Die Zeit genie\u00dfen und sp\u00fcren. Einen Beruf in einem Kulturkreis auszu\u00fcben, der nicht der eigene ist, ist manchmal kompliziert und nervenzerrei\u00dfend. Dann muss man wieder zu sich finden und vergegenw\u00e4rtigen, man ist in Santa Ir\u00eda geboren, in einem kleinen Dorf mit wenigen Anspr\u00fcchen, wo die Menschen \u00fcberlebt haben. Die Grundlagen dieser ganz einfachen Lebensweise sind wichtig. Der Mensch braucht gute Nahrung, gute Luft, wenig drum herum und das Meer. Die Natur. Ich glaube, ich bin hier und jetzt und in meinem Leben eins mit ihr. So bin ich gro\u00df geworden. Wir sind ein Teil der Natur und doch machen wir mit ihr oft Sachen, die man auch als M\u00fcll bezeichnen kann.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie ist das, Ausl\u00e4nderin in Deutschland zu sein?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist manchmal sehr angenehm. Man kann immer fliehen, zum Beispiel in die Ausl\u00e4nderwelt. Das ist eine Entschuldigung f\u00fcr viele Sachen, wo man sich sonst mit den Problemen direkt auseinandersetzen m\u00fcsste. Es fehlt einem aber auch oft die Leichtigkeit des Seins, nicht belastet mit dem Gef\u00fchl zu sein, dass man immer au\u00dfen davorsteht. Manchmal ist man mit Freunden oder Kollegen zusammen und man macht einen Kommentar \u00fcber die Gesellschaft, in der man lebt. Dann h\u00f6rt man \u201eJa ist es denn bei euch anders?\u201c Ich denke, ich bin hier bei mir. Dieses Au\u00dfen immer \u201eimplizit\u201c zu sehen, dass man nicht zu Deutschland geh\u00f6rt, ist manchmal nicht sch\u00f6n. Ich lebe jetzt 40 Jahre in Deutschland. Aber ich bin eine Portugiesin und werde es immer bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was f\u00e4llt Ihnen beim Thema Europa ein?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Europa ist eine sehr schwierige Geschichte und ist ein Traum. Als ich nach Deutschland kam, war die deutsch-franz\u00f6sische Freundschaft eine Notwendigkeit, sp\u00e4ter auch mit Holland und Belgien. Ich war auch in dem Glauben, dass diese Freundschaft m\u00f6glich war. Es ist aber daraus eine \u00f6konomische Frage geworden und viel zu wenig eine kulturelle. In unseren Tagen, in der die Wirtschaft das t\u00e4gliche Leben dominiert denke ich, dass die eigentliche Basis f\u00fcr Europa, n\u00e4mlich das man sich kulturell gut versteht, verloren gegangen ist. Wie Deutschland sich in Bezug auf Griechenland verhielt, hat mir das Letzte gegeben. Wenn man bis dahin von einem Traum Europa ausgegangen ist, dann ist man in einen Alptraum geraten. Wenn wir uns nicht \u00fcberlegen eine andere Form von Vereinigung zu erreichen, au\u00dfer auf der Basis dieser harten \u00f6konomischen Grundlagen, haben wir diesen Traum ausgetr\u00e4umt. Ich bin da skeptisch geworden. Ich habe sehr viele Filme im Ausland gemacht, deshalb lebe ich auch noch in Deutschland\u2026-<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2026- k\u00f6nnen Sie diesen Satz erkl\u00e4ren? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfangs habe ich f\u00fcr das ZDF gearbeitet. Die Sendung hie\u00df \u201eNachbar Europa\u201c. Obwohl ich mit der Arbeit als \u00dcbersetzerin in dieser Sendung ziemlich viel Geld verdient hatte, bemerkte ich, dass ich mich nicht in eine Schublade stecken lassen m\u00f6chte. Da w\u00e4re ich immer der Gastarbeiter geblieben. Irgendwann habe ich gesagt, ich wechsele in den &#8211; damals hie\u00df das noch &#8211; S\u00fcdwestfunk, weil ich eine ganz normale journalistische Arbeit leisten wollte. Dann kam ich sehr schnell in die europ\u00e4ische Berichterstattung und dann in die Weltberichterstattung in der ARD. Ich wurde \u00fcberall hingeschickt, entweder aufgrund eigener Vorschl\u00e4ge oder von der Redaktion kommend dorthin; wo es interessante Sachen zu berichten gab und wor\u00fcber wir viele unterschiedliche Sendungen gemacht haben. Eine davon hei\u00dft \u201eL\u00e4nder, Menschen, Abenteuer\u201c. Und dieses Reisen, diese