Samstag, März 25, 2017
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Ökologisch bauen, gesund leben

 Rolf Disch, Jahrgang 1944, ist Architekt. Er lebt und arbeitet in Freiburg, Deutschland. Disch wurde bekannt durch seine besonderen architektonischen Leistungen auf dem Gebiet des solaren Hausbaus. 2003 wurde ihm dafür der Global Energy Award verliehen. Er ist der Erfinder und Designer der Plus-Energie-Häuser. 2009 erhielt er den Utopia-Award. Seine sanierten und neu gebauten Wohnhäuser, Siedlungen, Bürogebäude zeichnen sich dadurch aus, dass sie CO2 neutral sind und architektonisch einzigartig. Sie produzieren mehr Energie als sie verbrauchen. ECO123 besuchte den Pionier in der Kabine seines Sonnenschiffs.


Wie kommt der 72-jährige Architekt morgens zu seiner Arbeit?
Mit dem Fahrrad. Das kann man zusammenklappen, auch in der Straßenbahn und im Zug mitnehmen. Ich habe es immer dabei, auch als ich gerade beruflich wieder in Wien war. Da bin ich 70 km Fahrrad gefahren. Das Fahrrad ist stabil und es tut mir gut. Ich habe noch keine Notwendigkeit für mich gesehen, mir ein Elektroauto zuzulegen. Wir haben hier ja auch drei Plätze für das Car Sharing. Jetzt wollen wir vor unser Büro eine Elektrotankstelle hinstellen. Wir warten nur noch auf die Zustimmung der Stadt
.
Was hat Sie eigentlich bewogen, Solarmobile zu konstruieren, mit denen Sie die Weltmeisterschaften in Australien gewonnen haben?
1987 habe ich fast das ganze Jahr über mein Fahrzeug für die Tour de Sol in Australien gebaut. Der australische Mercedes Manager war nach dem Rennen sehr daran interessiert, dass ich drei Jahre später ein Mobil für Mercedes bauen und fahren sollte. Der hat sich dann mit der Geschäftsleitung in Deutschland in Verbindung gesetzt und die waren sehr daran interessiert. Ich habe denen ein Angebot machen sollen. Die haben das an Aerospace weitergereicht, denn das Fahrzeug war aus Leichtbau. Doch das war denen damals noch zu teuer. Später habe ich noch einmal ein Rennen in der Schweiz gegen den Formel1 Piloten Marc Surer gewonnen. Die beiden Solarfahrzeuge stehen heute im Museum. Es waren die ersten ihrer Art. Aber wenn man Architekt ist, baut doch eher man Häuser.

Sie arbeiten ja nicht erst seit gestern. Wie hat das alles angefangen?
Das begann schon viel früher, 1969. Ich habe in meinem Architektur-Büro mit sozialen Projekten angefangen: also Kindergärten, Jugendbegegnungsstätten, Behindertenschulen, Altenwohnanlagen. Das war mein Thema. Da bekam ich den Spitznamen Sozialarchitekt. Ich habe mir immer konkrete Aufgaben gestellt und dann Lösungen dafür entworfen.

Man muss ja Träume haben, um auf Ideen zu kommen und dann Pläne daraus  zu entwickeln. Wo ist die Kinderstube Ihrer Ideen?
Man muss erfinderisch sein. Ich habe Schreiner gelernt. Ich bin mit 14 Jahren auf Montage gegangen, die Werkzeugkiste auf den Gepäckträger des Fahrrads und los ging es. Das muss man sich einmal vorstellen. Nach drei Jahren war ich Schreinergeselle, habe dann aber, weil ich Architekt werden wollte, noch Maurer gelernt, zwei Jahre. Im Studium besuchte ich dann noch Schweißkurse. Das ist mir dann beim Fahrzeugbau zu Gute gekommen. Da habe ich die hauchdünnen Rohre der Fahrzeuge zusammengelötet.

Wenn Sie an die Zukunft des Hauses denken, was fällt Ihnen dazu ein?
Da denke ich an Städte und Gemeinden, die einen zukunftsfähigen Gebäudebestand brauchen. Wo über neue Siedlungen und die Restaurierung von Stadtteilen oder Dörfern nachgedacht wird, wo junge Familien gewonnen und gebunden, wo Mehrgenerationenprojekte attraktive Lebensräume für Jung und Alt schaffen sollen, da muss überzeugend auf 50 Jahre vorgedacht und projektiert werden. Es ist diese glaubwürdige Vision einer Kommune, die den Ausschlag gibt für den Zuzug und gegen den Wegzug, für oder gegen private oder geschäftliche Investitionen. So ein Plusenergiehaus ist ungemein attraktiv, weil ein Besitzer damit Geld auf saubere Art und Weise verdienen kann und bei den monatlichen Fixkosten spart. Es verkörpert Modernität, nachhaltige Lebensart, ja sogar Luxus im besten Sinne, kurz alles, was eine Gemeinde vorzeigen möchte. Und der neue Baustandart signalisiert jedem: wir denken an zukünftige Generationen.

