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Das Wesen der Abwasserreinigung

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Monchique. Was wir in der Geschichte nicht alles von den Römern übernommen haben: zum Beispiel das theoretische Gerüst unserer modernen Rechtsprechung, wie es an den juristischen Fakultäten der Universitäten gelehrt wird, aber auch die Art, wie wir unsere Notdurft verrichten und die Abwässer weit weg ableiten und verstecken. Dabei wäre es für die Natur und die Düngung viel anspruchsvoller, wenn wir ein Loch graben würden und unsere Notdurft in der Hocke verrichten würden und dann das Loch wieder verschließen. Aber damals – vor 2.000 Jahren – konnte sich noch niemand vorstellen, dass das Bevölkerungswachstum einmal dergestalt ansteigen würde, dass wir – die Menschheit im Ganzen – zehn Milliarden Zweibeiner, die in Städten und Hochhäusern wohnen, weit weg von der Natur, und was machen diese Zweibeiner mit ihren Abwässern?

Und die Römer wollten es bequem haben. Sie haben die Toilette im Haus erfunden und das Rohr, welches nicht nur Wasser ins Haus transportierte, sondern auch Abwässer, welches schönes Wort, vom Haus weg. Aber wohin gehen unsere Abwässer heute und was wird damit gemacht? Wie wird es gereinigt? Also den Römern haben wir es zu verdanken, dass wir beim Akt der Morgentoilette sitzen dürfen und nicht mehr in der Hocke in ein Loch scheißen. Welch eine Erfindung! Jedes moderne Haus hat ein Badezimmer und in ihm befindet sich nebst einer Dusche auch eine Toilette. Welch schönes Thema wir heute journalistisch bearbeiten, nicht wahr? Das hat einen tieferen Grund: denn es geht um die Rechtsprechung und um die Abwässer unserer Gemeinden, speziell jedoch um Monchique. Brüssel hat Portugal wegen Mängeln bei der Abwasserbehandlung vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Das Thema ist heiß, allein schon deshalb, weil Portugal sich in einer heiklen Situation befindet: es könnte für längere Zeit alle Subventionen aus Brüssel verlieren. Ende der Gießkanne von Subventionen für tausende von Projekten, weil elf Gemeinden in Portugal gegen EU-Recht verstoßen.

Ich habe mir immer vorgestellt, welche Kopfschmerzen ich als Bürgermeister einer Kommune wie Monchique haben würde, das Problem mit dem sogenannten Abwasser gerecht zu lösen. Denn es gibt die Kommune, welche recht einfach an ein Abwassersystem anzuschließen ist – aber daneben gibt es in den Bergen viele vereinzelte Häuser, die weit ab des kommunalen Kanalisationsprojektes des Landkreises gebaut wurden und ihre eigene dreiteilige Sickergrube haben und nicht angeschlossen werden können. Wer sich mit Sickergruben ein wenig auskennt, weiß, dass er in sie nicht alles ableiten darf, was uns die moderne Werbung verspricht. Das beginnt bei Persil und endet bei Lixivia.

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Eine Sickergrube, in die Abwässer eingeleitet werden, ist ein hochsensibles Bauwerk. In ihm sollten sich Bakterienkulturen befinden, eine Art Haustier, die der Hausbesitzer dort bei Inbetriebnahme der Sickergrube implementiert. Denn diese Bakterien sind wichtig. Sie fressen und transferieren stinkige Abwässer und reinigen sie grob. Von der ersten Kammer flutet das Abwasser dann schon etwas sauberer in eine zweite Kammer und wenn es in die dritte Kammer rinnt, ist es nahezu gereinigt.

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Wenn man am Ende Schilf oder Bambus pflanzt, reinigen die Pflanzen das restliche Grauwasser und es bleibt nichts übrig von dem, was wir der Toilette übergeben. Aber Vorsicht! Leiten Sie um Gottes willen kein Chlor (lixivia) oder andere anionische Tenside in ihre kleine Kläranlage, in die sogenannte Sickergrube. Damit beenden Sie das Leben der Bakterien, sie töten sie, und die wiederum reinigen ja ihr Abwasser.

Also suchen Sie sich sanftes und biologisch abbaubares Spülmittel für die Küche, das Gleiche gilt für das Waschpulver für die Waschmaschine und den Bodenreiniger und auch für die Medikamente, die Sie eventuelll einnehmen müssen. Bakterien mögen zum Beispiel keine Antibiotika und auch kein Cortison. Vorsicht ist die Mutter in der Porzellankiste!

Ich habe es geschafft, fast 25 Jahre lang eine Bakterienkultur in meiner kleinen Kläranlage zu erhalten und wenn es geht, soll es so in Zukunft bleiben. Dann muss ich die Sickergrube nie auspumpen lassen, nie reinigen – sondern das Abwasser reinigt sich wie von selbst. Denn dafür habe ich ja meine Bakterien. So ein Seminar über Abwasserreinigung in Monchique zu veranstalten, wäre doch auch im Interesse der Stadtverwaltung, dachte ich. Weit gefehlt.

Als vor einigen Jahren eine kommunale Wasserleitung nach Esgravatadouro bei Caldas de Monchique in die Strasse gelegt wurde, wurden wir und meine Nachbarn ans Wassernetz angeschlossen. Das Abwasserproblem jedoch überließ man weiterhin jedem selbst. Deswegen habe ich mich explizit einmal damit beschäftigt, wie (m)eine private kleine Kläranlage funktionieren kann …

Ich behaupte, dass man den Grad der intellektuellen Entwicklung eines Menschen daran erkennen kann, wie er mit seinem Abwasser, seinen Fäkalien umgeht. Richtig oder falsch? Daraufhin habe ich meine Rechnungen, die mir die Stadtverwaltung jeden Monat zuschickt, einmal unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass sie mir eine Dienstleistung in Rechnung stellt, die sie nicht erbringt. So etwas habe ich noch nie erlebt.

Stellen Sie sich einmal vor, sie gehen in ein Geschäft und wollen dort etwas zum Essen einkaufen. Das was sie kaufen wollen, haben die aber nicht im Angebot. Trotzdem wird es in der Rechnung aufgeführt. Merken Sie, worauf ich hinaus will?

Die Stadt Monchique verkauft mir Wasser. Das Abwasser reinige ich selber, aber jeden Monat berechnet die Verwaltung das gelieferte Wasser und unter anderem steht dort jeden Monat ein Betrag unter „Saneamento de aguas residuais“ von bis 25 Euro für die Abwasserreinigung aufgelistet. Zuerst dachte ich, ich sollte mal die Brille wechseln. Dann aber sah ich klar, dass die Verwaltung eine Dienstleistung in der Rechnung aufführt, die sie nicht erbringt – und überhaupt nicht erbringen kann, weil sie bis zu uns gar keine Abwasserrohre installiert hat. Betrug? Betrügt die Camara Municipal de Monchique ihre Bürger bei der Abwasserrechnung? Das konnte ich mir bis gerade eben überhaupt nicht vorstellen. Deshalb ist es so wichtig, die römischen Errungenschaften einmal näher zu betrachten: die Rechtssprechung sowohl als auch die Abwasserreinigung. Nächste Woche erfahren Sie mehr zum Thema an dieser Stelle.

Uwe Heitkamp (66)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobbybotaniker, Vater von zwei erwachsenen Kindern, kennt Portugal seit 35 Jahren, Gründer von ECO123.
Übersetzer: Dina Adão, John Elliot, Patrícia Lara

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