Welt erfassen, ich glaube das ist das, wo Deutschland mich getroffen hat als Portugiesin. Wir Portugiesen waren ja immer so. Wir sind immer aufgebrochen in die Welt. Ich sp\u00fcrte so ein Gef\u00fchl, das viele Portugiesen auch haben. Diese Neugierde, etwas Neues zu sehen. Ich glaube nicht, dass wir nur aus dieser finanziellen Notwendigkeit heraus so einen Hang haben, mehr von der Welt kennenlernen zu wollen. Das riesige Meer vor uns, das uns immer das Gef\u00fchl gab, immer mehr sehen zu wollen. Diese Unruhe in der man st\u00e4ndig ist, die wir nie definieren wollen, das wir etwas suchen\u2026 Wir sind keine praktisch veranlagten Menschen. Der Fernsehsender hat mich zu den Mayas geschickt, in die Katinga nach Brasilien, oder nach Indien. Herausforderungen, die sehr gro\u00df waren f\u00fcr mich. Jedes Mal habe ich sie bestanden. Ich glaube, diese Entdeckungen sind das, was mich so sehr an Deutschland gebunden hat, dass ich mir gesagt habe, hier habe ich die Chance, die Welt zu sehen und interessante Themen zu bearbeiten. Und ich sagte mir, sei du DU selbst und bleib dabei und dann wird es dir gut gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich habe ich dann meinen griechischen Mann geheiratet und wir haben zwei Kinder miteinander. Deutschland gibt einem ein gro\u00dfes Gef\u00fchl der Sicherheit. Wenn man dann Kinder bekommt, will man seinen Kindern Sicherheit geben. Mein Mann liebt seine Arbeit als Mathematiker sehr und so sind wir dann immer wieder ein Jahr geblieben und immer mit dem Gef\u00fchl, dass man nicht angekommen ist. Es ist auch heute noch so. Ich wei\u00df es nicht, ob ich eines Tages mit meiner Erfahrung \u00fcber mich selbst sagen kann, ob ich irgendwo ankomme. Auch wenn ich nach Portugal zur\u00fcckk\u00e4me, w\u00e4re ich eigentlich immer noch nicht angekommen. Ich bin immer auf Reisen. Deshalb bin ich immer noch in Deutschland, weil ich immer noch auf Reisen sein darf.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22091\" aria-describedby=\"caption-attachment-22091\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-22091 size-full\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Lourdes-Picareta-e-Fotios-Giannakopoulos.jpg\" width=\"800\" height=\"532\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Lourdes-Picareta-e-Fotios-Giannakopoulos.jpg 800w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Lourdes-Picareta-e-Fotios-Giannakopoulos-768x511.jpg 768w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Lourdes-Picareta-e-Fotios-Giannakopoulos-310x205.jpg 310w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-22091\" class=\"wp-caption-text\">Fotios Giannakopoulos e Lourdes Picareta<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wo waren Sie denn schon \u00fcberall?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern war ich fast \u00fcberall. Au\u00dferhalb Europas in Burkina Faso, Mali, S\u00fcdafrika, Nigeria. In S\u00fcdamerika kenne ich Mexiko, Belize und Guatemala, Brasilien, Argentinien, die USA. Dann war ich in Macao, China, Indien, Kambodscha und in Thailand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschheit hat sich innerhalb von 50 Jahren nicht nur verdreifacht. Die Probleme haben sich potenziert, wenn man jedenfalls dem Journalismus glauben darf, der seine Reportagen aus den letzten Winkeln dieser Erde ins Wohnzimmer sendet. Was sehen Sie da?