Wie funktioniert ein Plus-Energie-Haus?
Der Schlüssel zu diesem Haustyp ist die Sonne. Das Dach besteht aus einer möglichst großflächigen Photovoltaik-Anlage, solarthermische Kollektoren erwärmen das Brauchwasser. Die altbewährte Nutzung des Dachüberstandes schirmt die hohe Sommersonne ab, während die Strahlen der Wintersonne tief in die Innenräume eindringen. Hochgradig lichtdurchlässig hält die Infrarot-reflektierende Dreifach-Isolierverglasung der Südfassade zugleich die Wärme im Haus. Die gesamte Gebäudehülle ist wärmebrückenfrei gedämmt und dicht abgeschlossen. Das Lüftungssystem mit Wärmerückgewinnung ermöglicht eine permanente Frischluftzufuhrt, beinahe ohne Wärmeverlust.

Welche Schwierigkeiten hat ein Architekt, der innovative Ideen umsetzen möchte?
Die Finanzierung war immer ein Thema, weil eigentlich nie Geld da war. In dem Moment, wo ein Architekt mit Behörden zu tun hat, wird es auch schwierig. Vor allen Dingen, wenn ein anderer die Verantwortung übernehmen muss, wird es schwierig. Verantwortung muss man immer selbst übernehmen.

Wie lebt man, wenn man selbst weiß, dass man zu einer Minderheit von Architekten gehört, die zukunftsfähig konstruieren wollen?
Eigentlich gut. Wenn man aber die Probleme kennt, die auf uns zukommen als Gesellschaft, lebe ich nicht so gut damit. Ich frage mich immer, wie gelingt es mir, einen Menschen zu begeistern, zu gewinnen und sehe, dass man sich ändern, sich wandeln muss. Das ist schon fast eine unlösbare Aufgabe.

Erklären Sie uns bitte einmal, wie man das macht. Die meisten leben doch in einer Welt, in der sie es sich bequem gemacht, sich daran gewöhnt haben, dass der Strom einfach so aus der Steckdose kommt.
Im Mai des Jahres 2000 haben wir die ersten fünf Häuser vorgestellt haben. Da haben wir einen Tag der offenen Tür veranstaltet. Die Leute kamen rein mit allen Vorurteilen, die man sich denken kann. Die Häuser waren ihnen zu teuer. Das stand vorher schon in den Zeitungen. Ein anderes Argument war, ein Haus müsse atmen. Und noch ein anderes war, in den Häusern dürfe man ja nicht mal die Fenster aufmachen.

Wie haben Sie die Vorurteile entkräftet?
Durch völlige Transparenz und immer wieder mit verbesserter Technik. Es kamen Gesetze zur Einspeisungsvergütung für erneuerbare Energien in Europa und auf einmal lohnte es sich, Strom zu verkaufen. Wir haben die Dächer mit den Solarmodulen sogar noch vergrößert. Es war nicht einfach. Heute ist das alles ja kein Problem mehr. Man weiß heute, die Häuser haben sich bewährt. Es gibt Leute, die darin wohnen, die Zeugnis ablegen können.
Natürliche Materialien zu verwenden, das ist nicht nur gut für die natürliche Umwelt auf unserer Erde, sondern auch für die gebaute Umwelt des Menschen. Wir verbringen ja mehr als 50% unseres Lebens in Innenräumen. Egal ob Wohn- oder Arbeitsräume, das Plusenergiehaus vermeidet jegliche Schadstoffe. Das gesamte Baumaterial muss emissionsfrei sein. Zusammen mit modernen Lüftungssystemen  und ohne Energie verschwendende Klimaanlagen, garantiert die Plusenergie-Bauweise permanent frische, gesunde und wohltemperierte Luft.

Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, das alles kommt viel zu spät? Politiker, die antreten, etwas zu bewegen, werden vom System verändert statt das System zu ändern, in dem wir leben.
Den Politiker müssen sie erst mal finden, der etwas bewegen will, der Visionen hat, der bereit ist, dafür zu kämpfen. Davon gibt es nicht viele. Es ist äußert schwer, gegen eine Lobby konservativer Bauträger Politik zu machen.

Wie werden wir COP21 umsetzen?
Ich glaube, das dauert noch eine Weile. Statt sich hinzusetzen und sich zu überlegen, was ist konkret zu tun, werden wir zu Getriebenen. Nächste Woche bin ich wieder in Berlin wo wieder übergreifend getagt, aber nichts Konkretes erreicht wird. Es geht immer um Arbeitsplätze. Mit dem Verlust von Arbeitsplätzen wird immer gedroht und dann geht es so weiter wie bisher.

