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Leben und Leben lassen.

Edward Benjamin Zitron
17/10/2026 – 23/10/2026 von Uwe Heitkamp

Ausgabe 41.2026

Die KI wird die Menschheit vernichen? Glauben Sie das? Warum sollte sie das können? Ich sitze in einer Art Taxi und werde chauffiert. Wir sind auf der Autobahn und fahren von Portimão nach Faro. Der Fahrer fragt mich, was ich beruflich mache. Die Antwort ist Schreiben. www.eco123.info. Jede Woche Samstag erscheint eine neue Ausgabe von ECO123, dreisprachig, Portugiesisch, Englisch und Deutsch, den drei Sprachen der Einwohner im Süden Portugals. Ich bin Journalist und schreibe die wöchentlichen Kurzgeschichten für unser Online-Magazin – das verbindet und das darüber hinaus auch im übrigen Europa gelesen wird. Der Fahrer will wissen, was genau ich schreibe? Lesen Sie doch bitte selbst, wenn Sie eine Pause machen. Denn er selbst schreibt auch, sagt er mir.

Da verbindet er sich plötzlich mit seinem KI-Agenten und der liest ihm laut die Kurzgeschichten in ECO123 ab Ausgabe 39 vor, 38, 37 und 36 auch. „Soll ich mehr vorlesen?“ Das fragt der KI Agent. Danke, das reicht, sagt mein Fahrer. Der Roboter meldet sich ab.

Ich frage den Fahrer, was ihn dieser Service kostet? Er rechnet im Kopf kurz nach und erwidert dann „200 Euro im Jahr“… So gelangen wir beide zum Thema „künstliche Intelligenz“. Für ihn gehört KI zum Alltag. Er benutzt sie auf seinen Autofahrten, wenn er etwas wissen will. Er lässt die KI recherchieren und der unsichtbare Roboter spricht dann mit ihm während der Fahrt über Lautsprecher, als würde er sich freihändig mit seiner Frau am Telefon unterhalten…

KI ist für mich auf diese Weise zum ersten Mal praktisch erlebbar, die direkte Konfrontation mit der Materie. KI spricht auch all die Sprachen, die auch ich spreche und darüber hinaus versteht der Roboter vermutlich noch einige Sprachen mehr… Irgendwann wechselt er fehlerfrei vom Portugiesischen ins Deutsche. Daraufhin stelle ich ihm die Frage, was er unter „klimaneutralem Verhalten“ versteht? Ob er mir erzählen könne, wie man praktisch zu einem Fußabdruck kommen könne, bei dem keine CO2 Emissionen mehr in die Atmosphäre gelangen? Wie man Elektrizität klimaneutral herstellt, ohne Gas, ohne Kohle, ohne Atomkraft? Und wie bitte schön lebe ich, ohne Müll in meinem Leben zu hinterlassen? Und wie könne künstliche Intelligenz ohne Mega-Rechenzentren existieren?

Als ich abends wieder zuhause bin, lese ich in meiner Wochenzeitung dieses Interview. Ich möchte es Ihnen nicht vorenthalten. Deswegen bat ich DIE ZEIT in Hamburg um die Genehmigung zur Zweitveröffentlichung. Heute lesen auch Sie an dieser Stelle das gekürztes Interview…


Die Überschrift setzt den Ton. Das Interview ist sehr lang, es hat knapp 24.000 Worte und ECO 123 hat sich entschieden, es nicht in seiner Gänze zu veröffentlichen, sondern es essentiell zu kürzen und seine eigene Geschichte über KI zu schreiben. Wo kämen wir denn hin, wenn wir bei ECO 123 die deutsche Wochenzeitschrift DIE ZEIT kopieren würden? Dann würden wir uns auf die gleiche Stufe mit Künstlicher Intelligenz begeben. KI kopiert gern, KI arbeitet sehr oft mit copy/paste und nimmt keine Rücksicht auf Autorenrechte. Aus dem Alter des Trainings sind wir doch schon raus. Auch deshalb stellt sich eine Frage…

Sollte man Sam Altman für ein Gespräch ins FBI-Hauptquartier bitten?
Eine kurze Geschichte von Uwe Heitkamp

