Montag. Ich befinde mich gerade in der Genossenschaft und möchte vier Kilogramm Katzenfutter kaufen. Ich nehme immer ein Säckchen von zuhause mit, dann muss ich keine Einmaltüten benutzen, denn die landen dann sowieso nur im Müll. WIEDERVERWENDUNG wird bei uns groß geschrieben. Wir recyceln fast alles. Wir, das sind Jeremy, mein Kollege und ich, wir leben und arbeiten in Monchique, im Süden Portugals und wir haben uns darauf spezialisiert, Sprinkleranlagen zu installieren, mit deren Hilfe man Waldbrände löschen kann. Vor ein paar Tagen, also am Montag, dem 28. April, gab es in ganz Portugal und in Spanien und in anderen Gegenden der Europäischen Union eine geregelte, nicht angekündigte und plötzliche Stromabschaltung. Davon wurden wir alle unangenehm überrascht. Sie werden sich bestimmt und genauso wie wir erinnern. Es war Montagmittag und mit einem Mal gingen mittags die Lichter aus. Das öffentliche Leben kam beinahe zum Stillstand. Es funktionierten keine Kassen in den Supermärkten mehr, man konnte kein Geld an den Bankautomaten mehr abheben. In der Genossenschaft hatten sie eine elektrische Waage, mit der sie das lose Katzenfutter abwiegen. Die fiel zuerst aus. Danach war das Zahlungssystem Multibanco nicht mehr zu gebrauchen. Gott sei Dank hatte ein Mitarbeiter gerade im Moment des Stromausfalls die Kasse offen gelassen. So gab es wenigstens noch etwas Bargeld.
Wir in Monchique wissen uns bei solchen Gelegenheiten irgendwie immer zu helfen. In der Genossenschaft hatten sie noch eine alte Handwaage, mit der man manuell das Katzenfutter, die Setzkartoffeln, die Bohnensamen usw. abwiegen kann und natürlich konnte ich auch mit Münzen die fünf Euro und sechszig Cent für das Katzenfutter bezahlen. Nur gegen Betrug sind wir in Monchique oftmals noch etwas machtlos…
Was für eine Woche war das eigentlich, frage ich mich jetzt im Nachhinein? Mittlerweile ist es zehn Uhr vormittags am Samstag, dem 3. Mai geworden und diese verkehrte Welt kommt langsam zu einem Ende. Wir befinden uns jetzt auf einem Abstellhof für abgeschleppte Autos des in Portimao befindlichen Transportunternehmens Florival & Marreiros Lda. in der Estrada do Belmonte, Nummer 2. Das Grundstück ist gesischert wie Fort Knox. Eine mehrere Meter hohe Mauer führt um den Wagenpark des Abschleppunternehmens mit den Kameras herum, kein Schild verrät uns, wer hier residiert. Ein sehr hohes Tor öffnet sich langsam elektrisch für uns. Wir werden eingelassen. Die Elektrizität ist landesweit zurück. Keine Klingel. Kein Türöffner, das Tor rollt und öffnet die Sicht auf einen Park mit abgestellten Autos…
Vor uns fährt ein Abeschleppwagen mit einem nicht fahrbereiten Auto Huckepack in den Hof hinen. Wir folgen mit unserem Ersatzwagen, denn unser eigener Verlagswagen, ein elektrischer Renault Zoe ist hier seit Dienstagabend, 29. April, zwischengegeparkt und steht verloren in der Welt herum. Eigentlich war uns versprochen worden, daß man ihn vor Mittwochmittag, dem 30. April zur Renault-Werkstatt nach Faro abschleppen würde. Dort aber sei er nie angekommen, wird uns von Renault mehrere Tage später, am Freitag kurz vor Werkstatt-Schließung auf Anfrage mitgeteilt. Prüft den niemand von der Versicherung, was der Abschleppunternehmer mit den versicherten und nicht fahrbereiten Autos sonst noch so anstellt? Müssen wir denn unsern Renault ZOE selbst nach Faro bringen? Wir haben unsern von der Versicherung Generali und ihrer Assistencia em Viagem in Auftrag gegebenes, abgeschlepttes Auto nun erst einmal selbst gesucht. Ein Auto kann ja nicht spurlos verschwinden. Der Abschleppdienst in Portimao klaut ja keine Autos und läßt sie nach dem Abeschleppen einfach verschwinden… Das kann nicht die vielgerühmte Assistencia de Viagens der Tranquilidade Versicherung sein! Der Autohof des Abschleppdienstes wird zur vorläufigen Endstation unseres Renault ZOE.
