Mittwoch, Mai 24, 2017
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Comboio CP

Mit dem Nachtzug nach Lissabon.

2002. Wir leben jetzt mit dem EURO. Doch gibt es noch mehr, das uns vereint? Seit dem zweiten Schengener Abkommen, können wir immerhin ohne Kontrollen durch Europa reisen. Unsere Träume von Mobilität scheinen grenzenlos. Ikarus und der fliegende Teppich sind Normalität geworden. Doch die Jungfernfahrt der Titanic hat uns gezeigt, wie verletzlich wir Menschen uns machen, wenn wir immer neue Rekorde anstreben und die Naturgesetze ignorieren. Die Landung auf dem Mond setzte 1969 einen vorläufigen Höhepunkt. Kurze Zeit später jedoch stellen wir verwundert fest, dass es nicht wirklich schneller und auch nicht grenzenloser zu gehen scheint. Das Wachstum hat seinen Höhepunkt überschritten. Die Ressourcen der Erde sind begrenzt. Erdöl, Elektrizität und Wasser werden knapper und teurer. Sieben Milliarden Menschen rasen mit fossiler Höchstgeschwindigkeit in den Klimawandel. Das Ende der Einbahnstraße ist eine Sackgasse. Städte aus Beton und Asphalt? Das Land leer und öde? Dabei ginge es auch anders, ökonomisch und ökologisch sinnvoll. Nur wie?

Mit dem Nachtzug nach Lissabon.

Zug der CP2013. Wir leben in einer Epoche, in der nichts mehr so ist wie es einmal war und noch nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Krisen an jeder Ecke. Die meisten haben die Orientierung verloren, viele ihre Arbeit. Meine Frau macht gerade eine berufliche Fortbildung in Frankreich. Auf dem Hinweg nehmen wir das Auto. Zu zweit verfeuerten wir 79 Gramm C0₂ pro Kilometer, oder 95 kg Kohlendioxyd. Morgens um elf Uhr fahren wir los und bringen die Strecke mit einem Smart in zwölf Stunden hinter uns. Die Kosten für Kraftstoffe belaufen sich auf 110 EURO und 15 EURO für Autobahngebühren, zu zweit.

Zurück nach Portugal fahre ich allein. Ich versuche in Tarbes, einer französischen Stadt mit rund 60.000 Einwohnern am Schalter der SNCF-Bahngesellschaft einen Fahrschein mit dem Ziel Faro zu kaufen. Um die Geschichte kurz zu machen, der freundliche Schalterbeamte muss passen. Was auch immer er versucht, die aktuelle Software ist so programmiert, dass sie mir für die Strecke von Lissabon nach Faro kein Ticket ausdrucken kann. Auf den portugiesischen Alfa Pendula, Abfahrt Lissabon hat es keine Zugangsberechtigung. Kleinstaaterei bei der Eisenbahn? Ich kaufe also zwei Billets, eines für den französischen IC von Tarbes nach Hendaye, ein zweites für den Süd-Express von Irun nach Lissabon. Kosten 128 EURO, Einzelpreis. Ich verabschiede mich von meiner Frau, setze mich bei Nebel in den Zug, fahre vorbei an Lourdes, wo mir die winterliche Sonne einen himmlischen Blick auf die schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen eröffnet. So erreiche ich Bayonne. Wartezeit 20 Minuten. Wieder Nebel. Die Lokomotive wird vorn ab und hinten wieder angekoppelt. Ein umständlicher Prozess. Von nun an schiebt sie den Zug bis nach Hendaye. Der Zug endet hier.

Da stehe ich im letzten französischen Bahnhof vor einer ehemaligen Grenze und frage einen anderen Schalterbeamten, von welchem Gleis aus der Südexpress nach Lissabon abführe. Ich habe knapp vier Stunden Aufenthalt bis zu seiner Abfahrt und noch vor, einen Spaziergang ans Meer zu unternehmen. Der Schalterbeamte erklärt mir, dass der Zug im spanischen Irun abführe. Wie viele Kilometer, frage ich? Vier, ist seine Antwort. Ich könne eine Schnellbahn nehmen, die alle 30 Minuten zwischen den beiden Bahnhöfen hin- und herpendele. Preis, ein EURO fünfzig. Ich gehe zu Fuß, vorbei an vielen arbeitslosen Männern ohne Zuhause. Auf der Brücke über den Grenzfluss haben sie ein Feuer angezündet, um sich aufzuwärmen. Der Weg führt hinauf in eine Stadt, die müde vom Konsum der Feiertage ist. Berge von Mülltüten warten an den Bürgersteigen auf die Männer der Müllabfuhr. Nach einer Stunde Fußmarsch durch Nebel und Beton und einem Gewirr von Straßen und Brücken erreiche ich den Bahnhof von Irun. Spanien. RENFE Nachtzug nach Lissabon. Kein Strandbesuch.

