{"id":5956,"date":"2013-12-20T04:22:13","date_gmt":"2013-12-20T04:22:13","guid":{"rendered":"http:\/\/eco123.info\/?p=5956"},"modified":"2014-04-29T13:22:17","modified_gmt":"2014-04-29T13:22:17","slug":"es-gibt-kein-richtiges-leben-im-falschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/eco123.info\/de\/portugal-de\/report\/es-gibt-kein-richtiges-leben-im-falschen\/","title":{"rendered":"Es gibt kein richtiges Leben im Falschen&#8230;"},"content":{"rendered":"<div class=\"box shadow  alignleft\" style=\"width:95%\"><div class=\"box-inner-block\"><i class=\"fa tie-shortcode-boxicon\"><\/i>\n\t\t\tJournalisten besorgen sich Informationen, um eine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Diese Geschichte beginnt an einem fr\u00fchen Dienstagmorgen im Oktober mit einer Fahrt zum Bahnhof. Dichter Regen f\u00e4llt, so dass die Scheinwerfer des Kleinwagens die Stra\u00dfe von Monchique nach Santa Clara in diffuses Licht tauchen. Wind r\u00fcttelt am Chassis. Eine Kurve nach der anderen f\u00fchrt die schmale Nationalstra\u00dfe 266 durch den Eukalyptuswald und die Berge nach Norden: eine nicht enden wollende Fahrt einsam durch industrialisierte Natur. Ein Journalist beabsichtigt, den Morgenzug nach Lissabon zu nehmen. Dort m\u00f6chte er den f\u00fcr Investitionen verantwortlichen Vorstand der Aktiengesellschaft Semapa SGPS treffen. Jos\u00e9 Miguel Paredes residiert in der Avenida Fontes Pereira de Melo N\u00b0 14, 16. Stockwerk. ECO123 recherchiert die Zusammenh\u00e4nge, die zwischen dem Wachstum der Papierindustrie durch Ausbeutung der Ressource Eukalyptus und der H\u00e4ufung von Waldbr\u00e4nden bestehen. Die Frage lautet: Was muss und was kann Portugal tun, um Waldbr\u00e4nde in den kommenden Jahren zu verhindern?\n\t\t\t<\/div><\/div> <div class=\"clear\"><\/div><div style=\"margin-top:10px; margin-bottom:10px;\" class=\"divider divider-normal\"><\/div> <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5948 alignleft\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/DSCN2694-300x225.jpg\" alt=\"Portucel entrada de eucaliptus\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/DSCN2694-300x225.jpg 300w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/DSCN2694-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Im Alfa Pendular. Mit einer Emission von nur vier Kilogramm CO2, l\u00e4sst der Journalist den S\u00fcden Portugals bei 220 km Fahrtgeschwindigkeit an sich vorbeigleiten und rekapituliert. Vor einigen Tagen hatte er seinen alten Anzug aus dem Kleiderschrank geholt und gepr\u00fcft, ob er f\u00fcr diese Mission noch taugen w\u00fcrde. Er braucht einen tadellos sitzenden Anzug. Denn er schl\u00fcpft in die Rolle des reichen Investors. Es ist ein Test. Mit ihm rechnet er sich bessere Chancen auf Informationsbeschaffung aus. Denn wer als Journalist einen Interviewtermin beim Vorstandschef eines b\u00f6rsennotierten portugiesischen Unternehmens erhalten m\u00f6chte, muss den obligatorischen Hofknicks machen, gute Beziehungen zu einem Dutzend Familien des Geldadels besitzen und seine Fragen vorher schriftlich einreichen &#8211; oder er wird abgewiesen. Gute, unabh\u00e4ngige Journalisten haben in Portugal kein leichtes Leben. Zu viele Schreiberlinge packtieren noch immer mit den M\u00e4chtigen, sind genauso empf\u00e4nglich f\u00fcr Geschenke wie die gro\u00dfe Anzahl der Politiker in den Parlamenten. Seit mehr als 30 Jahren recherchiere und schreibe ich unbestechlich und bin mir