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist sehr schwierig zu erkl\u00e4ren, weil wir Journalisten geschickt werden, um \u00fcber Mi\u00dfst\u00e4nde zu berichten. Das hei\u00dft, wir erfassen nicht ein Land, sondern sehr gezielt ein Problem. Wenn man das dann wiedergibt, dann ist es selten eine positive Erfahrung, eben eine andere, als wenn man dort als Tourist hingeht. Insofern bin ich vorsichtig mit meinem Urteil. Aber was ich in den Arbeiten, die ich gemacht habe sehe, selbst bei kulturellen Arbeiten wie jetzt bei dem Film \u00fcber die Routen der Mayas, sehe ich immer wieder Ausbeutung von Menschen, ich sehe Wenige, die auf Kosten von Vielen leben und Skrupellosigkeit. Wenn ich an meinen Film \u00fcber Kinderprostitution in Kambodscha denke oder Gewalt gegen Frauen in Indien, dann ist das meine Erfahrung. Ich habe mir manchmal erlaubt, ganz fr\u00fch morgens um drei Uhr einen Tempel zu besuchen, denn ich wollte auch hin und wieder etwas Gro\u00dfes sehen von der Kultur. Im Gegensatz zu der Niedertracht, die ich sehen musste, wie Kinder mit neun Jahren verkauft, wie sie misshandelt und dann auf die Stra\u00dfe geworfen werden. Das Gleiche auch in Indien. Asien ist f\u00fcr mich v\u00f6llig negativ besetzt. Zu sehen, dass die Mayas, ein Kulturvolk zu den \u00c4rmsten geh\u00f6ren, ist traurig. Wir Journalisten denken immer, dass wir etwas ver\u00e4ndern k\u00f6nnen und ich freue mich immer, wenn jemand im Sender anruft und sagt, ich m\u00f6chte das Studium f\u00fcr dieses M\u00e4dchen bezahlen. Das ist schon eine Ver\u00e4nderung. Mehr als das erreichen wir nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fragen Sie sich nicht manchmal, was mache ich hier eigentlich? Erf\u00fcllt so ein Journalistenleben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, was erf\u00fcllt, ist das Werk an sich. Wenn ich meine Filme als Werk bezeichnen darf. Wenn ich sehe, dass ein Film bestimmte Menschen erreicht und bestimmte Gef\u00fchle vermittelt, das ist Erf\u00fcllung. Aber irgendetwas zu schaffen? Ich bin die Tochter einer Schneiderin und eines Schusters. Wir hatten in der Familie immer ein gutes Gef\u00fchl, wenn die Leute die fertigen Kleider anzogen und sich wohlf\u00fchlten. Das ist der Moment der Erf\u00fcllung. Die sch\u00f6pfe ich nicht aus dem Gedanken, dass ich die Welt politisch und gesellschaftlich ver\u00e4ndern kann. Meine Aufgabe ist es, Kulturen, Sch\u00f6nheit, aber auch Missst\u00e4nde wiederzugeben und die Gef\u00fchle, die ich vor Ort hatte, zu vermitteln. Wenn das gelingt, kommt dieses Gef\u00fchl der Erf\u00fcllung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was nehmen Sie auf jeden Fall mit auf Ihre Reisen, etwas dass Sie auf keinen Fall zuhause lassen? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Handkasse, (lacht) um Honorare auszahlen zu k\u00f6nnen. (Lacht) Nein, das ist auch ein Fl\u00e4schchen mit Arnika-Globuli. Ich kann nicht reiten, aber ich reite trotzdem. Wir machen Expeditionen, wo wir dann mit f\u00fcnf oder sechs Pferden und mit der Kameraausr\u00fcstung und viel Material auf einen Gletscher hochsteigen. Da f\u00e4hrt n\u00e4mlich kein Auto hoch. Mein Mann gibt mir immer eine kleine Apotheke mit auf den Weg. Da habe ich das Gef\u00fchl, das mich etwas sch\u00fctzt. Zu einer anderen Zeit hatte ich immer mal zwei kleine Diamanten mit dabei. Die bekam ich in Brasilien geschenkt. Die Menschen suchten nach Diamanten und wir filmten sie dabei und sie haben mir dieses Glas geschenkt. Das waren meine Talismane, bis sie mir in Siegburg einmal gestohlen wurden. In Deutschland!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-22028\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/DSCN2859.jpg\" alt=\"dscn2859\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/DSCN2859.jpg 800w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/DSCN2859-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gibt es etwas, was Ihnen mehr bedeutet als Geld und Reisen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sicher. Meine Familie, mein Mann, meine Kinder und so ein sch\u00f6ner Tag wie heute. Ich br\u00e4uchte vielleicht einen Monat, um alles aufzuz\u00e4hlen. Geld ist eine Notwendigkeit. Geld ist ein Tauschmittel, aber mehr nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was bedeutet Ihnen dieses Tauschmittel?