Man kann Banken generell vieles vorwerfen, wenn sie ihre Kunden mit Geld ködern, ihnen Kredite geben, und die Europäische Investitionsbank (EIB) in Luxemburg ist da sicherlich keine Ausnahme. Aber schon eines meiner berühmten Vorbilder im Journalismus, der Deutsche Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger alias Peter Panter alias Ignaz Wrobel attestierte in der Berliner Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ der Weimarer Republik vor genau hundert Jahren einem Bankdirektor den Weitblick durch seine Brille genau bis zur eigenen Nasenspitze… (Dann kamen die Nationalsozialisten)
…und damit geht die Kritik an der portugiesischen holzverarbeitenden Firma „The Navigator Company SA“ einher (alias, vor der Namensänderung, Portucel, Soporcel etc.pp.) sie sei eines Kredites als Unterstützung aus Europäischen Finanzmitteln in Höhe von 115 Millionen Euro für ihr Werk in Sétubal und noch einmal 40 Millionen Euro für das Werk in Aveiro, nicht würdig. Begründung der EIB: sie wird mit Eu-Mitteln unterstützt, weil ihre Papierfabriken CO2-neutral werden sollen und das 15 Jahre vor der von der EU Komission gesetzten Zeit, im Jahr 2035… Und das reicht?
Steht mir das zu, so etwas zu beurteilen, in Frage zu stellen, in Zweifel zu ziehen? Darf ein Journalist eine Meinung haben und sie auch äußern, selbst wenn sie fundiert ist? Also ja, wenn es sich um einen Kommentar handelt und nicht um eine Reportage oder einen Bericht. Also, verehrte Staatsanwälte und Richter, nehmen Sie es mir nicht übel, aber fassen Sie bitte meine Worte als Glosse, als Kommentar oder als eine schlichte Meinungsäußerung auf. Denn als Journalist stehe ich nun in Portugal unter juristischer Beobachtung. Von der GNR in Monchique wurde ich vergangene Woche Mittwoch darüber aufgeklärt, dass ich von der Firma Navigator wegen Diffamierung und übler Nachrede angezeigt wurde. Ich bin nun ein „arguido“ und muss eine längere Reise voranmelden. Ich habe zu den Vorwürfen nichts zu sagen. Der Leser möge sich eine eigene Meinung dazu bilden. Sollte die Staatsanwaltschaft Portimão die Strafanzeige als begründet ansehen, wird Anklage gegen mich erhoben. Dann werde ich möglicherweise verurteilt. Aber vielleicht auch nicht. Es gibt ja nun so etwas wie die Pressefreiheit, auch in Portugal.
Denn ich schreibe regelmäßig über den Wald und die Navigator Firma und bin ihr ein Dorn im Auge. Denn wir veröffentlichen mehrsprachig. Und ich recherchiere nicht vom Schreibtisch aus, ich begebe mich in die Natur, in den Wald, in den Forst. Man kann ECO123 also auch in Brüssel lesen und in Deutschland und in Irland und sogar auch in Luxemburg. Um es klar zu sagen: die Firma Navigator ist es, die jene todbringende „Droge Eukalyptus“ in ihren Baumschulen hochzieht und dann kommerziell vertreibt und an die Bauern und Forstbesitzer verkauft und das nicht unbedingt erfolglos. Denn der herkömmliche traditionelle Mischwald, eine genügsame Mischung aus Korkeichen und Kastanien, Eschen und Erlen, Johannisbrot- Mandel- und Olivenbäumen und vielen anderen heimischen portugiesischen Baumarten wurde mit den Wurzeln in der Zeit, in der ich Portugal als Journalist beobachten durfte, herausgerissen und stattdessen mit Wasser saufenden Eukalyptus aus Australien ersetzt. Mit einer fremden Droge, die, wenn man sie nach acht Jahren mit der Motorsäge fällt und in der Navigator Fabrik zu Papier verarbeiten lässt, einfach aus dem Stumpf wieder einen neuen Stamm hervorzaubert (austreibt). Deswegen ist Eukalyptus so eine Wunderdroge, sie treibt von selbst wieder aus, man muss sich nicht die Finger schmutzig machen oder in einen neuen Baum neues Geld investieren. Das passiert alles wie von selbst. Eukalyptus ist eine Baumart, die dem Boden sämtliche Feuchtigkeit entzieht, bis zum Grundwasser.
