{"id":56363,"date":"2020-06-27T07:55:13","date_gmt":"2020-06-27T06:55:13","guid":{"rendered":"https:\/\/eco123.info\/de\/?p=56363"},"modified":"2020-06-27T00:13:32","modified_gmt":"2020-06-26T23:13:32","slug":"die-klimaproblematik-begleitet-uns-durchs-ganze-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eco123.info\/de\/portugal-de\/interviews\/die-klimaproblematik-begleitet-uns-durchs-ganze-leben\/","title":{"rendered":"Die Klimaproblematik begleitet uns durchs ganze Leben"},"content":{"rendered":"<div class=\"box shadow  alignleft\" style=\"width:100%\"><div class=\"box-inner-block\"><i class=\"fa tie-shortcode-boxicon\"><\/i>\n\t\t\tECO123 ist mit Dr. Per Espen Stoknes vor dem norwegischen Parlament verabredet. Er ist nicht nur Psychologe, sondern auch Wirtschaftswissenschaftler und Mitbegr\u00fcnder der Norwegian Business School, spezialisiert auf nachhaltiges, umweltvertr\u00e4gliches Wachstum. Uwe Heitkamp reist mit dem Zug (dem Garanten f\u00fcr einen niedrigen CO2 &#8211; Fu\u00dfabdruck) von Portugal nach Norwegen, um ihn dort zu treffen und mit ihm \u00fcber Luft und Klima, aber vor allem \u00fcber seinen Bestseller zu sprechen.\n\t\t\t<\/div><\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-56352\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/01_grande-entrevista-300x300.jpg\" alt=\"Oslo\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/01_grande-entrevista-300x300.jpg 300w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/01_grande-entrevista-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Steht unser Verhalten im Widerspruch zu unserem Wissen, sprechen wir von Kognitiver Dissonanz. Der Begriff bezieht sich auf einen Zustand widerspr\u00fcchlicher Gef\u00fchle, Gedanken und Verhaltensweisen, der eine unangenehme innere Spannung erzeugt, die sich nur dann l\u00f6st, wenn sich die eine oder andere Komponente \u00e4ndert und die Harmonie wiederhergestellt wird. Der norwegische Psychologe Dr. Per Espen Stoknes schreibt, dass sich viele Menschen genauso wie Raucher verhielten, wenn es um den Klimawandel gehe: Ich rauche. Ich wei\u00df auch, dass Rauchen Krebs verursacht. *<\/p>\n<p>Handeln und Wissen stehen im Gegensatz zueinander und verursachen dieses als Dissonanz bezeichnete Unbehagen: Ich k\u00f6nnte mit dem Rauchen aufh\u00f6ren, aber es ist schwer diese Gewohnheit aufzugeben, ohne meine rauchenden Freunde zu verlieren. Rauchen sie weiter, m\u00fcssen sie irgendwie mit dieser Dissonanz umgehen.<\/p>\n<p>Im Allgemeinen verfolgen Raucher dabei vier Strategien. Erstens ver\u00e4ndern sie die Wahrnehmung ihrer Realit\u00e4t. Beispielsweise k\u00f6nnten sie sich selbst einreden doch nicht wirklich viel zu rauchen: Im Vergleich zu anderen rauche ich viel weniger. Zweitens wird die Berechtigung ihrer Bedenken heruntergespielt. Es gibt keine echten Beweise, dass das Rauchen tats\u00e4chlich Krebs verursacht: Meine Tante raucht vierzig Zigaretten pro Tag und ist fit wie ein Turnschuh, aber meine andere Tante, die niemals geraucht hat, ist an Krebs gestorben. Die dritte Strategie besteht darin, zus\u00e4tzliche Faktoren miteinzubeziehen, wie zum Beispiel: Ich treibe so viel Sport, da spielt es keine Rolle, wenn ich rauche. In ihrer vierten und radikalsten Strategie k\u00f6nnen sie jeglichen Zusammenhang zwischen Rauchen und Gesundheit bestreiten und sich selbst davon \u00fcberzeugen, dass es sich bei dem sogenannten Beweis, dass Rauchen Krebs verursache, nur um Propaganda handeln w\u00fcrde: Das dient alles nur als Rechtfertigung den Leuten, die gerne andere kontrollieren und ihnen vorschreiben wollen, wie sie ihr Leben zu leben haben.<\/p>\n<p>Was die Einstellung der Menschen zum Klimawandel betrifft, folgt die kognitive Dissonanz dem gleichen Muster wie beim Rauchen. Wir haben zwei Gedanken oder Erkenntnisse: Ich habe einen gro\u00dfen CO2-Fu\u00dfabdruck und ich habe gelernt, dass CO2 zur globalen Erw\u00e4rmung f\u00fchrt. Diese beiden Begriffe passen nicht sehr gut zusammen. Sie kollidieren mit einem positiven Selbstbild und erzeugen ein Gef\u00fchl des Unbehagens.<\/p>\n<p>Um mit dieser Dissonanz fertig zu werden, scheinen dieselben vier Hauptstrategien Verwendung zu finden. Erstens kann ich sagen, dass mein Fu\u00dfabdruck unbedeutend ist und die wirklich ausschlaggebenden Emissionen von weit entfernten Orten kommen: aus China, den Vereinigten Staaten, Russland usw. Nicht ich habe Schuld, sondern die anderen &#8230; Zweitens kann ich die Bedeutung einer Erkenntnis reduzieren, indem ich anfange, sie in Frage zu stellen: Also, dass CO2 die Erw\u00e4rmung verursacht, ist nicht wirklich bewiesen. Es gab keine Erw\u00e4rmung seit &#8230; Es muss wohl die Sonne sein. Oder: Das ist alles Panikmache. Ich bin da gelassen und sehe die Dinge mit Vernunft. Auf diese Weise kann ich, falls ich gefragt werden sollte vermitteln, dass ich mir zwar Gedanken um die Erderw\u00e4rmung mache, das Thema aber keine gro\u00dfe Rolle spielt. Drittens kann ich weitere Angaben hinzuf\u00fcgen, um mich besser zu f\u00fchlen: Ich habe zu Hause eine W\u00e4rmepumpe installiert und bin auf LED-Lampen umgestiegen, so dass ich nun mit gutem Gewissen mit meiner Familie nach Thailand fliegen kann. Ich kaufe ein paar gr\u00fcne Produkte, um meine Dissonanz zu reduzieren und g\u00f6nne mir dann andere gr\u00f6\u00dfere Anschaffungen. Viertens kann ich das Ganze komplett ablehnen und leugnen: Es gibt keinen wirklichen Beweis, f\u00fcr einen Zusammenhang von CO2 und Klimawandel.