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FIEBER. Leben in der Heißzeit. 1.Teil

von Uwe Heitkamp

Professor Domingos Xavier Veigas

Wir treffen den emeritierten Professor Domingos Xavier Veigas vom CEIF, dem „Centro de Estudos sobre Incêndios Florestais“ der Universität Coimbra, in Lissabon im Rahmen einer Pressekonferenz mit Greenpeace. Mittlerweile gehört er wohl auch zu diesem Kreis – er arbeitet nicht mehr für die Regierung, sondern ist als Berater für die EU tätig.

Als ich mich vor mehr als einem halben Leben entschied, Monchique als die Gemeinde meines Lebensmittelpunktes zu wählen, war das vermutlich ein gravierender Fehler. Schlauer ist man immer erst viel später. Gemerkt habe ich das erst, als ich älter wurde. Als ich 1990 hierherzog, hatte Monchique noch rund 12.500 Einwohner und einen traditionellen Waldbestand. Heute, 2026, leben in dem Gebirgsdorf mit seinen beiden Nachbargemeinden Alferce und Marmelete keine 5.000 Einwohner mehr. Viele junge Menschen kehrten nach den Waldbränden ihrem Heimatdorf den Rücken zu. Alte Freunde starben. Ausländische Residenten, die sich im Naturtourismus engagierten, verkauften ihre Häuser über die Jahre und zogen vpn Monchique nach Lagos an die Küste, wo es so gut wie nie brannte.

Im Gegensatz dazu gibt es die Gemeinde São Brás de Alportel auf der anderen Seite der Algarve. Damals, in 1990, lebten dort etwas mehr als 7.000 Einwohner und heute sind es 15.500 Menschen, die gerne dort leben und – auch gern dort arbeiten, Tendenz steigend. Die Bürgermeisterin Marlene Guerreiro weist in Pressekonferenzen darauf hin, dass São Brás de Alportel prosperiert. Das hat viefältige Gründe.

Sicherlich hat es auch damit etwas zu tun, dass man in São Brás de Alportel viel schneller eine gut bezahlte Arbeit findet, eine Wohnung und auch all die Möglichkeiten für eine adäquate Familiengründung, besonders auch Kindergärten und Schulen. Das Risiko, in São Brás de Alportel zu leben und nicht seinen Frieden zu finden, ist ungleich geringer als in den Bergen von Monchique. Das hat möglicherweise etwas mit der „Casino Mentalität“ seiner Einwohner und der verschiedenen Kommunalregierungen zu tun.

Wahrscheinliche Brandursache des Monchique-Feuers von 2018

Während in Monchique 80% des Mischwaldes zwischen 1990 und 2020 abgeholzt und durch hochentzündliche Eukalyptusforste ersetzt wurde, blieb in São Brás de Alportel alles beim alten: Die verschiedenen Bürgermeister hielten es mit ihren Korkeichenwäldern und dem Rohstoff Kork innerhalb der Zeitraumes von 1990 bis heute. Der Rohstoff Kork wurde über die Jahrhunderte für den Verschluß von Wein- und Sektflaschen verwendet, auch für die Isolierung von Häusern, selbst in der Mode verwendet man heute immer noch und immer wieder Kork. In Monchique wollten viele Bewohner lieber schnell viel Geld verdienen und zwar mit dem Anbau und Verkauf von Eukalyptus. Alle Gründe, die gegen den Eukalyptus in die Diskussion eingebracht wurden, fanden kein Gehör.

Eukalyptus ist eine schnell wachsende Baumart. Alle acht Jahre wird der Stamm des Eukalyptusbaumes abgeholzt und geerntet und dann an die Papierfabrik verkauft. Die Menschen in São Brás de Alportel haben da bis heute ihre Vorbehalte. Eukalyptus treibt von selbst wieder aus, man spart zwar Arbeit. Aber Eukalyptus gehört zu den invasivsten Baumkulturen, die man nicht mehr los wird, wenn man sie einmal angepflanzt hat. Selbst nach einem Waldbrand treibt der Baum von selbst wieder aus. Und wir sprechen hier nicht von einem einzigen Baum, sondern von kilometerlangen Monokulturen der Forstwirtschaft. Da gab es Ressentiments in vielen Gemeinden im Sotavento, im Osten der Algarve, in São Brás de Alportel.

