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Geld das stinkt, kommt immer aus Brüssel und Luxemburg.

Samstag, der 2. März 2024.

Riechst Du das Geld? Mein erster Waldbrand kam ohne jede Kriegserklärung und dieser Krieg dauert nun schon sehr viel länger als der Krieg in der Ukraine. Es ist der Klimakrieg. Am 11. September 2003 begann er und brannte lichterloh über Monchique bis Silves und zurück über Aljezur bis in den Landkreis Odemira hinein und zerstörte mehr als 40.000 Hektar Wald und war erst eine Woche später gelöscht. 400 km² multipliziert mit 20.000 Tonnen CO2 pro km². Ich gab dem Papierhersteller die Verantwortung für die CO2 Emissionen. Der Wind war eingeschlafen, der giganteske Waldbrand gelöscht. Danach war alles nur noch schwarz. Asche überall. Es war die Zeit, in der ich mir eine Gasmaske anschaffte und mir erstmals darüber Gedanken machte, wie man sich vor Waldbränden am besten schützen könnte. Den folgenden Winter hustete ich mir die Lunge aus dem Hals…

Fábrica de papel

Seit 34 Jahren lebe und arbeite ich jetzt als Journalist in Portugals Provinz, im Wald von Monchique, der zum großen Teil dem größten portugiesischen Papierhersteller The Navigator Company als Ressourcenspender für seine hochgesteckten ökonomischen Ziele dient. Viele Korkeichen- und Kastanienwälder wurden in den 1990er Jahren und danach gefällt, hohe Biodiversität vernichet, dadurch daß statt Mischwald mit traditionellen Baumarten zu erhalten – Monokulturen von australischem Eukalyptus in Reihe gepflanzt wurden. Alle zwei Meter stand so ein damals noch kleiner Baum in der Landschaft in Reih und Glied, Terrasse an Terrasse,  von Bulldozern geschoben. Die Bäume wurden rasch größer. Mittlerweile sind eine Million Hektar Mischwald während nur einer Generation in Monokulturen verwandelt worden. Das sind mehr als zehn Prozent der Fläche des gesamten Landes: 10.000 km² von 92.152  km². Soweit der Überblick zum Thema Wald und warum es in Portugal immer wieder brennt, das erfahren Sie gleich. Es geht ums Geld.

Man behauptet ja immer, daß Geld nicht stinkt. Aber das stimmt gar nicht. Mit Subventionen, also mit geschenktem Geld aus Brüssel und auch mit billigen Krediten der Europäischen Investitionsbank aus Luxemburg, werden zuerst die Bauern und Forstbesitzer geködert, ihre traditionellen Wälder zu roden, danach die Industrie. Das ist so widersinnig, wie der gesamte EU Staat mit seinen 27 Mtgliedern organisiert ist. Der eine sagt Hüh, der andere Hot. Wo  soll es denn nun langgehen? Die Gelder aus Brüssel und Luxemburg stinken schon lange nach verbrannter Erde.

Die einen (die Kommission in Brüssel) definieren eine Waldfläche als NATURA 2000 Schutzgebiet, in dem wertvolle Naturressourcen an nativem Baumarten stehen: Korkeichenwälder, Johannisbrotbäume, Schirmpinienhaine neben jahrhunderalten Olivenbäumen, Medronheiro (Erdbeerbäume), auch Feigen-, Mandel- und Maulberbäume. Diese Bäume ernähren ihre Besitzer. Man preßt Olivenöl, destilliert Medronhoschnaps, sammelt Pinienkerne, pflückt Johannisbrot, trocknet Feigen und stellt aus Mandeln das köstliche Marzipan her. Imker leben vom Honig, es gibt prämierte Marmeladenhersteller, Ziegenhirten gehen mit Herden über Land und ihre Tiere grasen zum Beispiel die Seitenstreifen von Kreisstraßen ab, Käsereien kreieren Frischkäse, Yoghurt und andere Milchprodukte: ich sehe eine überschaubare, über viele Generationen gewachsene Subsistenzwirtschaft. Monchique     konnte sich mal selbst ernähren. Hat diese Art zu wirtschaften ihren Wert denn nun verloren?

Die anderen EU-Institutionen, die über die sogenannten „Fleischtöpfe“ verfügen, bei denen die widersinngsten Projekte mit Steuergeldern gefördert werden, stellen Subventionen für Monokulturen in dem ausgewiesenen NATURA 2000 Gebiet in Aussicht. Ich frage mich, warum das von der EU nicht kontrolliert wird. In einem NATURA 2000 Gebiet hat Eukalyptus nichts zu suchen. Dort wo zuvor klandestin traditioneller Baumbestand gefällt wurde, wurde die Region mit Eukalyptus bepflanzt. Schon nach acht Jahren ist der Eukalyptus „reif“, gefällt zu werden, dann wird er auf LKW’s verladen und nach Setubal oder Matosinhos in die Fabriken befördert und dort zu Papier verarbeitet und in alle Welt exportiert. Das bringt Geld für die Forstbesitzer, Umsatz für die Papierhersteller und Steuergelder für den Staat. Alle sitzen im selben Boot. Fast wie bei der Mafia. Fast. Polizei natürlich abwesend. Und weil die Baumart Eukalyptus auf den ersten Blick „pflegeleicht“ ist, wächst aus dem Stumpf des gefällten Baumes gleich der nächste Baum, er treibt automatich aus und wächst nach. Und das gleiche Spiel wiederholt sich immer und immer wieder.

Geld verdienen  leicht gemacht.