<\/p>\n<p>In den meisten von uns &#8211; so schreibt Per Espen Stoknes &#8211; weckt die Botschaft der globalen Erw\u00e4rmung zun\u00e4chst eine Reihe unangenehmer Gef\u00fchle wie Unbehagen, Angst und auch Schuldgef\u00fchle. Je mehr wir der Botschaft glauben, desto schlechter f\u00fchlen wir uns, solange wir unser Verhalten nicht \u00e4ndern. Wenn wir trotz unseres Wissens unt\u00e4tig bleiben, erh\u00f6ht sich die Dissonanz. Wir k\u00e4mpfen mit diesem inneren Konflikt und fangen an, mit uns selbst zu verhandeln\u2026<\/p>\n<div class=\"box info  alignleft\" style=\"width:100%\"><div class=\"box-inner-block\"><i class=\"fa tie-shortcode-boxicon\"><\/i>\n\t\t\t\n*\u201cWhat We Think About \u2013 When We Try Not To Think About \u2013 Global Warming\u201d Chelsea Green Publishing, USA p\u00e1g. 62 e seguintes\/pp. 62 ff\n\t\t\t<\/div><\/div>\n<hr \/>\n<p><strong>Conte-me algo sobre si.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_56355\" aria-describedby=\"caption-attachment-56355\" style=\"width: 457px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-56355\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/04_grande-entrevista.jpg\" alt=\"Dr. Per Espen Stoknes\" width=\"457\" height=\"480\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-56355\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Per Espen Stoknes<\/figcaption><\/figure>\n<p>M\u00f6chten Sie mir etwas \u00fcber sich erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p>Ich bin ein Bergmensch und komme gerade aus den Bergen im Westen Norwegens zur\u00fcck, wo ich eine Woche zum Wandern war. Wir wurden mit sauberer Luft verw\u00f6hnt und von den Gletschern sprudelte frisches Wasser. Es stimmt, sie schmelzen zu schnell, aber noch scheint alles intakt und es waren auch andere Wanderkollegen unterwegs. Ich habe mich erholt und bin jetzt wieder zur\u00fcck an meinem Arbeitsplatz im Parlament, wo ich die letzten sieben Monate zugebracht habe. Aber ich hatte immer eine ambivalente Einstellung zur Politik \u2013 die habe ich immer noch \u2013 deswegen freue ich mich nun auch im n\u00e4chsten Jahr, etwas Abstand zu bekommen und mein neues Buch \u00fcber nachhaltige Wirtschaft fertigstellen zu k\u00f6nnen, ein Fachgebiet das ich auch an der Norwegian Business School unterrichte. Dort betreue ich einen Master-Studiengang in nachhaltiger Wirtschaft und bewege mich zwischen wissenschaftlicher Forschung, Schreiben, Unternehmertum sowie politischem und sonstigem Aktivismus. Das waren die \u2013 soll ich sagen saisonal bedingten? \u2013 Ver\u00e4nderungen in meinem Leben. Ich bin ein rastloser Mensch. Ich mache mir viele Gedanken, experimentiere gerne und probiere verschiedene Dinge aus, aber es gibt gewisse F\u00e4den, die ich immer wieder aufnehme, rote F\u00e4den, die auftauchen, was immer ich auch mache, und diese sind \u2013 so denke ich \u2013 mit der Psychologie unseres Verh\u00e4ltnisses zu unserem Planeten verbunden: Ein Buch \u00fcber neues Denken, Innovation, Lebensart, Technologie und M\u00f6glichkeiten, das auch den Blick auf einige \u00f6konomische und kulturelle Anthologien wirft.<\/p>\n<p><strong>Sie sind f\u00fcnfzig Jahre alt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich werde dieses Jahr einundf\u00fcnfzig.<\/p>\n<p><strong>Sie haben sowohl Psychologie als auch Wirtschaftswissenschaften studiert \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Das stimmt, es fing damit an, dass ich von Carl Jung und der archetypischen Psychologie fasziniert war \u2013 ich habe die Universit\u00e4t als Diplompsychologe verlassen. Danach habe ich mich mit Organisationsstrategie besch\u00e4ftigt, um als Berater bei speziellen Szenarien und zukunftsorientiertem Denken die Themen Umwelt und Klima in den Fokus des politischen und \u00f6konomischen Diskurses zu r\u00fccken. Ich musste dann feststellen, dass es mir unm\u00f6glich war zu ergr\u00fcnden, warum Wirtschaftswissenschaftler die Welt auf eine Art und Weise betrachten und darstellen, die mir ziemlich verr\u00fcckt und pathologisch erschien. Daher kam ich zu dem Entschluss, die \u00f6konomische Weltanschauung eingehend zu studieren und besch\u00e4ftigte mich mit \u00f6konomischen Metaphern oder den Bildern, die wirtschaftliches Denken lenken. Ich schrieb ein Buch und promovierte zu diesem Thema. Also bin ich sowohl studierter \u00d6konom als auch Psychologe, und ich tendiere dazu, meine Forschungsarbeit auf die Schnittstelle dieser beiden Bereiche zu konzentrieren, sie zusammenzubringen, aber immer im Dienst der Erde.<\/p>\n<p><em>* Carl Gustav Jung, ein Schweizer Psychoanalytiker, lebte von 1875 bis 1961.<\/em><\/p>\n<p><strong>Es gibt nur wenige Psychologen und \u00d6konomen dieser Art. Befinden Sie sich nicht auf ziemlich einsamem Posten?