Freitag. Tatsache ist, der Verlagswagen wurde am Dienstagnachmittag um 17 Uhr und 30 Minuten in Monchique auf Anweisung der Tranquilidade-Versicherung vom Abschleppunternehmen Florival & Marreiras Lda. Portimao abgeschleppt und ist bis Freitag, um 18 Uhr, zum Ende der Woche, „noch immer“ nicht in der offiziellen Renault Werkstatt (Carby) in Faro angekommen.
Das bestätigt uns der Chef der Renault-Werkstatt, Senhor Gonçalo Javier. Wir selbst sind am Freitag nämlich auch in Faro und überprüfen das. Irgendetwas stimmt hier nicht. Und da wir Journalisten sind, beginnen wir jetzt mit der Suche, mit einer Recherche, ein Auto zu finden, besonders, wenn es sich um das eigene elektrische Verlagsauto handelt. Hier, beim sogenannten Pannendienst Florival & Marreiros Lda. steht es dann neben hunderten von anderen abgeschleppten und zwischengeparkten Kraftfahrzeugen in einer Reihe hinter der Mauer, im Innenbereich von Fort Knox, Estrada do Belmonte Nummer 2 in Portimao. Warum wurde es nicht im Verlauf der Woche nach Faro in die Vertragswerkstatt von Renault transportiiert, wie mit der Versicherung vertraglich abgemacht; und … warum steht es nun hier in Portimao immer noch herum, während des nächsten Wochenendes? Will man Kosten sparen? Wartet ddr Abschleppunternehmer, bis er fünf oder sechs kaputte Autos zusammen hat und einen größeren Transporter damit beladen kann?
Springen wir noch einmal zurück in die Woche davor. Am Dienstagmorgen ist der Strom nach dem landesweiten Black Out (apagão) zurück. Ich fahre mit dem Verlagswagen an die öffentliche elektrische Schnell-Ladestation in Monchique, um die Batterie aufzuladen. Ich hänge den elektrischen Renault an die Ladesäule von Galp in der Dorfmitte. Sie ist ladebereit aber funktioniert nicht, obwohl sie das Gegenteil anzeigt. Ich fahre die nächste Säule an: die EDP Ladesäule beim Intermarché. Auch dort schließe ich mein Ladekabel an. Und dann passiert etwas, mit dem ich nicht rechne. Die Armatur zeigt plötzlich in roter Warnschrift an, dass ich das elektrische System des Renault Zoe überprüfen lassen soll.
„Manda verificar o sistema elétrico“.
Das Elektroauto hatte zu dieser Zeit am Dienstagmorgen eine Batterieladung von nur noch 18 km Reichweite und kann nicht aufgeladen werden. Danach könnte der Wagen auf der Straße ziemlich schnell mit leerer Batterie irgendwo liegen bleiben und ich mit ihm, weil die EDP, nachdem die Elektrizität im ganzen Land wieder zurückgekommen ist, vermutlich das Batteriemanagement- System des Wagens beschädigt hat. Ich kann noch bis in die Redaktion zurückfahren. Dann stelle ich den Wagen ab und melde den Schaden der Versicherung: die “Assistencia em Viagem“ bei der Tranquilidade-Versicherung, die zum italienischen Generali Konzern gehört.