Immer öfter kommt es vor, daß es in Portugal und speziell in Monchique, wo in der Zwischenzeit 82% des ehemals diversen Mischwaldes zu Eukalyptus-Monokulturen umgewandelt wurden, nun brennt. Es brauchte zwei Jahrzehnte und kein ICNF und kein Rathaus von Monchique und keine der verschiedenen Regierungen wollten diesen klandestinen Irrsinn der Forstbesitzer mit der Navigator-Company stoppen. Ein Biopark-Projekt einer lokalen Stiftung scheiterte an der Korruption des Rathauses unter dem Politiker Carlos Alberto Tuta, der Monchique 27 Jahre von 1982 bis 2009 regierte.

In 2003 beginnt sich erstmals der Klimawandel bemerkbar zu machen. Die Temperaturen sind langsam aber kontinuierlich gestiegen. Geregnet hatte es auch weniger. Erste Quellen und Bäche versiegen im Spätsommer. Böden trocknen aus. Eukalyptus-Monokulturen saufen Wasser, zehn Mal mehr Wasser als Korkeichenwälder. Die Heißzeit beginnt. Und wo ein kleines Feuer, vom Wind getrieben auf einen Eukalyptusforst trifft, findet das Feuer reichlich Nahrung. Wo ein nativer Mischwald ein Feuer aufgrund seiner natürlichen Feuchtigkeit ausbremsen würde, geschieht in einer Monokultur aus Eukalyptus genau das Gegenteil: das Feuer wird angeheizt aufgrund seiner ätherischen Öle, die wie Benzin explodieren. Ein kleines Feuer wird so zu einem veritablen Waldbrand, falls ein Feuer auf Eukalyptus trifft, wird es zu einem Megafeuer, wenn der Wind es antreibt. Es ist die pure Hölle, eine „aus dem Gleichgewicht geratene Metereologie im Verbund mit trockenen und ölgetränkten Baumplantagen. Mensch gemacht,“ sagt Professor Xavier Domingos Viegas, der parlamentarische Gutachter von der Universität in Coimbra im Gespräch mit ECO123.

 

Das große Geld mit der Naturressource Wald.

Seit im Landkreis Monchique mit seinen knapp 400 km² immer weniger Menschen leben, weil die Landflucht der ehemals 12.000 Einwohner zu Beginn der 70er Jahre hier und heute nur noch knapp 5.000 Menschen leben läßt, viele alt und gebrechlich, stehen mehr als die Hälfte der Häuser und Gehöfte leer oder sind abgebrannt und stehen als Ruinen in der Landschaft: ein gutes Geschäft für Immobilienmakler und den Natur-Tourismus. Wandern durch ein  verlassenes Land, vorbei an Ruinen. Das Unterholz wird nicht mehr geschnitten: optimales Futter für den nächsten Waldbrand. Und der Eukalytus wächst weiter, ob er nun umgenietet wird oder nicht, ob er nun verbrannt ist, oder nicht. Eukalyptus wächst in der Zwischenzeit wild und unkontrolliert – in Monchique mit der EU-Zertifizierung NATURA 2000 im Jahr 2024. Schräg, nicht wahr?

Und neben dem Eukalyptus wächst eine andere invasive Baumart in Monchique – auch aus Australien eingeschleppt: die Akazie und Mimose. Experten schätzen, daß es keine Generation dauern wird, bis Monchique von seinen invasiven Baumarten komplett überwuchert sein wird. Akazien und Mimosen sind Tief- und Flachwurzler und knapp unter der Erde ist jede Akazie mit einer anderen vernetzt. Wer eine Akazie oder Mimose fällt, wird sein botanisches Wunder erleben: aus einem gefällten Baum wachsen sofort fünf bis zehn neue Bäume. Eine absolute Plage, besonders nach Waldbränden wie jenem vom August 2018, bei dem 28.000 Hektar verbrannten. Standen in Monchique vor dem Waldbrand einige tausend Akazien, sind es nach dem Waldbrand einige Millionen neue Bäume. Die Alliens sind unzählbar geworden. Sie haben sich explosionsartig vermehrt.

ECO123 versucht für diese Reportage seit Juni 2023 eine Stellungnahme des Bürgermeisters Paulo Alves (PS) zum Thema zu bekommen. Mehrmaliges Nachfragen bis zum 12. Februar dieses Jahres scheiterten am Terminkalender des Bürgermeisters. Das Thema ist mehr als ungemütlich. Es erfordert die Aufmerksamkeit der gesamten Bevölkerung und des Rathauses von Monchique: es ist arbeitsintensiv und man kann nichts dabei verdienen, außer einen herzlichen Händedruck des Nachbarn. Fast jeder ist betroffen. Ob es vielleicht besser wäre, man ignorierte das Thema für diese Legislaturperode? Aber man soll die Hoffnung bei Politikern nie aufgeben. Sie wollen ja wiedergewählt werden.

Diese Politik der ländlichen Industrialisierung und damit der Zerstörung der Natur nennt die EU-Kommissionspräsidentin Ursla von der Leyen plakativ und einfach den „Green Deal“.

Dieses Geschäft mit dem Eukalyptus wurde im Dezember 2023 mit einem langfristigen zinsgünstigen Darlehen über 155 Millionen Euro für „The Navigator Company“ von der Europäischen Invstitionsbank (EIB) Luxemburg belohnt, damit diese ihren Maschinenpark modernisieren kann. Denn wer hat, dem wird gegeben. Die Opfer der Waldbrände allerdings gucken in die Röhre. Sie steigern nicht das Bruttosozialprodukt und zahlen kaum Steuern. Bleiben Sie dran. Denn nächse Woche geht diese Geschichte an dieser Stelle weiter.

Uwe Heitkamp (64)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.Translations: Dina Adão, John Elliot, Ruth Correia, Patrícia Lara, Kathleen Becker
Photos:Uwe Heitkamp

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