<\/strong><\/p>\n<p>(Lacht) Ziemlich einsam ja, aber zum Gl\u00fcck nicht ganz alleine. Es gibt eine Konvergenz zwischen den beiden Disziplinen und Psychologen, die viele Untersuchungen \u00fcber unser \u00f6konomisches Verhalten durchf\u00fchren. Das nennt man Psychologie der Wirtschaft oder Wirtschaftspsychologie. Andererseits gibt es \u00d6konomen, die sich in Richtung Psychologie bewegen und den neuen Bereich der Verhaltens\u00f6konomie ins Leben gerufen haben. Der Star auf diesem Gebiet &#8211; die Antwort der Psychologie auf den \u00d6konomen John Maynard Keynes &#8211; ist Daniel Kahneman, der f\u00fcr seine psychologischen Studien \u00fcber wirtschaftliches Verhalten auch einen Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften bekommen hat.<\/p>\n<p><strong>Wenn ich zu Ihnen kommen w\u00fcrde als Patient, der an Kognitiver Dissonanz leidet \u2013 mich der Klimawandel krank macht &#8211; wie w\u00fcrden Sie versuchen, mir zu helfen?<\/strong><\/p>\n<p>Nun, Sie kennen uns. Wir Psychologen sind darin geschult, unseren Patienten keine L\u00f6sung aufzudr\u00e4ngen, sondern sie bei ihrer Suche nach L\u00f6sungen hilfreich zu unterst\u00fctzen. Deshalb w\u00fcrde ich nicht versuchen Sie zu \u00e4ndern, sondern wir w\u00fcrden uns zusammensetzen und die Dissonanz gemeinsam erforschen. Wie \u00e4u\u00dfert sie sich in Ihrem Leben? Welche Bilder und welche Gef\u00fchle erzeugt sie bei Ihnen? Wie reagieren Sie darauf? Wie ver\u00e4ndert sie Ihr Handeln, Ihr Leben? Wie \u00e4u\u00dfert sie sich? Und nachdem wir Ihre Dissonanz behutsam erforscht haben, ohne sie zu beurteilen, ohne sie als falsch zu bezeichnen und als etwas das Sie loswerden m\u00fcssen, k\u00f6nnte ein Tiefenpsychologe dabei helfen, dass die Dissonanz als Symptom zum Ausdruck kommt, und dieses Symptom selbst dann vielleicht zur Motivation wird, etwas zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Als Fleischesser trage ich zur globalen Erw\u00e4rmung bei. In meinem Hotel gab es heute Morgen Wurst am Fr\u00fchst\u00fccksbuffet. Ich habe mich trotzdem f\u00fcr den Ziegenk\u00e4se entschieden. (Lacht) War das die richtige Entscheidung?<\/strong><\/p>\n<p>Ob das die richtige Entscheidung war oder nicht, kann ich Ihnen nicht sagen, aber diese Mahlzeit hat wohl einen geringeren \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck. Mein Bestreben ist jedoch, Menschen zu helfen, die Freuden des Lebens zu erkunden. Wenn das Nein zu dieser Wurst einen psychologischen Preis f\u00fcr Sie hat, der emotionale Spannungen hervorruft, die dann in menschliche Beziehungen \u00fcbertragen werden und Sie vielleicht w\u00fctend oder neidisch macht oder voller Boshaftigkeit oder Verachtung f\u00fcr Leute, die W\u00fcrstchen essen, dann vielleicht machen die durch den Verzicht auf die Wurst entstehenden sozialen Konsequenzen Ihren positiven wirtschaftlichen Fu\u00dfabdruck aufgrund der Wahl des Ziegenk\u00e4ses zunichte.<\/p>\n<p><strong>Ich muss mir die Wurst verkneifen, aber daf\u00fcr bekomme ich den Ziegenk\u00e4se.<\/strong><\/p>\n<p>Das kommt darauf an. Ich muss Sie fragen: Wie haben Sie sich gef\u00fchlt, als Sie heute Morgen Nein zur Wurst gesagt haben?<\/p>\n<p><strong>Dass ich auf die Wurst verzichten muss, obwohl ich doch mit ihr aufgewachsen bin.<\/strong><\/p>\n<p>Ja.<\/p>\n<p><strong>Deutsche wachsen immer mit Wurst auf.<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df.<\/p>\n<p><strong>Als ich die Wurst gesehen habe, hatte ich ihren Geschmack auf der Zunge und sp\u00fcrte, wie mir das Wasser im Mund zusammenlief und dann dachte ich &#8222;Oh, das arme Tier&#8220;. Ich habe nicht emotional gehandelt, sondern versucht mit Denkarbeit einen anderen Weg zu gehen. Aber es kommt immer wieder zu mir zur\u00fcck und l\u00e4sst mich nicht los. Ich versuche Vegetarier zu werden, weil ich \u00fcberzeugt bin, dass es wichtig ist, bei uns selbst anzufangen, anstatt mit den Fingern auf die anderen zu zeigen und zu sagen: &#8222;Wir m\u00fcssen uns \u00e4ndern&#8220;. Nein, entweder ich glaube, ich muss mich \u00e4ndern, oder ich muss mich nicht \u00e4ndern. Ich denke aber, dass es sich dabei nicht um einen Zustand, sondern um einen Entwicklungsprozess handelt.<\/strong><\/p>\n<p>Ja.<\/p>\n<p><strong>Also das war der Plan heute Morgen, mein Leben zu \u00e4ndern.<\/strong><\/p>\n<p>Und trotzdem hatten Sie gro\u00dfen Appetit auf Wurst. War es eher eine Verlockung, oder war da auch ein bisschen Bitterkeit dabei, weil Ihr Denken jetzt wieder von der Vernunft geleitet wird?<\/p>\n<p><strong>Als ich vor einer halben Stunde daran dachte, hatte ich wieder diesen Geschmack im Mund. Und ja, da war so was wie Bitterkeit, so wie ein bitterer Kaffee.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist \u00e4u\u00dferst merkw\u00fcrdig, wie wir mit Verzicht umgehen. Wann f\u00fchlt sich der Verzicht wie eine Einschr\u00e4nkung an? Und wann f\u00fchlt er sich an wie loszulassen und in ein neues Leben einzutauchen? Wir m\u00fcssen wissen, dass beide M\u00f6glichkeiten in uns stecken.