
Die Künstlerin Andrea Milde wurde vor sechs Jahrzehnten in Ennepetal (NRW) geboren, ist dort aufgewachsen und bis zum Abitur dort zur Schule gegangen. Mit einigen kurzen Reisen durch Europa und einer langen nach Mexico und Guatemala beginnt ihre Odissee. Dann wechelt sie nach Aubusson, Frankreich, um dort an der École Nationale d’Art Décoratif (ÉNAD) die Kunst und das Handwerk der Bildwirkerei zu erlernen. Damals gab es in Deutschland keine Einrichtung mehr, an der sie das Handwerk und die Kunst hätte studieren können.
1986 wird Spanien (Madrid) ihre Wahlheimat. Dort findet sie ihren Lebenspartner mit dem sie eine Familie gründet. Arbeit als Übersetzerin und – wann immer sie sich Zeit erkämpfen konnte – beginnt die Arbeit am Webstuhl. Mit der Finanzkrise 2008 und der beginnenden Gentrifizierung packte sie die Koffer und verließ die Großstadt, um in einem kleinen Ort im Norden Spaniens neu zu beginnen, in der Hoffnung, dass ein anderes Umfeld es ihrer Familie einfacher machen würde, den Traum von einem nachhaltigen Leben zu erfüllen. Mutter einer erwachsenen Tochter und eines erwachsenen Sohnes.
Ganz anders als erwartet, hat sich dieser Lebenstraum erfüllt. Aber erst nachdem ein weiterer Umzug sie 2017 nach Berlin bringt und sie dort die Menschen, den Raum und die finanzielle Unterstützung findet, um das KUKUmobil zu bauen, das seit 2022 zu ihrem Lebensmittelpunkt wird. ECO123 online war neugierig, als es das KUKUmobil in Monchique sah, und bat die reisende Künstlerin um ein Interview.
Die andere, sehr persönliche Seite der Andrea Milde sieht so aus: in eine Familie von „Zugezogenen“ hineingeboren (ihre Eltern kamen als Kriegsflüchtlinge aus dem Osten), nach der Scheidung ihrer Eltern als „Schlüsselkind“ groß geworden, hat sie viel Zeit alleine verbracht, in einem männerlosen Haushalt ohne Auto, ohne Fernseher und ohne Bohrmaschine. Die freie Zeit am Abend verbrachten ihre Mutter und sie strickend, stickend oder häkelnd, die Wochenenden auf langen Wanderungen mit der Mutter durch die umliegenden Wälder. Für Konsum-Vergnügen wie Kino, Urlaub oder ähnliches, gab es kein Geld. Es war also leise daheim, es wurde zu Fuß gegangen und „wir waren immer auf der Suche nach maschinenfreien Lösungen“.
Andrea Milde: Wie viele Eltern der Generation, die als Kinder die Kriegszeit erlebt haben, ist ihre Mutter nie zur Schule gegangen. Bildungsfern nennt man das heute. Das hat auch ihr Selbstbewußtsein geprägt. Denn die Mutter hat ihr viel mitgegeben, zum Beispiel einen unerschütterlichen Optimismus. Aber was sie ihr nicht mitgegeben hat, vielleicht auch nicht mitgeben konnte, war das Streben nach sozialem „Aufstieg“. Ihre Vorstellungswelt reichte bis zur Hauptschule, und dass die Künstlerin ihre eigene schulische Laufbahn mit dem Abitur abgeschlossen hat, verdankt sie ihren Lehrer:innen – und nicht ihrem Selbstbewußtsein, dem Rückhalt oder der Erwartungshaltung ihrer Eltern. Das hat sie sehr geprägt. Zusammenfassend sagt sie im Interview mit ECO 123: „Ich habe gelernt, aus den Nöten, oder aus dem Mangel, oder den Abwesenheiten von allem zusammen, Tugenden zu machen“.
