Avocado, die Superfrucht. Der Verkaufspreis pro Kilogramm für den Produzenten liegt zwischen €1,50 und drei Euro. Ganz anders als der Preis für ein Kilogramm Orangen, da liegt der Preis für den Produzenten liegt zwischen 50 Cent und nicht einmal einem Euro. Da erwacht der Kapitalist im Bauern und es ist fraglos klar, was er anbaut.
Es war in der Nähe von Bensafrim im Landkreis Lagos, als ich durch Zufall Zeuge wurde, wie ein Bagger einen Wald von Schirmpinien zerstörte, damit kurze Zeit später dort junge Avocadobäume auf mehr als 150 Hektar Fläche in Monokultur gepflanzt werden konnten. Die APA (Agencia Portuguesa do Ambiente), die Behörde, die gefragt werden musste, wenn eine wasserintensive Frucht auf einhundert Hektar Land angebaut wird. Dann muss gebohrt werden und Grundwasser zur Bewässerung herangezogen werden. Und die APA hate NEIN gesagt. Das interessierte die Besitzer des Grundstücks aber überhaupt nicht. Man stellte die Behörde vor vollendete Tatsachen.
Baumfäller mit ihren Motorsägen zerschnitten in einem ohrenbetäubenden Lärm die 150 Jahre alten Schirmpinien in zwei Meter Stücke, so dass sie später mit LKWs in die Sägemühle transportiert werden konnten, wo aus ihnen Verschalungsholz für die Betonierung von Hochhäusern gemacht wurde. Ich zählte noch die Jahresringe eines Baumes, um das Alter zu erfahren, bevor ich verscheucht wurde. Der Bagger riß das Wurzelwerk der Bäume aus der Erde. Das war im April 2013. Es ging um Geld. Und wenn es Geld ging, kennen die meisten Menschen kein Pardon. Dann muss der Wald weg. Und mit Bäumen verdient man ja Geld. Wenn sich einem schon mal diese Möglichkeit bietet…
Tage zuvor war ich auf meinem Weg zu Fuß durch Monchique gekommen und hatte beobachten müssen, wie brasilianische Holzfäller einen Eukalyptusforst in der Nähe des Convents abholzten, damit aus den Stämmen in der Navigator Company Papier gemacht wird. Der LKW wartete schon laufendem Motor auf seine Fracht, die ein Kran auf die Ladefläche hievte: 30 Tonnen Holz im Wert von rund 1.200 Euro. Davon musste der Forstbesitzer noch den Transport bezahlen und die Holzfäller. Eigentlich blieb gar nicht soviel übrig nach den acht Jahren, in denen Eukalyptus dem Boden das Wasser entzieht und mit einer Schnelligkeit wächst, bei der man fast zusehen kann, wie der Stamm aus dem Boden schießt. Heute bekommt man noch 23 Euro pro Tonne. Wer also in Monokulturen Geld investiert, muß im Matheunterricht der Schule gefehlt haben. Nur wer nicht rechnen kann, investiert in Eukalyptus. Denn wer rechnet, arbeitet nachhaltig mit der Natur und nicht gegen sie. Denn das Wasser im Boden ist die wichtigste Ressource für die Forst- und Landwirtschaft. Und dann zählt auch die Zeit. Zeit ist langlebig und nicht mit einem Jahr zu umschreiben. Der Boden, das Land will auch noch in der nächsten Generation bestellt werden. Was aber machen unsere Kinder und Enkel ohne Wasser im Boden?
Jahre zuvor, es muss im Frühjahr 2008 gewesen sein, beobachtete ich ein Team von professionellen Baumpflanzerinnen im Landkreis Castro Marim, ein paar Kilometer vor den Dorf Furnazinhas, wie zumeist Frauen Johannisbrotbäume in die trockene Erde pflanzten, alle fünf Meter einen 15 Zentimeter langen Setzling. Als ich ein Jahr später wieder an dem Hang am Fluss Foupana vorbeikam, war aus den 15 Zentimeter jungen Setzlingen 20 Zentimeter geworden, und erst zwölf Jahre später, im Jahr 2021, war aus dem Setzling ein kleiner Baum geworden, zweieinhalb Meter groß und sie hatten die ersten Schoten an den Ästen. Wie langsam sich die Erde doch drehte…
Auf meinen Wanderungen des mittelalterlichen Weges namens Via Algarviana (GR 13), des antiken Pilgerweges zum Südwestkap Europas, der heute zwischen 300 und 330 km lang ist und damals im vierten Jahrhundert noch fast 1.000 Kilometer länger war, weil er vom spanischen Valencia herkam und Portugal in Mertola des Alentejo erreichte, nach Süden abbog und in Alcoutim Station machte und dann quer durch das Königreich Algarve bis ans Ende der Welt führte, hatte ich alle Zeit der Welt und ich nahm mir diese Muße, um die verschiedenen heimischen Baumarten zu studieren, ihr Wachstum, ihre Eigenschaften und ihre Samen und Früchte. Mehr und mehr gewann ich eine tiefe Ehrfurcht vor der Natur und ihren Gesetzen in den vier Jahreszeiten.