bewusst, dass der investigative Journalismus immer am Rand der Legalit\u00e4t balanciert. Wer aber nichts riskiert, hat bereits kapituliert. Immerhin versucht sich zur gleichen Zeit ein zweites ECO123 Team am konventionellen Weg \u00fcber die Pressestelle, um Zugang zu Informationen zu erhalten. Ich habe ihnen eine Wette angeboten. F\u00fcr mich ist klar, dass wir am Ende des Tages, zu Redaktionsschluss wieder nur mit leeren H\u00e4nden dastehen w\u00fcrden. Ich m\u00f6chte das Alfatier, den Vorstandsvorsitzenden der Semapa SGPS, Senhor Pedro Mendon\u00e7a de Queiroz Pereira interviewen. Ich m\u00f6chte wissen, ob seine Wahl der Mittel, ganz Portugal mit Eukalyptusplantagen zu \u00fcberziehen, den Zweck rechtfertigt, Papier herzustellen, nur um Geld zu verdienen? Dar\u00fcber hinaus hat ECO123 sich vorgenommen, ganz unspektakul\u00e4r die Papierherstellung in einer Tochtergesellschaft, der Holz- und Papierfabrik der Portucel\/Soporcel, in S\u00e9tubal zu dokumentieren. Ob die Corporate Communications Abteilung eine Besichtigung genehmigt?<\/p>\n<h2>Mit Schulden in die Zukunft?<\/h2>\n<p>Kurz vor S\u00e9tubal kommt der Fahrgast in den Genuss des Faule-Eier-Geruchs, der von der Holz- und Papierm\u00fchle der Portucel Aktiengesellschaft her\u00fcber weht. Genau die will er besichtigen und sich einmal anschauen, wie die 300.000.000 Euro, die letztes Jahr bei Banken-Spekulanten eingesammelt wurden, aktuell angelegt werden. Die Semapa SGPS hatte in 2012 \u00fcber Barclays und die Bank BPI einen in \u20ac 1.000 gest\u00fcckelten Schuldschein aufgelegt, der selbst in der Wirtschaftskrise \u2013 in der Portugal sich derzeit befindet &#8211; das Doppelte dessen erreichte, was man sich am Markt einzusacken vorgenommen hatte, n\u00e4mlich nur 150.000.000 Euro, um darauf satte 6,85% Zinsen zu zahlen. Ein attraktives Lockangebot f\u00fcr Zocker, noch mehr Eukalyptus in Portugal und in Zukunft auch Eukalyptus in Mozambik anzubauen und damit das weltweite Risiko f\u00fcr noch mehr Waldbr\u00e4nde anzuheizen. Bereits in Jahr lang analysiert der Journalist den nachhaltigen Wert dieses multinational aufgestellten Unternehmens und seiner wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten. Die Semapa SGPS ist ein Global Player, die weltweite Nummer F\u00fcnf und Europas F\u00fchrer in der Holz- und Papierverarbeitung (Portucel\/Soporcel), produziert Zement (Secil) und betreibt Kadaver- und M\u00fcllverwertung (ETSA) zu Tierfutter. Die Semapa SGPS ist f\u00fcr f\u00fcnf Prozent aller Export-Erl\u00f6se Portugals verantwortlich und ihre Tochterfirmen z\u00e4hlen zu den Steuerzahlern, die sich eine Regierung w\u00fcnschen kann. Die Portucel\/Soporcel jedoch verantwortet den portugiesischen Eukalyptusanbau und seine stete Expansion sowie seine vielseitigen \u00f6kologischen Risiken, inklusive Waldbrand. Eukalyptus ist das \u00d6l, das ins Feuer der Waldbr\u00e4nde Portugals gegossen wird. Die W\u00e4lder speisen eine Papierindustrie mit einem Gesch\u00e4ftsvolumen von 1,9 Milliarden Euro in 2012. Trotz der imposanten Zahlen ist es ein fragiles Gesch\u00e4ft, einem Kartenhaus vergleichbar. Man beutet skrupellos die Ressourcen der Natur mit Finanz-, Kredit- und Wachstumshilfen tausender Investoren aus (EU Subventionen nicht mit eingerechnet), von denen viele gar nicht so genau wissen, in was sie ihr wirklich Geld gesteckt haben. Die Semapa SGPS muss n\u00e4mlich bis 2016 mindestens 475 Millionen Euro an Schuldverschreibungen plus