Das Interview:
ECO123: Andrea, Sie haben den Winter über Weihnachten und Neujahr in Monchique verbracht. Welchen Unterschied haben Sie bemerkt, wenn Sie Monchique mit Berlin vergleichen, wo Sie normalerweise leben? Und warum gerade Monchique? Wie haben Sie das südlichste Gebirge Westeuropas gefunden?
Andrea Milde: Nun, neben dem Zeitunterschied, den ich immer noch nicht verinnerlicht habe, liegen Welten zwischen beiden Orten. Berlin ist, als Hauptstadt mit einer besonderen Geschichte, nach wie vor ein Hotspot für Kunst und Kultur, selbst wenn auch dort die Gentrifizierung zu spüren ist und Berlin in den letzten Jahren zunehmend an Charme und Attraktivität verloren hat. Aber natürlich ist es weiterhin laut und schnell und bunt und divers und „open-minded“, was manchmal aber auch zu einer gewissen Oberflächlichkeit und einer „Übersättigung“ führt.
Monchique scheint mir da das genaue Gegenteil zu sein. Ich möchte Portimão und alles, was dort an Konsum angeboten und natürlich auch wahrgenommen wird, mal außen vor lassen. Wenn ich mich auf Monchique beschränke, dann wirkt das Leben in der jetzigen Winterzeit auf mich leise, gemächlich, beschaulich, überschaubar und zeigt irgendwie überall eine menschliche Dimension. Und das liegt mir wesentlich mehr, als das künstliche Überdimensionieren auf allen Ebenen, wie ich es in Berlin oft erlebt habe.
Parallel dazu versuche ich mir vorzustellen, wie sich Monchique im Sommer anfühlt, mit mehr Tourismus, auch mit einigen Graden mehr auf dem Thermometer. Denn mein Bild von einem Standort umfasst immer nur eine von vielen seiner Facetten.
Warum Monchique? Um ehrlich zu sein, stand am Anfang etwas so Anekdotisches wie meine tschechische Wander-App. Den Erinnerungen meiner Kindheit treu geblieben und einem der Grundprinzipien des KUKUmobil-Projekts folgend, das die körperliche Dimension in den Mittelpunkt rückt, erwandere ich mir die Umgebung an meinen Standorten. Daher sind, im Umkehrschluß, Standorte mit einem hohen „Wanderpotential“ für mich besonders interessant. Und da die große Route das KUKUmobil vom Nordwestzipfel (das galicische Finisterra) bis zum Südwestzipfel des europäischen Festlandes bringen soll, mit etwas Glück also bis Vila do Bispo oder Sagres, ging mein Blick auf der Karte meiner App in diese Richtung und traf auf das dichte Netz rot markierter Wanderwege um Monchique. Dann kamen einige Recherchen dazu, über die Natur, die Waldbrände……

Und ganz wichtig: Da die Route nicht lange im Voraus geplant, sondern offen ist für Ideen, Vorschläge und Kontakte, die auf der Reise entstehen, und ich in Viana do Alentejo, meinem vorherigen Standort, mit der Unterstützung des Vereins „Terras Dentro“ rechnen durfte und dieser mich, man könnte sagen, „weitergereicht“ hat an einen ähnlich arbeitende Verein an der Algarve, nämlich dem Verein Vicentina, und der wiederum bereit war, mir die Türen zur Camara Municipal in Monchique zu öffnen, kam es letztendlich zu meinem hiesigen Gastspiel. Es ist also immer eine Verkettung von Zufall und Kooperationsbereitschaft. Erst hier angekommen wurde mir erzählt, dass es auch eine textile Tradition gibt und inzwischen habe ich einiges darüber gelernt.
ECO123: Sie schlafen nicht im Hotel, sondern in Ihrem KUKUmobil, einem gut isolierten Holzhaus auf Rädern, einem Anhänger, den man hinter einen SUV oder Trecker, einen kleinen LKW oder hinter ein KFZ spannt, das drei Tonnen Nutzlast ziehen kann, wie eine Kutsche, die von Pferden gezogen wird … und wenn Sie demnächst von Monchique nach Vila do Bispo kutschiert werden, wie fühlt sich dieses Reisen in einem fahrenden Holzhaus eigentlich an?

