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Raus aus der Stadt und zurück aufs Land aus Liebe

Die elterlichen Gewohnheiten bei der Umstellung des Bauernhofes auf 100 % ökologische Landwirtschaft  zu verändern und dem damit einhergehenden Einkommenausfall der nächsten fünf Jahre zu kompensieren, waren dieersten  Herausforderungen, die das Ehepaar Mariano zu meistern hatte. Zuvor erklommen sie bereits andere steile Hügel. Der erste bestand darin, nach einem brutalen Überfall auf die Eltern von Raquel Mariano, 47, einer zur Landwirtin konvertierten Theologin, den gemeinsamen Entschluss zu fassen, das komfortable Leben in Portugals Hauptstadt Lissabon aufzugeben. Im Jahr 2012 kehrten sie in ihr Elternhaus in Macedo de Cavaleiros zurück, zu ihren Wurzeln sozusagen.

Die Richtschnur für Raquel und Miguel besteht darin, einerseits ihren alternden Familienmitgliedern Unterstützung und Sicherheit zu geben, andererseits Lebensqualität in der Hinwendung zur Landwirtschaft zu finden. Auf der Quinta do Melro, ungefähr 20 Kilometer von Macedo de Cavaleiros entfernt, züchten sie nun Geflügel und betreiben ein kleines familiäres Restaurant. In den vergangenen vier Jahren erzielten sie bisher lediglich einen immateriellen Gewinn, oder wie Raquel es ausdrückt: „Gewinn verzeichnen wir bislang auf spiritueller und auf psychologischer Ebene. Monetärer Gewinn gelingt uns dagegen nur mit größter finanzieller Akrobatik, Körnchen für Körnchen…“, führt sie aus, ohne Details zum Umsatz der letzten vier, der Landwirtschaft gewidmeten Jahren offenzulegen.

Das Leben auf dem Land in Trás-os-Montes ist nie einfach gewesen. Es war immer mit einer Menge Schweiß verbunden, mit viel Mühe, jedoch  bestand der Lohn in der Regel aus Erzeugnissen höchster Qualität. Die Kastanienernte, die fast komplett in den Export geht – allein 90% davon nach Italien –, sowie das Olivenöl, hauptsächlich für den heimischen Markt bestimmt, machen dabei das Hauptgeschäft aus. Die letzte große Investition bestand in der Neuanpflanzung von gut 1.000 zwei Jahre jungen Olivenbäumchen. Die ersten Oliven sollen sich schon im nächsten Herbst zur Ernte der bestehenden 2.000 älteren Olivenbäume von einer 12 Hektar umfassenden Gesamtfläche dazugesellen. In der Genossenschaft von Macedo de Cavaleiros werden sie dann in feinstes Olivenöl umgewandelt, das „Petroleum von Trás-os-Montes“, wie Miguel Mariano, 41, es nennt.

In der letzten Saison, nachdem ein Sturm Ende vergangenen Septembers 40% der Oliven vernichtet hatte, fiel der Ertrag auf zehn Tonnen. “Für 2017 rechnen wir damit, die Ernte auf zwanzig Tonnen zu erhöhen, aber alles hängt vom Wetter ab“, betont der Geschäftsmann und Landwirt gegenüber ECO123. Im Jahr 2015 ernteten wir auch zwei  Tonnen Kastanien, aber wie es dieses Jahr werden wird, steht noch in den Sternen. „Erst im Sommer können wir das genauer abschätzen“, erklärt Miguel Mariano und zitiert eine überlieferte Weisheit: „Bleibt der Himmel in der ersten Augustwoche ohne Wolken, wird es ein gutes Kastanienjahr.“

02Die Familie Mariano ist fast autark in Bezug auf ihre Lebensmittel, da sie etwa 80% von dem, was sie benötigen, auf ihrem Land selbst erzeugen. “Ich muss lediglich Nudeln, Reis, Fisch und etwas Fleisch kaufen”, erzählt uns Raquel und setzt hinzu, dass sie in ihrem Garten ausschließlich traditionelles, von der Familie überliefertes und Jahr für Jahr selbst gewonnenes  Saatgut verwendet. Aus ihrem Garten versorgen sie sich mit eigenen Kartoffeln, Süßkartoffeln, Äpfeln, Birnen, Pfirsichen, Kaki-Früchten und Tomaten. Auch weiße und rote Bohnen, Porree, Zwiebeln, französischer Kürbis, Auberginen, rote Beete, Kohl, Rüben, Rübenblätter und Linsen kommen auf den Tisch. Alles ist selbst erzeugt.

Herbizide kommen ihr nicht auf dem Hof, aber Pestizide setze man noch ein. Raquel Mariano schildert, dass es schwierig sei, ihren Vater vom Bio-Anbau zu überzeugen; vor allem, weil in der erforderlichen fünfjährigen Umstellungszeit Schädlinge und Krankheiten den Ertrag oft zunichtemachen.

