Sonntag, November 17, 2019
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Global denken. Lokal handeln.

ECO123 trifft Vítor Aleixo (63 Jahre), Bürgermeister von Loulé, um 8.45 Uhr im Rathaus. Während er auf dem Flur auf uns zukommt, zieht er einen Schlüsselbund aus seiner Tasche, sucht nach dem richtigen Schlüssel, öffnet die große Tür und bittet uns in sein Büro. Wir möchten wissen, wie es möglich ist, ein politisches Gleichgewicht zwischen Tourismusökonomie und Klimawandel zu halten.

Herr Bürgermeister, was muss ein Politiker tun, um Vertrauen in das demokratische System zu stärken?
Ein Politiker muss Grundsätze und ethische Werte einhalten, die den Menschen und die Umwelt respektieren – das ist eine extrem wichtige Voraussetzung in der heutigen Zeit. Er muss an diese Prinzipien glauben und sie mit großer Überzeugungskraft vertreten, geduldig aber auch sehr hartnäckig sein. Gegenwärtig ist die Demokratie mit großen Schwierigkeiten konfrontiert, weshalb es mir umso wichtiger scheint, an den ihr zugrundeliegenden Werten und Prinzipien festzuhalten und sie so zu stärken.

Ist KONTINUITÄT für Sie ein wichtiges politisches Kriterium?
Ja, nichts fängt bei null an. Die Zivilisation ist viele tausend Jahre alt. Um verantwortungsvoll regieren zu können, muss man eine klare Vorstellung von historischen Zeiträumen haben und diese einordnen können. In der täglichen Ausübung unserer Funktionen haben wir es mit unterschiedlichen Zeiträumen zu tun. Wenn wir nicht in der Lage sind, zwischen kurzen, mittelfristigen und langen Zeiträumen zu differenzieren und unsere Handlungen und Interaktionen darauf abzustimmen, fehlt uns der wesentliche Realismus, den ein guter Politiker haben muss.
Ich bin schon sehr lange in der Politik und habe mich bereits in meiner Jugend dafür interessiert. Politik bedeutete damals aber eher theoretische Betrachtung und Reflektion über die Praxis. In meiner konkreten Lebensrealität finden sich letztendlich all die Werte und Prinzipien, die ich viele Jahre lang, während meiner akademischen Ausbildung erworben habe. Und dann hat auch die Kultur in meiner Familie immer eine Rolle gespielt.

Haben wir noch Zeit, die Situation der Erderwärmung auf globaler und auch lokaler Ebene der Gemeinde Loulé zu verbessern?
Wenn wir über den Klimawandel sprechen, können wir die Gemeinde Loulé nicht vom Rest der Welt trennen. Es handelt sich um ein schwerwiegendes Phänomen, dessen Auswirkungen immer schneller an Intensität zunehmen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass die derzeit stattfindende Veränderung von uns Menschen verursacht ist. Es gibt unterschiedliche Perspektiven, aber heute leugnet fast niemand mehr, dass sich das Klima ändert und diese Veränderung von uns Menschen hervorgerufen wurde und wird.

Im Beginn der industriellen Revolution, dem technischen Fortschritt und einem galoppierenden Ressourcenverbrauch der Wirtschaft, liegen auch die Ursachen für den anthropogenen Klimawandel, dessen Auswirkungen wir heute erleben.
Wenn Sie mich fragen, ob wir noch Zeit haben, eine Katastrophe und eine sehr traurige und äußerst besorgniserregende Zukunftsvision abzuwenden, so möchte ich glauben ja, das geht. Ich muss an das Überleben der Menschheit glauben, um Zuversicht zu haben und mein ganzes Handeln danach ausrichten zu können. Das Leben auf unserem Planeten wird weitergehen – er braucht die Menschen nicht, um noch viele, viele, vielleicht Millionen Jahre weiter zu existieren
Ob uns die Zeit noch reichen wird? Ich gebe zu, dass ich da pessimistisch bin – sogar ziemlich pessimistisch, wenn ich an all diese Dinge denke, wenn ich darüber reflektiere, weil mich dieses Thema nicht loslässt … das Klimaproblem ist etwas, das mich bei meiner Arbeit täglich begleitet. In Anlehnung an die Worte eines italienischen Philosophen, würde ich sagen, dass mein Denken pessimistisch ist, mein Handeln jedoch von Optimismus geprägt.