Andrea Milde: Wenn es um den Umzug geht, wie er jetzt bevorsteht, steht nach der Genehmigung für den neuen Standort die Suche nach einem Zugfahrzeug natürlich im Mittelpunkt. Es gibt mehrere Gründe, warum ich kein eigenes Zugfahrzeug habe, der wichtigste vielleicht, weil ich solch ein Fahrzeug nur alle zwei oder drei Monate für einen Tag brauche und ich es nachhaltiger fand und finde, dafür ein Fahrzeug zu suchen, statt ein eigenes zu besitzen. Der banalste: weil ich, als ich bereit war, die Reise zu beginnen, kein Geld hatte, um mir ein Fahrzeug anschaffen zu können und nicht warten wollte auf etwas, das vielleicht nie passieren wird; und auch, weil ich nicht gerne und nicht gut Auto fahre und andere das viel besser können, als ich und ich nicht das Bedürfnis habe, alles selbst machen zu müssen, sondern gerne anderen die Möglichkeit einräume, das KUKUmobil auf seiner Reise auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen, zum Beispiel durchs Transportieren, unterstützen zu können. Was diese Entscheidung an Konsequenzen mit sich bringen würde, war mir damals zugegebenermaßen nicht im vollen Umfang bewusst. Inzwischen, nach über 20 Umzügen, habe ich gelernt, diese Konsequenzen wertzuschätzen.
Zuallererst ist es eine Übung des Vertrauens in mir fremde Menschen, denn egal ob es ein professioneller Fahrer ist oder ein KUKUmobil-Fan, der aus seiner Begeisterung heraus das Projekt auf diese Art unterstützen möchte… Ich gebe – um das Bild einer Weberin zu benutzen – die Fäden aus der Hand. Da gibt es schon immer noch eine gewisse Nervosität, aber ich übe und werde immer besser darin, dieses Grundvertrauen zu geben und zu leben.
Außerdem bringt mir dieser „technische Aspekt“ Zugang zu einem Publikum, das ich sonst erfahrungsgemäß kaum erreichen würde. Denn: Textile Kunst und textiles Handwerk werden immer noch schnell in eine Ecke abgeschoben, in der sich vor allem Frauen tummeln. Leider. Jetzt weckt das KUKUmobil die Neugier des männlichen Publikums und ich komme überraschend oft ins Gespräch darüber wie ich es gebaut habe, wie es transportiert wird… Und wenn wir dann erst einmal gemeinsam unterwegs sind, und vielleicht drei oder vier Stunden Fahrt vor uns liegen, dann kommen auch andere Dinge zur Sprache…. Das liebe ich!!

Natürlich prägt diese Art des Reisens das ganze Projekt, denn ich kann nicht immer präzise durchplanen, manchmal ist es schwer oder scheint fast unmöglich, jemanden zu finden, der den Transport übernehmen kann, und ich muss immer darauf achten, dass das Budget des Projektes, das sich durch die angebotenen Kurse, durch ein kleines Crowdfunding und durch den Verkauf meiner Arbeiten finanziert, ausreicht, um die Kosten zu übernehmen, wenn es sonst niemand tut. Zusammengefasst: Es war eine gute und es war die richtige Entscheidung. Nach zwei Jahren Erfahrung würde ich es nicht anders machen.
ECO123: KUKUmobil heißt Kunst & Kultur mobil, auf Rädern. Erzählen Sie uns bitte ein wenig von dem Projekt und beteiligen Sie unsere LeserInnen an Ihren Vorstellungen, an Ihren Ideen und Gedanken.