So wie die meisten Landwirte haben auch die Marianos keine Vorstellung von der Größe ihres ökologischen Fußabdrucks, von der Menge der bei der Produktion auf dem Feld und in der Geflügelzucht anfallenden CO2-Emissionen. Aber sie denken, dass sie einen Ausgleich schaffen mit den Tausenden von Oliven-, Kastanien- sowie Pinienbäumen, aber auch der großen Zahl an Obstbäumen, von denen sich im Frühjahr besonders die blühenden Kirschbäume farblich abheben.

Beim Verkaufen einiger Entenküken und fünf Wochen alten Masthähnchen berichtet sie, dass die Kompostbereitung zur „üblichen“ Praxis auf ihrem Land gehört. Im eigenen Gemüsegarten kommen keinerlei Herbizide und Kunstdünger zum Einsatz. „Wir verwenden nur Mineralsalze und den Winter über gesammelte Holzasche, die wir streuen“, erklärt uns „Madame Wirbelwind“, wie Miguel seine im August 2008 geehelichte Partnerin gern voller Stolz nennt.“Wissen Sie, meine Frau ist mit Leib und Seele studierte Theologin und sie unterrichtete 17 Jahre lang Katholische Religion und Werte und Normen“, hebt er erfüllt von Zuneigung zu ihr hervor.

Weniger umweltfreundlich ist bedingterweise die Hühnerzucht, auf die das Schild „Freilaufendes Mastgeflügel zu verkaufen“ aufmerksam macht. Es werden nicht nur Hühner, sondern auch Enten, Gänse, Perlhühner und Wachteln aufgezogen, und zwar nach althergebrachter Methode in großzügigen Gehegen mit viel Platz für Bewegung und Futteraufnahme – der sogenannten Bodenhaltung. „Dabei hinterlassen sie einen auf natürliche Art umgegrabenen und gedüngten Boden“, wie Miguel Mariano betont.

Raquel Mariano gesteht, dass das Geflügelgeschäft im Niedergang begriffen ist, weil die jungen Leute es heutzutage nicht mehr gewohnt sind, lebende Tiere zum Schlachten zu kaufen. Dadurch könnte ein ehrgeiziges Projekt des Paares zu Fall kommen: die Einrichtung eines „Öko-Resorts“. Der Bau des umweltfreundlichen Hotels wurde bereits durchgeplant. Demnach werden die Investitionen im Bereich von drei Millionen Euro liegen. „Was uns noch fehlt, sind ein oder einige Investoren“, sagt Miguel und betont, dass die Lage ein enormes touristisches Potential besäße, dadurch, dass ihr Grundstück im von der UNESCO ausgezeichneten Geopark Terras de Cavaleiro liegt.

Die jährlichen Ausgaben zur Versorgung des gesamten Hofs mit Elektrizität belaufen sich auf rund 4.000 Euro. Dazu kommen 9.000 Euro, um ihre eigenen Fahrzeuge, inklusive Trecker und Autos, Lieferwagen, Landmaschinen und die Heizanlage des Hauses zu betreiben. Für weitere 3.500 Euro wird Propangas verbraucht. Solange keine Investoren in Sicht sind und die finanzielle Unterstützung durch Portugal 2020 auf Eis liegt, werden die Marianos auf ihrem Hof nach dem 3R-Prinzip verfahren: „Reduzir“ – vermeiden von Umweltbelastungen, „Reutilizar“ – wiederverwenden und „Reciclar“ – wiederverwerten von Dingen, schließt Raquel.

03Restaurante Novo Mariano
Bringt frischen Fisch nach Trás-os-Montes

Die Marisqueira „Novo Mariano“ gehört zu den Restaurant-Ikonen der Stadt Macedo de Cavaleiros. Es bietet seinen Gästen nicht nur frische Meeresfrüchte von der Algarve und aus Ericeira, sondern gewann im Jahr 2015 auch den ersten Platz beim Gastronomie-Festival Geoparque Terras de Cavaleiro mit seinem „Geo-Teller Mariscada Varisca“ , einem Gericht, so reichhaltig und vielfältig wie das Variszische Gebirge in Nordportugal, wo sich das transmontanische Restaurant befindet. Liebhaber von Meeresfrüchten können dort Hummer, Krebse, Küsten-Garnelen, große und kleine Meeres-Gehäuseschnecken, Entenmuscheln und gebratene Gambas genießen.
Das Variszische Gebirge in Europa entstand aus dem Zusammenstoß zweier Kontinente vor über 300 Mio. Jahren. Geologen nennen es auch den “Nabel der Welt”, da sich Spuren beider Kontinente und eines verschwundenen Ozeans aus einer Zeit lange vor Auftreten der Dinosaurier finden lassen. Das Aufeinandertreffen dieser Landmassen erschuf eine gewaltige Bergkette.
Der Geopark „Terras de Cavaleiros“ wurde als vierter seiner Art in Portugal von der UNESCO ausgezeichnet.
Die Transmontano-Gemeinde Macedo de Cavaleiros bewarb sich beim europäischen und globalen Geopark-Netzwerk mit einer Fläche von 700 Quadratkilometern als „Geopark Macedo de Cavaleiros“ und erhielt diese Auszeichnung von der UNESCO am 23. September 2014 zugesprochen.

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