<\/p>\n<p><strong>Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, dass wir etwas gewinnen m\u00fcssen, wenn wir an den Klimawandel denken, anstatt st\u00e4ndig davon auszugehen, etwas zu verlieren. Zurzeit lesen, h\u00f6ren und sehen wir immer wieder, was wir lassen sollten.<\/strong><\/p>\n<p>Genau.<\/p>\n<p><strong>Was wir weniger tun sollten und was wir anders machen sollten. Ich denke das sind Vorgaben, an die wir uns halten k\u00f6nnen oder auch nicht.<\/strong><\/p>\n<p>Mmm.<\/p>\n<p><strong>Wir haben immer noch die Entscheidungsfreiheit und k\u00f6nnen aufh\u00f6ren die Luft, die Atmosph\u00e4re unseres Planeten zu verschmutzen. Wir haben die Wahl, dies zu tun oder es zu lassen. Wir k\u00f6nnen jederzeit damit beginnen und zum Beispiel Abfall in den Abfalleimer werfen, der dann aber auf die M\u00fcllkippe geht, oder uns bem\u00fchen M\u00fcll zu vermeiden. Wir fahren auch Autos und fliegen in Flugzeugen und verschmutzen die Luft mit CO2.. Autofahren ist sch\u00f6n und bequem. Aber gleichzeitig beschleunigen wir die globale Erw\u00e4rmung. Glauben Sie, wir brauchen neue Regeln, andere Gesetze? Oder sind Sie der Meinung, dass das, was wir haben, schon ausreichend ist?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, wir brauchen unbedingt neue Regeln und neue Strukturen, die es den Menschen leichter machen, sich klimafreundlich zu verhalten.<\/p>\n<p><strong>Wie zum Beispiel?<\/strong><\/p>\n<p>Nehmen wir zum Beispiel das Auto. Wenn es g\u00fcnstiger und einfacher ist, \u00f6ffentliche elektrisch betriebene Verkehrsmittel zu nutzen, als das eigene Auto zu fahren, wird ersteres bevorzugt. Es gibt weniger Verkehr, Sie brauchen weniger Zeit und es geht schneller. Zum Beispiel habe ich ein elektrisches Fahrrad. Ich h\u00e4tte zu diesem Gespr\u00e4ch mit meinem Auto kommen k\u00f6nnen, das \u00fcbrigens auch elektrisch ist (lacht), aber ich bevorzuge immer noch mein E-Bike, weil es bequemer und einfacher ist. Auf meinem Fahrrad bin ich an der frischen Luft und f\u00fchle mich frei, weshalb es f\u00fcr mich ein Vergn\u00fcgen ist, die klimafreundliche Wahl zu treffen. Daran m\u00fcssen wir gemeinsam arbeiten. Deshalb bin ich auch in die Politik gegangen &#8211; um es den Menschen zu erleichtern, den Einsatz von Kunststoffen zu vermeiden und Einwegverpackungen nicht wegzuwerfen. Wir sollten besser Einkaufsnetze oder biologisch abbaubare Verpackungen oder Papiert\u00fcten oder was auch immer benutzen. Und dann wird es ganz einfach, keine fossilen Kunststoffe mehr zu verwenden.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen wir unsere Gesellschaft klimafreundlich umgestalten?<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-56358\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/05_grande-entrevista-300x300.jpg\" alt=\"Gersteinwerk\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/05_grande-entrevista-300x300.jpg 300w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/05_grande-entrevista-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Das ist Aufgabe der Politik. Wie wir bereits sagten, ist es wichtig, dass wir daran arbeiten uns zu ver\u00e4ndern \u2013 nicht nur wir, oder die Gesellschaft \u2013 sondern, dass auch ich selbst mich ver\u00e4ndere. Manchmal f\u00fchrt dies leider zu einer Rivalit\u00e4t untereinander und wir vertreten in bestimmten Debatten gegens\u00e4tzliche Positionen. Wenn Sie nun beispielsweise sagen, dass Sie Ihr Leben in Ordnung bringen sollten, wird vielleicht ein anderer Aktivist sagen, dass das Ergreifen individueller Ma\u00dfnahmen nicht hilfreich sei und wir kollektiv handeln m\u00fcssten. Andere wiederum vertreten die Meinung, dass es keine Rolle spiele wie oft wir fliegen, oder wieviel wir konsumieren, da eine Ver\u00e4nderung nur auf struktureller Ebene m\u00f6glich sei. Diese Menschen versuchen nicht einmal selbst etwas zu tun. Als Psychologe, der \u00fcber soziale Systeme nachdenkt, bin ich sehr neugierig und setze mich daf\u00fcr ein herauszufinden, wie sich diese beiden (oder sogar mehr) Ebenen gegenseitig st\u00e4rken k\u00f6nnen. Wie k\u00f6nnen wir es schaffen, dass sich einzelne Aktionen summieren und auf diese Weise Anstrengungen von Unternehmen, St\u00e4dten und Politikern auf nationaler Ebene st\u00e4rken, statt sie zu untergraben? Denn genau das ist die Problematik, mit der sich meine Politikerfreunde hier auseinandersetzen m\u00fcssen. (Zeigt mit dem Finger auf das Parlament)<\/p>\n<p>Sie wissen, was zu tun w\u00e4re. Sie sollten den Kohlenstoffpreis erh\u00f6hen und mehr Geld in den \u00f6ffentlichen Verkehr stecken. Sie sollten Einwegkunststoffe verbieten. Aber sie haben Angst davor, nicht wiedergew\u00e4hlt zu werden, wenn sie tun was sie tun m\u00fcssten. In meinem Buch, meinem Projekt, geht es genau um diese Problematik: Wie k\u00f6nnen wir uns effektiv um die Luft und die Erde k\u00fcmmern, und welche Gesetze sind dazu n\u00f6tig? Mit diesen k\u00f6nnen wir dann eine Handlungsbasis f\u00fcr Politiker aufbauen und ihnen Gewissheit geben, dass sie nicht Gefahr laufen ihr Amt zu verlieren, wenn sie tun, was sie tun sollten. In meinem Buch bezeichne ich dies als Machtfalle. Diese Politiker warten darauf, dass die Menschen ehrgeizigere Ma\u00dfnahmen zum Klimaschutz unterst\u00fctzen, w\u00e4hrend die Menschen darauf warten, dass die Politiker ihnen helfen, ihr Leben klimafreundlicher zu gestalten oder die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie warten auf F\u00fchrung. Also erwarten die Leute von den Politikern Initiative, und Politiker erwarten Unterst\u00fctzung von den Leuten, und hier ger\u00e4t alles ins Stocken. Es ist ein typisches Henne-Ei-Problem. Es ist ein Teufelskreis und wir versuchen ihn zu durchbrechen.