Das liegengebliebene Verpackungsproblem Portugals.
Ich stehe mit meiner Ein-Liter leeren Pfand-Wasserflasche aus Glas vor der Rezeption des Supermarktes Pingo Doce in Lagos. Ich frage die Frau am Tresen, ob ich diese Flasche auch hier bei ihr eintauschen könne? „Nein“, sagt sie, „wir führen kein Carvalhelhos-Wasser und führen auch keine Pfandflaschen von dieser Firma“. Ich frage, ob ich sie zitieren dürfe, denn ich will nicht nur diese leere Pfandflasche tauschen, sondern auch darüber eine Geschichte schreiben. Die Geschichte ist die Geschichte über Portugals Rückständigkeit beim Thema Wiederverwertung und Naturschutz. Denn jede Nation hat so ihre Eigenarten. Schweden beispielsweise führte bereits 1885 ein Pfandsystem auf Glasflaschen ein und das dazugehörende Gesetz. Deutschland zog dann etwas später nach, etwa hundert Jahre sollte es noch dauern. Portugal hat bis heute kein eigenes Gesetz zum Thema Flaschenpfand und so wird das, was nicht mehr gebraucht wird, oft einfach aus dem Fenster eines PKW’s auf die Straße geworfen oder in den Wald. Plastikflaschen und Zigarettenkippen. Portugal ist führend bei den Waldbränden in Europa, sozusagen Europameister, aber nicht im Fußball. Der meiste Müll stapelt sich an den Rändern der Autobahn 22 der Algarve…
Neulich schmiss ein älterer Herr, ein Patient ein schmutziges Papiertaschentuch aus dem Fenster seines Krankenwagens und mir direkt vor die Füße. Ich wollte es schon aufheben und ihm das zusammengeknüllte Tuch in den Krankenwagen zurückgeben. Das hätte dann eine echte Provokation ausgelöst und vielleicht noch einen Schlaganfall. Also hob ich es später diskret auf und liess es verschwinden. Genau so gehen sehr viele Portugiesen mit Getränke-Einwegverpackungen um. Einmal benutzt, für Milch oder Fruchtsäfte, oder für Mineralwasser und dann wird die leere Verpackung weggeschmissen: Ex und hopp, aus den Augen, aus dem Sinn. „Nein“, sagte die Rezeptionisten bei Pingo Doce, dem Supermarkt in Lagos, „ich dürfe sie nicht zitieren“. Aber ich könne gern mit der Geschäftsfüherin sprechen, sie würde sie rufen. Also warte ich mit meiner Pfandglasflasche in der Hand auf die Geschäftsführerin. Die Dame kommt und nimmt mich mit, mir zu zeigen, wie fortschrittlich man bereits bei Pingo Doce in Lagos sei. Und so machten wir einen Spaziergang durch den ganzen Laden und kommen am Ende bei einem Kasten an, der einem Geldautomaten gleicht. Sie zeigt mir die leeren neuen, noch unbenutzten Plastikflaschen in einem Regal neben dem Automaten mit blauen 0,5 Liter, 1,5 Liter, 3-Liter und 6-Liter Plastikbehältern. Sie weckt meine Neugier und ich nehme eine leere 1,5 Liter Wasserflasche in die Hand, stelle sie in ein Loch im Automaten, drückte einen Knopf und schon fliesst noch einmal gereinigtes Leitungswasser aus dem kommnalen Wassersystem aus Lagos in die Flasche. Das Wasser kostet umgerechnet 10 cent pro Liter. Es erinnere mich an eine Sensation auf einer Kirmes meiner Kindheit, dort verkaufte man auch heiße Luft in Tüten, obwohl es Luft eigentlich immer umsonst gab, nur eben keine „heiße“ Luft. Der Trick an der Sache mit dem Wasser ist, wie verkauft man an unbedarfte Kunden Leitungswasser, welches man von Aguas do Algarve für einen Euro pro tausend Liter (m³) geliefert bekommt und mit einer Gewinnmarge, die alle Produkte im Laden in den Schatten stellt und übertrifft, denn wenn ich den Liter für zehn Cent kaufe, kaufe ich 1.000 Liter für 1.000 mal 10 Cent = also für hundert Euro. Was für ein intelligenter Gaukler derjenige Erfinder der Plastikflaschen bei Pingo Doce doch zu sein scheint…
Ich bin bisweilen ein unbequemer Kunde, weil ich den Konsumzirkus nicht unbedingt mitmache oder anders gesagt, ihn durchschaue. Es geht um nichts anderes, als ums Geld verdienen. Ich habe gelernt, meine eigenen natürlichen Lebensmittel seit vielen Jahren in meinem eigenen Garten herzustellen. Und Mineralwasser kaufe ich grundsätzlich immer in Glasflaschen und immer als Pfandflasche. Da bin ich sehr wählerisch, denn ich halte nichts von Plastikflaschen, die sich nach und nach und mit der Zeit in Mikroplastik auflösen und Recycling ist für die meisten von uns doch nur ein beschönigendes Wort. Plastik, in seinen Hauptbestandteilen ein Erdölderivat, löst sich unter Sonneneinstrahlung immer in Mikroplastik auf und weil Plastik an sich keinen Wert darstellt, wird es wieder weggeworfen. Das ist anders bei Glas. Glas ist ein natürlicher Werkstoff aus Quarzsand, der in der Natur vorkommt und sie nicht auf ewig vermüllt. Man kann Glas wiederverwenden. Mit viel Glück landet Plastik bei uns im Barlavento der Algarve auf der Mülldeponie in Porto de Lagos bei Portimão und wird dort beerdigt, also im Müllberg verscharrt.