Andrea Milde: Auf der Website des Projekts, www.kukumobil.eu, habe ich versucht, einige „Grundgedanken“ zusammenzufassen, die sich um drei Themenfelder gruppieren und hinter dem Projekt stehen:
KULTURGUT. Zuallererst geht es mir darum, mit der wandernden Webwerkstatt eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit sichtbar zu machen. Und im Zuge dessen die Erhaltung dieses immateriellen Kulturgutes zu unterstützen, auch wenn ich denke, dass dies nicht die Aufgabe einiger weniger sein sollte, sondern einer Gesellschaft, die sich dafür einsetzt, dass auch künftige Generationen über diesen Schatz verfügen können. Dazu gehört meines Erachtens, dass die Wissensvermittlung in den öffentlichen Raum gebracht wird. Das KUKUmobil definiert den öffentlichen Raum als einen Ort, an dem Gemeinschaft und kollektive Identität erlebt werden können. Es bringt Lernen und künstlerisches Schaffen in den Alltag der Menschen und macht beides für alle zugänglich.
NACHHALTIGKEIT. „Nicht nur weil man kann, muss man auch…“. Das KUKUmobil versucht, den Impuls des Menschen in einem außergewöhnlichen Maß zu planen und zu handeln, die Versuchung des „länger, höher, lauter und weiter“ und das vielen zur Gewohnheit gewordene Besitzdenken mit der dringenden Notwendigkeit in Einklang zu bringen, nachhaltige und gerechte Praktiken zu entwickeln. Dazu bedarf es meiner Meinung nach einer Rückbesinnung auf das, was Mensch ausmacht und ein Bemühen darum, nicht der Maschine nachzueifern in Effektivität, Optimierung, Produktivität, Größe und Geschwindigkeit, sondern das zu kultivieren, was an Verständnis und Entfaltung schöpferischer Kraft als Potential im Menschen liegt.

Dabei hilft es, den Faktor Zeit anders zu verstehen, sowohl in einem alltäglichen als auch in einem philosophischen Kontext; Slow Art und Slow Living können die Tür zu einer bewußteren Lebensweise öffnen, zu einer anderen Form von Zufriedenheit und Wohlstand, zu einer Art von Wachstum, das in die Tiefe, oder in die Höhe geht und eine gesamtgesellschaftliche Bereicherung darstellt, die nicht auf die Kosten unserer Umwelt geht. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass Mensch sich Gedanken zu „artgerechter Haltung“ von Tieren, zur Naturverträglichkeit und Naturschutz macht, und das ist gut so, aber es irgendwie nicht schafft, sich darauf zu besinnen, was denn eine artgerechte Haltung für die Gattung Mensch sein könnte.
EUROPA. Ich bin, auch in diesen turbulenten Zeiten, überzeugte Europäerin. Ich bin in einem Land groß geworden, dass eine Mauer geteilt hat und habe Europa bereist, als es noch Grenzen gab und bin dankbar dafür, dass es beides nicht mehr gibt. Für mich ist es ein erster Schritt in Richtung Weltbürgertum.
Meine Vision von Europa ist die eines solidarischen, eines gerechten und sozialen Kulturraums für alle, der auf einer langen gemeinsamen, nicht immer einfachen und nicht immer rühmlichen Vergangenheit gründet. Ein Raum, der eine große Vielfalt an Kulturen, Landschaften, Völkern, Sprachen und Lebensweisen beherbergt.

Ich habe mich gefragt, was ich als Bildwirkerin dazu beitragen kann, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. So wurde die Idee geboren, sie auf einem Webstuhl festzuhalten. Denn ein Bildteppich ist ein gutes Beispiel dafür, was ein so vielfältiges und buntes soziales Gefüge wie das europäische an Schönheit und Reichtum entfalten kann, wenn man darauf achtet, dass es fest und dicht gewebt ist und gut zusammenhält.
Alle Fäden sind wichtig, und alle Fäden sind nützlich, aber nicht lose und wirr, sondern nur dann, wenn sie sorgfältig miteinander verwoben sind.
Eins meiner Anliegen ist es daher, gemeinsam über die Zukunft des europäischen Raums und die Zukunft unserer Gesellschaft nachdenken. Der Teppich, der auf der Reise entstehen soll, soll die Vielfalt der europäischen Realitäten und Identitäten widerspiegeln; er versteht sich sowohl als Metapher für das soziale und kulturelle Gefüge, als auch als ein Manifest für ein soziales Europa im Dienste der Zivilgesellschaft.