 

Mit 50 km/h Geschwindigkeit durch Europa.

Ich überlebe die Wartezeit und die darauf folgende Fahrt im „Sleeper“ mit dem Südexpress der RENFE Bahngesellschaft. Um 19 Uhr geht es endlich los: von Irun über San Sebastian, Vitoria, Burgos, Valadolid, Medina del Campo und Salamanca nach Coimbra und Lissabon, wo ich am nächsten Morgen um 7h20 am Bahnhof Oriente ankomme. Es ist noch dunkel. Ich stelle die Uhr eine Stunde zurück, kaufe mir einen Kaffee, esse ein Butterbrot. Dann erwerbe ich am Schalter der portugiesischen CP einen weiteren Fahrschein, diesmal zum Preis von 21 EURO 20, um mein Ziel, die Algarve, zu erreichen. Um elf Uhr Ortszeit empfängt mich Tunes mit Sonnenschein. Für eine Strecke von 1.200 Kilometern nehme ich 24 Stunden Bahnfahrt in Kauf. Warum erzähle ich Ihnen eigentlich diese Geschichte?

Weil Mobilität die Essenz unserer heutigen Gesellschaft ist. Versorgten die Tankwagen von den Raffinerien nicht täglich die Tankstellen mit Benzin und Diesel, stände das Land nach fünf Tagen praktisch still. Kein Auto führe mehr, alle Supermärkte wären leer gekauft, der Abfall türmte sich in den Straßen. Mobilität ist der zentrale Schlüssel der Zukunftsfähigkeit unserer Zivilisation in Portugal, in Europa, auf der ganzen Welt. Wenn einer über die Zukunftsfähigkeit Portugals nachdenkt, erscheint es politisch und technisch sinnvoll, an der Idee und an neuen Konzepten der erneuerbaren Mobilität zu arbeiten, oder anders gefragt: wer wäre heute bereit, die Einbahnstraße auf dem Esel bis zur letzten Kreuzung zurückzureiten?

Eine Woche und ein Wochenende später besuche ich meine Frau wieder. Ich machte den Test, schalte meinen Laptop an und suche mir das billigste Ticket für einen Flug von Lissabon nach Bordeaux. EASYJET bietet mir das Rückflugticket schon für 70 EURO. Der Flug dauert eineinhalb Stunden, zuzüglich drei Stunden Autofahrt Algarve Lissabon und noch einmal drei Stunden Bordeaux Tarbes. Mein CO₂ Rechner analysiert, dass ich allein mit dem Hin- und Rückflug (1.111 km) für einen Ausstoß von genau 620 kg CO₂ in die Atmosphäre verantwortlich bin, zuzüglich Autofahrt und 144 kg CO₂. Nach siebeneinhalb Stunden Fahrt-Flug-Fahrt bin ich erschöpft und muss mich erst einmal entschleunigen. Nur langsam erreiche ich meine ureigene Geschwindigkeit wieder. Das ist jene, auf denen mich meine Füße durchs Leben tragen.

Erneuerbare Mobilität?