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin ja in der gl\u00fccklichen Lage, dass ich die Wichtigkeit nicht messen muss. Weil es immer gereicht hat, gut zu leben. Wenn man nicht zu gro\u00dfe Anspr\u00fcche hat, dass man f\u00fcnf H\u00e4user br\u00e4uchte oder so, dann ist Geld eine Notwendigkeit f\u00fcr eine bestimmte Sicherheit im Leben. In meinem Beruf trifft man aber jeden Tag Leute, die Geld verdienen m\u00fcssen, egal wie und nur, um sich davon etwas zum Essen kaufen zu k\u00f6nnen. Ich konnte bisher in einem Land leben, in dem alles geregelt ist. Ich musste nie f\u00fcr mein Geld k\u00e4mpfen, obwohl ich f\u00fcr meine Filme hart gearbeitet habe, sowohl f\u00fcr den Film \u00fcber die Armut in Europa als auch \u00fcber die Gewalt in Indien. Es gibt kein Verh\u00e4ltnis vom dem was ich tue, zu dem was ich als Gegenleistung an Geld bekomme. F\u00fcr einen Film \u00fcber 45 Minuten gibt es ein festgelegtes Honorar und das ist es dann; egal wie lange ich daf\u00fcr arbeite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, in die Stube Ihrer Kindheit zur\u00fcckzukehren, nach Santa Ir\u00eda und dort auf ihre alten Tage das Leben zu verbringen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also, wenn ich weiterreisen kann, dann vielleicht ja. Da mein Mann Grieche ist, werden wir vielleicht dorthin reisen. Das h\u00e4ngt aber auch von unseren Kindern ab und da werden wir Entscheidungen treffen, die wir heute noch nicht kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nach Santa Ir\u00eda?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein. Das ist so weit weg von mir. Auch wenn ich dort um meine Anf\u00e4nge wei\u00df und diese Zeit sehr sch\u00e4tze und mich sehr gern und bewusst daran erinnere. Es ist sehr schwierig zu wissen, wo mein Platz auf dieser Welt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ihr Leben also ist eine Reise und sie sollte immer so weitergehen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hoffe ja.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22058\" aria-describedby=\"caption-attachment-22058\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-22058 size-full\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/IMG_3331.jpg\" alt=\"img_3331\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/IMG_3331.jpg 800w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/IMG_3331-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-22058\" class=\"wp-caption-text\">Alexis e Gilberto Orestis<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie haben zwei S\u00f6hne, zu denen ich \u00fcberleiten m\u00f6chte. Wie sehen Sie die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen und steigender M\u00fcllberge?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich ist das ein Problem, mit dem wir uns nicht befassen m\u00f6chten. Das ist mir neulich aufgefallen, weil ich f\u00fcr den n\u00e4chsten Themenabend \u00fcber die Fl\u00fcchtlinge berichten sollte. Wir haben uns vorgenommen, \u00fcber Sri Lanka und Indien zu berichten, weil bereits heute durch den Anstieg des Meeresspiegels die Menschen von Sri Lanka nach Indien fl\u00fcchten, weil ihre Felder versalzen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erkl\u00e4ren Sie mir das bitte mal als Mensch. Wie sehen Sie die Zukunft des Menschen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mache da keinen gro\u00dfen Unterschied zwischen Journalist-Sein und Mensch-Sein. Ich habe mir \u00fcberlegt, warum wir uns so aufregen lassen \u00fcber einen terroristischen Anschlag, bei dem zwei, drei, f\u00fcnf oder zehn Menschen sterben\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2026oder hundert\u2026<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026und nicht dar\u00fcber nachdenken, dass sich 60 Millionen Menschen aus Afrika und Asien auf den Weg nach Europa machen und das da Kriege entstehen werden. Ich glaube, die Menschheit verdr\u00e4ngt das. Weil das mit dem Thema der Umwelt zu tun hat und weil wir nicht imstande sind, konsequent genug zu handeln. Ich bekenne mich schuldig\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8230; schuldig oder verantwortlich?