Home | Short Stories | Kafkas Kochbuch

Kafkas Kochbuch

Erste Episode. Wie alles begann.

von Uwe Heitkamp

Und wie sehen Ihre Wünsche für das gerade begonnene, neue Jahr aus? Einige wollen sicherlich mit dem Rauchen aufhören, andere dem Alkohol abschwören, wiederum andere haben sich vorgenommen, Millionär zu werden. Was man sich nicht alles vornimmt und dann doch im Laufe der Zeit wieder sein lässt, weil der Wunsch einfach größer war als der Wille. Wenn sich der Anspruch nicht mit der Realität in Einklang bringen lässt, entsteht gewöhnlich eine innere Unruhe, die bisweilen in eine Unzufriedenheit mündet. Das muss gar nicht so weit gehen, denn eine Entscheidung braucht gewöhnlich eine innere Entwicklung, braucht gewöhnlich Zeit und noch viel mehr Geduld. Und dann fehlt nicht mehr viel. Irgendwann kommt der Stein ins Rollen. Denn Prozesse sind fließend und nicht linear,sondern entwickeln sich zirkulär. Als ich mit dem Rauchen begann, fand ich das cool. Es schmeckte mir. Jedenfalls bildete ich mir das ein. Dieses Gefühl dauerte acht lange Jahre, bis ich eines Morgens mit einer Mandelentzündung aufwachte, die mit ein paar Tabletten wieder verschwand. In dieser Phase der Krankheit rauchte ich natürlich nicht. Nachdem die Krankheit überwunden war, begann ich schon bald wieder in die alte Gewohnheit zu verfallen und kaufte mir ein weiteres Päckchen Tabak. Denn ich drehte mir meine Zigaretten und rauchte weiter.

Der Arzt, der mich behandelte, war ein guter Freund, der mir bei einer der nächsten Mandelentzündungen den Tip gab, ruhig weiter zu rauchen, denn dann könne er mir die Mandeln aus dem Rachen schneiden. Erst die Mandeln, später dann auch den Krebs. Nach acht Jahren Rauchen kam für mich das Ende überraschend. Ich stand vor einem Mülleimer, ganz allein und stopfte den Tabak in die Tonne. Das war nach der fünften überwundenen Mandelentzündung und sie kam nie wieder zurück, denn ich habe bis heute keinen Glimmstengel mehr angerührt. Das ist nun 40 Jahre her.

Und so machte ich die Erfahrung, etwas zu beenden aufgrund von Einsicht und eigener Erfahrung. Aber dieser Prozeß dauerte seine Zeit, wie alles in der Welt der Entscheidungen. Ich begann mit dem Waldlauf und rannte jeden zweiten Tag frühmorgens bei Sonnenaufgang eine Stunde lang durch den Wald. Ich suchte mir Wege, die ich lief und mit zunehmendem Alter wurde ich beständiger, langsamer aber mein Laufen wurde intensiver, ausdauernder. Der Übergang vom Laufen einer zehn Kilometer Strecke zum Gehen von Weitwanderungen schloss sich natlos an. Ich ging mehrmals im Jahr eine Strecke von 300 km bergauf und bergab. Und das hat meinen Lungen gut getan und auch meiner Gesundheit.

Franz Kafka

Über die Jahre reifte in mir ein einsamer Entschluss. Ich nahm mir vor, mich fleischlos zu ernähren und kein totes Tier mehr zu essen. Jedes Jahr kam ich wieder an den Punkt, damit zu beginnen, doch die Speisekarten in den meisten Restaurants machten es mir nicht leicht. Auch wollte ich mit dem Wein und dem Bier brechen und den Alkohol von meiner Getränkeliste verbannen. Quälend lange zogen sich diese Prozesse in meinem Leben dahin und der Anspruch deckte sich nicht nicht mit der Realität. Erst ein Kochbuch machte mich derart neugierig, dass ich mit nahezu 60 Jahren begann, noch einmal das Kochen von der besseren Seite des Lebens kennenzulernen. Eines der schönsten Kochbücher stammt vom unsterblichen tschechischen Schriftsteller Franz Kafka, der zeit seines Lebens Vegetarier war. Mein Lektor schickte es mir zu Weihnachten. Es nennt sich im Untertitel „Franz Kafkas vegetarische Verwandlung in 544 Rezepten“ und hat erstmals für jeden Tag in meinem Lebensjahr ein fleischloses Rezept parat. Und mehr als das. An manchen Tagen koche ich zwei Mal mittags und abends,denn es hat auch eine großzügige Lektüre für Salate und Desserts parat. Das Buch erschien vor Kurzem im Klett-Cotta Verlag in Stuttgart und existiert bereits in zweiter Auflage. Es kostet 35 Euro und hat die ISBN 978-3-608-12486-6 und es gibt das gebundene Buch auch als E-Book. Titel: Kafkas Kochbuch. Herausgegeben von der Ärztin Eva Gritzmann und dem Buchkritiker Denis Scheck. Die Rechte an dem Buch sollten auch bald die englische und portugiesische Sprache in einem guten englischen und portugiesischen Verlag erreichen. Lesenswert, besonders die Kurzgeschichten…

Uwe Heitkamp (66)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobbybotaniker, Vater von zwei erwachsenen Kindern, kennt Portugal seit 35 Jahren, Gründer von ECO123.
Übersetzer: Dina Adão, John Elliot

Check Also

HEISSZEIT. Mit Fieber in einer anderen Zeit und Welt aufwachen lernen.

Von Theobald Tiger Wie kommunizieren wir in Zeiten von Krisen? Sind Sie auch der Meinung, …

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.