2013. In nichtachtsamen Kulturen wird ständig an Fehlentwicklungen verbessert, statt zu dem Punkt zurückzugehen, an dem diese Fehlentwicklung angefangen hat. Wir müssten uns umdrehen und die Einbahnstraße bis zu der Kreuzung zurückgehen, von wo aus wir künftig den richtigen Weg mit nachhaltigen Überlebenstechniken einschlagen können. Gemeinsame Nutzung von Gütern wird dabei im Mittelpunkt stehen und das jetzige Besitzprinzip von Auto, Haus und Ackerfläche ablösen. Die Jahre von 2014 bis 2020 werden in allen Lebensbereichen durch Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen den alten und neuen Paradigmen gekennzeichnet sein. Es ist ein schweres Krisenjahrzehnt. Wie also werden wir uns im Jahre 2030 in Portugal und Europa fortbewegen? Ich bin optimistisch, dass wir dann immer noch schnell und effizient reisen werden, aber sauber dazu. Es wird eine Geschichte des Gelingens sein, die das viele Jahrzehnte dauernde Jammern endlich abgelöst hat. Denn mit der wiedergewählten Regierung unter Pedro Passos Coelho wird es in einem gemeinsamen Europa das erste von der Vorgängerregierung des José Sokrates begonnene transnationale Mobilitätsprojekt Bahn geben. Der Nachtexpress, der seit dem Jahre 2021 abends in Lissabon abfährt, erreicht am nächsten Morgen Paris, Brüssel, Berlin und Rom sowie andere europäische Hauptstädte.

Die portugiesische Bahngesellschaft CP beginnt bereits im Jahre 2018 mit der Indienststellung moderner, energieeffizienter regionaler Zugverbindungen und schafft dadurch mehrere tausend neue Arbeitsplätze. Die regionalen Zugverbindungen erhalten generelle Elektrifizierung und doppelten Gleisausbau, auf denen Züge im 30 Minuten Takt hin- und her gleiten können. Die Finanzierung? Kein Problem: die Einnahmen fließen bereits seit 2016 direkt aus der Autobahnmaut und aus den Mineralölsteuern an die neue Bahngesellschaft CP, eine Aktiengesellschaft mit Bürgerbeteiligung. Jugendliche und Rentner können mit den öffentlichen Nah- und Fernverkehrssystem jetzt sogar fast gratis reisen. Alle erwachsenden Reisenden werden für die CP-Jahreskarte nur noch einen symbolischen Betrag zahlen müssen.

Portugal erlebt ein neues Mobilitätskonzept, in dem weniger am falschen Ende gespart, sondern endlich richtig investiert wird: nach kreislaufwirtschaftlichen Prinzipien und in erneuerbare lokale Mobilitätskonzepte. Das Carsharing mit E-Cars hat begonnen, E-Metro, E-Busse und E-Straßenbahnen erleben eine Renaissance, Fahrräder und E-Roller stehen an Bahnhöfen bereit. Städte wie Lissabon, Porto, Coimbra, Evora, Setúbal und Faro u.a. werden in ihren Stadtkernen autofrei sein und damit beruhigt.

2030. Wer jetzt noch sein eigenes Auto mit Verbrennungsmotor fährt, ist Anachronist und zahlt für seinen Oldtimer einen Benzinpreis von fünf EURO pro Liter, weil die Treibstoffpreise in 2018 explodierten. Die internationale Luftfahrt ist schwer rückläufig, weil teuer und nicht mehr rentabel. Alternative Antriebe beginnen sich langsam durchzusetzen: Schiffe mit Skysails und Rotoren, Busse mit Hybridantrieb und Solarunterstützung, Taxis mit Wasserstoff- und Brennstoffzellenantrieb, erste Flugzeuge mit Solarmotoren. In Deutschland versucht man acht Millionen Arbeitslose von der Straße zu bekommen, nachdem Mercedes, Audi, BMW, Continental und Würth Insolvenz angemeldet haben. In Portugal hingegen herrscht breiter Optimismus, denn das Land produziert viel mehr Energie mit Sonne, Wind und Wasser als es selbst verbraucht.

In der nächsten Ausgabe am 21. Juni lesen sie mehr über Portugals traditionelle Landwirtschaft, die sich auf dem Weg zurück zum Erfolg befindet.

Kohlendioxid (CO2) entsteht immer bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen (Kohle, Gas, Öl). Die ausgestoßene Menge Kohlendioxid hängt unmittelbar vom Treibstoffverbrauch ab: Pro Kilogramm Kerosin entstehen bei der Verbrennung im Flugzeugtriebwerk mit der Umgebungsluft 3,16 Kilogramm CO2. Kohlendioxid ist ein Treibhausgas und bleibt nach seinem Ausstoß vereinfacht gesagt etwa 100 Jahre in der Atmosphäre. Dadurch kann es sich über den gesamten Globus verteilen und treibt die globale Erwärmung weltweit an.

Quellen: www.atmosfair.de + www.futurzwei.org

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