Gehen Sie mal wandern. Auf dem GR 13, der Via Algarviana, beginnen Sie in Alcoutim ihren Wanderweg und kommen nach Balurcos, von dort nach Furnazinhas, Vaqueiros, Cachopo, Feiteira und Barranco do Velho. Von dort gehen Sie nach Cortelha über Salir nach Alte.

Via Algarviana

Was soll so eine Weitwanderung bewirken, was soll sie bezwecken. Sie dient dem Journalisten der Recherche und würde dem Professor aus Coimba in seinem Elfenbeinturm der Wissenschaft gut tun. Auf der gesamten Strecke von mehr als 150 Km finde ich keinen einzigen Eukalyptusforst. Die Monokulturen beginnen bei Silves und möchten nicht enden, nicht in Monchique, nicht in Marmelete, nicht in Aljezur, während ich die Via Algarviana weiterwandere und die zweiten 150 km bis ans Südwestkap zu Fuß gehe.

Der Versuch einer Erklärung

Monchique. Hier beginnt in großem Stil die Transformation der traditionellen Wälder und dann brach das erste Feuer im Eukalyptusforst aus, 1991 erstmals. Dann vergingen zwölf Jahre und in 2003 brannte es wieder, in 2004 und in 2016, 2018 usw. Der Zerstörung der restlichen Wälder von Monchique, Silves, Portimão, Lagos, Aljezur und Odemira (im Südwesten Portugals) nahm und nimmt bis heute kein Ende. Die Einwohner fühlen sich als lebten sie auf einem Pulverfass, das jederzeit wieder explodieren kann, denn das Risiko eines Waldbrandes geht einher mit der Masse an brennbaren und hochentzündlichen Wäldern. Und irgendjemand spielt immer mal wieder mit den Streichhölzern.

So wie 2025 in der Gemeinde Bordeira. Ein Bauer will seinen grünen Abfall, den Kompost, anzünden, um die Menge an Naturresten zu verringern. Er meldete das Feuer bei der Feuerwehr per Telefon an, wie vorgeschrieben. Die Feuerwehr rät ihm allerdings davon ab, den Haufen in Brand zu setzen, weil der Wind vom Meer kommend nachmittags auffrischen wird. Hier bestimme ich, meinte der Bauer noch und setzt sich über die Bedenken der Behörden hinweg. Er steckt den Kompost in Brand. Das Feuer gerät außer Kontrolle. In der Folge wandert das Ungeheuer kilometerweit bis nach Barão São João und setzte die ganze Region in Brand. Aus einem kleinen Feuer wird ein veritabler Waldbrand, der acht Tage nicht gelöscht werden kann und das trotz des massiven Einsatzes von hunderten von Feuerwehrleuten aus dem gesamten Land.

Mata de Baráo de Sáo Joáo

Solche Brände passieren immer wieder und überall vom Norden über das Zentrum bis in den Süden Portugals, weil Menschen die Gefahren des Feuers nicht einschätzen können und ein kleines Feuer leicht außer Kontrolle gerät. Dann brennt es tagelang und Löschflugzeuge arbeiten aus der Luft, weil die Feuerwehren keinen Zugang in die Natur hineinfinden. Und so frisst sich das Feuer kilometerweit durch das Land und zerstört u.a. den Mata Nacional mit kostbaren Baumkulturen. Ein Quadratkilometer Wald in Flammen ist verantwortlich für die Emission von 20.000 Tonnen CO2. Klimawandel?

In der vergangenen Woche stellte nun Greenpeace eine seit langem erwartete Analyse vor, die sie in Zusammenarbeit mit der Universität von Coimbra angefertigt hat und die ECO123 seinen Lesern nicht vorenthalten will. Berichterstatter ist der emeritierte Professor Domingos Xavier Veigas von CEIF, dem Centro de Estudos sobre Incêndios Florestais der Universität von Coimbra. Erstmals wurden alle verfügbaren Daten aus einem Zeitraum von mehr 80 Jahren analysiert und der Öffentlichkeit vorgestellt bei einer Pressekonferenz in Lissabon vorgestellt.