Ich komme aus einem kleinen Dorf aus dem Südwesten Portugals, in dem die Hälfte aller Häuser leer stehen und langsam zu Ruinen werden. Was könnte man da verändern und wo fängt man an?
Man nehme ein Haus aus den vielen Ruinen und restauriere es. Ich würde einen Sponsor suchen, der das finanzieren könnte. Ein Musterhaus bauen, um zu zeigen, was alles machbar ist. Ich würde mich mit dem Klima auseinandersetzen. Man müsste mit der Nachtkühlung versuchen, über die Hitze des Tages zu kommen. Beste Isolierung verwenden, auch beim Dach. Ein Solardach verwenden, denn mit der Energie der Sonne kann ich auch kühlen, thermisch oder mit Elektrizität. Und ich würde danach schauen, wie haben es die Alten früher gemacht, die Großväter. Mit welchen Materialen wurden die Häuser gebaut? In Ton? Granit? Schiefer? Klären, wohin gehen die Abwässer? Gibt es eine Bio-Kläranlage mit Pflanzen vor Ort? Oder eine Trockenanlage?

Was würde so ein Modellhaus mit 150 bis 200 qm Wohnfläche kosten?   
Das ist sehr schwer zu sagen. Wahrscheinlich müsste man Wände erneuern, das Dach, die Fenster. Was kosten die Handwerker vor Ort? Welche Materialien und Techniken verwenden wir? Am Ende aber fallen keine Energiekosten mehr an. Ins Netz einspeisen oder bei einem Dorf eine eigene Vernetzung aufbauen. Oder eine öffentliche Elektrotankstelle dazu bauen und den Solarstrom verwenden. Ich schätze, man muss für die Renovierung eines solchen Hauses vielleicht 300.000 Euro rechnen, vielleicht etwas weniger. Das müsste man mal ausprobieren. Wenn man eine ganze Siedlung sanieren würde, bekäme man Fördermittel aus Europa. In Portugal muss was passieren. Man muss der Jugend eine Perspektive bieten und Arbeitsplätze in nachhaltigen Berufen schaffen. Naturenergie ist in Portugal massenhaft vorhanden. Man braucht nur die Technik und die Arbeit. Dann spart man Öl, Gas und Kohle. Ich hab mal gehört, da kommt ein Tanker daher, der liefert uns das Rohöl und nimmt unser Geld auf der Rückreise wieder mit…

Um eine Idee zu verwirklichen, braucht man aber Geld…
…wenn eine Idee gut genug ist, kommt das Geld fast von allein. Bei einem Umbau optimiert man seine Häuser, auch durch Integration von Solartechnik und durch Isolierung. Ein Plusenergiehaus wird zu 100 % mit regenerativer Energie versorgt. Es wird CO2-neutral betrieben. Es reduziert den Verbrauch so weitgehend, dass es mehr Energie erzeugt, als es verbraucht. Dazu kommt die Auswahl wohngesunder Baustoffe. Das finanziert man nicht nur mit Eigenkapital, sondern auch mit öffentlichen Zuschüssen, mit Crowdfunding und Spenden, mit Fonds, die man auflegt. Man gründet Genossenschaften. Deutschland könnte hier mit Knowhow helfen – durch verschiedene Kooperationen: im Bereich Forschung und Entwicklung, sowie gemeinsamer Modellprojekte,  Projektentwicklungen und ihren Durchführungen.  Wir könnten beim Aufbau eines 100% regenerativen Energiesystems in Portugal mitwirken, bei effizientem Umgang mit Energien wie bei der Orts- und Gebäudesanierung, auch bei Studien zu Auswirkungen der Elektrifizierung und Autonomisierung des Transports und Verkehrs auf neue Geschäftsmodelle, Schaffung von Arbeitsplätzen, der Stadt- und Landentwicklung und beim Aufbau eines erfolgreichen dualen Ausbildungssystems. Das ist doch der Sinn der europäischen Partnerschaft.

Was fehlt?
Einerseits das Bewusstsein, etwas zum Besseren verändern zu können. Andererseits gibt es zu viele Menschen, die einfach satt sind, zu bequem und ohne Anteilnahme. Ein Plusenergiehaus trägt sich von selbst. Aus den erhobenen Daten der Solarsiedlung hier wurde ein mittleres Haus bestimmt: mit durchschnittlich drei Personen, 137 m2 beheizter Wohnfläche und einer 49 km2 Solarstromanlage bei 6,3 kWp Nennleistung. Dieses Haus verbraucht jährlich 79 kWh/m2, doch es erzeugt jährlich 115 kWh/m2. Der Überschuss liegt also bei 36 kWh/m2 an Primärenergie.

Wie drückt sich das finanziell aus?
Auf 100 m2 drückt sich das beim Bau in Mehrkosten von 40.000 Euro aus. Die Gewinne aber betragen während eines Zeitraums von zehn Jahren rund 21.000 Euro, auf 15 Jahre bezogen sind es schon 31.500 Euro und in 20 Jahren sogar 42.000 Euro.

Vielen Dank für das Gespräch.

ROLF DISCH

www.rolfdisch.de

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