<\/p>\n<p><strong>Sie sind Mitglied des Parlaments<\/strong><\/p>\n<p>Ich war der einzige Abgeordnete der Gr\u00fcnen Partei und habe meine Kollegin w\u00e4hrend ihrer Schwangerschaft vertreten.<\/p>\n<p><strong>Der Einzige?<\/strong><\/p>\n<p>In dieser Legislaturperiode, ja. Wir hatten 20.000 Stimmen zu wenig, um sieben Abgeordnete stellen zu k\u00f6nnen, weil wir &#8211; wie Sie wissen \u2013 eine vier Prozent &#8211; H\u00fcrde haben. Wenn wir vier Prozent oder mehr erreicht h\u00e4tten, w\u00e4re die Anzahl unserer Mandate dementsprechend errechnet worden. Und dann w\u00e4ren wir die Partei gewesen, die dar\u00fcber entschieden h\u00e4tte, ob der linke oder der rechte Fl\u00fcgel die Regierung \u00fcbernimmt, weshalb wir auch die K\u00f6nigsmacher genannt werden. Wir waren zwar ganz dicht dran, aber es hat nicht gereicht. Wenn Umweltschutz, gr\u00fcn und klimafreundlich zu sein f\u00fcr 20.000 Menschen ein bisschen wichtiger gewesen w\u00e4re, k\u00f6nnten wir jetzt mitregieren.<\/p>\n<p><strong>Wie kann jeder Einzelne mit seiner kognitiven Dissonanz umgehen?<\/strong><\/p>\n<p>Erstens versuche ich, die Menschen nicht daf\u00fcr zu verdammen, dass sie sind wie sie sind. Ich versuche die Gaben unserer modernen Welt anzuerkennen und zwinge niemanden, wieder in Armut zu leben.<\/p>\n<p><strong>Bleibt die entscheidende Frage: Was meinen Sie mit \u201eArmut\u201c? Sie k\u00f6nnten Ihr eigenes Kraftwerk auf Ihrem Dach haben, das Sie mit Strom versorgt, und Sie k\u00f6nnten ein Elektroauto kaufen, statt eines Diesel- oder Benzinfahrzeugs. Ihr Auto w\u00fcrde mit dem Strom Ihrer Sonnenkollektoren fahren. Als \u00d6konom w\u00e4ren Sie gl\u00fccklich, weil Sie keine Kosten, keine Ausgaben f\u00fcr Treibstoff mehr h\u00e4tten. Als Psychologe w\u00fcrden Sie gl\u00fccklich sein, weil Sie mit Ihrem Elektroauto umsonst fahren k\u00f6nnten. Also bleibt nur noch die Wurst!<\/strong><\/p>\n<p>Danke, dass Sie das gesagt haben Uwe. Das ist genau der Punkt. Wie k\u00f6nnen wir die globale Erw\u00e4rmung in Norwegen, in Portugal oder \u00fcberall stoppen? Wir r\u00e4umen ein, dass \u00d6l f\u00fcr Norwegen eine wunderbare Sache war und uns viele Vorteile gebracht hat. Aber jetzt ist es genug. Wir k\u00f6nnen das behalten, was wir bereits haben und die bestehenden \u00d6lfelder beseitigen. Dann k\u00f6nnen wir uns einfach verabschieden und &#8218;Tsch\u00fcss&#8216; sagen zu diesem Segen, der das \u00d6l f\u00fcr Norwegen war. Was die Leute jedoch h\u00f6ren, ist: &#8222;Oh, er wird unser Land wieder arm machen. Er zerst\u00f6rt Jobs. Er wird unsere Wirtschaft ruinieren &#8230; &#8220;<\/p>\n<p><strong>Das sagen die im Parlament \u00fcber Ihre T\u00e4tigkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das sind die Gef\u00fchle, die sie mit diesen Bildern zu wecken versuchen. Wie also kann ich diese Bilder von Armut, Arbeitsplatzverlusten und einer ruinierten Wirtschaft ohne Autos ersetzten durch die Bilder, die Sie gerade beschrieben haben? Zum Beispiel durch die Vorstellung mit Hilfe der Sonne, ohne Energiekosten und schlechtes Gewissen, Auto fahren zu k\u00f6nnen und sich dabei gut zu f\u00fchlen, weil wir unsere Luft nicht verschmutzen. Genau diese Bilder sollten wir vor Augen haben, sie thematisieren und verbreiten, damit sich auch andere dieses Szenario vorstellen k\u00f6nnen. Wenn dies gen\u00fcgend Menschen tun, wird das Leben viel einfacher \u2013 die Leute jedoch scheinen nicht f\u00e4hig zu sein, sich ein Leben ohne Benzin vorstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Genauso, wie sie sich ein Leben ohne Alkohol nicht vorstellen k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Oder vielleicht k\u00f6nnen sie es, aber dann\u2026<\/p>\n<p><strong>\u2026vielleicht nur ein bisschen Alkohol?<\/strong><\/p>\n<p>Genau! (lacht) Ein bisschen Benzin oder vielleicht ein kleines bisschen Wurst.<\/p>\n<p><strong>Ja genau!<\/strong><\/p>\n<p>Und wenn man dann die Wurst hat\u2026<\/p>\n<p><strong>M\u00f6chte man immer mehr\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Nein, nein, nein. Genie\u00dfen Sie es und machen Sie etwas Besonderes daraus, wenn sie die Wurst langsam kauen, den Geschmack wahrnehmen, w\u00e4hrend sich das Fett um Ihre Z\u00e4hne verteilt und sich das Wasser in Ihrem Mund mit der salzigen W\u00fcrze der Wurst vermischt, dann lassen Sie Ihren ganzen K\u00f6rper daran teilhaben. Was f\u00fcr eine wundervolle Wurst!<\/p>\n<p><strong>Zeit das Thema zu wechseln. In Ihrem Buch schreiben Sie \u201eEs gibt keine einfachen L\u00f6sungen gegen die globale Erw\u00e4rmung\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wo fangen wir an?