Home | Short Stories | Ostern bei Auchan?

Ostern bei Auchan?

Das mit den Plastikflaschen darf nicht so weitergehen. Wir in Portugal haben Probleme zu lösen, die Menschen auf anderen Planeten längst schon gelöst haben. Und warum? Weil wir langsam sind, weil wir zu langsam sind, Dinge zu begreifen, die andere Menschen schon längst begriffen und somit schon längst vor uns gelöst haben. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch…

Stellen Sie sich mal vor, Sie wären ein ausländischer, investigativer Journalist. Sie gehen in einen Supermarkt und wollen sich eine Flasche Wasser kaufen. Sie beginnen ihre Recherche ausgerechnet bei Auchan in Portimão oder bei Modelo in Lagos oder sonstwo in Portugal. Sie möchten sich also eine Wasserflasche aus Glas kaufen und diese Flasche finden sie nicht bei Auchan. Den Mitarbeiter, den sie fragend zwischen den Regalen ansprechen, zeigt ihnen freundlich den Weg zur Rezeption des Auchan Supermarktes. Dort könne ihnen ganz bestimmt weitergeholfen werden.

Sie stellen sich also in eine Reihe von wartenden Menschen, die alle eine Frage haben und überlegen sich, wie sie ihr Problem vortragen könnten. Irgendwann kommen sie an die Reihe und werden angesprochen und sie fragen nach einer Flasche Carvalhelhos Wasser in Pfandflaschen zu 1-Liter. Diese Wassermarke führen wir nicht, wird Ihnen geantwortet. Vielleicht irre ich mich, sagt die ältere Dame mit der Brille noch und reicht Ihnen einen DIN A5 Zettel und einen Kugelschreiber, auf dem sie das Problem genau beschreiben sollen. Pfandflaschen, wiederverwertbare Wasserflaschen, die nicht im Müll in Porto de Lagos, (der Mülldeponie) landen sollen…Deswegen möchten Sie Pfandflaschen aus Glas kaufen.

Und nun kommt eine aktuelle Studie der Universität von Aveiro ins Spiel, die unter der Nummer CI.48-SCIRP/2026 diese Woche veröffentlicht wurde, und die kommt zu dem Ergebnis: „Auch wenn die Mehrheit der Portugiesen die Realität des Klimawandels und dessen Ursachen in menschlichem Handeln anerkennt, ist die Verbreitung durchschnittlicher Werte bei der Klimangst unter Erwachsenen in Portugal relativ gering. Dies ist eine der wichtigsten Schlussfolgerungen einer Studie, die an der Universität Aveiro (UA) durchgeführt wurde und untersuchen sollte, inwiefern die Erkenntnis, dass der Klimawandel Realität ist, die psychische Gesundheit der Portugiesen beeinflusst und ob sie zur Annahme umweltfreundlicher Verhaltensweisen führt…“

Sie stellen sich also vor, Sie seien ein ausländischer, investigativer Journalist und möchten nur mal umweltfreundlich in Portugal einkaufen gehen. Man mustert sie von oben bis unten, als wären sie gerade mit ihrem UFO erfolgreich auf der obersten Plattform des Einkaufszentrums bei Auchan gelandet. Sie fassen also ihr Anliegen in drei Sätzen mit 27 Worten schriftlich zusammen und die Dame verspricht ihnen, dass sie innerhalb von 24 Stunden eine Antwort erhalten würden. Schreiben sie bitte noch ihre Telefonnummer und E-mail Adresse dazu, werden sie gebeten, damit wir sie auch benachrichtigen können.

Sie fühlen sich gut aufgehoben bei der Dame. Sie wird ihr Anliegen der Geschäftsleitung vortragen und dann, innerhalb eines Tages, werden sie benachrichtigt, wann endlich sie Wasser in Pfandflaschen bei Auchan in Portimão klimafreundlich kaufen können oder im Modelo oder sonstwo in Portugal.

Die Klimakrise stellt eine der komplexesten und dringlichsten globalen Herausforderungen der Gegenwart dar, mit bereits anerkannten Auswirkungen auf die Umwelt, die körperliche und die psychische Gesundheit. Klimangst wird zunehmend als eine der psychologischen Folgen des Klimawandels identifiziert.

Klimaangst ist eine chronische Sorge um die Auswirkungen des Klimawandels, um die Zukunft des Planeten, um sich selbst und um zukünftige Generationen“, erklärt die Autorin der Studie, die Forscherin Mariana Pinho vom Zentrum für Umwelt- und Meeresforschung und vom Fachbereich Biologie der UA. „In der Studie, an der 3.300 Personen teilnahmen, wurde die Klimangst anhand einer validierten Skala gemessen, die die Häufigkeit von Symptomen wie kognitiven Störungen (zum Beispiel Konzentrations- oder Schlafstörungen) und funktionellen Einschränkungen im Zusammenhang mit Klimasorgen bewertet.

Laut der Forscherin „ist die Prävalenz dieser Art von Angst unter Erwachsenen in Portugal insgesamt relativ gering, wobei andere Studien Hinweise auf Unterschiede zwischen Altersgruppen, Geschlecht und anderen Faktoren liefern“. Mariana Pinho betont jedoch, dass diese Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden sollten: „Das bedeutet nicht, dass die Portugiesen nicht an den Klimawandel glauben oder sich keine Sorgen darüber machen, sondern dass dieser im Allgemeinen keine Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen — wie Schlafstörungen oder Konzentrationsschwierigkeiten — hat und auch den Alltag nicht wesentlich beeinträchtigt…“

Die Uhr tickt, die Zeit vergeht, die 24 Stunden sind um, und die ältere Dame mit der Brille und der Dauerwelle bei Auchan ruft nicht zurück. Hat sie mich vielleicht vergessen, werden sie sich fragen. Stattdessen erhalten sie eine etwas seltsame sms, in der ihnen Stockfisch im Angebot schmackhaft gemacht wird. Bald ist ja wieder Ostern. So eine sms haben sie noch nie bekommen. Sie schauen auf den Absender und können ihn nicht identifizieren. Aber den Stockfisch gibt es bei Auchan, zwar nicht in Pfandflaschen von Carvalhelhos, aber immerhin zu einem einem Sonderpreis in der Plastiktüte…

Nun fragen sie sich, ob sie der älteren Dame mit der Brille und der Dauerwelle an der Rezeption von Auchan im Einkaufszentrum von Portimão vielleicht nicht die richtige Telefonnummer gegeben haben. Hier endet die Geschichte.

Uwe Heitkamp (66)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobbybotaniker, Vater von zwei erwachsenen Kindern, kennt Portugal seit 35 Jahren, Gründer von ECO123.
Übersetzer: Dina Adão, John Elliot

Check Also

Waldbrände unbedingt vermeiden!

Ein schönes Foto wurde da vom Rathaus für uns angefertigt. Es soll die Protagonisten einer …

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.