Frieden liegt über dem Land und seinem Gebirge. Da oben gibt es ein wenig Wind. Majestätisch dreht der Adler über mir seine Runden, schraubt sich immer höher und hält Ausschau nach einem Hasen, auf den er sich fallen lassen kann, den er sich im Sturzflug geschickt greift und dann an einem sicheren Ort erlegt und frisst.
Der Bonelli Adler hat sein Nest im Naturreservat PTCON 0037 der Europäischen Union, ganz unten links auf der Karte von Europa, dem Beginn von Portugal, dem Ende von Europa, kurz vor dem Südwestkap im Gebirge des gleichnamigen Dorfes Monchique, bei Casais. Ich kenne einen geschickten Fotografen, der das Nest und seinen Inhalt vorsichtig mit seiner Kamera und einem Teleobjektiv aus sicherem Abstand jeden Tag beobachtete, und seinen Inhalt, Adler nebst Brut, ganz vorsichtig aus der Distanz folgend, fotografierte. Zuerst waren da die Eier, dann schlüpften die jungen Adler und Mutter und Vater wechselten sich ab, sowohl beim Schutz als auch bei der Nahrungssuche. Langsam, wie in Zeitlupe wurde die Brut größer und hatte noch keine Ahnung, welche Gefahren das Leben so mit sich bringt. Denn in Monchique leben viele Feinde der Natur. Sie lachen über das Naturreservat PTCOM 0037, das über ihre Köpfe hinweg von Brüsssel aus verhängt wurde. Sie wollten mit dem Land ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter usw. Geld verdienen. Wozu hat man denn den Wald? Das ist die alles entscheidende Frage: wozu hat man denn den Wald?

Krieg kommt plötzlich und herrscht ab Freitag, dem 3. August 2018, ab 13 Uhr für etwa zehn Tage. Es ist eigentlich die letzte große Mittagspause vor dem Wochenende, auf das sich alle in Monchique schon freuen. Dann heulen die Sirenen der Feuerwehr auf. Es ist ein heißer Sommertag, die Wettervorhersage sagt 44 Grad und Südostwind voraus: eine leichte Brise, aber ein stetiges warmes Lüftchen aus der Sahara, das einem den Kopf verdreht. Die Fischer unten an der Küste bleiben in den Häfen. Es macht keinen Sinn, bei zwei bis drei Meter hohen Wellen, die an Land rollen, Sardinen zu fangen. Und ja, der August ist die beste Zeit, um Sardinen zu fangen. Dafür brauchen die Fischer jedoch ablandige Winde. Diese sollten früher und stärker eintreffen, als es irgendjemandem lieb war. Für Samstagnachmittag waren Winde aus Norden vorhergesagt worden, kalte Winde, böig und frisch mit mindestens Windstärke sechs.

Feuer! Sechs Kilometer nördlich von Monchique berühren fünf bis sechs Meter hohe Eukalyptusbäume in einer verlassenen Gegend eine Hochspannungsleitung. Diese wenigen Bäume am Straßenrand berühren die 15.000-Volt-Leitungen und unken, die ins Unterholz fallen und ein Feuer entfachen. Und ehe man sich versieht, lodert das Feuer bereits im Eukalyptusforst, als die Feuerwehr eintrifft. Sie bringen alles mit, was sie haben, um das Feuer zu löschen, aber sie bewegen sich hinter dem Feuer, über unwegsames, bergiges Gelände, wo es in und um Taipas und Perna da Negra kaum gute Straßen gibt. Es gibt keine asphaltierten Straßen, nur Feldwege. Es gibt keine asphaltierten Straßen, nur Feldwege. Deshalb muss schweres Gerät herangeführt werden, Raupen, die den Weg zum Feuer freimachen und Wege schieben. Und was ihnen überhaupt fehlt, ist genügend Zeit. Hier sind die Monokulturen terrassiert angelegt. Sie reichen bis direkt an die Wasserläufe der Bäche heran, was verboten ist. Den Waldbesitzern ist das egal. Niemand kontrolliert das. Hier draußen gibt es keine GNR (Polizei) und vor allem keine Stadtverwaltung und kein Rathaus. Hier gilt das Recht des Stärkeren.
Wenn es brennt, möchte man am liebsten weglaufen. Das aber ist ein Instinkt, den man am besten einmal konkret hinterfragt, denn dort wo es brennt, wollen wir Menschen das Feuer löschen, sofort und ohne jede weitere Diskussion. So haben wir in unserem Botanischen Waldgarten in Caldas de Monchique ein eigenes Feuerlöschsystem installiert. Da es das nicht zu kaufen gibt, haben wir (die Genossenschaft, der Verlag von ECO123 ) es auch noch selbst gezeichnet und das Design gemacht. Auf drei Hektar Fläche arbeiten wir an einem Freilichtmuseum der besonderen Art, wir pflanzen einen Mischwald aus heimischen Baumarten: eine Oase in einem Meer von Monokulturen aus Eukalyptus.
Und genau um uns herum wurde der natürliche Wald hauptsächlich aus Korkeichen in den 90er Jahren gerodet und ist der Wald erst einmal weg, kommt ein Teufelskreis in Gang. Wo Flächen gerodet werden, fällt anschließend weniger Regen, haben Forscher herausgefunden. Das System von Regen und Verdunstung kommt ins Wanken. Wo die Bäume weg sind, erodieren die Böden: Wald, unberührt, wie er mal war, wird hier nicht mehr entstehen, jedenfalls nicht in Zeiträumen, die Menschen überblicken könnten. Wer sich diesen Naturwald noch einmal in dieser Generation anschauen möchte, wandere in den Norden des Dorfes Monchique nach Bem Parece. Dort hat die Familie Nunes ihren nativen Wald beschützt und bewahrt. Und trotzdem hat es auch hier gebrannt. Es handelt sich dabei um ein Bollwerk aus Korkeichen, die sich um das Dorf legen wie ein Schutzwall. Nur bei Feuer, angefacht von Eukalyptus Monokulturen, brennt auch irgendwann ein Korkeichenwald, besonders dann, wenn gerade der Kork geschält wurde…