vitor aleixo

Aus historischer Sicht müssen wir unser heutiges Verhalten nahezu komplett ändern, oder wir laufen Gefahr die Grundlagen für unser Leben zu zerstören. Welche Aufgabe kommt einem Bürgermeister bei dieser Veränderung zu und was muss anders gemacht werden?
Nun, wir alle wissen, dass die Fragen global sind, die Antworten jedoch nicht. Große internationale Foren, die normalerweise Staatsoberhäupter und renommierte Wissenschaftler zusammenbringen, zeigen wie schwierig es ist, einen Konsens für Ziele zu finden, die alle akzeptieren und diese dann auch praktisch umzusetzen. Ich möchte noch einmal an die beim Gipfeltreffen in Rio proklamierte Leitlinie erinnern. Dort wurde klar, wie schwierig es ist, auf globaler Ebene einen Konsens aller Akteure zu erreichen, wenn es um so wichtige Themen wie die Veränderung unseres Lebensstils geht. Deshalb haben wir hier das Prinzip: global denken, lokal handeln. Hier zeigt sich die Rolle des Bürgermeisters: vor Ort ist es möglich, Gewohnheiten zu ändern, es ist möglich unsere Lebensvision zu ändern, interessante Neuerungen einzuführen, die die Welt verändern können.
Ich bin von meinem Tun absolut überzeugt und glaube, dass die Gemeinde Loulé auf lokaler Ebene – mit den von uns eingeleiteten politischen Maßnahmen – einen sehr wichtigen Beitrag leisten kann. Wenn dieses Vorgehen Schule machen würde und die Menschen das Problem nicht weiter ignorieren würden, wäre das ein wichtiger Schritt zur Rettung der Welt.

Auf hiesiger lokaler Ebene hat der Monat mit guten Nachrichten für den Planeten begonnen. Das sogenannte Immobilienprojekt Campingplatz Quarteira in einem der wichtigsten Feuchtgebiete der Region, das in der Vergangenheit vom Rathaus befürwortet worden war, wurde jetzt mit Hinweis auf den Klimawandel gestoppt. Was hat sich geändert, was hat zu den Bedenken des Gemeinderats geführt?
Nun, dieses Projekt war bisher ein konkreter Vorschlag zur Urbanisierung mit einem sehr hohen Bauindex (0,7%) und entspricht einem Flächennutzungsindex, den wir im Zentrum von Loulé haben. Für einen Bereich, bei dem es sich um ein Naturgebiet mit vielen alten Schirmpinien handelt – wir sprechen von zweihundertdreißig Hektar -, treffen wir hier vorbeugende Maßnahmen, obwohl das Immobilienprojekt eine wesentlich kleinere Fläche in Anspruch nehmen würde.

Dies geschieht im Rahmen der Überarbeitung des PDM (Kommunaler Flächennutzungsplan) und für dieses Gebiet gibt es verschiedene Vorschläge. Das Gesetz erlaubt uns, den Bauindex von 0,7% auf 0,2% zu senken und den Investor anzuweisen, die Besiedlungsdichte des in diesem Gebiet geplanten Projekts entsprechend anzupassen. So entsteht ein Gleichgewicht. Einerseits werden die Interessen der Investoren, die gesetzlich zur Nutzung der Immobilie berechtigt sind geschützt, denn die Gemeinde hat den zulässigen Index nicht von 0,7% auf 0%, sondern von 0,7% auf 0,2% reduziert. Somit haben wir eine sehr niedrige Besiedlungsdichte, die aber trotzdem die Rentabilität für den Investor nicht gefährdet. Gleichzeitig garantieren wir den Schutz des öffentlichen Interesses und in diesem Fall den Erhalt der biologischen Vielfalt unter Anwendung ökologischer Wertmaßstäbe in den Feuchtgebieten, die in einer Küstenregion extrem wichtig sind, weil ihnen eine Schlüsselrolle beim Erhalt des Gleichgewichts in unserem Ökosystem zukommt. Daher bieten wir dem Investor eine ausgewogene Lösung an, bei der ein akzeptabler Kompromiss zwischen seinen Interessen und einer zukunftsorientierten Flächennutzung ermöglicht wird.

Ist es leicht, “NEIN” zu sagen und die Immobilienbranche zu bremsen?
Nein, leicht ist das nicht. Ganz im Gegenteil, es ist sehr schwer.

