Home | Short Stories | FIEBER. Leben in der Heißzeit. 2.Teil

FIEBER. Leben in der Heißzeit. 2.Teil

Monchique 2018 fire victim
18/07/2026 – 25/07/2026 Chefredakteur: Uwe Heitkamp

Ausgabe 28.2026 – Fortsetzung

Dachrinne an einem Betonhaus. Foto: Uwe Heitkamp

Gebt den Bewohnern von gefährdeten Dörfern die Mittel und Möglichkeiten, Waldbrände zu löschen. Evakuiert die Bewohner nicht, die nicht evakuiert werden wollen, denn sie wollen sich nützlich machen. Aber mit einem Eimer Wasser in der Hand ist es nicht getan. Rüstet die Häuser von Bewohnern nach: Gewährt Zuschüsse für Dachstühle aus Stahlbeton und nicht aus Holz, Fensterläden aus Aluminium. Giesst es in Gesetze und Bauverordnungen, dass jedes Haus mindestens eine Zisterne für Regenwasser bereit halten muss, dass an jedem Dach Dachrinnen angebracht sein müssen, in denen tausende Liter Regenwasser gesammelt werden. Und das es Ruheräume gibt, die brandsicher sind, in denen man sich ausruhen, Zuflucht suchen und Hilfe organisieren kann, Essen und Trinken. Denn Waldbrände sind immer löschbar, wenn nur die Mittel und Möglichkeiten vorhanden sind. Das gehört zum Thema Waldbrandprävention. 

Das Schlimmste, was einem während eines Waldbrandes passieren kann, ist Flucht. Man rennt nicht weg, weil einen die Flammen immer einholen, man setzt sich nicht ins Auto, weil zuerst die Reifen im Feuer platzen. Mit einem Auto erlebt man Tragödien wie in Pedrogão Grande 2017 und 2026 in Los Gallardos und Bédar in Andalusien. Zuerst brennen die Reifen und dann verbrennen die Insassen. Ich haben einen Mann kennengelernt, der ging in seiner Zisterne schwimmen und hat so überlebt. Statt flüchten, lasst uns Wasser im Winterregen sammeln für die Waldbrände im Sommer. Dem Waldbrand die Stirn bieten. Ja, Alte und Kranke, evakuieren. Aber jeder, der eine Hilfe für die Feuerwehr sein kann, bitte machen lassen. Bitte.

Montag, 6. August 2018. Mittlerweile ist es dunkel geworden in Caldas de Monchique. Die Atmosphäre wird von den Feuern ringsum irre beleuchtet. Wenn man dann eine Weile mit einem Wasserschlauch in der Hand und sehr wachem Kopf die brennende Umgebung seines Waldes wahrnimmt, automatisieren sich die Handgriffe. Du passt auf, dass der Schlauch frei liegt und nicht mit dem Feuer in Kontakt kommt, auch nicht aus Versehen. Versehentlich passiert in diesem Moment gar nichts. Du hast den unbändigen Willen, das Feuer zu löschen, das da im Begriff ist, deine Bäume und dich zu vernichten. Du darfst in diesen Momenten nicht zweifeln an dem, was du tust und wie du es machst. Ja, du befindest dich in Lebensgefahr, dieser Gefahr bist du dir bewusst. Hinter dir hast du alles gelöscht. Das Feuer kann dir also nicht in den Rücken fallen, dich nicht von hinten angreifen. Das hast du unter Kontrolle. Du bist dabei, das Feuer von vorn zu attackieren. Der Wind treibt die Flammen immer wieder auf dich zu und du weisst genau, dass du das Feuer ausmachen wirst. Denn du hast das Wasser. Jedes Feuer, die erste Welle genauso, wie die zweite und auch die nächsten. Du wirst nicht müde, dir zu versichern, dass du siegen wirst über das Feuer und dass du deine Bäume beschützen wirst.

Foto: Peter Kneffel/dpa

Ich höre Stimmen in der Nacht. Mein Nachbar hat Arbeitskollegen eingeladen und sie sind ein Team von mindestens zehn Leuten. João von der Quinta da Idalina ruft und die Kollegen sind nicht nur mental stark. Es ist nicht ihr erstes Feuer, das sie gemeinsam löschen. Sie geben dem Feuer keine Chance. Das war schon im September 2003 genau so. Das hat mich überzeugt.

Langsam bewegst du dich vorwärts, gehst auf die Feuer zu und machst sie aus. Eins nach dem anderen. Der ganze Wald ist auf deiner Seite. Du bist nicht allein. Du spritzt die Bäume naß, so dass sie sich gar nicht erst entzünden können. Die Pinien und Korkeichen haben einen Schutz. Sowohl der Kork wie auch die Rinde der alten, über hundertjährigen Pinien, schützen den Baum, wenn du sie nass machst. Dein Wasserstrahl reicht drei Meter hoch. Das reicht.