ECO123 nimmt den Bericht zum Anlaß und berichtet in einer dreiteiligen Serie über das Thema Waldbrände und welche Lösungsmöglichkeiten Greenpeace sieht.

Wenn man sich dem Problem nähert, sollte man davon ausgehen, dass Portugal ein Land ist, in dem der Besitz von Wald und Land juristisch nicht immer klar definiert ist. Demnach befinden sich rund 90 % der Wald- und landwirtschaftlichen Flächen im Besitz von Privatpersonen oder Unternehmen; der Staat besitzt weniger als fünf Prozent der Waldflächen, während weitere fünf Prozent von lokalen Gemeinschaften im Rahmen eines gemischt-öffentlichen Systems bewirtschaftet werden. Die Eigentumsverhältnisse in Portugal sind beispielslos. In keinem anderen europäischen Land hat der Staat so wenig Einfluß auf den Schutz seiner Wälder. Weil sie ihm nicht gehören.

Die Privatgrundstücke sind stark zersplittert, wodurch ihre durchschnittliche Größe sehr gering ist und für eine rentable Bewirtschaftung nicht ausreicht; in einigen Teilen des Landes sind aufgrund der mit Erbschaftsprozessen verbundenen Grundstücksaufteilung die Grenzen und Eigentumsverhältnisse einiger Grundstücke nicht klar definiert. Infolgedessen ist die Bewirtschaftung der Waldflächen weder besonders effizient noch einheitlich; größere Grundstücke im Süden Portugals oder solche, die sich im Besitz von Papierproduzenten befinden, werden besser bewirtschaftet und sind tendenziell weniger brandgefährdet…

In Portugal sind neun Prozent der Fläche durch das nationale Netzwerk von Schutzgebieten (einschließlich Naturparks) abgedeckt (Florestas, 2025), und 21,2 % des Staatsgebiets gelten als Teil des Natura-2000-Netzwerks zum Schutz der biologischen Vielfalt und der Landschaft (Generaldirektion für Umwelt, 2025). Portugal verfügte einmal über eine reiche biologische Vielfalt. Das änderte sich zwischen 1990 und der Gegenwart durch die kommerzielle Nutzung des Waldes. Die Transformation…

Allerdings sind einige Arten und Lebensräume, insbesondere in Meeresgebieten, unzureichend geschützt. Portugal hat kürzlich weitere Ausweisungen von Meeresgebieten beschlossen. Darüber hinaus muss Portugal Bewirtschaftungspläne für die bereits ausgewiesenen Gebiete verabschieden, in denen gebietsspezifische Schutzziele und -maßnahmen festgelegt und die erforderlichen technischen, personellen und finanziellen Ressourcen bereitgestellt werden. Lippenbekenntnisse, das weiss Greenpeace selbst.

Überall dort wo native Wälder mit Korkeichen, Johannisbrotbäumen, Schirmpinien, Kastanien und traditionellen Olivenhainen u.a. gerodet und mit Monokulturen aus Eukalyptus ersetzt wurden, recherchierte ECO 123 eine Fläche von rund 10.000 km² in einem Staatsgebiet (ohne Inseln) von insgesamt 90.000 km², beläuft sich die Fläche von privaten Monokulturen auf rund 12% mit Eukalyptus bepflanzt. Traditionelle Baumarten sind Baumkulturen, die nachhaltig wachsen – Bäume, die genügsam an den Wassermangel im Süden der iberischen Halbinsel angepasst sind – im Gegensatz zu invasiven Baumkulturen wie Eukalyptus (Herkunftsland Australien) die, wenn sie in Wasserlinien gepflanzt werden, unersättlich in ihrem Wasserkonsum sind und allen anderen Baumarten das Wasser abgreifen. Ihre Wurzel dringen in kurzer Zeit schnell und tief in den Boden ein und die Stämme erreichen in zwei Jahren leicht eine Durchschnittshöhe mit einem Wachstum von rund zwei Metern. Impressionant.