ECO123: Ich stelle mir gerade vor, ich könnte den Uhrzeiger zurückdrehen und befinde mich im Leben an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit und vielleicht sogar in der Haut eines anderen Menschen. Wenn wir mal zwei Jahrhunderte in der Geschichte der Mode und der Stoffe zurückgehen, was könnten wir da entdecken?
Andrea Milde: Also, als Bildwirkerin bin ich nicht unbedingt eine Fachfrau für Fragen zu Mode und Stoffen. Das sind eher meine Weber-Kolleg:innen. Als Bildwirkerin bin ich eher in der Welt der Kunst unterwegs, durchaus immer schon einer elitären Welt, denn gewebte Bilder waren seit eh und je extrem zeitaufwändig und daher teuer, oder besser gesagt kostbar, fanden als Prestigeobjekt ihre Klientel bei Adel und Kirche, später dem reichen Bürgertum. Das hat nicht unbedingt dabei geholfen, sie breit aufzustellen, damit sie für die Gegenwart überlebensfähig ist. Und natürlich ist auch die Kunst von Moden und Trends abhängig, wenn man sie als reines Investitionsobjekt versteht. Aber nicht mit der gleichen Eile.
Wenn wir zurückschauen in die Vergangenheit, dann sehen wir auf der einen Seite wie wichtig Textilien immer schon waren. Textilien gehören zu unseren Grundbedürfnissen, seitdem wir begonnen haben, unsere Körper zu bedecken. Sie sind unsere zweite Haut, nichts, außer der Sonnencreme, ist uns so nah, wie unsere Kleidung. Sie ist Ausdruck von Identität und Individualität, ein Zeichen von Klassen- und Standeszugehörigkeit. Darin liegt ein großes Potential für die Wirtschaft. Und so stand die industrielle textile Produktion sehr schnell schon unter dem Zeichen massiver Ausbeutung der Arbeitskräfte und menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen. Als diese in Europa nicht mehr zulässig waren, ist die Textilindustrie nach Asien abgewandert. Auf meiner Reise durch Portugal habe ich viele Orte besucht, an denen noch vor einigen Jahrzehnten die Textilindustrie relevant war. Und auch wenn inzwischen das „Aus dem Auge, aus dem Sinn“-Prinzip nicht mehr greift, und wir alle darum wissen, unter welchen Bedingungen unsere Kleidung an anderen Orten der Welt hergestellt wird, scheint sich das kritische Bewußtsein, das zu einer Veränderung unserer Gewohnheiten führen könnte, nur sehr langsam herauszubilden. Immerhin, es bildet sich. Mode hat aber auch mit Ästhetik zu tun, mit Kreativität und Innovation und somit mit einem Grundbedürfnis des Menschen nach Schönheit. Das Übel ist die Schnelligkeit, mit der sich die Modetrends jagen. Also täte auch hier ein „Slow“ vor der „Fashion“ gut. Früher wurde Kleidung vererbt, hielt, je nachdem, ein ganzes Leben lang. Nicht, dass früher alles besser war, aber es war auch nicht alles schlecht. Mein Winterpullover ist inzwischen fast 40 Jahre alt. Ich freue mich jedes Jahr, wenn es kalt genug wird, um ihn aus der Kiste zu holen. Er ist wie ein guter Freund, altvertraut, und hat einen hohen Wiedererkennungswert. Und ich bin kein Modemuffel.

ECO123: Ihre Arbeit wird Bildgestalterin genannt. Sie arbeiten mit Wolle und anderen Materialien und an einem Webstuhl, den das fahrende Holzhaus beheimatet bzw. durch Europa kutschiert. Wie lernt man so einen Beruf und was geben Sie in Ihren Workshops an die TeilnehmerInnen weiter?