Warum?
Weil für viele Unternehmer heute noch die Vorstellung herrscht, dass Entwicklung grenzenlos sei und wir endlos einer Logik der wirtschaftlichen Expansion ohne jegliches Limit folgen könnten. Doch wir alle haben längst begriffen, dass die Natur physische Grenzen hat. Je früher wir diese erkennen, desto eher handeln wir, um Gleichgewichte zu bewahren und der menschlichen Spezies damit etwas Gutes zu tun. Wachstum muss und darf nur nachhaltiges Wachstum sein und das bedeutet, Ressourcen haben zu müssen, die wiederverwendet werden können.

Könnten wir noch einen Schritt weiter gehen und beispielsweise dieses Gebiet zur lokalen Schutzzone deklarieren oder das ökologische und öffentliche Interesse noch stärker schützen?
Ich möchte Ihnen nicht vorenthalten, dass viele Menschen das gerne sähen und mir dies auch so angetragen wird. Wir leben aber schließlich in einem demokratischen Rechtsstaat, in dem es in unserer Verfassung verankerte Rechte gibt. Ein Politiker muss immer in diesem rechtlichen Rahmen handeln und das tue ich auch. Eine Gesellschaft, die sich nicht an Gesetze und Regeln hält, wäre meiner Meinung nach nicht funktionsfähig.
Hier handelt es sich um einen Kompromiss, der durch eine genaue Analyse der örtlichen Situation gefunden wurde und den es jetzt durchzusetzen gilt.

Dieses Recht hat bekanntlich die Betonisierung der Algarveküste ermöglicht … Der PDM für Loulé wurde 2007 ausgesetzt, als während der Regierungszeit von José Sócrates, in einem geschützten Waldgebiet in Quinta do Lago, der Bau eines Fünf-Sterne-Hotels genehmigt wurde. Das ist über zehn Jahre her. Denken Sie, dass sich das Bewusstsein auf politischer Ebene verändert?
Das Umweltbewusstsein der Menschen nimmt rapide zu und viele haben erkannt, dass wir entweder ein Gleichgewicht zwischen der menschlichen Spezies und ihrer natürlichen Umwelt herstellen müssen oder ansonsten auf eine Katastrophe zusteuern werden. Immer mehr Menschen wird das klar. Und das macht es Politikern wie mir leichter. Weil Gesetze und Rechtsrahmen, abhängig von Protagonisten und politischen Akteuren, oft sehr unterschiedlich ausgelegt werden können.

Sie haben von einer möglichen Katastrophe gesprochen. Was bedeutet der Klimawandel für Loulé und für die Algarve? Was steht konkret auf dem Spiel?
Lokalen Behörden, Bürgern, Familien und Unternehmen muss bewusst sein, dass wir mit einem globalen Problem, das ausnahmslos alle betrifft, konfrontiert sind – nämlich dem Problem, an die natürlichen Grenzen zu stoßen. Entweder wir ziehen in unserem gegenwärtigen Wirtschaftssystem – das für die Zerstörung der Natur verantwortlich ist – die Notbremse oder, nun ja … oder wir gehen alle in eine Zukunft mit immensen Problemen, wie dem Anstieg des durchschnittlichen Meeresspiegels, von dem hunderte Städte auf der ganzen Welt bedroht sind. Es wird noch häufiger verheerende Brände geben, extreme und länger anhaltende Dürren, in denen das lebensnotwendige Wasser knapp wird, …

Dieses Zukunftsszenario wurde von vielen Wissenschaftlern schon vor Jahrzehnten vorausgesagt, deren Hinweisen auf die dringende Notwendigkeit einer Änderung jedoch kein Gehör geschenkt wurde. Es ist erschreckend, aber wahr! Die Menschen müssen sich endlich im Klaren darüber sein, dass sie ihr Verhalten dringend ändern müssen, oder aber was auf sie zukommt, wird in der Tat sehr erschreckend sein.

Fangen wir also bei uns an?
Genau!

Jeder Fußabdruck zählt. Das heißt, die Emissionen eines jeden Menschen … Die Menschheit wächst jeden Tag – wir sind jetzt etwa 7,7 Milliarden Menschen auf der Welt – und wir geben täglich mehr CO2 ab und verbrauchen mehr Ressourcen. Fangen wir bei uns an. Wir müssen unseren Fußabdruck kennen. Kennen Sie Ihren Herr Bürgermeister?
Ich kenne meinen CO2-Fussabdruck nicht. Aber ich kann Ihnen mitteilen, dass ich schon seit Jahren kleine Beiträge zur Reduzierung meines ökologischen Fußabdrucks leiste.