Monchique ist bekannt für seine Quellen und seine Wasservorräte, berühmt für sein Mineralwasser aus Caldas de Monchique, das einen ph Wert von 9,5 besitzt und alkalin ist. Noch vor 30 Jahren wurde das Wasser aus einer Tiefe von 300 Metern an die Oberfläche gefördert, dann aus 400 Metern Tiefe. In 2025 ist man bereits bei 950 Metern angelangt. Zusammenhänge erkennen und die richtigen Fragen stellen, warum der Wasserspiegel derart abgesackt ist, und man kommt per Logik an den Punkt, an dem man mit der gebotenen Vorsicht eine nachhaltige Forstwirtschaft durchdenkt, in der man eher auf Korkeichen und Kastanien setzt, weil man weiß, dass diese Baumkulturen genügsam sind und die Wasserreserven schützen.

Das Klima

Portugals Klimawandel mit Hitzewellen und Temperaturen von über 40 Grad Celsius, sind im Sommer keine Seltenheit mehr. Trotz starken Winterregens, in Monchique und an der Westalgarve rechnen Meteorologen mit mindestens 50 bis 60 Regentagen in den Wintermonaten. Normalerweise füllen sich die Wasserreserven damit wieder auf und stünden in einem Gleichgewicht, wären da nicht die landwirtschaftlichen Flächen mit tropischen Fruchtanbau von Avocado bis Mango (Lagos, Silves) und mit Baumkulturen, die dem Boden das Wasser entziehen. Was dem Greenpeace-Bericht beim genauen Studium bis heute fehlt, ist die Betrachtungsweise aus Sicht der Botanik. Denn neben den Klassikern der Waldwirtschaft, dem Anbau von Eukalyptus, hat sich im Windschatten eine weitere invasive Baumart nach den Waldbränden eingenistet, von der Greenpeace scheinbar keine Notiz nimmt, der australischen Akazie, einer Pionierpflanze, die ihre Samen dort in die Erde selbst aussät, in der jegliche traditionelle Baumkultur zu Asche verbrannte: Mimosen und Akazien sind derart invasiv, dass selbst der ICNF sich bisher nicht traut, eine genaue Analyse abzugeben und damit eine Anleitung, wie man diese invasiven Baumkulturen bekämpft und wie man sie wieder los wird. Denn wer eine Akazie oder Mimose mit der Motorsäge zu Leibe rückt, hat bereits verloren. Innerhalb kürzester Zeit, inerhalb eines Jahres, wachsen diese invasiven Baumkulturen einfach nach und vermehren sich zu tausenden, ohne dass ein Mensch irgendetwas gepflanzt hätte.

Das Thema Waldbrände muss zukünftig völlig neu bewertet, neu geschrieben und vor allen Dingen im Zusammenhang mit der gesamten Natur neu behandelt werden. Das ist der erste Teil der neuen ECO123 Serie 2026. In den kommenden Ausgaben widmen wir uns den anderen, vielfältigen Aspekten der Betrachtung unseres Lebensraums. Waldbrände sind nur ein Thema im Kosmos der Natur und ihres Schutzes, die wir versuchen, besser zu verstehen. Deshalb ist eine lineare Herangehensweise zwar nützlich, wenn man in einer timeline von 80 Jahren die Waldbrände in Portugal betrachtet. Die lineare Herangehensweise aber ist nicht lösungsorientiert, denn es bedarf vielfältiger und verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und Mechanismen, um den Klimawandel zu verstehen, zu bremsen und umzukehren…

Petition von Greenpeace Portugal: https://www.greenpeace.pt/como-ajudar/peticoes/incendios/

Uwe Heitkamp (66)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobbybotaniker, Vater von zwei erwachsenen Kindern, kennt Portugal seit 35 Jahren, Gründer von ECO123.
Übersetzer: Dina Adão, John Elliot

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