Zinsen, zur\u00fcckzahlen, diverse Kredite bei Banken noch nicht mitgerechnet. In dieses Dunkel m\u00fcsste mehr Licht fallen, die Aufgabe f\u00fcr einen Journalisten. Der Morgenzug passiert die Br\u00fccke des 25. April \u00fcber den Rio Tejo und seine wunderbare Aussicht auf das bienenhaft flei\u00dfige Lissabon mit seinem regen Wirtschaftsleben in den Hafenanlagen von Alcant\u00e1ra und Bel\u00e9m. In ein paar Minuten wird der Journalist am Bahnhof Entrecampos aussteigen. Die Krawatte ist gut gebunden, ein letzter Blick in den Spiegel gen\u00fcgt und der vermeintliche Investor steigt zufrieden aus dem Zug.<\/p>\n<h2>Das alles nur f\u00fcr ein Blatt Papier?<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5950 alignleft\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Portucel-Directors-01-274x300.jpg\" alt=\"Portucel-Directors\" width=\"274\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Portucel-Directors-01-274x300.jpg 274w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Portucel-Directors-01.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 274px) 100vw, 274px\" \/>Das kleine Konferenzzimmer im 16. Stockwerk, vier mal f\u00fcnf Meter, ist g\u00e4nzlich mit Holz ausgekleidet. Dicke schalldichte W\u00e4nde, Doppelfenster gegen den L\u00e4rm der Stra\u00dfe, tiefe Teppichb\u00f6den, eine dunkelrote Polstergarnitur und ein Tisch mit vier auf alt getrimmten St\u00fchlen, auch aus Holz. Plastikfl\u00e4schchen mit Tafelwasser stehen auf dem Tisch. Nach zwanzig Minuten Warten tritt Manager Jos\u00e9 Miguel Paredes durch eine zweite separate T\u00fcr leise ins Zimmer. Er stellt sich vor, ein gro\u00dfgewachsener, schlanker Mann gekleidet in gutem Tuch, nahe der Pensionsgrenze. Der Investor \u00fcberreicht seine Visitenkarte, wie es das ungeschriebene Protokoll m\u00f6chte, wenn man sich fremd ist. Er erh\u00e4lt die Karte des anderen. Man setzt sich und beginnt mit Small talk. Die Klagen \u00fcber die Rezession, die Finanzkrise und wie sch\u00f6n es doch noch vor einigen Jahren gewesen sei, als die Secil AG, die zweite Tochterfirma der Semapa SGPS, noch 11 Millionen Tonnen Zement pro Jahr verkaufen konnte. Aber das alles sei Geschichte. In der Zwischenzeit gehe man von einer Verkaufsmenge von aktuellen 2,8 Millionen Tonnen aus. Ist Portugal, speziell die Algarve nicht schon genug betoniert? Der Investor wei\u00df genau, wohin er m\u00f6chte und bringt das Gespr\u00e4ch auf die Papierproduktion der Tochterfirma Portucel\/Soporcel in S\u00e9tubal. Ob man einmal einen von der Semapa SGPS verwalteten Eukalyptuswald, ob man auch einmal die Baukschule mit den geklonten Setzlingen besichtigen k\u00f6nne, fragt er Jos\u00e9 Miguel Paredes w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs. Da g\u00e4be es eigentlich nicht viel zu besichtigen, entgegnet dieser mit einem freundlichen L\u00e4cheln und erg\u00e4nzt: \u201eSie m\u00fcssen nur ein wenig mit dem Wagen durch die W\u00e4lder unseres Landes fahren, dann sehen sie den Eukalyptus \u00fcberall.