12/09/2026 – 18/09/2026 von Uwe Heitkamp
Ausgabe 36.2026
Stell dir vor, du gibst ein Fest und lädst Freunde und Bekannte zu dir nach Hause ein und während der Feier explodiert eine Bombe, das Haus fängt Feuer und alles um dich herum brennt…
Stell dir vor, du machst Urlaub in den Bergen, planst einige Wanderungen im Wald des Gebirges, und bei einer dieser Wanderungen bricht irgendwo ein Waldbrand aus und der Wald brennt lichterloh und du weist nicht wohin…

Stell dir vor, du nimmst an einer Demonstration teil, weil es dein gutes Recht ist, für das Leben in deinem Ort zu demonstrieren und währenddessen kommt die Polizei und nimmt dich und viele Freunde fest und du wirst in einen Verhörraum gebracht und dort befragt. Der Polizist wirft dir vor, an einer nicht genehmigten Demonstration teilgenommen zu haben. Er stellt dir Fragen, die du nicht beantworten möchtest. Ein zweiter Polizist betritt den Raum und beginnt, dich zu schlagen. Du wirst angeschrien, am Stuhl gefesselt und der erste Polizist stellt dir immer wieder die gleiche Frage. Wer sind die Verantwortlichen, die Hintermänner der Demonstration? Jede unbeantwortete Frage wird mit einem Schlag quittiert. Doch damit nicht genug. Irgendwann, während des Verhörs, wird eine schwarze Plastiktüte über deinen Kopf gestülpt …
Das Buch, das ich gerade gelesen habe, stammt von dem 29-jährigen Hamza Abu Howidy. Es ist kein Roman, sondern ein Sachbuch und wurde im Fischer-Verlag in Frankfurt verlegt. Es ist in deutscher Sprache geschrieben (unter Mitarbeit der Journalistin Judih Poppe von der taz) und sollte sobald wie möglich auch auf Englisch und in andere Sprachen übersetzt werden. Das 238-seitige Buch hat ein größeres, internationales Leserpublikum verdient. Worum geht es in „Muscheln am Strand …“, dem Titel des Buches? Was sind das für Erinnerungen an ein zerstörtes Land?
Hamza, der Protagonist erzählt aus seinem Leben und der junge Schriftsteller hat mit seinen nicht einmal 30 Jahren so viel mehr zu erzählen als manch anderer am Ende seines langen Lebens nicht. Hamza Abu Howidy erzählt uns vom Aufwachsen im Gaza zu Beginn des 21. Jahrhunderts und von seiner Familie, besonders seinem Vater, der ihm beim Muschelsammeln die großen Lektionen des Lebens beibringt, aber auch von den blutigen Kämpfen zwischen Fatah und Hamas, direkt vor seiner Haustür in Gaza-Stadt, und wie sehr das Leben dort von Terror und Korruption geprägt ist.
Jahre später, noch vor dem 7. Oktober 2023, protestiert er zusammen mit vielen Freunden gegen die Hamas und wird festgenommen, er wird gefoltert und muss fliehen. Heute zählt er zu den wichtigsten politischen Stimmen aus der palästinensischen Exilgemeinde, dabei lässt er sich weder von pro-israelischer noch pro-palästinensischer Seite vereinnahmen. Zur Zeit lebt Hamza irgendwo in Europa als geduldeter, politischer Flüchtling.
Ein zentraler Satz steht auf Seite 139 des Buches und der lautet: „Ich konnte ihnen nicht sagen, dass ich mit Israelis gesprochen hatte, dass ich deren Sicherheitsbedenken durchaus nachvollziehen konnte, dass ich an eine Koexistenz glaubte – ja, an Frieden.“ Das Buch eröffnet dem Leser eine Perspektive aus dem Dilemma des seit Ewigkeiten andauernden Konfliktes: „.. ohne den ersten Schritt, ohne die Beseitigung der Hamas, gibt es keinen Raum für jedwede Vision, die ich von einem Zusammenleben von Palästinensern und Israelis hatte…“ Kein leichtverdauliches Buch. Mehr von diesen Büchern, bitte. Sehr lesenswert.
Eco123 Revista da Economia e Ecologia