Foto: Peter Kneffel/dpa

Von Feuerwehrleuten oder Mitarbeitern des Zivilschutzes ist nichts zu sehen. Wir sind dem Waldbrand völlig schutzlos ausgeliefert. (Wie ich später erfahre, wurde der Regionalkommandant Vítor Vaz Pinto am 5. August von der Regierung in Lissabon seines Amtes enthoben, und eine neue Kommandantin namens Patrícia Gaspar war ernannt worden, doch sie sollte erst am Dienstagnachmittag in Monchique eintreffen. So hieß es in dem Bericht, der dem portugiesischen Parlament nach dem Ereignis vorgelegt wurde.) Das bedeutet, dass es seit Sonntag keinen Kommandanten mehr gab, der für die Leitung von mehr als 1.500 Feuerwehrleuten verantwortlich war. Es wurden keine Einsatzbefehle erteilt. Die Feuerwehrleute haben heute keinen Befehl erhalten, den Brand zu bekämpfen, und sie wissen nicht, was sie eigentlich bekämpfen sollen, obwohl es überall brennt. Die Gemeinde Monchique wurde teilweise evakuiert, und die Häuser wurden den Feuern überlassen, ohne dass Widerstand geleistet wurde. Auf meinem Grundstück bin ich der Einzige, der den Waldbrand bekämpft. Was soll ich machen? Auf die neue Kommandantin warten?

Der Waldbrand kommt immer wieder in Wellen auf dich zu, wie das Meer am Strand. Das Feuer wird vom Wind angepeitscht und schlägt Funken, die weiter getragen werden. Sie fliegen durch die Nacht. Je länger du standhälst, desto nasser wird der Waldboden um dich herum und die Funken erlöschen, wenn sie auf dem Boden aufkommen. Darum geht es. Nicht verzweifeln. Nicht aufgeben. So lange du Wasser hast, bist du dem Feuer überlegen. Nicht wegrennen. Ich habe einen Wald mit hundert Pinien und fünfzig Korkeichen und anderen Baumkulturen zu verteidigen. Ich trage eine Gasmaske, die mir erlaubt, zu atmen. Jede Stunde mache ich einen kurze Pause, um mich zu orientieren und um neue Kräfte zu sammeln. Ich habe eine dreihundert Jahre alte Korkeiche, die gerade beginnt zu brennen und die jetzt schnell gelöscht werden muss. Auf der einen Seite ist sie verkohlt auf der anderen Seite, der dem Feuer abgewandten Seite, ist die unverletzt. Sie wird durchkommen. Um vier Uhr morgens sind alle Feuer im Wald gelöscht und ich gehe mich ausruhen, nicht ohne eine Feuerwache zurückzulassen.

Sie weckt mich um sechs Uhr und ruft mich zu einer Schirmpinie, die unten am Stamm Feuer gefangen hat. Ich lege den Schlauch neu aus und weiter geht es. Die Schirmpinie, die ich jetzt lösche, wird es später nicht überstehen. Die Borkenkäfer lieben kranke und schwache Bäume, die sich nicht mit Harz wehren können, wenn sie ein Loch durch die Rinde bohren und den Baum von innen langsam auffressen. Deshalb nehme ich mir anderntags einen Eimer voll Kalk und Wasser, rühre eine Pampe an und streiche sie auf die verletzten Stellen der schwarzen Rinde. Nun ist die Rinde weiß und leuchtet. Der Borkenkäfer ist verwirrt, denn mit Kalk hatte er nicht gerechnet. Kalk schreckt ab und desinfiziert Brandwunden. Und weiße Bäume meidet er lieber. Ich behalte das Geschehen im Blick. Jeden Tag schaue ich nach meinen Bäumen.