\u201c Stimmt, denkt der Investor, im Monchique Gebirge der Algarve sind jetzt schon 76 Prozent des gesamten Baumbestandes mit dieser Pest bepflanzt. Das Gebirge von Monchique brannte 2003 ab, das Gebirge von Caramulo im vergangenen Sommer. Das Investoreninteresse liegt bei den neuartigen geklonten Eukalyptussetzlingen, mit der die Portucel\/Soportecel das Land gerade \u00fcberschwemmt. Im Gegenzug fragt Jos\u00e9 Miguel Paredes geschickt, wie viel Kapital man wo und wie anlegen wolle? F\u00fcr wen man arbeite? Der Investor entschuldigt sein schlechtes Portugiesisch und wirft selbst die Angelleine aus. Zwischen zehn und 50 Millionen k\u00f6nnten es schon werden. Eine W\u00e4hrung erw\u00e4hnt er vorsichtshalber nicht. Das aber hinge sehr davon ab, welche anderen Projekte er als wirtschaftlich sinnvoll empfehlen k\u00f6nne. Ob man vielleicht zu Beginn einmal die Holz- und Papierfabrik in S\u00e9tubal besichtigen k\u00f6nnte? Man wolle ja auch wissen, in was man da Zeit und Geld investiere\u2026<\/p>\n<h2>Die kreative Zerst\u00f6rung unserer Erde?<\/h2>\n<p>Szenenwechsel. Zwei Wochen sp\u00e4ter. Alle paar Minuten erreichen die mit Eukalyptusholz vollgeladenen LKWs, das weitl\u00e4ufige Gel\u00e4nde. Schon am Eingang der Papierfabrik werden die Besucher und Investoren darauf hingewiesen, dass innerhalb des Gel\u00e4ndes gefilmt wird. Was die d\u00fcrfen, k\u00f6nnen wir auch, erwidert der Kollege l\u00e4chelnd und schaltet seine versteckte TV Kamera ein. (Den Kurzfilm finden sie auf www.eco123.info) Sofia Almeida von der Corporate Communication und Cid\u00e1lia Torre Abreu die verantwortliche Leiterin der Papier-Qualit\u00e4tskontrolle begr\u00fc\u00dfen den vermeintlichen Investor und seinen Assistenten an der Sicherheitsschleuse. Im Besucher-Kleinbus werden die Beiden \u00fcber das weitl\u00e4ufige Gel\u00e4nde chauffiert. Von einer Reihe wartender Lastwagen, von denen wochentags 25 Trucks allein aus Monchique stammen, wird der Eukalyptus abgeladen. Der Investor erf\u00e4hrt, dass er zuerst geschreddert wird, die Holzschnitzel dann in einem Kochprozess chemisch behandelt werden. Durch zw\u00f6lf- bis f\u00fcnfzehnst\u00fcndiges Kochen werden sie dann von den Inkrusten, unerw\u00fcnschten Holzbestandteilen, Begleitstoffen von Zellulose, getrennt. Es gibt Natron-, Sulfit- und Sulfatverfahren, die nach den eingesetzten Kochchemikalien unterschieden werden. Restlignin f\u00e4rbt den Zellstoff nach dem Kochen gelblich bis braun. Er muss gereinigt und gebleicht werden. Restlignin und andere unerw\u00fcnschte Stoffe werden beim Bleichen herausgel\u00f6st, chemische Aufhellung beseitigt Verf\u00e4rbungen. Der gesamte Prozess ist hochtoxisch, die chemischen Abscheidungen vergiften sowohl Gew\u00e4sser, als auch Erde und besonders die Luft. Der gebleichte Zellstoff (Zellulose) wird hernach entw\u00e4ssert, der Pulp direkt in dicken Rohrleitungen zu Papierrollen in die Fabrik geleitet und aufgewickelt\u2026.<\/p>\n<h2>Business mit Greenwashing und Orwell?<\/h2>\n<p>Durch die Schaltzentrale werden Investor und Assistent in den Showroom geleitet. Hier wird das Produkt pr\u00e4sentiert, bl\u00fctenwei\u00dfes Papier. Die Marken Navigator, Pioneer, Inacopia, Discovery etc. sind kommerzielle Renner. Prestigetr\u00e4chtige EU-Eco und FSC-Label prangen gro\u00df auf jeder Verpackung. Greenwashing? Eukalyptus aus Monchique f\u00fcr den Export in die Welt? Tausende Meter von wei\u00dfen Papierbahnen flie\u00dfen mit hoher Geschwindigkeit durch und \u00fcber Rollen in die Fabrik hinein, wo das Papier aufgespult wird. M\u00e4nner in wei\u00dfen Kitteln eilen von A nach B, andere sitzen vor einer riesigen Scheibe wie im Kontrollturm eines Kraftwerks vor Monitoren und verfolgen das Rasen der Maschinen und die Arbeit der wenigen Mitarbeiter. Man erh\u00e4lt Ohrenst\u00f6psel und tritt aus einem klinischen Labor in die Werkshallen der modernen Fabrik. Kameras \u00fcberwachen alles und jede Bewegung. Auf