Die USA sind bekannt dafür, heiße Luft in Tüten zu verkaufen und mit diesen Luftschlössern dann auch noch windige Geschäfte zu machen. Wohin das führen kann, dürften diejenigen, die in 2008 bereits über den Blick verfügten, der über den Tellerrand der Tagessuppe hinausführte und heute in der Lage sind, über den Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers zu berichten. Erinnern wir uns. Mit dem Zusammenbruch der Bank begann die Finanzkrise. Um ein Datum zu nennen. Der 15. September 2008 war der Tag, an dem die Bank Konkurs anmeldete und das Kartenhaus in sich zusammenfiel. Das System war auf Schulden gebaut. Und genau hier beginnt auch diese Geschichte. Sie erzählt von Hypes und falschen Versprechen. Und sie spielt wieder in den USA, nicht einmal 20 Jahre später.

DIE ZEIT schreibt: „Seit KI-Agenten von OpenAI bei einem fehlerhaften Sicherheitstest im Sommer die Plattform Hugging Face gehackt haben, geht es im Diskurs über die Technologie fast nur noch um ihr Zerstörungspotenzial – um Weltuntergangsszenarien. OpenAI verschob infolge des Zwischenfalls den geplanten Börsengang – aus Sicherheitsbedenken, wie die Firma verlauten ließ….

Ob das stimmt? Und nun betritt ein weißer Ritter die Bühne. Er heißt Ed Zitron? Er ist einer der schärfsten Kritiker der KI-Industrie. Doch statt des Weltuntergangs bereitet ihm die wirtschaftliche Rentabilität der billionenschweren Branche eher Sorgen. Er sieht im Hype um generative KI eine gigantische Blase und bezeichnet die Versprechen der Unternehmen als realitätsfern.

Am 9. Oktober 2026, wenige Tage nach dem ZEIT-Gespräch mit dem Briten Ed Zitron in den USA, lässt OpenAI die Welt wissen, dass das Unternehmen in diesem Jahr voraussichtlich 20 Milliarden Dollar weniger Umsatz machen wird als bisher prognostiziert. 20 Milliarden Dollar, weniger als eine Gewinnwarnung?

Edward Benjamin Zitron ist Journalist und Autor vieler Geschichten, die alle um das Internet und KI kreisen. Er ist Herausgeber eines Newsletters, der sich „https://www.wheresyoured.at“ nennt und er arbeitet am Podcast „Better Offline“. Seit einem Jahrzehnt mischen sich journalistische Arbeiten mit Public Relations. Wer ihn lesen will, wird monatlich mit sieben Dollar zur Kasse gebeten.

Frage: Herr Zitron, wann wuchs in Ihnen das Gefühl, sich intensiver mit dem Thema KI beschäftigen zu müssen?

Ed Zitron: Ich habe damit gegen Ende 2023 angefangen, als Sam Altman bei OpenAI gefeuert wurde. Mir fiel damals auf, dass die Beteiligten im Grunde völlig irre über KI sprachen. Die Technologie wurde als die nächste industrielle Revolution verkauft, und gleichzeitig sagte kein einziger der beteiligten Konzerne, wie viel Geld damit eigentlich verdient wurde – nicht einmal die Hyperscaler wie Amazon und Google sagten was, die Betreiber der größten Rechenzentren also, die Zigmilliarden Dollar für KI-Chips von Nvidia ausgegeben hatten. Veröffentlicht wurde immer nur, wie hoch die Investitionsausgaben für KI-Rechenzentren seien und wie viel man ganz allgemein künftig ausgeben wolle.

Frage: Die Informationen auf der Einnahmenseite kamen Ihnen zu dünn vor? Zitron: Ja. Mitte 2024 berichtete dann das Technachrichtenportal The Information, OpenAI werde in dem Jahr fünf Milliarden Dollar Verlust machen. Daraufhin schrieb ich einen Text mit dem Titel »How does OpenAi survive?«. Im Kern stand darin, dass das Unternehmen nicht wirtschaftlich arbeiten können würde. Mit meiner Annahme, dass OpenAI deswegen schon in ein paar Quartalen pleite sein würde, lag ich eindeutig falsch. Aber ich erinnere mich noch, dass ich kurz vor der Veröffentlichung zu einem Journalisten ging und ihn fragte: »Macht dir das, was ich hier aufschreibe, keine Sorgen?« Und der sagte bloß: »Na ja, Uber hat auch viel Geld verloren« – als wäre dieses Beispiel eine Garantie dafür, dass OpenAI irgendwann ebenfalls profitabel werden müsste.