Vielleicht wird Plastik auch noch verbrannt, denn der Müllberg ist in der Zwischenzeit gigantisch angewachsen und man will das Volumen des Mülls verkleinern, also wird es dann verbrannt. Und Plastik brennt gut, es ist ja reinstes Rohöl und zu Chemie verarbeitet. Beim Verbrennen entstehen allerdings giftige Dämpfe, die krebserregend sein können – und viele andere Krankheiten auslösen (können), aber wer schreibt von uns Journalisten in Portugal schon über solche kritischen Themen? Wir wollen doch noch eine Werbeannonce vom Lebensmitelhändler bekommen. Denn mit Geld kann man vieles Angenehme kaufen und sich auch dahinter verstecken…
Bis heute wird das Müllproblem in Portugal von der internationalen Verpackungsindustrie systematisch auf den Konsumenten abgewälzt, in dem diese das Müllproblem auf das persönliche Handeln eines jedes Einzelnen schiebt. Eine klare juristische Regelung, ein Pfandsystem im Verpackungsmarkt gesetzlich zu installieren, will die Verpackungsindustrie und ihre politische Lobby unbedingt verhindern. Ein Pfandsystem auf Mehrwegverpackungen würde dem größten Produzenten in der Verpackungsindustrie, der schwedischen Tetra-Pak Gruppe, den wirtschaftlichen Ruin bedeuten, denn in 99 % aller Supermärkte wird Milch, Yoghurt und wird Sahne sowie fast alle Fruchtsäfte in Einwegbehältern angeboten und verkauft. Dementsprechend fällt sehr viel mehr Müll an, denn wenn die sogenannten Pappbehälter mit Aluminiumeinlage leergetrunken sind, werden sie wieder weggeworfen, da es bisher auch kein Pfandsystem auf Einwegverpackungen gibt. Und beim Mineralwasser ist es ähnlich. Einwegverpackungen aus Plastik werden von der Erdöl- und Chemieindustrie in den Markt gedrückt, jetzt, wo Elektroautos modern sind und weniger Benzin und Diesel verkauft wird, muss man mehr Plastik produzieren. Irgendwo muß das Erdöl ja bleiben, nicht wahr?
Und wenn es die Strände Portugals über hunderte von Kilometern verschmutzt, werden Schuldkinder sie sicher wieder reinigen. So lernt man Umwelt in Portugal. Der Verpackungsindustrie ist es egal, was alles an Plastik in den Mägen bei verendeten Vögeln und Meerestieren gefunden wird. Die OECD in Paris kann ein Lied davon singen, denn sie will 2025 ein Herstellungsverbot von weiterem Plastik erwirken. Bisher vergebens. Denn mit Plastik wird viel Geld verdient. Die Plastikindustrie ist mächtig und schützt ihre Interessen mit einer weitverzweigten Lobby und sehr viel Geld.
Man unterscheidet grundsätzlich in zwei Arten von Verpackungen, erstens Einwegverpackungen zumeist aus Plastik und Metall, die nicht recycled werden können und zweitens Mehrwegverpackungen, zumeist aus Glas, die ultrahocherhitzt gereinigt und dann wiederverwendet werden können, also umweltfreundlich sind. Solche Flaschen werden zu über 90% von den Bierbrauereien Sagres und Superbock verwendet und zu weniger als 50% von den Mineralwasser produzierenden Firmen wie Luso, Pedras und Carvalhelhos u.a. Das Monchique Wasser hat das Problem seit langem erkannt, läßt sich aber mit der Lösung noch etwas Zeit. Also wird das Wasser hauptsächlich weiter in Plastikflaschen auf den Markt gebracht. Obwohl … vor 20 Jahren gab es das Monchique-Mineralwasser – bekannt in ganz Portugal aufgrund seines alkalinen PH Wertes von 9,5 noch in Glasflaschen. Und ein Supermarkt aus Monchique konnte sein Mineralwasser direkt in Caldas einkaufen und abholen. Jetzt muß der Mutterkonzern des Supermarktes das Mineralwasser aus Monchique zentral bestellen. Dann wird es von Caldas nach Santarém geliefert und von dort dann wieder zurück nach Monchique. Warum muss es in Portugal fast immer kompliziert zugehen, wenn es auch einfach zu machen ist? Caldas liegt sechs Kilometer von Monchique entfernt. Bis Santarém sind es hunderte von Kilometern …
So ähnlich geht es auch Pedro Gonçalves von der Mercearia Bio in Lagos. Auch ihn besuche ich mit meiner leeren Flasche, die ich gegen eine volle Flasche Mineralwaser tauschen möchte. Unmöglich, sagt Pedro. „Weder Luso noch Wasser aus Caldas, noch Mineralwasser aus Botecas im Norden Portugals, wo das Carvalhelhos-Mineralwasser aus dem Boden geholt wird, gibt es als Pfandfalsche in der Mercearia Bio.