einer \u00fcberdimensionalen Fotowand, der die heile Welt eines Eukalyptuswaldes suggeriert, steht die Losung: \u201eDie Zukunft gestalten, bedeutet die Tr\u00e4ume in die Wirklichkeit umsetzen\u201c (Original: Construir o futuro &#8211; Perseguir o sonho &#8211; Torn\u00e1-lo realidade) Die Vorstellung, hier arbeiten zu m\u00fcssen, jede Bewegung von Kameras aufzeichnen, \u00fcberwachen und kontrollieren zu lassen, offenbart die Philosophie eines Konzerns, der eher Lenins These: \u201eVertrauen ist gut, Kontrolle besser\u201c anwendet. Ein Arbeitsschlitten nach dem anderen, beladen mit Papierrollen, drei Tonnen schwer, ohne Menschen, nur von Computern und ihrer Software gesteuert, rollt durch die Werkshallen der Papierfabrik und beliefert Roboter. Diese drehen ihre Arme wie Marionettenkr\u00e4ne in einer orange leuchtenden Atmosph\u00e4re. Sie heben die Rollen von ihren Schlitten und in die daf\u00fcr vorgesehenen Maschinen, in der das Papier auf Normgr\u00f6\u00dfe zugeschnitten wird: A4, A3 f\u00fcr den europ\u00e4ischen, andere Normen f\u00fcr die amerikanischen und asiatischen Verbraucher. An einer anderen Maschine werden Papierrollen mit einem braunen Umschlag versehen und f\u00fcr Druckereien des Buchdrucks versandfertig gemacht\u2026<\/p>\n<h2>Money Makes The World Go Round?<\/h2>\n<p>Die Investoren werden \u00fcber kilometerlange Wege durch die klinisch sauberen Werkshallen der Portucel-Papierfabrik in S\u00e9tubal gef\u00fchrt. Die verantwortliche Leiterin der Papier-Qualit\u00e4tskontrolle zeigt ihnen, den zuk\u00fcnftigen Investoren stolz die Produkte des Konzerns, wie und woraus sie hergestellt werden und dass grunds\u00e4tzlich nur nach erfolgter Bestellung produziert werde. Man vermeide Lagerhaltung, das sei kostenintensiv und wenig \u00f6konomisch. Im vergangenen Jahr habe man erstmals 535.000 Tonnen Papier hier hergestellt, sieben Prozent mehr Papier, als die Maschinen technisch hergeben w\u00fcrden. \u201eWir arbeiten 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr mit insgesamt f\u00fcnf Teams.\u201c Man m\u00fcsse sich auf Urlaub, Krankheit und anderes menschliches Versagen immer vorbereiten. Der Bedarf nach Papier sei enorm. Innerhalb von vierzig Jahren habe sich der weltweite Papierverbrauch um 400 Prozent erh\u00f6ht. Immer mehr dienstleistende Menschen, immer mehr Computer, immer mehr B\u00fcroarbeit st\u00fcnden immer weniger arbeitenden Menschen in traditionellen Berufen gegen\u00fcber. Stolz wird betont, dass Portucel\/Soporcel Marktf\u00fchrer in Europa sei und weltweit der f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte Papierproduzent \u2026.<\/p>\n<h2>Stinkt Geld?<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-5951\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/portucel-entrada-300x225.jpg\" alt=\"portucel-entrada\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/portucel-entrada-300x225.jpg 300w, https:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/portucel-entrada.