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Coitadinho? (Ein armer Schlucker?)

Was ist wohl wichtiger im Leben und was kommt zuerst: viel Geld verdienen oder Verantwortung tragen erlernen? Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen.

Letzte Woche Sonntag um zehn Uhr morgens war die Welt noch in Ordnung: in Aljezur, in Lagos und auch auf den Hügeln dazwischen. Das war zu der Zeit, als Carlos* zum Telefonhörer griff und den Zivilschutz anrief, um diesen darüber in Kenntnis zu setzten, er würde jetzt das Grünzeug anzünden und den Müll auf seinem Grundstück endlich verbrennen. Es war der 21. September. Der kalendarische Sommer war zu Ende gegangen. Der Herbst hatte begonnen.

Die Stimme am anderen Ende des Telefons warnte Carlos* daraufhin, dass der Moment, jetzt ein Feuer zu machen, nicht besonders schlau sei, denn die Landschaft zum Ende des Sommers sei sehr trocken und der Wind auch nicht von Vorteil, weil eine starke Brise vom Atlantik herüberwehte, aus nordwestlichen Richtungen und sich ab Mittag sogar noch verstärken sollte. Und was erwiderte daraufin Carlos* dem Zivilschutz? Das Grundstück sei sein Eigentum und er entscheide darüber, was auf seinem Land passiert. Dann, um 12 Uhr, zündete er den Haufen Reisig und Blätter, trockenes Gras und Geäst, an. Den Rest kennen wir aus der Tagespresse, die leider nicht darüber berichtete, wie und wodurch dieser Waldbrand eigentlich entstand. Man könnte vom Zivilschutz mehr soziale Intelligenz erwarten, mit einem Bürger zu kommunizieren, oder?

Die Frage, die sich mir nun stellt lautet: warum hat der Zivilschutz nicht sofort die Polizei über diesen Anruf informiert und warum ist die GNR nicht sofort ausgerückt und eingeschritten und hat den Brandstifter festgenommen? Vier Tage wütete das Feuer zwischen Bordeira, einer Gemeinde südlich von Aljezur und Lagos und setzte den Wald mit dem Namen „Mata Nacional de Barão de São João“ mit seinen eine Million geschützten Schirmpinien aus dem Jahr 1944 in Brand. Das Feuer des Senhor Carlos* geriet natürlich außer Kontrolle, wie es zu erwarten war. Sein zweiter Anruf beim Zivilschutz war dann schon kleinlauter, als er um deren Hilfe bat – zu spät …

Zerstörung ist mir ein Begriff. Ich lebe und arbeite in Monchique. Dort haben seit 1991 fünf verherende Waldbrände eine verwüstete Waldlandschaft hinterlassen: 2003, 2004, 2016 und 2018 und zwischendurch hat es hier und dort gebrannt. Und niemand hat hier in Monchique inkonditional und großflächig wieder divers aufgeforstet. Ich kann jetzt eine Bilanz der Waldbrände ziehen, denn ich lebe und arbeite hier schon sehr lange. Eine zerstörte Waldfläche ist immer auch eine Chance – nämlich auf einen Neuanfang. Der bisweilen „nutzlose“ ICNF hat sicherlich bereits eine Idee, wie er aus einer Monokultur eine für jeden erträgliche Vielfalt an Baumkulturen pflanzt. Oder, wenn ihm das zu viel Arbeit ist, kann er das staaliche Grundstück des abgebrannten Waldes an die Navigator Companhia verkaufen. Die haben dafür bestimmt ihre industrielle Vewendung: Eukalyptus zu Papier. Und vielleicht kann man den ICNF mit etwas „Schmiere“ dazu bewegen…

Wer aber auf der Höhe seiner Zeit ist, weiß sehr genau, dass Vielfalt (Biodiversität) die einzige Lösung nach einem desaströsen Waldbrand ist. Ob da nun Pinien oder Eukalyptus in Monokulturen stehen, oder ein Mischwald aus unterschiedlichen Baumkulturen, die nativ für die Algarve repräsentativ gepflanzt werden, in der sich ein neuer Biotop in Flora und Fauna entwickelt, ist eine ganz spezielle Herausforderung an die Intelligenz eines Landes, an die Intelligenz einer Kultur, einer Gesellschaft – auch für unsere Kinder und nachfolgende Generationen.

Es kommt immer sehr genau darauf an, was einem mehr Wert ist: das schnöde Geld oder ob Portugal schon bereit und in der Lage ist, echte Verantwortung zu tragen. Hier kann ein Land beweisen, dass „educação ambiental“ nicht nur so dahergeredet wird, sondern dass man einen neuen Wald pflanzt mit all der Arbeit, die dabei anfällt. Und der Neubeginn bedeutet, man beginnt immer auf der Basis von Ruinen, die Carlos* mit seinem Leicht(Starr)sinn zu verantworten hat. Er sollte dafür juristisch bestraft werden und der Staat sollte ihm zeigen, was genau es bedeutet, alles zu verlieren, das Eigentum und ein Leben in Würde und Gesundheit, das durch solch ein Feuer nachhaltig zerstört wird.

Mata de Baráo de Sáo Joáo

Ich bin ein Ausländer und stamme aus Deutschland. Ich weiß, was es bedeutet, in ein Land hineingeboren worden zu sein, dass durch Bomben zerstört wurde und ich weiß genau, was es bedeutet, welches Leid durch Krieg angerichtet wird. Deswegen habe ich Deutschland verlassen, denn man kann sich nicht aussuchen, in welches Land man hineingeboren wird. Deswegen habe auch ich erfahren, was es bedeutet, in der Gemeinschaft der Staaten aufzuwachsen, ein neues Europa gemeinschaftlich aufzubauen und zu bewahren. Ein abgebrannter Forst ist eine sehr traurige Angelegenheit – aber genau darin liegt meines Erachtens auch eine Chance – im Wiederaufbau zu etwas möglicherweise viel besseren. Machen wir aus einer Monokultur einen vielfältigen Wald. Helfen wir uns gegenseitig, arbeiten wir zusammen, schützen wir den neuen Mischwald gegen die neuen und akuten Gefahren des Klimawandels. Das wird mindestens einen Zehn-Jahresplan benötigen. Aber es ist eine Herausforderung! Gestalten wir die Zukunft – jetzt – und lassen wir die unsägliche Traurigkeit hinter uns.

* Name von der Redaktion geändert

Uwe Heitkamp (65)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobbybotaniker, Vater von zwei erwachsenen Kindern, kennt Portugal seit 35 Jahren, Gründer von ECO123.
Übersetzer: Dina Adão, John Elliot, Patrícia Lara

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