Trancoso / Satao, Viseu. Portugal. Oktober 05, 2025 Foto: Pedro Armestre

In meinem ersten Beruf bin ich Journalist und habe gerade ein spannendes Interview mit einem führenden Wissenschaftler des Club of Rome gemacht. Er hat ein bewegendes Buch über den Klimawandel geschrieben und ich hatte ihn zu einem Interview bewegen können: Per Espen Stoknes. Dafür bin ich viertausend Kilometer von Monchique über Huelva, Madrid und Barcelona, Paris und Frankfurt nach Hamburg mit dem Zug gefahren. Von dort fahre ich über Kopenhagen und Göteborg bis nach Oslo. Drei Tage und einen halben Tag bin ich dafür unterwegs. Mein Fußabdruck für diese Reise per Zug beträgt keine 160 kg CO2. Ich fliege seit Jahren nicht mehr. Zugfahren sei umweltfreundlicher, sagen alle Klimaforscher übereinstimmend.. Doch es soll anders kommen. Als ich am Freitag, dem 3. August in Oslo, Norwegen, morgens um sechs Uhr in den Zug steige, um den langen Weg nach Hause zu nehmen, ahne ich noch nicht, dass es gegen Mittag in Monchique wieder brennen wird. Und als ich um kurz vor 14 Uhr in Kopenhagen aus dem Zug steige, um etwas zu essen, klingelt mein Mobiltelefon. Meine junge Kollegin, die eine Ausbildung zur Journalistin in Monchique macht, informiert mich, dass soeben ein neues Feuer gemeldet wird. Die Feuerwehren seien ausgerückt. Wieder einmal ist Monchique, die Hauptstadt der Waldbrände, in aller Munde. Wieder einmal brennt es in Portugal. Während ich im Intercity von Dänemark nach Deutschland unterwegs bin, ist die Katastrophe noch fern. Mich trennen noch genau drei Tage von ihr. Doch in meinem Kopf arbeitet es bereits. Alle meine Klimaaktivitäten zeigen keine Wirkung. Stattdessen bereite ich mich auf das Feuer mental vor.

Greenpeace hat sein Brennglas auf alle zugänglichen Daten über Waldbrände in Portugal gerichtet. Wie in vielen anderen Ländern hat sich auch in Portugal das Waldbrandrisiko in den letzten Jahrzehnten aufgrund der Auswirkungen verschiedener Faktoren verändert, von denen einige mit natürlichen oder physikalischen Gegebenheiten zusammenhängen, andere hingegen mit sozioökonomischen, politischen und organisatorischen Aktivitäten. Anhand statistischer Daten zu nationalen Brandereignissen und deren Ausdehnung, die seit 1943 vorliegen, sowie zu klimatischen Faktoren, Vegetationsbedeckung und -eigenschaften, Bevölkerungsentwicklung und administrative Veränderungen im System des Waldbrandrisikomanagements gibt Greenpeace einen Überblick über Waldbrände in Portugal und deren Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten. Es geht nicht nur darum, die Feuer zu löschen und sich besser darauf vorzubereiten. Die Langzeitdaten dienen dazu, einen Gesamtüberblick über einige der wichtigsten Faktoren zu geben, die in diesen acht Jahrzehnten eine Rolle gespielt haben; dabei wird dem Zeitraum von 2000 bis 2025, für den uns mehr Daten vorliegen, besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es geht vor allem darum, die Waldbrände richtig einzuordnen, die Risiken der Waldbrandgefahren signifikant zu reduzieren. Eine Massnahme wäre beispielsweise, feuergefährliche Baumkulturen von bewohnten Kommunen fernzuhalten, Eukalyptus in die Wüste zu schicken…

Testeira, Vila Real. Portugal. Oktober 05, 2025. Foto: Pedro Armestre

Am Montag, dem 6. August 2018 erreiche ich Portugal, von Norwegen kommend. Wie üblich in Portugal stehen die Polizisten mitten auf der Straße und versperren nicht nur mir den Weg, den ich nehmen muss, um mein Zuhause zu erreichen. Die Zufahrtsstraßen zu den Dörfern, die brennen, sind ab Porto de Lagos großräumig abgesperrt. Die Bewohner werden evakuiert. Kein Durchkommen nach Monchique. Also tue ich, als würde ich nach Silves ausweichen und nehme den nächsten Weg hinauf über Odelouca, Monchicão und Fornalha, eine Seitenstraße, die nicht gesperrt ist. Die Polizisten kennen nicht jeden Weg. Überall in den Feldern brennt es, ein Bild, das einem Kriegsschauplatz mehr ähnelt als einer friedlichen Zivilisation. Vorsichtig bahnen wir uns einen Weg durch umgekippte Telefonmasten aus Holz und Bäumen, die umgefallen sind. Im Zickzack geht es hinauf nach Fornalha und dann nach Esgravatadouro bei Caldas de Monchique. Es sind rund zwölf Kilometer bis nach Hause. Alle Nachbarn wurden evakuiert, keine Menschenseele löscht die verlassenen Gehöfte und Häuser. In genau diesem Moment mache ich mich bereit, meinen kleinen Wald zu löschen und gegen den Waldbrand mobil zu machen.