Wie viele Flüge pro Jahr kommen bei Ihnen zusammen?
Ein paar. Aber ich esse beispielsweise sehr wenig Fleisch. Hier in Loulé gehe ich zu Fuß zur Arbeit und nachhause. Wenn es dann öffentlich bereitstehende Fahrräder gibt – was bald der Fall sein wird – werde ich auch Fahrrad fahren. Wenn früher Dienstreisen nach Lissabon nötig waren, fuhren die Fachkräfte in einem und der Bürgermeister in einem anderen Wagen. Das ist vorbei! Jetzt bleibt ein Fahrzeug hier und wir fahren alle zusammen in meinem Wagen. Leider habe ich noch kein elektrisches Fahrzeug, denn die derzeit zur Verfügung stehende Technologie erlaubt es noch nicht, mehrere Stunden unterwegs zu sein, ohne die Batterien nachladen zu müssen. Wenn dem nicht so wäre, hätte ich schon längst ein Elektroauto. Man kann auch im Alltagsleben kleine Beiträge leisten: Wie Sie sehen, brennt in meinem Büro zurzeit kein Licht.

Das wird ja auch gerade nicht gebraucht.
Genau. Und ich wirke in diesem Sinne auch auf die eine oder andere Art und Weise, manchmal vielleicht sogar fast manisch, auf meine Mitmenschen ein: Das Licht soll ausgeschaltet sein, wenn es nicht gebraucht wird, Computermonitore sind nachts auszustellen. Bei mir zuhause fange ich das Wasser morgens in einem kleinen Behälter auf, bis es warm aus dem Wasserhahn kommt, um es dann später für die Toilettenspülung zu nutzen oder die Pflanzen auf dem Balkon meiner Wohnung damit zu gießen.
Diese Einstellung ist mir sehr wichtig, und ich möchte sie auch jeden Tag durch beispielhaftes Handeln vermitteln. Ich denke, kleine Gesten dieser Art gehören definitiv auch zum Umgang mit dem Klimawandel.

Dieser Bewusstseinswandel braucht Zeit.
Es braucht Zeit, denn das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Vielen Leuten fehlt noch das Verständnis. Gestern Abend traf ich auf einer schwierigen turbulenten Bürgerversammlung hunderte von Leute. Es ging um die Einrichtung eines Radwegs in Quarteira. Damit wollen wir denjenigen, die bereits ein entsprechendes Umweltbewusstsein entwickelt haben die Möglichkeit geben, das Auto gegen das Fahrrad zu tauschen, um auch in den Städten mobil sein zu können. Das ist erst der Beginn eines umfassenderen Plans. Aber Hunderten von Bürgern – motiviert von der Sozialdemokratischen Partei (PSD), die bereits drei Erklärungen gegen den Radweg abgegeben hat und sich das mangelnde Umweltbewusstsein der Menschen zu Nutze macht – fehlt dafür das Verständnis. Das war eine sehr schwierige und komplizierte Situation, weil ich eine zukunftsorientierte Politik verfolge, die bei vielen Leuten auf Widerstand stößt.

Haben Sie eine Idee, warum die PSD und Teile der Bevölkerung keinen Radweg wollen? Wurden Ihnen die Gründe genannt?
Der Hauptgrund ist wohl, dass es sich um eine sehr große räumliche Veränderung handelt: Von einem Tag auf den anderen wandelt sich das Stadtbild für die Bürger erheblich. Da dies für die Leute neu und ungewohnt ist, reagieren sie natürlich ablehnend. Durch die Schaffung des Fahrradweges wird die für Autos und Busse verfügbare Fläche von zwei Fahrbahnen auf eine stark eingeschränkt. Das Auto, das bisher in der Stadt absolute Priorität genoss, muss sich jetzt den Raum mit anderen Verkehrsmitteln teilen, weil dies für die Sicherheit der Menschen und für ihre Lebensqualität notwendig ist. Die Autofahrer werden gezwungen, wesentlich langsamer zu fahren, wodurch Lärm und Luftverschmutzung signifikant reduziert werden. Es ist ein neuer Ansatz im Bereich urbaner Mobilität, eine nachhaltige Mobilität, die den Bürgern guttut, einzuführen.

Mit diesem Schritt beginnt die Änderung der Regionalpolitik. Eine Verringerung des ökologischen Fußabdrucks ist dadurch jedoch noch nicht garantiert.
Den haben wir noch nicht berechnet.