Frage: Das KI-Unternehmen Anthropic, das „Claude“ entwickelt hat, hat für 2025 einen operativen Verlust von acht Milliarden Dollar ausgewiesen.
Zitron: Ziemlich übel, oder? Aber die meisten Leute werden auf diese Zahlen mit der Aussage reagieren: 2026 wird besser. Es geht in dieser Branche nie um das Heute, sondern immer um die Frage: Was, wenn es in Zukunft besser wird? Über Anthropic hieß es vor Kurzem, das Unternehmen sei in den letzten Quartalen profitabel gewesen. Nur stimmt das nicht. Bereinigt betrachtet sind sie profitabel. Aber »bereinigt« bedeutet, dass man bestimmte Kosten aus der Bilanz herausrechnet. Ich hätte auch jeden Monat Tausende Dollar mehr auf der Habenseite, wenn ich meinen Immobilienkredit nicht mitrechne. Leider muss ich den aber bedienen, sonst verliere ich mein Haus.

Das Dominospiel im Sillicon Valley

Sam Altman

ECO 123 sieht krasse Parallelen zwischen OpenAI und dem Wirken von Lehman Brothers. Sie war eine im Jahr 1850 gegründete Investmentbank mit späterem Hauptsitz in New York. Zum Höhepunkt ihres Wirkens hatte die Bank 28.557 Mitarbeiter, Stand 30.November 2007. Viele faule Immobilienkredite brachen der Bank das Rückgrat. Die Weiterreichung der faulen US-Immobilienkredite als Sicherheit gegen frisches Geld zog kurze Zeit später andere Banken mit in den Abgrund.

Frage: Seit einigen Jahren heißt es immer wieder, generative KI werde die Art, wie wir leben und arbeiten, revolutionieren. Sie sind bekannt geworden, weil Sie dieser Vision offen und vehement widersprechen. Was ist Ihr Problem mit generativer KI?

Zitron: Die Technologie wird über Versprechen dessen verkauft, was sie vielleicht einmal können wird. Über ihr Potenzial. Zugleich wird verschleiert, was sie tatsächlich kann, weil das viel weniger ist als das Versprochene. Generative KI ist eine Software, die garantiert Fehler macht: Halluzinationen sind eine mathematische Gewissheit. Außerdem sprechen wir hier von der wahrscheinlich ressourcen-intensivsten Technologie aller Zeiten. Ihr Unterhalt wird mit der Zeit auch nicht billiger werden. Es handelt sich also leider nicht um eine nützliche Technologie, die wirtschaftliche Grundprobleme hat, sondern um eine, die weit weniger nützlich ist, als allgemein behauptet wird, und die obendrein massive wirtschaftliche Grundprobleme hat.

Nachgefragt: Wenn die Technologie so wenig nützlich ist, warum nutzen dann so viele Leute KIs in ihrem Alltag?

Zitron: Sprachmodelle sind besser darin, bei einer Suche zu erschließen, was vom Suchenden gemeint ist. Das heißt aber nicht, dass die Sprachmodelle auch die besseren Suchmaschinen sind. Ich habe über den Account eines Freundes kürzlich mal eines der teureren Modelle ausprobiert, GPT-6 Pro. Ein einziges Mal hat das Ding etwas gefunden, was ich bei meiner eigenen Suche nicht entdeckt hatte: ein paar Vertragsdokumente. Wir sind jetzt also im dritten Jahr der großen KI-Revolution, und ich hatte ein einziges Erlebnis, bei dem ich dachte: cool. Aber mein Punkt ist: Wenn die Unternehmen das bloß als bessere Suchmaschine verkaufen würden – auch wenn es eine viel teurere Form der Suche ist, die nicht unbedingt die besseren Ergebnisse liefert – oder meinetwegen auch als nützliche Hilfe fürs Programmieren, dann wäre das eine völlig andere Situation. Das tun die Unternehmen aber nicht. Sie behaupten, aus ihrer Arbeit werde der digitale Gott hervorgehen, die allgemeine künstliche Intelligenz werde alles verändern. Die Unternehmen selbst sind es, die diese plumpen Versprechungen machen.