Ich fuhr gerne jedes Jahr im Frühling mit dem Bus die 16 km von Caldas de Monchique nach Portimão, von dort 150 km mit Bahn über Faro nach Vila Real de Santo António und dann wieder mit dem Bus 40 km am Fluss Guadiana entlang hoch nach Alcoutim, wo meine 15-tägige Wanderung meiner Via-Algarviana begann. Oft trafen sich meine Wandergruppen in der Herberge am Guadiana. Irgendwann besorgte ich mir eine alte Militärkarte und rahmte die verschiedenen Teile und hing sie mir in den Flur des Hauses, in dem ich lebte, damit ich den Überblick behielt. Mit der Zeit änderte ichden Weg ein wenig ab, vermied Teerstraßen und ging durch kleine Restwälder, die mehr als 1.000 Jahre alt waren. D
a standen vereinzelt noch sehr alte Korkeichen, die zweitausend Jahre alt waren, wie in Corte Grande bei Monchique, die zur Zeit der Römer gepflanzt worden waren und durch die Jahrhunderte die verschiedenen Generationen von Menschen mitbekommen haben müssen, die Mauren, die den Süden im achten Jahrhundert eroberten und eine Landwirtschaft den nächsten Generationen von Christen hinterließen, die ich mir heute immer noch und immer wieder in Salir anschaue, wenn ich dort zu Fuß durchkomme. Denn erst mit der Bewässerungstechnik des Maurischen Brunnens wurde die traditionelle Landwirtschaft möglich und das Hinterland der Algarve begann sich zu entwickeln, zu prosperieren.
So traf ich eines Tages auf den Ziegenhirten Idálio Martins Ramos, der schon in ganz jungen Jahren mit seinen ersten Ziegen von Portela da Nave nach Benafim wanderte und wieder zurück. Immer wenn ich ihn traf, erzählte er mir von seinen Ideen einer Molkerei und den Produkten, dem Frischkäse, den er herstellte. Heute hat er fünf Angestellte, wurde durch ein Förderprogramm der EU legalisiert und ich bin sein regelmäßiger Kunde, einer von vielen. Mit meinem Elektroauto fahre ich jeden Dienstag von Monchique die 66 Kilometer nach Salir und ka
ufe frische Ziegenmilch einmal die Woche mit meiner 5 Liter fassenden Milchkanne. Warum? Weil die Milch seinerZiegen einzigartig ist und ich dann auch keinen Müll hinterlasse, denn ich werfe keine Verpackungen weg. Und einen Ziegenkäse kaufe ich noch dazu. Köstlich! Wir wollen doch alle klimaneutral leben, nicht wahr? Fangen wir beim Müll an. Vermeiden wir ihn. Wissen Sie wie viel Müll ein Einwohner Portugals im Durchschnitt pro Jahr (2024) produziert? Es sind nach neuesten Statistiken genau 519 kg. Die Müllberge werden immer größer.
Fieber.
Jedes Jahr im Frühling machte ich mich auf die Socken, zog mir meine Wanderstiefel an, schnürte meinen Rucksack und machte mich für 15 Tage unsichtbar. Meine Wanderungen mit Wandergruppen begannen im Mai.,dann bereits im April und ab 2020 schon im März. Warum? Weil es Jahr für Jahr immer heißer wurde. Während es Anfang des neuen Jahrtausends noch ganz angenehm im Mai war, zu wandern, wurde es 2012 im Mai bereits so heiß, dass die Sonne mir fast einen Hitzeschlag verabreichte. Also ging in im Jahr 2013 schon im April los und 2018 brach ich noch früher auf, bereits im März. Die Sommer wurden länger, die Winter immer kürzer. Es wurde heißer im Süden Europas und ich sehnte mich nach Wolken am Himmel und manchmal auch nach Regen. Denn die Flüsse die ich durchquerte, der Foupana oder der Odeleite, sie wurden immer schmaler und irgendwann hatte der Foupana gar kein Wasser mehr und fiel zum Teil trocken. Dabei war das Bad im Fluss, der absolut sauber war, ein Muss. Ich entledigte mich meiner Kleidung und ging nackt schwimmen, bevor ich am anderen Ufer den Hang wieder gekleidet hinaufstieg und den Ort Furnazinhas in der Ferne bereits ausmachen konnte. Keine Menschenseele war hier unten am Fluss zu entdecken. Ich war mit den Tieren in der Natur allein, mit den Wildschweinen, den Füchsen und Mungos, mit den Fischen, als der Fluss noch Wasser hatte.
