Dienstag, Januar 16, 2018
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Zu Sich Finden

Es gibt in Mittel- und Nordeuropa von Frankreich und Belgien über die Niederlange und Deutschland bis nach Dänemark, Großbritannien und Schweden die uralte Tradition der Wanderjahre im handwerklichen Berufen. Zimmerleute, Schreiner und Tischler, Buchdrucker und Friseure, Maurer und Musikinstrumentenbauer, Klempner, Glasbläser, Schneider, Töpfer, Schuhmacher und viele andere Berufe geben ihren Gesellen nach der dreijährigen Ausbildung eine weitere Möglichkeit, ihr handwerkliches Geschick durch die Wanderschaft zu vervollständigen. Diese Tradition, die bis auf das späte Mittelalter im 15. Jahrhundert zurückgeht und als Walz bezeichnet wird, hat sämtliche industriellen Revolutionen und gesellschaftlichen Veränderungen bis heute überlebt. Diese Wanderschaft der Handwerker dauert mindestens drei weitere Jahre und einen Tag. Der wandernde Geselle darf in dieser Zeit nicht nach Hause und muss außerhalb eines Radius von 50 km seiner Heimatstadt fern bleiben. Der deutsche Tischler Hennig Vogt, heute 37 Jahre alt, begann seine Walz vor zehn Jahren und gelangte so im ersten Jahr seiner Wanderschaft nach Portugal.

Können Sie sich kurz unseren Lesern vorstellen?
Ich arbeite heute als Erzieher in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Lübeck. Ich habe zwei Berufe gelernt, einmal Tischler und anschließend Erzieher. Während ich meine zweite Ausbildung gemacht habe, wusste ich schon, dass ich als Tischler auf Wanderschaft gehen würde. Am 2. Januar 2006 bin ich dann losgegangen.

Was ist ihre Spezialität?
Echtholzmöbelbau mit klassischen Verbindungen.

Wo begann Ihre Wanderschaft und wie ist sie verlaufen?
In Bad Oldesloe, in Norddeutschland. Das ist auch das Zentrum meiner Bannmeile gewesen. Da ich wusste, dass ich viel Zeit hatte, bin ich neun Monate durch Deutschland gewandert und dann im Herbst in die Schweiz und von dort durch Frankreich nach Spanien. Das war Ende November und da habe ich mich für drei Monate in Barcelona aufgehalten und gearbeitet, einen Büroinnenausbau in einem Reisebüro gemacht. Über Andalusien, Granada und Cádiz kam ich dann nach Portugal. An der Algarve, in Monchique und in Aljezur habe ich zwei Monate gearbeitet. Zurück nach Deutschland bin ich mit dem Bus gefahren, weil ich dort Arbeitstermine hatte.

Sie sind viel zu Fuß unterwegs gewesen, wo haben Sie da geschlafen?
Die Algarve habe ich ganz zu Fuß durchquert, von Tavira über Faro bis Aljezur. Geschlafen habe ich im meinem Schlafsack auf verlassenen Baustellen und in der Natur. Hatte immer versucht, ein Dach über dem Kopf zu bekommen, auch weil es mitunter ganz schön geregnet hat.

Gab es Situationen, die Ihnen Probleme bereiten haben?
Einen guten Schlafplatz zu finden, ist immer schwer. Faro war so ein Ort und andere größere Städte. Man möchte nachts seine Ruhe finden und dazu gehört ein sicherer Platz. Es besteht auch immer die Gefahr, überfallen zu werden. Ich fand einfach keinen Menschen, der mir in Faro sagte, heute Nacht kannst Du bei mir schlafen.

Henning Vogt
Henning Vogt

Wie ging es dann weiter?
Von Deutschland bin ich einen Sommer später, im Jahr 2007 nach Skandinavien. Über Schweden ging ich nach Norwegen und bin dann über Dänemark zurückgekehrt. In Oslo habe ich Arbeit gefunden. Darüber habe ich ein Wanderbuch geführt, mit Arbeitszeugnissen und den Übernachtungsnachweisen. Wenn man in eine Stadt reist, stellt man sich dem Bürgermeister vor und der wiederum bestätigt mit seinem Siegel die Anwesenheit. Wenn man dieses Wanderbuch verlieren sollte, geht das einher mit dem Verlust der Ehre. Das darf einem auf keinen Fall passieren. Ich habe einmal von einem gehört, der ins Wasser fiel und dann hinterher die einzelnen Seiten trocknen musste. Im Winter 2007 auf 2008 war ich dann in der Schweiz allein unterwegs und in Arbeit und bekam Depressionen. Ich hatte keine Reiseziele mehr und mir gewünscht, wieder nach Hause gehen zu können. Das ging aber nicht. Ich hatte noch ein Jahr vor mir, bis ich zurück durfte. Obwohl ich Arbeit hatte, gute Unterkunft und mir mein Essen aussuchen konnte, hatte ich eine schwere Zeit.