Testeira, Vila Real. Portugal. Oktober 05, 2025. Foto: Pedro Armestre

Eigentlich ist es egal, wodurch ein Waldbrand entsteht, ob ein Überlandkabel einer Hochspannungsleitung die Vegetation berührt, oder Wind Bäume gegen die Leitungen schlägt, oder ein Bauer seinen Kompost verbrennt. In der Zwischenzeit gibt es schon Maschinen, die umsonst vom Rathaus zur Verfügung gestellt werden, um Reste von Ästen und Laub zu häckseln und zu schreddern, die man später wieder als Mulch bei Baumpflanzungen verwenden kann. Gründe, ein Feuer zu machen, gibt es genügend. Man muss das Risiko verringern, dass aus einem kleinen Feuer ein Großbrand wird, aus einer Krankheit eine Epedemie.

Sammler mit Wasserventilen WetNet (R)

Ich nehme meine gesamte Erfahrung aus fünf Waldbränden und habe da eine Idee. Wenn man einen einzigen Schlauch in der Hand hält und mehrere Hektar Waldbrand allein zu bekämpfen hat, sehnt man sich danach, gleichzeitig aus mindestens zehn Düsen das Löschwasser ins Feuer zu schießen. So kommt mir mitten im Feuer eine Idee, die später in einen Plan mündet. WetNet, das Sprinklersystem ist geboren.

Was bedeutet das, Risiken von Waldbränden zu minimieren? Das heisst, dass grundsätzlich alle Feuer in den Sommermonaten verboten werden müssen, inklusive Grillen in offenen Gärten. Das heisst, dass jeder Haushalt im Grünen ein eigenes Feuerlöschsystem bereit halten muss, Wasserzisternen, Pumpen und Sprinkleranlagen, dass jeder Haushalt ein eigenes Notstromaggregat bereit halten muss, denn normalerweise fällt die Stromversorgung als erstes bei einem Waldbrand aus. Wer sich mental und organisatorisch auf Waldbrände vorbereitet, erlebt weniger böse Überraschungen und vor allen Dingen, weniger Todesopfer. Zwischen 1931 und 2025 starben in Portugal 418 Zivilisten durch Waldbrände, so Greenpeace, allein in 2017 waren das 122 Todesopfer. Jeder gelöschte Waldbrand hat das Potential einer Erfolgsgeschichte. Jeder gelöschte Waldbrand bremst den Klimawandel. Feuer vermeiden, das muss sich in die Köpfe der Menschen einbrennen

Arganil / Piodao. Portugal. Oktober 05, 2025. Foto: Pedro Armestre

Greenpeace schreibt: „Das integrierte Management des Waldbrandrisikos umfasst die folgenden Phasen: Vorsorge, Prävention, Bekämpfung und Wiederaufbau. Diese Phasen sind miteinander verknüpft und gleichermaßen wichtig.“

Und weiter: „Wie in vielen anderen Ländern hat sich auch in Portugal das Waldbrandrisiko in den letzten Jahrzehnten aufgrund der positiven oder negativen Auswirkungen verschiedener Faktoren verändert, von denen einige mit natürlichen oder physikalischen Gegebenheiten zusammenhängen, andere hingegen mit sozioökonomischen, politischen und organisatorischen Aktivitäten. Anhand statistischer Daten zu nationalen Brandereignissen und deren Ausdehnung, die seit 1943 vorliegen, sowie zu klimatischen Faktoren, Vegetationsbedeckung und -eigenschaften, Bevölkerungsentwicklung und administrativen Veränderungen im System des Waldbrandrisikomanagements geben wir einen Überblick über Waldbrände in Portugal und deren Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten. Die Langzeitdaten dienen dazu, einen Gesamtüberblick über einige der wichtigsten Faktoren zu geben, die in diesen acht Jahrzehnten eine Rolle gespielt haben; dabei wird dem Zeitraum von 2000 bis 2025, für den uns mehr Daten vorliegen, besondere Aufmerksamkeit gewidmet.“

ECO123 berichtet in seiner nächsten Ausgabe, welche politischen Schlussfolgerungen sich aus diesen Informationen ergeben. Teil 3 beschäftigt sich nur mit den Lösungen. Eine unserer eigenen Lösungen ist das Sprinklersystem, mit dem wir unseren Wald jetzt und in Zukunft schützen werden…

Uwe Heitkamp (66)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobbybotaniker, Vater von zwei erwachsenen Kindern, kennt Portugal seit 35 Jahren, Gründer von ECO123.
Übersetzer: Dina Adão, John Elliot

Check Also

Chillt mal! Relaxt! Wir sind dran, eine Lösung zu finden.

Von Uwe Heitkamp Interessieren Sie sich für ein Spiel, bei dem der tiefere Sinn darin …

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.