Dona Olivia, war bereits damals weit über 80 Jahre alt und wartete manchmal schon im Casa do Lavrador, einer sehr schönen Herberge mit dem Abendessen auf uns. Am nächsten Tag wanderte ich dann weiter nach Vaqueiros, dann hoch nach Cachopo und nach Feiteira und von dort nach Barranco do Velho. In der Serra de Caldeirão traf ich auf Hirten und ihre Tiere und auf Bauern, die ihr Land noch mit der Hacke bewirtschafteten: Wein, Kartoffeln und vor allem viel Gemüse: Bohnen und Zwiebeln, Kohl und Kichererbsen. Der Weg durch das Hinterland war mir und meinen Wandergruppen wie eine Kur. Ich fühlte das Leben in meinen Adern pulsieren, wenn ich abends nach 25 Kilometern oder mehr in meiner Herberge ankam und freundlich empfangen wurde. Das Leben in der Natur versprach mir echte Gesundheit…
Soweit wie die Natur intakt war. Ab Silves kam immer die Pest über mich. Im grauen Boden wuchs der gepflanzte Industrie-Eukalyptus. Da man die Via Algarviana touristisch ausschlachten wollte, fehlte in jedem Führer der Hinweis auf den Industriebaum. Die anderen Wanderer stapften über die grauen Wanderwege wie durch schwarzen Puderzucker. Hier hatte es wieder gebrannt und auch in Monchique und in Marmelete und auf dem Weg nach Lagos und Bensafrim. Also suchte ich mir alternative Wege, raus aus den Industrieforsten und Verbindungen nach Aljezur und Arrifana, Bordeira und Carrapateira, Vila do Bispo – die verbrannten Wege und Flächen umgehen. So interessierte ich mich für Waldliebhaber und traf 2018 auf die Aliança pela Floresta Autóctone, einen Verein der in ganz Portugal Mitglieder hat und seinen Sitz in Porto. Ich nahm den Zug und machte mich auf den Weg nach Norden, um ein Interview vorzubereiten. So lernte ich einen langjährigen Leser von ECO123 kennen, José Carlos Marques. Und José war um einige Jahre älter als ich und sehr vital. Auch er wanderte…
An der Algarve nahm ich den Weg aus dem Gebirge hinunter und war auf dem Weg nach Salir, einem Dorf, welches unterhalb von Baranco Velho lag, das sich wiederum an die Nationalstraße 2 anschmiegte. Kurz vor Salir mündete der Wanderweg dann in einen sehr alten Hohlweg, der von zwei natürlichen Trockenmauern aus Stein gesäumt wurde und rechts und links standen jahrhundertealte Olivenbäume, Johannisbrotbäume, Mandelbäume und ein paar uralte Korkeichen. Ich nahm meinen Fotoapparat zur Hand, blieb stehen und suchte die Position, um diese uralten Geschöpfe richtig abzubilden. Sie mochten alle noch aus einer Zeit stammen, in denen die Mauren hier die Landwirtschaft gestaltet hatten. Es war die Blütezeit der maurischen Herrschaft über die Algarve.
Diese Bäume mochten mehr als tausend Jahre alt sein, so knorrig standen sie da vor mir, gewachsen über viele Jahrhunderte, beschnitten und veredelt, so dass an einem Olivenbaum grüne und schwarze Oliven hingen. Es war spät geworden in diesem Jahr und ich war zum ersten Mal im Herbst los gewandert… Im Oktober stopfte ich Eicheln in meine Taschen, Eicheln von Eichen, nicht von Korkeichen, denn ich war auf der Suche nach der Monchique Eiche, der sogenannten quercus canariensis, auf Latein. Denn davon standen in Monchique noch ganz vier Bäume nach all den Waldbränden, die ich ausfindig gemacht hatte, so konnte es durchaus sein, dass es im Landkreis Loulé und auch in Silves noch einige Bäume mehr waren, die es dort gab und Vielfalt beginnt bekanntlich bei den Samen… Langsam begann ich mich für Botanik zu interessieren. Diese Bäume in Salir hatten es mir angetan, sie waren wunderschön in ihrer gesamten Vielfalt. Es gab auch einige Feigenbäume, ein paar Maulbeer- und Walnussbäume, die jeweils in der Nähe von Bächen und maurischen Brunnen vor Ewigkeiten gepflanzt worden waren. Der Wanderweg der Via Algarviana führte durch die Galerie einer Botanik, die einen Naturliebhaber euphorisch stimmt. Und der Herbst war genau die Zeit, in der Nüsse geerntet wurden. Ich verweilte lange und kehrte erst abends in meine Herberge ein. Ich brauchte an diesem Tag kein Nachtmahl mehr…
Fortsetzung folgt in der nächsten Woche Samstag…
Eco123 Revista da Economia e Ecologia