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unverantwortlich und schuldig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ist Verantwortung zu tragen f\u00fcr Sie positiv besetzt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Deutschland haben wir gelernt, lokal einzukaufen, beim Bauern im Hofladen und erst wenn es ein Lebensmittel nicht gibt, auf ein ausl\u00e4ndisches Produkt zur\u00fcckzugreifen. Da bin ich verantwortungsvoll. Das ist der Alltag und der ist wichtig. Aber ich bin nicht imstande zu sagen, ich fahre \u00fcberhaupt kein Auto mehr, das unsere Atmosph\u00e4re verschmutzt oder ein Elektroauto, wie sie da so eines haben. Stattdessen lasse ich mich von meinen S\u00f6hnen \u00fcberzeugen, in Portugal einen R4 zu fahren und in Deutschland mit der Bahn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-22061\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/IMG_3574.jpg\" alt=\"img_3574\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/IMG_3574.jpg 800w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/IMG_3574-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Autofahren ist das kleinere \u00dcbel. Das k\u00f6nnten Sie schnell \u00e4ndern. Aber Ihr schlechtes Gewissen sind die Fl\u00fcge. Wie viele Fl\u00fcge im Jahr?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fliege nicht so viel, weil ich lange Filme drehe. Ich fliege, bleibe drei bis vier Wochen am Drehort und dann fliege ich wieder zur\u00fcck. Mehr als vier Filme schaffe ich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Also vier Fl\u00fcge, plus Urlaub, da kommen Sie auf f\u00fcnf bis sechs Fl\u00fcge pro Jahr? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcnf Fl\u00fcge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viel CO2 diese Fl\u00fcge Sie kosten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist die Frage, vor deren Beantwortung wir uns dr\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kennen Sie Ihren j\u00e4hrlichen \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein. Ich wei\u00df nur, dass wir bereits seit Anfang August am Limit stehen und alles was wir seit Wochen hier auf Erden machen, erh\u00f6ht die Erw\u00e4rmung der Atmosph\u00e4re zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sie d\u00fcrfen nur zweieinhalb Tonnen CO2 pro Jahr verursachen. Ein Flug in den Urlaub und Sie sind am Limit. Da haben Sie noch keine Autofahrt, keine Eink\u00e4ufe gemacht und keine Kilowattstunde Elektrizit\u00e4t verbraucht.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir leben unverantwortlich. Das reicht aber nicht, um das festzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Es geht hier um die ganz konkrete Frage, wie bekommt der Mensch sein Leben und seinen Beruf dahingehend in Einklang mit der Natur, dass er immer weniger Kohlendioxyd in die Atmosph\u00e4re emittiert. Als Journalist, Pilot, Truckfahrer, Unternehmer, Arbeitnehmer usw. Denn nicht nur bei der Zeit, auch beim CO2 gibt es ein Gef\u00e4\u00df und wenn das voll ist, geht nichts mehr. Es ist bereits am \u00dcberlaufen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Warum nehmen Sie sich nicht mehr Zeit? Wenn wir alle nicht mehr fliegen und uns langsamer auf Reisen fortbewegen, lebten wir ges\u00fcnder. K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, weniger oder anders zu reisen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich nicht mehr mit dem Flugzeug reisen w\u00fcrde, m\u00fcsste ich weniger arbeiten. In Europa k\u00f6nnte ich anders reisen. Bei Interkontinentalfl\u00fcgen geht das nicht. Es ist auch f\u00fcr die Kameraleute nahezu unm\u00f6glich. In der Regel bestimmt der Sender die Art der Fortbewegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Es gibt da so ein Dokument, das wurde im Dezember 2015 in Paris verabschiedet. Darin hei\u00dft es \u201ePlus Zwei Grad Celsius\u201c \u2026<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kenne ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hat