<\/p>\n<p><strong>Merkel, Juncker, Macron und Ant\u00f3nio Costa fahren mit ihren Fahrr\u00e4dern zur n\u00e4chsten Klimakonferenz?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt nicht die eine L\u00f6sung. Wir brauchen einen Systemwechsel.<\/p>\n<p><strong>Wo fangen wir an mit dieser Ver\u00e4nderung? Was ist der erste Schritt?<\/strong><\/p>\n<p>Lassen Sie mich f\u00fcnf Schritte aufzeigen. Zu allererst: Wir verdoppeln die Wachstumsraten der erneuerbaren Energien, so dass alle von einer Gesellschaft neu genutzter Energien, aus erneuerbaren Quellen stammen. Zweitens stellen wir den gesamten Transport von fossilen Brennstoffen auf Elektrizit\u00e4t um &#8211; auf erneuerbare Ressourcen. Drittens steigern wir die Effizienz in der Industrie. Wir stellen die verschwenderischen Produktionsprozesse um, indem wir beispielsweise die entstehende Abw\u00e4rme durch effiziente Isolierung nutzbar machen. Gleiches gilt f\u00fcr Geb\u00e4ude, in denen alle Heiz- und K\u00fchlger\u00e4te nicht mehr mit fossilen Brennstoffen, sondern mit Strom betrieben werden. Besser noch als die direkte Nutzung von Strom zum Heizen und K\u00fchlen ist die Verwendung eines neu konzipierten intelligenten Systems mit W\u00e4rmepumpen. Auf diese Weise erh\u00e4lt man f\u00fcnf bis zehn Mal mehr Energie pro Kilowattstunde, als durch die direkte Erw\u00e4rmung, aufgrund besserer Isolierung und \u00e4hnlicher Faktoren. Viertens beginnen wir mit der Entwicklung und Nutzung ressourcenschonender Nahrungssysteme: Ende der Lebensmittelverschwendung, des Verbrauchs fossiler Brennstoffe und chemischer D\u00fcngemittel; wir fangen an, das Wasser und den N\u00e4hrstoffgehalt im gesamten Nahrungssystem zu verbessern. Von heute bis ins Jahr 2050 brauchen wir eine Effizienzsteigerung von mindestens einem Prozent pro Jahr. Das ist alles. Es ist absolut machbar. Die f\u00fcnfte \u00c4nderung bedeutet, volle Konzentration auf die Kreislaufwirtschaft und alles was durch unsere Produktionssysteme flie\u00dft, zu recyceln. Es muss endlich Schluss mit der Verschwendung sein.<\/p>\n<p>Mit diesen f\u00fcnf Ver\u00e4nderungen k\u00f6nnte innerhalb der Grenzen unseres Planeten eine Wirtschaft mit sauberer Luft, sauberem Wasser und \u00fcberschaubaren \u00d6kosystemen wachsen. Und darum geht es in dem Buch, an dem ich gerade arbeite. Wie beschleunigen wir diese f\u00fcnf Schritte, diese f\u00fcnf strategischen L\u00f6sungen, von denen wir wissen, dass sie ausreichen? Wir wissen was zu tun ist. Wir wissen, dass es dringend ist. Wir wissen, dass mehr und mehr dieser L\u00f6sungen profitabel sind, aber dennoch gibt es Widerstand gegen Ver\u00e4nderungen. In allen f\u00fcnf Bereichen gibt es Interessenbindungen, alte Modelle mit ihren Unterst\u00fctzern, Str\u00f6mungen, die gegen uns arbeiten. Aber wir wissen, dass in all den f\u00fcnf Bereichen ein Potential f\u00fcr mehr Wirtschaftlichkeit besteht.<\/p>\n<p><strong>Liegt die Antwort im Wind?<\/strong><\/p>\n<p>Vielen Dank. Das gesamte Klimakonzept beinhaltet die Messung durchschnittlichen Wettergeschehens w\u00e4hrend unterschiedlichster Zeitr\u00e4ume. Es wird in Zahlen, Celsius, Temperatur, Feuchtigkeit und CO2-Konzentrationen festgehalten. Das hei\u00dft, die Auseinandersetzung mit dem Klima findet auf einer theoretischen Ebene statt, sehr mathematisch, physisch nicht greifbar und unsichtbar. Wissenschaftler sagen, dass man das Klima nicht f\u00fchlen k\u00f6nne, weshalb es f\u00fcr viele Menschen im Allgemeinen schwierig ist, einen Bezug dazu herzustellen. Daher hat ein Teil meiner Arbeit (insbesondere das, was nicht nur empirischer, psychologischer oder aktivistischer Natur ist) mit der Erforschung des Klimas auf einer existenzielleren Ebene zu tun. Wie k\u00f6nnen wir das Klima f\u00fchlen, wie k\u00f6nnen wir einen tiefen emotionalen Bezug dazu herstellen? Denn wenn wir mit dem Klima arbeiten, wird uns dies ein Leben lang begleiten. Wir k\u00f6nnen das Klima nicht n\u00e4chste Woche reparieren und dann zum n\u00e4chsten Thema \u00fcbergehen. Es ist etwas, das uns immer besch\u00e4ftigen wird. Viele Menschen werden zu Klimaaktivisten und machen sich dabei kaputt, ohne einen Erfolg zu erzielen. Sie m\u00fcssen sich erholen und Wege finden, zu regenerieren. Deshalb m\u00f6chte ich dieses Thema zusammen mit einigen anderen \u00d6ko-Philosophen wieder in den Fokus r\u00fccken, um die Luft sp\u00fcren zu k\u00f6nnen, von der Luft ern\u00e4hrt zu werden, einen Bezug zur Luft zu haben und auf ganz spezielle Weise \u00fcber die Luft zu sprechen. Auf eine Weise, die der Luft Respekt zollt, f\u00fcr das was sie ist und tut. Denn wir haben auf der einen Seite das Klima und seine Abstraktionen und dann gibt es auch noch diesen wissenschaftlichen Reduktionismus. Wir k\u00f6nnen sagen, dass die Luft 21% Sauerstoff, 78% Stickstoff und weniger als ein Prozent Argon ist &#8230; und so wenig wie 0,04% CO2, Methan und Helium. Sie ist also nur eine Mischung aus passiven atomaren Molek\u00fclen, und auch das bedeutet nicht viel f\u00fcr die Menschen.