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/> Im Industriegebiet Mitrena, direkt am Meer in S\u00e9tubal gelegen, wo 120.000 Menschen leben, besch\u00e4ftigt die Fabrik rund 1.200 Mitarbeiter. In der Papierfabrik in Figueira da Foz und in der Zellulosefabrik Cacia n\u00f6rdlich von Aveiro, arbeiten weitere 1.000 Arbeiter. Wohin auch immer die Abluft aus den Schornsteinen dieser Fabriken getragen werden, die Bewohner der n\u00e4heren Umgebung leben tagein &#8211; tagaus mit einem Faule-Eier-Geruch. Das sei auf schwefels\u00e4urehaltige Abgase beim Zellulose-Extrahieren zur\u00fcckzuf\u00fchren, wird dem Investor erkl\u00e4rt. Die menschliche Nase sei daf\u00fcr besonders empfindlich, betont Cid\u00e1lia Torre Abreu schulterzuckend. Bei der Papierherstellung fallen Stickstoffdioxid (NO2) Schwefeldioxid (SO2) und Kohlendioxid (CO2) an. Stickstoffdioxid und Schwefeldioxid sind die Hauptursachen von saurem Regen, w\u00e4hrend CO2 das verantwortliche Treibhausgas f\u00fcr den Klimawandel ist. (Lesen sie zu diesem Thema unseren Bericht \u00fcber den IPCC auf Seite 72) Die Frage, ob Portucel einen Sinn im Alt- und Recyclingpapier-Sektor als Gesch\u00e4ftsfeld sehe, scheint das Investorengespr\u00e4ch da eher zu st\u00f6ren. Ja, Portucel w\u00fcrde auch eine geringe Menge Recycling-Zellstoff (pasta) aus Frankreich importieren, weil die Qualit\u00e4t der heimischen Recycling-Zellulose sehr niedrig sei. Mit Recyclingpapier lie\u00dfe sich kein Geld verdienen, davon ist Cid\u00e1lia Torre Abreu \u00fcberzeugt. \u201ePortugiesische Fabriken erhalten das gebrauchte Altpapier, vermischen es mit Wasser und reinigen es grob von St\u00f6rstoffen. Die Fasern, die in Portugal produziert werden, sind allerdings von niedriger Qualit\u00e4t. Davon k\u00f6nne man allenfalls Zeitungs-, Toiletten- und K\u00fcchenpapier (Tissue) herstellen. Unser Papier hingegen ist von hoher Qualit\u00e4t und wei\u00df, nicht grau.\u201c Auf die Zukunft angesprochen und das Geld verdienen mit zweistelligen Renditezielen, erf\u00e4hrt der Investor, dass Portucel SA (Semapa SGSP) sich gegenw\u00e4rtig darauf vorbereite, langfristig in Afrika 120.000 Hektar Land zu pachten, genauer gesagt in Mozambik, um auch dort nat\u00fcrliche W\u00e4lder zu roden und in industrielle Eukalyptusplantagen zu transformieren. Beim Abschied erh\u00e4lt der vermeintliche Inverstor den obligatorische Gesch\u00e4ftsbericht 2012 und eine Schachtel Bonbons mit Eukalyptusgeschmack. Zur\u00fcck in der Redaktion: noch am selben Tag erh\u00e4lt das zweite Team eine E-Mail der Abteilung Corporate Communication der Portucel, die einer Anfrage zu Filmaufnahmen in der Papierfabrik eine schriftliche Absage erteilt.<\/p>\n<h2>To Big To Fail?<\/h2>\n<p>Wo normaler Journalismus aufh\u00f6rt, beginnt die investigative Recherche, das eigentliche Handwerk vor dem Schreiben. Die Journalisten, als vermeintliche Investoren getarnt, h\u00e4tten n\u00e4mlich noch einige grunds\u00e4tzliche Fragen. Diese w\u00fcrden sie gern dem Vorstandsvorsitzenden der im PSI 20 b\u00f6rsennotierten Semapa SGPS, Pedro Queiroz Pereira selbst und pers\u00f6nlich stellen. Bei einer Investition in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von 10 bis 50 Millionen sollten die Beiden besser einmal pers\u00f6nlich miteinander reden. Der vermeintliche Investor entscheidet sich, den Joker zu ziehen und den Manager zu einem Mittagessen einzuladen. Ob der annehmen wird? Das steht bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Ein Konzern, der eine verantwortungsvolle Rolle als Global Player spielen m\u00f6chte und die Verantwortung f\u00fcr mehrere tausend Arbeitspl\u00e4tze wahrnimmt, sollte sich einmal kritisch-konstruktiv fragen lassen, wie lange noch ein Dutzend in die Jahre gekommene m\u00e4nnliche Vorst\u00e4nde (keine einzige Frau sitzt in diesem Gremium) mit hunderten Millionen Euro Krediten jonglieren d\u00fcrfen; die meisten mit F\u00e4lligkeiten innerhalb der