das eine Bedeutung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein. Das sind Absichtserkl\u00e4rungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Es wird sich also nichts \u00e4ndern? Die Menschheit wird musizierend und tanzend untergehen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-22073\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/imm013_N13.jpg\" alt=\"imm013_n13\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/imm013_N13.jpg 800w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/imm013_N13-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nur deswegen, weil wir nicht in der Lage sind, uns infrage zu stellen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sei denn, da kommen die 60 Millionen Fl\u00fcchtlinge und klopfen an unsere T\u00fcren und sagen, Dein Umweltverhalten hat dazu gef\u00fchrt, dass ich unterwegs bin. Nimm mich auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Fl\u00fcchtlinge als Herausforderung zu umweltbewusstem Handeln?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wollen wir machen? Einen Vorboten haben wir bereits bekommen. Die erste Welle kam und steckt nun in Griechenland und Italien fest. Das k\u00f6nnen wir noch mit einer knappen halben Million Menschen machen, nicht aber mit 60 Millionen. F\u00fcr mich wird das eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Muss nicht jeder bei sich selbst beginnen? Vielleicht nicht mit einem Schritt, aber \u00fcber Jahre in vielen kleinen Schritten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann bin ich in Rente. Dann schaffe ich das. Tut mir leid, dass ich nichts Besseres sagen kann. Warum haben wir Nachrichtensendungen \u00fcber Nachrichtensendungen zum Thema Terrorismus? Ich will nicht sagen, dass das nicht wichtig ist, aber wir sehen die Gefahr nicht, dass wir alle in den Abgrund laufen. Vielleicht, weil wir es nicht glauben? Vielleicht weil wir nach der Theorie von Darwin leben und meinen, das wird sich schon alles von selbst regeln? Irgendetwas in unserem Kopf macht uns blind f\u00fcr diese Gefahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Warum fehlen konkrete Konzepte, die l\u00f6sungsorientiert sind?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kennen doch das Buch von Saramago \u201eDie Stadt der Blinden\u201c. Das ist f\u00fcr mich eine gute Metapher f\u00fcr die Situation, in der wir leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Heimische Produkte einkaufen. Global denken und lokal handeln. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das machen wir schon 20 Jahre. Das ist kalter Kaffee. Der Ist-Zustand ist der des Reisens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>K\u00f6nnten Sie das Volumen Ihrer Fl\u00fcge schrittweise reduzieren? Journalisten k\u00f6nnten ihre Arbeitsmethoden grunds\u00e4tzlich einmal infrage stellen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe keine Antwort darauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vielen Dank.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"box info  \"><div class=\"box-inner-block\"><i class=\"fa tie-shortcode-boxicon\"><\/i>\n\t\t\tAktueller Film: https:\/\/www.ardmediathek.de\/daserste\/video\/reportage-und-dokumentation\/das-grosse-artensterben\/das-erste\/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIyMGM3ZjZlLTY1YTQtNDIwNi05MTI5LWFlYWNiMjBhNDk3OQ\/\n\t\t\t<\/div><\/div>\n<p><span style=\"border-radius: 2px; text-indent: 20px; width: auto; padding: 0px 4px 0px 0px; text-align: center; font: bold 11px\/20px 'Helvetica Neue',Helvetica,sans-serif; color: #ffffff; background: #bd081c no-repeat scroll 3px 50% \/ 14px 14px; position: absolute; opacity: 1; z-index: 8675309; display: none; cursor: pointer;\">Guardar<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lourdes Picareta | Filmemacher Lourdes Picareta wurde vor 58 Jahren in Santa Ir\u00eda, im tiefsten Alentejo geboren. 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