Andrea Milde: Darf ich Sie korrigieren? Wenn ich jetzt mal ganz penibel sein darf, dann wird unsere Disziplin „Bildwirkerei“ genannt. Es gibt leider keine wirklich gute oder griffigere Bezeichnung für unsere Arbeit. Je nachdem, welcher Generation Ihre Leserschaft angehört, werden sich einige eher etwas unter dem Begriff Bildteppiche vorstellen können, der den Bezug zum Bild deutlich machte, für viele jedoch gleichzeitig eine Abhängigkeit von der Bildvorlage evozierte, von der man sich aber eigentlich emanzipieren wollte; anderen wird die Bezeichnung Wandteppiche vertrauter sein, die dazu diente, sie von den geknüpften Bodenteppichen und den Kelims zu differenzieren und davor zu schützen, mit Füßen getreten zu werden. Wer in der textilen Welt unterwegs war, dem war „Gobelin“ ein Begriff, was aber eigentlich eine Art von geschützter Herkunftsbezeichnung ist, bezieht sie sich doch auf die in der Manufaktur von Gobelin, in Paris, hergestellten Arbeiten. Ich benutze gerne diesen etwas sperrigen Begriff der „Bildwirkerei“, weil mir die Befremdung, mit der wir diesem Begriff begegnen wie ein weisses Blatt ist, auf dem ich eine neue Definition festschreiben kann.
Aber zurück zu Ihrer Frage: Wie lernt man die Bildwirkerei? In der Vergangenheit war es, wie bei fast allen Handwerken, meist so, dass das Wissen innerhalb des familiären Umfelds weitergegeben wurde. Man wuchs sozusagen hinein. Mit der Industrialisierung haben wir dieses Format weitgehend verloren. Über einen bestimmten Zeitraum übernahmen die Kunstgewerbeschulen diese Aufgabe. Aber auch davon gibt es nicht mehr viele. Ich bin damals nach Frankreich gegangen, weil es in Deutschland keinen Ort mehr gab, an dem ich mich umfassend hätte ausbilden lassen können. An manchen Kunsthochschulen und in Textilwerkstätten kann man hier und da noch Praktika absolvieren, aber die Aussichten sind nicht rosig. Das mag auch daran liegen, dass es das Berufsbild „Bildwirkerei“ wenn man ehrlich ist, nicht mehr gibt, weil ich bisher noch niemandem begegnet bin, der von der Bildwirkerei alleine leben könnte. Und eine Ausbildung, egal zu welchem Handwerk, bedeutet eine Zeitinvestition von drei bis fünf Jahren. Die müssten finanziert werden, auf beiden Seiten, d.h. für die Lehrenden und für die Lernenden. Wissen Sie, ich setze mich seit mehreren Jahrzehnten für das Bedingungslose Grundeinkommen ein, unter anderem, weil ich davon überzeugt bin, dass viele junge Menschen gerne ein Handwerk, vielleicht auch ein textiles, lernen und ausüben würden, wenn sie wüßten, dass sie dann ihr Auskommen hätten.
Aber solange es das nicht gibt, bleibt nur der Weg über die Praktika, über Kurse, über autodidaktisches Weiterlernen… Das ist auch der Grund dafür, dass ich immer, an jedem Ort, unterschiedliche Kursformate anbiete. Ich möchte die Menschen einladen, die Fäden selbst in die Hand zu nehmen. Im wortwörtlichen Sinne, aber auch im übertragenen. Denn Weben und Leben stehen nah beieinander und man kann beim Weben viel über das Leben nachdenken und lernen. Es geht nicht nur um Techniken, es geht vor allem darum, sich die Zeit zu nehmen, um Geist, Herz und Seele zusammenzubringen. Darum sind handwerklich entstandene Objekte etwas Besonderes, sie sind beseelt. Und darum verarmt eine Gesellschaft, die diese Räume nicht schafft, in denen solch eine „Kommunion“ stattfinden kann, zusehends. Und alle, die wir Instrumente haben, die wir Wissen angesammelt haben, die wir Wege kennen, um das zu verhindern, oder anders herum, das zu ermöglichen, sind wir, meiner Meinung nach, in der Pflicht, das mit großer Beharrlichkeit und Ausdauer immer wieder zu versuchen. Auch gegen den Wind.

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