Frage: Warum versprechen sie uns Gott? Warum sagen sie nicht einfach, wir haben ein großartiges Programmierwerkzeug entwickelt?

Zitron: Weil sie Bewertungen im Billionenbereich brauchen. Schauen Sie: Für diese Unternehmen werden gerade doch Rechenzentren im Wert von Hunderten Milliarden Dollar gebaut. Anthropic hat unkündbare Verpflichtungen für Recheninfrastruktur in Höhe von 416 Milliarden Dollar. Einfach nur gut im Programmieren zu sein, ein niedliches kleines Unternehmen mit einer Bewertung von ein paar Hundert Milliarden Dollar – das reicht für solche Ausgaben nicht. Die Konzerne verkaufen sich so, damit es zu den Bewertungen passt, die sie brauchen, und zu den Renditen, die die Investoren erwarten.

Und dann stellt Ed Zitron selbst die entscheidende Frage: Wenn euer Modell so gefährlich ist, warum baut ihr es dann? Warum veröffentlicht ihr überhaupt irgendeine Version davon? Claude Mythos war angeblich zu gefährlich, um es zu veröffentlichen – aber dann hat Anthropic es doch an Unternehmen verkauft. Warum? Lautet das Argument, dass die Weitergabe an Unternehmen weniger gefährlich ist als die an Menschen? Wenn das so ist, warum zum Teufel lässt dann OpenAI, ein Unternehmen, KI-Agenten los, um Leute und Konzerne zu hacken?

In Wahrheit ist diesen Firmen Sicherheit egal. Und wenn das Argument lautet: Wir müssen es machen, denn sonst machen es die Chinesen, dann rechtfertigen sie ihr Zerstörungswerk mit Xenophobie. Es gibt kein wirklich stichhaltiges Argument dafür, dieses Zeug zu bauen, außer: Die Industrie muss ewig wachsen.

Was das Nichterscheinen von OpenAIs neuestem Modell Astra 6.1 angeht, halte ich es für wahrscheinlicher, dass es einfach nicht gut genug war, um Investoren überzeugen zu können. Das Unternehmen versucht gerade, weitere 30 Milliarden Dollar Risikokapital einzusammeln. Wenn die Firma tatsächlich Sicherheitsbedenken hätte, würde sie sich wegen schwerer Computerkriminalität selbst bei der Polizei anzeigen. Die haben ein anderes Unternehmen gehackt. Das ist eine Straftat. (…)

ECO123: Apropos „Tüten mit heißer Luft“. Heiße Luft entsteht beim Bau von KI Rechenzentren. Die Prozessoren kosten Milliarden Dollar. Der Strom kommt aus der Steckdose und wird mit Öl oder Gas erzeugt. Woher stammt das Risikokapital und was steht dem an wirklichen Werten gegenüber? Ed Zitron glaubt, dass es 2027 oder 2028 soweit sein wird, dass die Blase platzt. Dann sind 20 Jahren seit dem Konkurs der Lehman-Brother-Bank vergangen. Zeit genug, um einen neuen Hype zu kreieren – und aus Fehlern nichts gelernt zu haben. Geschichte wiederholt sich.

ECO123 dankt den Journalisten Johannes Laubmeier und Alard von Kittlitz von DIE ZEIT für die Möglichkeit, einige Zitate aus ihrem Interview mit Ed Zitron zu benutzen. ECO 123 bedankt sich bei DIE ZEIT für die freundliche Möglichkeit Zitate aus dem Interview zu benutzen.


 

Uwe Heitkamp (66)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobbybotaniker, Vater von zwei erwachsenen Kindern, kennt Portugal seit 35 Jahren, Gründer von ECO123.
Übersetzer: Dina Adão, John Elliott

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