Muss nicht noch mehr getan werden?
Ja natürlich, das ist erst der Anfang. Wir haben eine Strategie zur Anpassung an den Klimawandel, wir haben 50 Prozent der 28 Anpassungsoptionen in die Wege geleitet. In sehr kurzer Zeit werden sie bereits umgesetzt. Fünfzig Prozent! Angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit haben wir die Arbeitsweise unserer Stadtverwaltung neu ausgerichtet.

Streben Sie eine Begrenzung der Emissionen an?
Noch sind wir nicht soweit, die erzeugten Treibhausgase zu messen, aber wir haben es vor. Im Moment beschäftigen wir uns mit sanften Formen der Mobilität oder der Vorbereitung auf die extreme und anhaltende Dürre, die durch Wasserknappheit verursacht wird. Wir sind besorgt über den Anstieg des durchschnittlichen Meerwasserspiegels – uns liegen diesbezüglich bereits wissenschaftliche Studien vor – und wir werden uns dementsprechend anpassen müssen.
Die Organisation des Rathauses wurde schon angepasst indem wir zwei Führungsbereiche geschaffen haben: eine Abteilung für Klimaschutzmaßnahmen, eine weitere für Umwelterziehung. Wir wollen in den Bereichen Anpassung und Schadensbegrenzung aktiv werden – zwei unterschiedliche aber gleichermaßen wichtige Ansätze.
Von den achtundzwanzig Maßnahmen ist die Hälfte bereits angelaufen. Ich bin davon überzeugt, dass das Rathaus von Loulé hier auf dem richtigen Weg ist, den es zusammen mit anderen geht, die diese Perspektive teilen. Und ich habe keinen Zweifel, dass es immer mehr werden.

Welche Initiativen stehen im Mittelpunkt der Praxis?
Wir sind dabei einen kommunalen Aktionsplan für nachhaltige Energie in öffentlichen Gebäuden zu erstellen. An den Schulen werden wir Photovoltaikmodule installieren, so dass öffentliche Gebäude, die tagsüber in Betrieb sind, ihre eigene Energie erzeugen und ihren Energiebedarf selbst decken können. Die städtische Markthalle in Loulé ist bereits mit Photovoltaikpanelen ausgestattet. Auch die Zentrale des städtischen Unternehmens Inframoura verfügt über Photovoltaikmodule und konnte ihre Energiekosten auf diese Weise um ungefähr achtzig Prozent senken. Das ergibt bereits einige Kilogramm weniger CO2 pro Jahr. Und wir sind in Gesprächen mit AREAL – der regionalen Energieagentur der Algarve – die Sie interviewen sollten – und die jetzt einen neuen Geschäftsführer hat, Ingenieur Cláudio Casimiro.

Das heben wir uns für die nächste Ausgabe auf.
AREAL unterstützt uns sehr in Energiefragen. Wir befassen uns ausführlich mit Fragen der Wassereffizienz. Demnächst werden wir einen Plan haben, der seit Monaten von einem Team der Universität Algarve und der Universität Minho entwickelt wird – es handelt sich um einen Notfallplan für Dürreperioden.
Vielleicht würden Sie auch gerne hören, was Lídia Terra und Linda Madeira, zwei wichtige Fachkräfte für Umwelterziehung im Rathaus, dazu zu sagen haben. Die beiden könnten dieses Interview sehr aufschlussreich ergänzen. Die Politik, für die ich stehe und für die ich auch verantwortlich bin, könnte ich ohne diese neue Generation von jungen Leuten, die über technisches Know-how verfügen, nicht umsetzen. Sie sind extrem wichtig.

Das sparen wir für die Sommerausgabe auf – versprochen!
Es gibt ein Gremium vieler lokaler Interessenvertreter das sich regelmäßig trifft, um die Umsetzung der Strategien zu beobachten und zu begleiten.