Wie sind Sie da wieder rausgekommen?
Der Frühling kam und ich traf jemanden, mit dem ich reisen konnte. Dann bin ich mit ihm über Italien nach Griechenland aufgebrochen. Vorher war ich immer nur allein unterwegs.

Die Kleidung der Wandergesellen nennt sich Kluft. Wie sind Sie damit klar gekommen und was hatten sie sonst noch an Gepäck dabei?
Nach einem Jahr habe ich mir eine neue Kluft schneidern lassen müssen, weil meine Hose durch war und habe während der Wanderschaft zwei Klüfte verschlissen. Einen Schlafsack, eine Isomatte, einen Biwak-Sack, eine Arbeitshose, drei Unterhosen, drei T-Shirts und drei Paar Socken. Geld darf man nicht mitnehmen, aber unterwegs verdient man sich immer was. Ich hatte auch Tücher dabei, in die man Werkzeug einwickeln konnte.

Wie viel Kilometer sind in den drei Jahren zusammen gekommen und wie ist das Resümee?
Da kommt eine fantastische Zahl zusammen. Ich habe das nie gezählt. Es geht bei diesen Reisen eher auch um Völkerverständigung und darum, etwas im Beruf hinzuzulernen. Ich habe Dächer mit aufgebaut und die Erfahrungen, die man macht, sind vielfältig. Das Resümee ist, dass ich nie wieder in Kluft reisen möchte. Die Kluft steht stellvertretend für Unfreiheit. Die Kluft ist wahnsinnig schwer. Das ist ein Stoff aus Cord, der sich bei Regen mit Wasser vollsaugt. Mit der Zeit entwickelt er einen Geruch wie ein nasser Hund. Man kann die Kluft nicht eben mal waschen. Das Trocknen ist aufwändig. Sie ist zwar langlebig, aber unpraktisch. Bei den Schuhen habe ich auch zwei Paar Schuhe verschlissen. Das Wichtigste für mich ist, dass es jedem Menschen gegönnt sei, zu reisen. Den Mut, seine Heimat zu verlassen, und etwas Neues kennenzulernen, etwas Neues zu lernen, das macht das Leben richtig reich. Das Wandern und das Finden zu sich selbst entstehen von selbst, wenn man mehr als zwei oder drei Tage an einem Stück geht.

Gibt es einen Verhaltenskodex?
Keine verbrannte Erde hinterlassen, sich nicht unehrenhaft verhalten. In der deutschen Sprache gibt es den Begriff des Schlitzohres. Das hat damit etwas zu tun, dass man unehrenhaftes Verhalten damit bestrafte, dass man dem Wandergesellen den Ohrring aufs dem Ohrläppchen gerissen hat, damit hinterher jeder von außen erkennen konnte, mit wem er es zu tun hatte. Es war Pflicht für jeden Gesellen, auf der Wanderschaft einen Ohrring aus Gold zu tragen.

Wenn Sie Rückschau halten, wo hat es Ihnen am Besten gefallen?
Das ist schwer zu sagen. In Schweden und Portugal hat es mir gut gefallen und dort konnte ich meine Ansprüche an die Wanderschaft erfüllen.

Wenn man so viel durch Europa reist, lernt man die Küchen der Länder kennen. Wo hat es Ihnen am besten geschmeckt?
In Portugal.

Danke.

About the author

Uwe Heitkamp, 53, Journalist und Filmemacher, ist seit 25 Jahren in Monchique, Portugal zuhause. Er unternimmt gern lange Wanderungen in den Bergen und schwimmt in Gebirgsbächen und Seen. Schreibt und erzählt Geschichten über Menschen und ihre Bezüge zur Ökologie und Ökonomie. Sein aktueller Film „Erben der Revolution“, erzählt über 60 Minuten die Geschichte einer Wanderung durch Portugal. Zehn Menschen berichten aus ihrem Leben. Alle Protagonisten zusammen malen ein Bild vom Leben und Arbeiten in den Bergen Portugals. Der Film offenbart Einblicke in die Schönheit der Natur und das Leben der normalen Menschen. Welcher Weg bestimmt die Zukunft des Landes? (Abonnieren Sie ECO123 und sehen Sie den Film in der Mediathek)

 

 

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