<\/p>\n<p><strong>Wir alle kennen unsere K\u00f6rpertemperatur und wissen wann wir Fieber haben. Wenn ich wei\u00df, wie es sich anf\u00fchlt in einem 40 Grad warmem K\u00f6rper zu leben, dann wei\u00df ich, was Fieber bedeutet, und ich wei\u00df, dass ich krank bin. Mir geht es nicht mehr gut. Auch wenn ich einen zu hohen Blutdruck habe, f\u00fchle ich mich deswegen sehr krank.<\/strong><\/p>\n<p>Ja.<\/p>\n<p><strong>Also, wird dies unsere Zukunft auf der Erde sein?<\/strong><\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt Ihre Herangehensweise an die Frage, weil Sie die Luft und das Klima mit dem menschlichen K\u00f6rper in Verbindung bringen. Im Fall des Klimawandels scheint ein Anstieg der globalen Oberfl\u00e4chentemperatur um ein Grad pro Jahrhundert nicht viel zu sein, sprechen wir aber von einem Anstieg des Fiebers um ein Grad, dann verstehen wir pl\u00f6tzlich. Das Element Luft ist f\u00fcr uns Menschen etwas ganz Besonderes. Wir werden in die Luft geboren und das f\u00fchlt sich f\u00fcr uns ganz normal an. Wir denken einfach nicht dar\u00fcber nach. Sie ist sozusagen der unsichtbare Hintergrund unseres t\u00e4glichen Lebens und wir sprechen selten dar\u00fcber, obwohl wir manchmal sagen: `Oh, wie sch\u00f6n ist die Luft heute, was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Geruch liegt heute in der Luft\u00b4. Oder fr\u00fch morgens die frische Morgenluft oder manchmal, wenn ein Wind aufkommt\u2026<\/p>\n<p><strong>\u2026 oder Feuchtigkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Die Luftfeuchtigkeit\u2026 Es handelt sich aber immer noch um etwas, das irgendwie au\u00dferhalb von uns ist. Also da bin ich, und dann ist da noch das Au\u00dfenrum. Da drau\u00dfen gibt es die Luft und die Atmosph\u00e4re und die Molek\u00fcle. Gewiss beginnt diese k\u00fcnstliche Dualit\u00e4t mit der modernen Meditationsbewegung und der zunehmenden Anzahl von Menschen, die auf ihre Atmung achten und anfangen \u00fcber das Atmen nachzudenken, aufzubrechen. Und je mehr wir das tun &#8211; je mehr wir \u00fcber das Atmen nachdenken &#8211; desto besser verstehen wir, dass uns der Zigarettenrauch von der Dame gegen\u00fcber unangenehm ist. Je mehr uns bewusst wird, dass die Luft alles \u00fcbertr\u00e4gt und uns mir der Welt verbindet und sie f\u00fcr uns in jedem Moment erlebbar macht, desto besser verstehen wir dieses Geheimnis. Das geschieht auf eine sehr konkrete Art und Weise, es passiert im Hier und Jetzt und macht alle Empfindungen m\u00f6glich. Die Luft tr\u00e4gt die Rauchschwaden und deren Geruch zu uns und sie \u00fcbertr\u00e4gt Wellen \u2013 Schallwellen, Musik und jetzt gerade meine Stimme. Dadurch wird meine Stimme, die Luftbewegung in mir auf die Luft au\u00dferhalb meines K\u00f6rpers \u00fcbertragen und findet ihren Weg in dieses kleine schwarze Ding hier (das Mikrophon) und ver\u00e4ndert die innere Struktur. Die Luft erm\u00f6glicht die Kommunikation zwischen uns beiden, sie verbindet mich mit den Menschen in Oslo und auf der ganzen Welt auf einen direkte, begreifbare und sinnliche Weise. Durch dieses Wirken entsteht meine Lebenswelt, wie der Ph\u00e4nomenologe sagen w\u00fcrde. Selbst der beste Lebensplan bleibt eine abstrakte Sache, aber meine Lebenswelt ist die Welt, in der ich mich real befinde. Es geht nicht einerseits um die Welt da drau\u00dfen und andererseits um mich hier drinnen, sondern darum, was ich in der Welt bin und welchen Platz ich in ihr einnehme. In unserem ganzen Leben ist die Luft ein zentraler Faktor, unser Dasein ist von ihr umwoben, durch sie entwerfen wir unser Weltbild, stellen Verbindungen her und formen die Welt. Und wir haben nur zehn km Luft \u00fcber uns. Das ist alles. Die Luftschicht ist erstaunlich d\u00fcnn. In meinem TED-Talk benutze ich gerne das folgende Beispiel: Wenn wir die Gr\u00f6\u00dfe des Planeten Erde mit der Gr\u00f6\u00dfe des Universums vergleichen, ist die erdumgebende Luftschicht viel d\u00fcnner als die Schale eines Apfels im Verh\u00e4ltnis zu seiner Gesamtgr\u00f6\u00dfe. Es ist also nur ein \u00e4u\u00dferst d\u00fcnner Film, nichtdestotrotz sehr aktiv und voller Informationen und Zusammenh\u00e4nge. Durch ihn werden alle Netzwerke erst m\u00f6glich \u2013 alle Konversationen, alle Radio\u00fcbertragungen, jegliche Verbreitung von T\u00f6nen und Ger\u00fcchen. All diese Dinge werden jeden Tag simultan \u00fcbertragen, ohne dass uns dies bewusst wird und wir daf\u00fcr dankbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p><strong>Unsere Existenz ist mit dem Klima verbunden.