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Immer mehr, immer höher, immer schneller und weiter?

von Uwe Heitkamp

Ich kann mir nicht helfen, aber mich erinnert die derzeitige Wirtschaftspolitik des ewigen Wachstums an den Untergang der Titanic im Nordatlantik. Denn wer das Wachstum der Wirtschaft als das einzige Hauptziel seiner Politik apostrophiert, lässt das wichtigste Kriterium des wirtschaftlichen Planens und Handelns völlig außer acht: Wirtschaftspolitik ist nie immer nur linear, also keine Einbahnstraße, sondern immer zyklisch zu planen und das Ziel sollte alle Faktoren miteinander in Einklang bringen, im besonderen aber die Vermeidung von klimaschädlichen Umweltfaktoren. Wer weiterhin mit Derivaten aus Rohöl, also mit Benzin, Diesel oder Kerosin als Grundstoff arbeitet und mit Gas oder Kohle Produkte herstellt oder Dienstleistungen anbietet, der schädigt das Klima und trägt dazu bei, die Umwelt und damit die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten Erde zu zerstören. Dieser Pfad mündet in eine Sackgasse. Und die Zerstörung des Planeten sollte nicht auch noch mit Steuergeldern gefördert werden.

Beispiele gefällig? Milch- und Milchersatzprodukte und Fruchtsäfte werden vermehrt in Einwegverpackungen verkauft, die wir nach Gebrauch wieder wegwerfen. Wir werden zwar von die Industrie und der Politik dazu angehalten, die Verpackungen durch Sortierung dem Recycling zu überantworten, doch eine Verpackung von Tetrapack läßt sich nicht in seine Einzelteile zurückführen. Und Taxifahrer und ihre Dieselfahrzeuge sowie Flugzeugpiloten sind Berufe, die zu den schmutzigsten der Welt zählen – und die Parmaindustrie, deren Ausgangsprodukte auf fossilen Grundstoffen basieren, ebenfalls. Wohin also geht die Reise?

Um es noch klarer zu fassen, ein Milliardär wie Elon Musk, Besitzer von Tesla und X plant mit seiner Weltraumfirma Space X eine Reise zum Mars zu unternehmen, um dort nach Leben zu suchen. Er will etwas machen, was viele gedanklich bereits in ihren kühnsten Phantasien durchgespielt haben, aber er will das nahezu Unmögliche in naher Zukunft in die Realität umsetzen und damit konkurrenzlos neues Wirtschaftswachstum in Gang setzen. Bleiben wir doch lieber auf der Erde und ganz bei uns?

Wir kennen die Dynamik des immer Schneller, Höher & Weiter nicht nur im Wirtschaftsleben, sondern auch aus dem Sport und von den Olympischen Spielen, die ja zur Zeit gerade wieder einmal stattfinden. Dem Schneller, Höher & Weiter wird alles weitere untergeordnet, auch die Gesundheit. Denn auch Sport ist ein Teil der Wirtschaft und jedes Spektakel kennt seine vermeintlichen Sieger und seine Opfer. Da bleiben die Schäden der gegenwärtigen Winterstürme und des Starkregens in Portugal und anderswo nur Kollateralschäden der Natur. Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert.

Mit weniger CO2 in der Atmosphäre (Luft) und in den Ozeanen (Wasser) als Speicherplatz für Abwärme verbrannter fossiler Energien, ließe sich Wirtschaft emissionsfreier und umweltfreundlicher gestalten. Weniger Ressourcenvergeudung und eine Wirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert, weniger zerstört und etwas für künftige Generationen bewahrt, bewiese Weitsicht und praktizierte kreative Intelligenz – statt künstliche Intelligenz. Auf diese Weise ließe sich Weniger ist Mehr besser verstehen und Genügsamkeit wäre eine Zielprojektion für viele Generationen.

In diesem Sinne kommt ECO123 zur Bewertung des neuesten Oxfam-Berichts über die Pro-Kopf-Klima-Emissionen. Oxfam behauptet, dass Reiche allein durch die ungleiche Verteilung von Einkommen und Kapitalerträgen gegenüber Armen für ungleich mehr CO2 Emissionen verantwortlich seien. Und was folgt daraus? Oxfam versucht in seinem Bericht, die Verantwortung der Klimakrise zu definieren und schreibt, dass das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung, also die Milliardäre unter den Reichsten, pro Kopf und pro Tag mehr als 800 kg CO2 verursachen, während im Gegensatz dazu ein Mensch aus den ärmsten 50 Prozent der Welt durchschnittlich nur zwei kg CO2-Emissionen pro Tag verursachen. Wir haben die Oxfam-Berichte aus Großbritannien, Deutschland und Brasilien gelesen, analysiert und miteinander verglichen. In Portugal selbst gibt es keine Oxfam-Gruppe. Das Fehlen hinterläßt eine gravierende Lücke. Möglicherweise ist Portugal nicht bedeutend genug für Oxfam.

Oxfam schreibt: „Nicht nur durch ihren Konsum tragen die Reichsten der Welt zur eskalierenden Klimakrise bei. Als EigentümerInnen oder AnteilseignerInnen von Konzernen verantworten allen voran MilliardärInnen enorme Mengen an CO2-Emissionen. Die Investitionsemissionen von weltweit 308 MilliardärInnen beliefen sich im Jahr 2024 auf insgesamt 586 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr.“ ECO123 fragt sich, ob das weit genug betrachtet? Denn wer seinen Blick nur bis zur Nasenspitze richtet, leidet womöglich an Kurzsichtigkeit…

Fast 60 Prozent der Investitionen von MilliardärInnen gingen in besonders klimaschädliche Sektoren wie Öl und Gas. Das ist eine Tatsache und belegt. Eine große Menge der CO2-Emissionen insgesamt ließen sich auf nur wenige Unternehmen aus besonders klimaschädlichen Branchen zurückführen. Allein sechs Unternehmen seien für zehn Prozent und 100 Unternehmen für die Hälfte der gesamten Unternehmensemissionen der Menschheit verantwortlich…

Um nahezu klimaneutral zu leben, gibt Oxfam einen Wert von 2,1 Tonnen CO2- Äquivalente pro Person und Jahr an, die noch relativ nahe an der 1,5 Grad kompatiblen Grenze liegen. Diesen Wert erreicht allerdings nur, wer seine Elektrizität ohne jegliche CO2-Emission kauft oder selbst nachhaltig erzeugt, das Fliegen aus seiner Mobilität verbannt und sich per Auto oder Bahn elektrisch fortbewegt und auch sonst bei der Ernährung ernsthaft darauf achtet, so wenig Fleisch wie möglich zu verzehren. Doch darüber, wie eineR seine CO2 Emissionen konkret senken kann, darüber lesen wir bei Oxfam nichts. Leider. So gehen wir möglicherweise besser zu den Ratgebern vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK), echten praxisorientierten Wissenschaftlern. Übrigens wäre es sinnvoll, mal einen Bericht über Anreize zu klimaneutralem Wirtschaften zu schreiben, mit lösungsorientierten Informationen. Vielleicht im nächsten Jahr bei Oxfam? Man sollte zuversichtlich bleiben…

Uwe Heitkamp (66)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobbybotaniker, Vater von zwei erwachsenen Kindern, kennt Portugal seit 35 Jahren, Gründer von ECO123.
Übersetzer: Dina Adão, John Elliot

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