Werden auch Bäume gepflanzt und Bildungsprojekte organisiert?
Ja, wir haben im Kreis Loulé schon mehr als fünftausend Bäume neu gepflanzt. Wir werden diese Politik des Ausbaus grüner Flächen als Kohlenstoffspeicher auch weiter fortsetzen. Das ist extrem wichtig!
Der Landkreis Loulé spielte auch eine sehr wichtige Rolle beim Thema Erdöl und Erdgas. Da ich den Einsatz von Hubschraubern in den Nachtstunden untersagte, konnte Repsol nicht mit Probebohrungen und der Suche nach Erdgas vor Faro, Olhão und Loulé beginnen. Sie hätten die Garantie der Unterstützung durch einen Helikopter gebraucht. Da der Flughafen Faro nachts geschlossen ist, hätten sie auf den Hubschrauberlandeplatz von Loulé zurückgreifen müssen. Als die Anfrage im Rathaus von Loulé einging, habe ich die Nutzung eines Helikopters in der Nacht – falls dies nötig sein sollte – untersagt. Nach meiner Überzeugung war dies eine sehr wichtige Entscheidung, die dazu führte, dass das Projekt aufgegeben wurde. Am wichtigsten aber war der Widerstand, die Opposition der Zivilgesellschaft und der verschiedenen Umweltverbände, die eine unverzichtbare Rolle spielten. Es war jedoch auch notwendig, dass sich regionale Vertreter aus Politik und Wirtschaft gegen Probebohrungen und zukünftige Förderung von Kohlenwasserstoffen positioniert haben. So haben wir es geschafft, eine falsche Entscheidung, die in Lissabon getroffen wurde, hinsichtlich unserer umweltpolitischen Ziele zu verhindern.

Ein Sieg für den Planeten.
Das war ein großer Sieg. Auch in Aljezur haben wir den Druck aufrechterhalten und das Projekt wurde seitens ENI und Galp aufgegeben. Ich finde, das ist eine sehr interessante Geschichte, weil sie uns gezeigt hat, wie die Zivilgesellschaft und ein Teil der Politik – wenn sie die Fähigkeit zur Zusammenarbeit entwickeln – sich gegen mächtige wirtschaftliche Interessen der Öl- und Gaswirtschaft verteidigen können.

Vor fast zwei Jahren wurde in Loulé das größte Einkaufszentrum der Algarve eröffnet. Wir sprechen von Beleuchtung durch LEDs, das Aufladen von Mobiltelefonen und Elektroautos. Es sieht jedoch danach aus, als hätten wir es mit einem guten Beispiel von Greenwashing zu tun, mit entsprechendem grünem Marketing …
Ich denke, dass selbst bekannte Namen großer Konzerne aus marktwirtschaftlichen Gründen viele Maßnahmen übernehmen, die aus ökologischer Sicht korrekt und notwendig sind. Und sie sind sehr darauf bedacht, viel Werbung darin zu investieren. Das Problem besteht jedoch darin, dass eben diese Unternehmen in der Regel weiterhin die großen Befürworter eines grenzenlosen Konsums ohne Regeln sind, eines – in Bezug auf die Umwelt – exzessiven Konsums.
Es ist zwar schön und gut, dass sie eine umweltfreundliche Politik übernehmen, andererseits vertreten sie aber auch das Konzept eines maßlosen Konsums. Wir haben bereits erkannt, dass es unser Wirtschaftsmodell ist, das größtenteils zum Klimawandel beiträgt. Und dieses Wirtschaftsmodell muss früher oder später geändert werden.
Unter den verschiedenen Möglichkeiten für die Zukunft würde ich mich für eine Art grünen Vertrag aussprechen – einen Green Deal, bei dem die gesamte Energiebasis, die für das wirtschaftliche Funktionieren erforderlich ist, von fossilen auf erneuerbare Energien übertragen werden kann und ich würde auf diesem Gebiet umfangreich investieren. Die Wirtschaft könnte, sollte und müsste weiterwachsen, sich aber nachhaltig entwickeln. Und in dieser Hinsicht gibt es tatsächlich große Anstrengungen. Wir setzen auf lokale Kreislaufwirtschaft. Das ist unsere Perspektive!

Kennen Sie das Konzept des ” Negativwachstums”?
Natürlich. Aber genau hier liegt das Problem – es ist nicht leicht, jemanden zu bitten, weniger zu konsumieren, weil sich niemand auf einen Lebensstandard von früher beschränken will, obwohl dies für die Natur sehr gut sein könnte. Ich habe meine Zweifel, dass die Menschen und die Gesellschaft als Ganzes das akzeptieren.
Wenn wir es schaffen eine dynamische Wirtschaft, das heißt eine Wachstumsökonomie, die auf einer neuen Wirtschaftsphilosophie basiert zu etablieren, wird es – glaube ich – möglich sein, gute Entwicklungsstandards aufrechtzuerhalten, die einerseits für die Menschen akzeptabel sind und sich andererseits an den Vorgaben zur Kohlendioxidreduzierung orientieren – so funktioniert grüne Wirtschaft.

Danke.

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