<\/strong><\/p>\n<p>Ich betrachte das Klima gern als die lebendige Luft und diese Luftschicht ist wie ein erweiterter Geist, wie ein erweitertes Bewusstsein. Denn: Was ist mein Geist? Nat\u00fcrlich ist er mit meinem Gehirn verbunden. Das wissen wir \u2013 aber wei\u00df ich auch, ob mein Geist nur in den Grenzen meines Gehirns existiert? Oder ist das Gehirn vielleicht nur ein Hilfsmittel um an einem h\u00f6heren, in der Luft liegenden Bewusstsein teilhaben zu k\u00f6nnen? Manchmal, wenn ich im Wald oder in einer Stadt zwischen den Geb\u00e4uden spazieren gehe, gelingt es mir mich loszul\u00f6sen und ich f\u00fchle mich mit diesem erweiterten Gehirn, diesem h\u00f6heren Bewusstsein verbunden und dessen interne Signale existieren auch in mir selbst. Aber vielleicht gibt es noch viel mehr Signale, die zu jeder Zeit von der Luft \u00fcbertragen und von ihr konfiguriert werden. Wenn ich also im Wald spazieren gehe, mag ich das Gef\u00fchl mit dem Gehirn des Waldes verbunden zu sein. Die Art und Weise, wie die B\u00e4ume miteinander sprechen, ver\u00e4ndert die Konversation in der Luft, ihre Bewegungsweise und ihren Klang. Wenn ich durch den Wald gehe und atme, werde ich Teil dieses Bewusstseins, dieser Einheit mit all den anderen Bewohnern der Luft.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob das etwas f\u00fcr ECO123 ist, aber ich glaube \u2013 und das ist nichts Neues, sondern eine uralte Erkenntnis &#8211; dass die Luft ein aktiver Mitsch\u00f6pfer meines und Ihres Lebens, eines jeden Lebens ist. Sie ist eine unabdingbare Grundvoraussetzung f\u00fcr ein gutes Leben, um eine lebensbejahende positive Einstellung zu haben, konstruktiv und kreativ zu sein. Das betrifft auch die Auseinandersetzung mit Klimafragen, weil es keinen Zeck hat, all diese Anstrengungen im Parlament und in der Wirtschaft durchzumachen und gegen Waldbr\u00e4nde oder was auch immer zu k\u00e4mpfen, wenn ich nicht diese besondere pers\u00f6nliche Beziehung zur Luft habe. Auch wenn dies nur um meiner selbst willen ist. Ich wei\u00df, ich bin Narzisst, aber ich m\u00f6chte mich von der Luft durchstr\u00f6men und mich selbst heilen lassen, das Leben gut und gesund erhalten, so wie es in den letzten vielleicht vier Milliarden Jahren gewesen ist. Wir wissen nicht genau, wann die ersten Einzeller auftauchten und anfingen, die Luft zu ver\u00e4ndern, aber seitdem hat die Luft sich um sich selbst gek\u00fcmmert. Und es ist unglaublich, dass genau diese Beschaffenheit der Luft \u2013 mit ihren verschiedenen Anteilen &#8211; uns oder der Erde das Leben erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Ist das wirklich nur ein Zufall? Ich finde es erstaunlich, dass kein anderer Planet genau diese Bedingungen hat. Wie kann das sein? Wenn es Leben auf dem Mars g\u00e4be, w\u00fcrde es sich zeigen. Es w\u00fcrde Spuren von Molek\u00fclen geben, die mit dem Leben interagieren. In gewisser Weise w\u00fcrde dann die Luft auf dem Mars gen\u00e4hrt werden und h\u00e4tte auch das Leben beeinflusst, so wie wir es hier auf der Erde haben. Weil die Erde der einzige Planet ist, mit einer chemisch instabilen Zusammensetzung der Luft: das hei\u00dft, hier ist Aktivit\u00e4t, hier passiert etwas. Die Luft l\u00e4sst uns sehen und f\u00fchlen, dass das Leben weitergeht. Das ist das Gef\u00fchl der lebendigen Luft. Wie die Erde sich um die B\u00e4ume k\u00fcmmert, wie die Luft mich umgibt, wie sie meinen K\u00f6rper gerade mit genau dem richtigen Druck h\u00e4lt &#8230; ohne ihre Unterst\u00fctzung w\u00fcrde ich explodieren. Ich kann nur existieren, weil die Luft meine Haare, meine Haut, meine Augen an Ort und Stelle h\u00e4lt und mir jede Sekunde das gibt, was ich zum Leben brauche. Ich bin ein Luftwesen, und nicht nur ich strenge mich an, das Klima und den Planeten zu retten, sondern ich bin wirklich Teil dieses lebendigen, atmenden gro\u00dfen Ganzen, das sich um sich selbst k\u00fcmmert. Und mit diesem gr\u00f6\u00dferen Wesen in Einklang zu sein, bringt mir eine gro\u00dfe Motivation und einen tiefen Sinn f\u00fcr Zufriedenheit, Gl\u00fcck und Freude. Wie eine Party, ein Fest der lebendigen Luft. Ich wei\u00df, dass es Leid gibt, ich wei\u00df nat\u00fcrlich, dass es Schmerz in der Welt gibt, aber da ist immer die Luft &#8211; endlos, immer ihre Magie entfaltend. Und \u00fcber das Geheimnis der lebendigen Luft zu sprechen, etwas, das nicht aus einer anderen Welt ist, sondern etwas so konkretes, physisches, das ist der Schl\u00fcssel f\u00fcr diejenigen, die an der Klimabewegung beteiligt sind und wird ihnen glaube ich dabei helfen, die Luft nicht weiter zu verschmutzen.<\/p>\n<p>Vielen Dank.<\/p>\n<div class=\"clear\"><\/div><div class=\"author-info\"><img decoding=\"async\" class=\"author-img\" src=\"https:\/\/i1.wp.com\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Uwe-Heitkamp.png?w=618\" alt=\"\" \/><div class=\"author-info-content\"><h3>Uwe Heitkamp (60)<\/h3>\n\t\t\tausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gr\u00fcnder von ECO123.\n\t\t\t<\/div><\/div>\n<div class=\"box info  \"><div class=\"box-inner-block\"><i class=\"fa tie-shortcode-boxicon\"><\/i>\n\t\t\tDas Interview mit Dr. Per Espen Stoknes wurde am Donnerstag dem 2. August 2018 in Oslo gef\u00fchrt.\n\t\t\t<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steht unser Verhalten im Widerspruch zu unserem Wissen, sprechen wir von Kognitiver Dissonanz. Der Begriff bezieht sich auf einen Zustand widerspr\u00fcchlicher Gef\u00fchle, Gedanken und Verhaltensweisen, der eine unangenehme innere Spannung erzeugt, die sich nur dann l\u00f6st, wenn sich die eine oder andere Komponente \u00e4ndert und die Harmonie wiederhergestellt wird. 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