Die schickt uns in gutem Glauben, ihren Vertragspartner, den Abschleppunternehmer „Florival & Marreiros Lda.“… der ein paar Stunden dafür benötigt, um ECO123 in Monchique zu finden. Um 17h30 endlich wird das Elektroauto auf den Abeschleppwagen gezogen und es wird vereinbart, das Auto am nächsten Morgen direkt in die Renault-Werkstatt nach Faro zu transportieren… Klare Sache, sollte man denken.
So weit so gut? In Faro ist der Wagen nie angekommen, obwohl mir am Telefon vom Juniorchef Rafael Marreiros das Gegenteil gesagt wird. Der Wagen sei in Faro, müsse nur noch bei Renault abgeliefert werden. Das sagt er in mehreren Telefonaten am Freitag um 10 Uhr, um 16 Uhr und noch einmal um 17 Uhr. Da sind wir bereits selbst bei Renault in Faro und warten darauf, dass unser Verlagswagen die Werkstatt erreicht. Stattdessen steht der Wagen im 80 km entfernten Portimão in „Fort Knox“ der Abschleppfirma Florival & Marreiros Lda. geparkt …
Rekapitulieren wir. Ehrlichkeit, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit sind die Tugenden einer jeden Versicherung. Die Tranquilidade gewährt jedem ihrer Kunden im KFZ-Bereich zusammen mit einer Versicherung einen kompetenten Abschleppdienst nebst der Garantie, einen Ersatzwagen während einer Woche bereitzustellen, während sich der Wagen in der Reparatur befindet (sechs Werktage). Der Verlagswagen von ECO123 hatte ein Problem mit dem Lademechanismus nach dem iberischen Stromausfall. Er wurde am Dienstag, dem 29. April aus Monchique abgeschleppt und sollte am kommenden Vormittag, am Mittwoch in der Werkstatt von Entreposto (Renault) in Faro repariert werden. Das wurde er aber nicht, aufgrund eigenmächtiger und aufgrund einer nicht kommunizierten Entscheidung des Abschleppunternehmers. Kann also jedem Versicherungskunden passieren, der von Florival & Marreiros abgeschleppt wird, zuerst einmal in Fort Knox statt in der Vertragswerkstatt zu landen? Mehrfach leugnete Rafael Marreiros am Telefon, daß sich der Wagen woanders als in der Werkstatt befindet. Die meisten Kunden geben sich mit einem Telefonat zufrieden. Wäre das Elektroauto von ECO123 am Mittwochvormittag wie versprochen in der Renault-Werkstatt angekommen, hätte es innerhalb von drei Tagen repariert werden können und ein Ersatzfahrzeug wäre gar nicht notwendig gewesen – weitere Extrakosten der Versicherung für einen Leihwagen hätten vermieden werden können. Stattdessen wurde das Elektroauto eine Woche unerlaubt zwischengeparkt und während dieser Bericht online erscheint, ist das Verlagsauto immer noch nicht in der Renault-Werkstatt in Faro eingetroffen.
Das Versicherungsunternehmen Tranqulidade (Generali) wird sich bestimmt Gedanken darüber machen müssen, ob man weiterhin mit einem Abschleppunternehmer kooperiert, der die Autos der Versicherungskunden auf seinem eigenen Hof (Fort Knox) für eine längere Zeit zwischenparkt und erst dann in die Werkstatt transportiert, wenn er mindestens fünf Autos auf einem grossen LKW gleichzeitig abtransportieren kann. Das jedenfalls behauptet ein Inseider aus der Branche. Besonders betroffen seien liegengebliebene Leihwagen aus dem Tourismus-Gewerbe. Was dem einen Kosten erspart, treibt die Kosten des anderen in die Höhe. So ist das im Versicherungsgewerbe und oft auch im ganz normalen Geschäftsalltag.
Ach ja, nächsten Montag fahre ich dann mit dem Leihwagen Katzenfutter in der Genossenschaft einkaufen. Ich habe vier Katzen und jede von denen frisst pro Woche ein Kilogramm Katzenfutter. Den Rest des Hungers erledigen dann die Mäuse…
Eco123 Revista da Economia e Ecologia