Ich gehe als Journalist seit vielen Jahren wandern. Wer zu Fuß durch das Land streift, erlebt die Realität hautnah. Beispielsweise die Via Algarviana. Dabei ist mir sehr genau aufgefallen, warum es beispielsweise im Landkreis São Brás de Alportel in den Jahren zwischen 2007 und 2025 nur einmal gebrannt hat, in 2012. Und seitdem nicht mehr. Wer in Alcoutim am Grenzfluss Guadiana die Via Algarviana losgeht und bis Alte kommt, geht über eine Strecke von 150 km durch eine Region, die frei von Eukalyptus ist. Die Bürgermeister und die Menschen dort lehnen Eukalyptus-Monokulturen ab. Ab Silves dann beginnen die industriellen Plantagen, und wer hoch nach Monchique in die Berge steigt, bewegt sich in gefährlichem Terrain, jedenfalls im Sommer. Hier brennen die Eukalyptus- Plantagen oft lichterloh, 2003, 2004, 2016, 2018, 2023 … In Monchique sind die Forstbesitzer süchtig – nach Geld. Und es geht um viel Geld.
Das macht es für die sogenannten Drogenverkäufer von The Navigator Company sehr einfach, ihre Ware an die Süchtigen zu verticken. Und gutes „Geld verdienen“ wollen bekanntlich alle: die Forstbesitzer mit ihrem Stück Land und Wald, die Navigator sowieso, die Holzfäller, die zumeist aus Brasilien stammen, oder aus der Ukraine oder Rumänien. Geld verdienen ist wie eine Sucht. Immer muss es mehr sein und noch mehr und immer wieder mehr werden. Egal wie und egal womit? Wo einmal Eukalyptus stand, wächst erst einmal für lange Zeit keine andere Baumart mehr. Der Boden ist ausgelaugt, die Erde grau und vertrocknet. Das habe ich als Journalist mit eigenen Augen erfahren: denn unsere Genossenschaft betreibt seit 2018
neben dieser Zeitung auch die Realisierung eines botanischen Waldgartens: eine Oase in der Eukalyptuswüste. Wir reißen die Wurzeln von ehemals gepflanzten Eukalyptus wieder raus und pflanzen divers mehr als einhundert verschiedene heimische Baumarten bis hin zur Monchique-Eiche, von der es noch genau vier Exemplare im Landkreis Monchique gibt. Und wir geben viel Ziegenscheiße und Mulch in die Furche, natürlichen Dünger für die jungen Bäume, um die Qualität der Erde zu verbessern.
Portugal ist weltweit das einzige Land, in dem 98% des Waldes der Privatwirtschaft gehören und nur zwei Prozent dem Staat. Damit läßt sich erklären und verstehen, warum 10.000 km² von Portugals Staatsfläche, die 92.000 km² auf der iberischen Halbinsel ausmacht, mit dem „umweltgiftigen“ Eukalyptus zugepflastert wurde, und zwar genau in meiner Generation zwischen 1990 und 2015. Das sind mehr als zehn Prozent des Staatsgebietes. Die Grenzen zieht nicht die Regierung, sie läßt die Grenzen den Markt ziehen. Ist denn Wald nur ein kommerzielles Gut, sollte der Wald wie eine Wurstfabrik gemanagt werden? Hat Wald nicht auch einen viel tieferen Sinn, eine Aura aus Magie und Gesundheit, ist Wald nicht auch Nistplatz für Vögel und gehören Flora und Fauna nicht zusammen. Hat die Wirtschaft das Recht, die Bäume alle acht Jahre abzuholzen, nur um daraus Papier zu machen? Finden die Gesetze zum Schutz der Natur keine Anwendung mehr?