Wenn denn ein Mineralwasser-Lieferant jede Woche eine Ladung Mineralwasser in Pfandflaschen vorbeibringen würde, würdest Du das dankend annehmen? Würdest Du das Pfandsystem in Deinem Bio-Laden etabblieren? Wenn ein Getränkelieferant mit Pfandflaschen käme, ja,natürlich. Ich frage noch einmal nach. Heißt „ja“ vielleicht, oder ist es ein klares JA. Ja, sagt Pedro.

ECO123 hat in den vergangenen Wochen bei verschiedenen Testeinkäufen zwischen Lagoa, Portimão und Lagos, Vila do Bispo, Aljezur und Monchique den regionalen Markt nicht nur beobachtet, sondern auch zehn verschiedene Supermärkte und Bio-Läden in Bezug auf den Recycling-Anspruch von Mehrwegverpackungen getestet. ECO123 besuchte die französische Supermarktgruppe Auchan im Einkaufszentrum Aqua in Portimão und den Intermarché in Monchique, die kanadische Gruppe Continente in Portimão, den portugiesischen Supermarkt-Riesen Pingo Doce in Portimão und Lagos, sowie die Ketten Mini-Preco und Coviran und die deutschen Discounter Aldi und Lidl, die Bioläden Mercearia Bio in Lagos und den Unverpackt-Bioladen „The Bank“ in Marmelete. Beim Convent-Bio in Lagoa war ich auch, fand aber nur zwei nicht zu recyclende Verpackungen Biomilch von den Azoren im Regal und keine adäquaten Angebote bei Säften und Mineralwasser. Also Fehlanzeige. Deshalb lassen wir den Convent-Bio als nicht repräsentativ besser außen vor. Das Gleiche gilt für den englischen Supermarkt in Portimão The Food & Co, der seine englischen Getränke inklusive Frischmilch (in Lixivia Containern) über 3.000 km aus Großbrittanien nach Portimão transportieren läßt. Schönen Gruß von Ursula von der Leyen zum CO2-Fußabdruck eines Geschäfts. Kaum ein Produkt in diesem englischen Supermarkt ist frisch, sondern liegt gut verpackt in Tiefkühltruhen und Kühlschränken im Retailcenter von Portimão. Die Stromrechnung dieses Supermarktes würde mich interessieren und der damit einhergehende CO2-Fußabdruck auch.
Ich war angenehm überrascht von einem anderen Algarve-Supermarkt, den es sowohl in Almancil als auch in Galé und auch in Lagoa gibt: er heißt Apolonia. Ich nahm nämlich nicht nur eine Flasche, sondern gleich einen Kasten mit 12 leeren Glasflaschen der Marke Carvalhelhos mit und tauschte ihn gegen einen Kasten mit 12 vollen Glasflaschen der gleichen Marke ein. Das Gleiche gilt für Mineralwasser von Luso in wiederverwertbaren Glasflaschen als auch für Mineralwasser für Glasflaschen der Marke Pedras. Gibt es bei Apolonia exklusiv zu kaufen. ECO123 sprach vor Ort mit dem Filialleiter Tiago Araujo, der für Apolonia bestätigen konnte, dass die drei Supermärkte noch in diesem Jahr die Leergutannahme automatisieren wollen, also sogenannte Automaten mit Skannern aufstellen werden, in die der Kunde sein Leergut für Mehrwegverpackungen einwerfen kann und seinen Pfand in Form eines Umweltbonus wiederbekommt und im Laden eintauschen kann. Das Gleiche plant auch der Intermarché in Monchique. Es kommt also Bewegung in die Supermarktszene und in den portugiesischen Verpackungsmarkt von Seiten der Supermärkte selbst. Denn was fehlt ist die Verbindlichkeit und die Kompetenz eines Gesetzgebers in der Assembleia da República, dem Parlament in Lissabon, umweltfreundliche Gesetze zu verabschieden und somit das Müllvolumen drastisch zu reduzieren. Wird die regierende AD, eine nicht sehr starke Minderheitsregierung aus den Parteien CDS/PP und den Sozialdemokraten unter Premierminister Luís Montenegro vor der Verpackungslobby wieder einknicken bei der Gesetzgebung, fragen wir uns bei ECO123? Und wie korrupt sind Politiker in Portugal, wenn es um Entscheidungen geht, die unsere Umwelt betreffen? Nächste Woche geht es an dieser Stelle weiter. Bleiben Sie dran…

Eco123 Revista da Economia e Ecologia