n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre. <em>(Informationen gem\u00e4\u00df <a title=\"finanzen\" href=\"http:\/\/www.finanzen.pt\" target=\"_blank\">www.finanzen.net<\/a> und Bank de Portugal)<\/em> \u00d6konomisch fragw\u00fcrdig ist ebenfalls, wie man ein Unternehmen zusammenhalten wolle, aufgebaut auf Zement, einem Produkt von gestern, dem weder in Portugal noch in Europa weitere Wachstumschancen einger\u00e4umt werden. Zement, das zwischen 2002 bis 2012 auf ein Viertel seines Umsatzes im portugiesischen Markt geschrumpft ist, und das wohlgemerkt, bevor die Krise \u00fcberhaupt begann. Gefragt werden muss auch, wie es mit dem Papiergesch\u00e4ft (Zellstoff) weitergehen soll, dessen Rohstoff Eukalyptus in weniger als einer Generation zehn Prozent der portugiesischen Staatsfl\u00e4che durch Waldbr\u00e4nde zerst\u00f6rte, gro\u00dfes Leid \u00fcber seine Bewohner brachte, eine gewachsene Naturlandschaft industrialisiert und die traditionelle Landwirtschaft in den Ruin getrieben hat? Business as usual? Sollten Manager und Vorst\u00e4nde nicht pers\u00f6nlich daf\u00fcr haftbar gemacht werden, wie sie die nat\u00fcrlichen, finanziellen und sozialen Ressourcen ihres Konzerns zum Nachteil einer Gesellschaft managen? Wie soll sich eine Investition von mehr als eine Milliarde Euro in die neue Papierfabrik in Set\u00fabal (2009) auszahlen, falls sich in den n\u00e4chsten zehn Jahren zirkul\u00e4res Denken und Handeln eines neuen Paradigmenwechsels durchsetzen w\u00fcrde und wei\u00dfes Papier einen Wachstumseinbruch erlebte? Man betrachte Zement und Recycling-Papier und bedenke den Vormarsch neuer Technologien, Internet, digitale Zeitungen und B\u00fccher sowie das kindle von amazon. Last not least. Muss Wirtschaft nicht neu gedacht werden? Wohin wird unbegrenztes Wachstum auf einem Planeten f\u00fchren, dessen Ressourcen begrenzt sind? Es geht nicht mehr mit der alten Gier nach immer Mehr den Tag mit Spekulationen an der B\u00f6rse zu beginnen. Auch Greenwashing von Papierprodukten, die zuvor mit viel giftiger Chemie wei\u00df gewaschen wurden, funktioniert nur f\u00fcr eine bestimmte Zeit. Irgendwann ist auch damit Schluss, denn der Verbraucher wird den Schwindel entlarven. Wirtschaft funktioniert in Zukunft nur noch mit wirklicher Nachhaltigkeit und mit Verantwortung, die es zu \u00fcbernehmen gilt f\u00fcr Gesellschaft, Umwelt und zuk\u00fcnftige Generationen. Da liegt viel Arbeit vor uns, aber auch viele M\u00f6glichkeiten: eine echte Herausforderung f\u00fcr Portugal und seine Wirtschaft. Nur ein Beispiel: Umweltfreundliches Recycling von Altpapier und Wiederverwendung von Rohstoffen stehen noch ganz am Anfang eines neuen Denkens. W\u00e4hrend im Norden Europas bereits 85 Prozent des Altpapiers recycelt werden, sind es in Portugal gerade erst einmal 15 Prozent. Bislang ist es normal f\u00fcr global agierende Unternehmen, viele ihrer Kosten auf die Natur, auf die Menschen aus weniger reichen L\u00e4ndern (Mozambik sic!) und auf die nachfolgenden Generationen abzuw\u00e4lzen. Warum stellen wir uns nicht neu auf, in einer zirkul\u00e4ren \u00d6konomie basierend auf den Gesetzen der \u00d6kologie? Wozu brauchen wir eigentlich chemisch gebleichtes, wei\u00dfes Papier aus Eukalyptus, wenn es auch graues umweltfreundliches Recyclingpapier f\u00fcr\u2019s B\u00fcro, f\u00fcr B\u00fccher und Zeitungen gibt? (siehe <a title=\"Rezepte aus der Krise\" href=\"http:\/\/eco123.info\/de\/interviews\/rezepte-aus-der-krise-2\/\">ECO123 