Nach einem Waldbrand oder nach der Rodung des nativen heimischen jahrhundertealten Walds, ist ja nicht nur der kühlende Effekt für immer weg. Der Wald selbst leidet unter der Erderwärmung, und zwar überdurchschnittlich. Die Temperaturen sind im Monchique Gebirge mittlerweile schätzungsweise um drei Grad Celsius gestiegen. Es gab in den vergangenen Jahren die größten Dürren hier seit Beginn der Aufzeichnungen, im ehemals wasserreichsten Gebiet des Südens in Portugal. Quellen versiegen, Bäche trocknen aus. Fische verenden. Denn dort, wo jetzt Eukalyptus wächst statt Korkeichen und Kastanien, die Baumart Eukalyptus ist alles andere als genügsam, sie säuft das Wasser tonnenweise in sich hinein und braucht es für ihr schnelles Wachstum. Da herrscht jetzt Dürre. Ausgerechnet der native Wald fällt jetzt immer häufiger auch Waldbränden zum Opfer, neben all der Brandrodung. Allein 2024 und 2025 verbrannten auf der iberischen Halbinsel 2,5 Millionen Hektar nativer Wald so viel wie seit zwanzig Jahren nicht. Nach Schätzungen von Forschern ging dabei so viel Kohlendioxid in die Atmosphäre, wie Deutschland mit seinen 82 Millionen Einwohnern in einem Jahr ausstößt. Und da sind die gezielten, kontrollierten Brandrodungen noch gar nicht mit eingerechnet. Verbrennt ein Hektar Wald, werden dadurch 20.000 Tonnen CO2 freigesetzt. Ein Wahnsinn in Zeiten der Klimakrise. Waldbrände sollten auf Platz 1 der politischen Agenda stehen. Sie müssen unbedingt vermieden werden, wenn Mensch und Tier auf diesem Planeten überleben wollen.

Eukalyptus bringt Geld. Nur deswegen wird er angebaut. Weil er Geld bringt. Nicht wegen seines eindringlichen Geruchs, nicht wegen des Geschmacks seiner Bonbons. Nein, aus Eukalyptus Holz wird feinstes weißes Papier hergestellt und Portugal ist ein kleines Land mit 92.212 km² Staatsfläche. Eine Million Hektar Forst sind mit Eukalyptus-Monokultuen bepflanzt, das sind in der Zwischenzeit mehr als 10.000 km². Die Menschen verdrängen, dass sie seit mehr als einer Generation auf einem Pulverfass leben, das jeden Sommer irgendwo in einem Waldbrand explodiert. In Monchique hat man nach dem fünften Waldbrand 2020 damit begonnen, Eukalyptus gegen Medronheiro-Buschwerk zu ersetzen. Allerdings sind das eine Hand voll Hektar, die nur symbolisch für eine neue Politik stehen. Denn das Netzwerk Natura 2000, von der EU-Komission über große Teile von Monchique verhängt, umfasst 76.138 Hektar Fläche und grenzt an die Landkreise Silves, Odemira, Aljezur und Lagos. Hier stand einmal ein Wald, wie ihn selten Menschen gesehen haben. Noch vor einer Generation lebten hier Tiere, wie Mungos, Luchse und viele unterschiedliche Vogelarten, die geschützt werden sollten. Nur, wer ein Gebiet zum Naturreservat deklariert und die Rechnung nicht mit den lokalen Behörden genau kommuniziert, der lebt weltfremd irgendwo da oben in Brüssel, weit weg von Monchique und wenn der Bonelli Adler nicht im Feuer umgekommen ist, so lebt er noch heute. Zumindest in unserer Erinnerung…
Nächste Woche, hier an dieser Stelle, gehen wir der Frage nach, warum so wenige Häuser in Monchique (eins von zehn) gegen Feuer versichert sind und welche Konsequenzen das hat.
Eco123 Revista da Economia e Ecologia