Haben Sie Fragen, so weit? Sie wollen doch bestimmt noch wissen, warum es in Portugal jedes Jahr unglaubliche Waldbrände gibt, die sich nicht löschen lassen, denn eine Eukalyptus-onokultur, ein Industrieforst brennt wie Benzin und ist kaum zu löschen, sagte mir die Feuerwehr in Monchique, wo die Dichte des bepflanzten Forstes mit Eukalyptus mehr als 75 Prozent beträgt. Mehr als 300 km² vom Landkreis Monchique, Gesamtfläche 397,5 km² werden als extrem brennbar eingestuft. Ich lebe und arbeite also auf einem Pulverfass. Und da spricht der Bankdirektor der EIB von klimaneutralem Arbeiten und Wirtschaften in den Fabriken der Firma Navigator, wenn um uns herum jedes Jahr diese Monokulturen lichterloh brennen. Sollte die Firma Navigator nicht eher zur Verantwortung für die materiellen Schäden durch die Waldbrände gezogen und haftbar gemacht werden? Ein einziger km² Wald, der sich in Rauch auflöst, emittiert 20.000 Tonnen CO2. Diese Angaben stammen nicht von Greenpeace sondern von der UNO und bekanntlich ist ein Portugiese der Generalsekretär. Befragen Sie in New York António Guterres zum Thema Waldbrände, verehrte Staatsanwälte und Richter. Oder um nicht das Budget für Fahrt- und Flugkosten zu ruinieren, lassen Sie sich mal einen Tag lang durch die verbrannte Welt der Natur in Monchique mit dem Dienstwagen chauffieren. Oder gehen Sie wandern, wie ich es mache, die Via Algarviana (GR 13) ist 300 km lang. Aber bitte im Frühling, wenn die Natur feucht ist…
Diese Naturwelt von Monchique wurde vor dem Jahr 2000 noch zum Natur-Reservat geadelt, aufgrund ihrer Vielfalt in Flora und Fauna unter dem Schutz der EU. Was dieser Schutz im System Rede Natura 2000 Wert ist, (Nr. 00037) sehen wir heute. Der ICNF (Instituto da Conservacão da Natureza e da Floresta), dem auch das Wohl des Waldes untersteht, diesen zu schützen, hat eher gemeinsame Sache mit Navigator gemacht und liess die Zerstörung zu. Im Landkreis Monchique hätte es nie dazu kommen dürfen, den Naturwald zu roden und mit Eukalyptus zu bepflanzen. Die Folge waren fünf große Waldbrände in 1991, 2003, 2004, 2016 und 2018. Und ich erwähne jetzt nur Waldbrände, die mindestens 10.000 ha Wald, Forst und traditionelle Landwirtschaft zerstört haben. Dazu hunderte von Häusern und Existenzen. Da muss ich nicht nach Pedrógão Grande schauen. Da genügt der Blick über die Nasenspitze hinweg in die Berge von Monchique. Da stehen die Industrieforste für die Papierfabriken der Navigator. Und im benachbarten Landkreis Odemira befindet sich die Baumschule.
Genau dafür wird The Navigator Company AG nun die zweifelhafte Ehre zuteil, einen sehr günstigen Kredit für die Modernisierung ihrer Papierfabriken von der EU-Bank zu bekommen, unter dem Deckmantel der frühzeitigen Klimaneutralität. Greenwashing. Wenn die Banker in Luxemburg und die Politik in Brüssel wüssten, was genau im fernen Portugal passiert, wie die Opfer der Waldbrände, die ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben, und nun auch noch den guten Glauben an die EU – die EIB würde besser ihr Geld in nachhaltige Waldwirtschaft investieren. CO2-neutral wirtschaften sieht anders aus. Denn es gibt auch andere Projekte in Portugal, wir müssen nur ein wenig recherchieren und hätten sofort einen wirklichen Ansprechpartner: die Allianz für den autochtonen Wald mit Sitz in Porto. https://florestautoctone.webnode.pt/
Genau darüber schreibe ich Ihnen nächste Woche eine Geschichte: über den Zauber des natürlichen Waldes. Denn es gibt noch ein paar Flecken in Portugal, die noch nicht abgebrannt sind, denn natürlicher Wald bewahrt seine Feuchtigkeit und ist schwer entflammbar. Dieser native Wald taugt nicht für Finanzspekulanten, dieser Wald ist ein gutes Beispiel dafür, das Naturerbe des Landes Portugal zu bewahren. Denn es gibt auch noch immer Portugiesen, die Eukalyptus grundsätzlich ablehnen.
Zum guten Ende noch ein Frage. Warum muss Papier eigentlich immer noch aus Eukalyptus hergestellt werden? Es gibt soviel ungenutztes, kaum recyceltes Altpapier in Portugal und im Rest Europas. Recyclingpapier kostet in Portugal das Doppelte vom Preis im Vergleich zu Deutschland, Schweden, Schottland u.a. Ländern im Norden Europas. Es ist das ureigene Geschäftsmodell, das die Navigator Company in ihrem Wirtschaftswachstum hemmt. Denn die Nachfrage nach umweltfreundlichen Recycling Papier wird durch ein nicht vorhandenes nationales Angebot künstlich verknappt. Fragen Sie mal die Geschäftsführung des amerikanischen Multis „Staples“ nach Recycling-Büropapier von Navigator. Die Antwort ist interessant…
Eco123 Revista da Economia e Ecologia