recycling<\/a>) Vielleicht h\u00e4tte ein globales Unternehmen wie die Semapa SGPS eine wirkliche Zukunftschance, wenn sie sich dieser Diskussion stellen w\u00fcrde \u2013 die Folge w\u00e4re ein Portugal mit immer weniger Waldbr\u00e4nden. Das wird es aber nur dann geben, wenn j\u00e4hrlich weniger Eukalyptus gepflanzt w\u00fcrde und diese nach Rodung durch heimische Baumarten ersetzt w\u00fcrden, z.B. durch Korkeichen, Kastanien u.a. <div class=\"box info  alignleft\" style=\"width:90%\"><div class=\"box-inner-block\"><i class=\"fa tie-shortcode-boxicon\"><\/i>\n\t\t\tBleiben Sie dran, wie ECO123 dran bleibt. Wir arbeiten daran, diese Geschichte f\u00fcr Sie in der n\u00e4chsten Ausgabe weiterschreiben zu k\u00f6nnen, in einem Gespr\u00e4ch mit Senhor Pedro Queiroz Pereira, dem Vorstandsvorsitzenden der Semapa SGPS.\n\t\t\t<\/div><\/div> <span style=\"text-decoration: underline;\">Report:<\/span> <div class=\"clear\"><\/div><div class=\"author-info\"><img decoding=\"async\" class=\"author-img\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Uwe-Heitkamp.png\" alt=\"\" \/><div class=\"author-info-content\"><h3>About the author<\/h3>\n\t\t\tUwe Heitkamp, 53, Journalist und Filmemacher, ist seit 25 Jahren in Monchique, Portugal zuhause. Er unternimmt gern lange Wanderungen in den Bergen und schwimmt in Gebirgsb\u00e4chen und Seen. Schreibt und erz\u00e4hlt Geschichten \u00fcber Menschen und ihre Bez\u00fcge zur \u00d6kologie und \u00d6konomie. Sein aktueller Film \u201eErben der Revolution\u201c, erz\u00e4hlt \u00fcber 60 Minuten die Geschichte einer Wanderung durch Portugal. Zehn Menschen berichten aus ihrem Leben. Alle Protagonisten zusammen malen ein Bild vom Leben und Arbeiten in den Bergen Portugals. Der Film offenbart Einblicke in die Sch\u00f6nheit der Natur und das Leben der normalen Menschen. Welcher Weg bestimmt die Zukunft des Landes? (Abonnieren Sie ECO123 und sehen Sie den Film in der Mediathek)\n\t\t\t<\/div><\/div> <span style=\"text-decoration: underline;\">Recherche:<\/span> <div class=\"clear\"><\/div><div class=\"author-info\"><img decoding=\"async\" class=\"author-img\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/Hugo-Filipe-Lopes.png\" alt=\"\" \/><div class=\"author-info-content\"><h3>About the author<\/h3>\n\t\t\tHugo Filipe Lopes:Soziologe, Abschluss in Klinischer Ern\u00e4hrung der Fakult\u00e4t Ega-Moniz der Uni Lissabon. Mitarbeiter in verschiedenen Online-Publikationen, Ausbilder und Ern\u00e4hrungstherapeut. Auszeichnungen in Wettbewerben des &#8222;Casa da Imprensa&#8220; und &#8222;Lisboa \u00e0 Letra&#8220;.\n\t\t\t<\/div><\/div> <span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos:<\/span> <div class=\"clear\"><\/div><div class=\"author-info\"><img decoding=\"async\" class=\"author-img\" src=\"http:\/\/eco123.info\/wp-content\/uploads\/joao.png\" alt=\"\" \/><div class=\"author-info-content\"><h3>About the author<\/h3>\n\t\t\t Jo\u00e3o Gon\u00e7alves (31) Stammt aus dem Alentejo. Bachelor in Kommunikation, Marketing und Public- Relations im Bereich Audiovisuelle Medien der Universit\u00e4t der Algarve. Arbeitet als Kamermann, Tonassistent und Cutter. Lebt in Faro.\n\t\t\t<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Alfa Pendular. Mit einer Emission von nur vier Kilogramm CO2, l\u00e4sst der Journalist den S\u00fcden Portugals bei 220 km Fahrtgeschwindigkeit an sich vorbeigleiten und rekapituliert. 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