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Wir sind nur ein Teil der Natur.

Samstag, der 22. Juli 2023.

Mein Zitronenbaum sagt mir, schau mich an, ich habe Durst, meine Wurzeln finden kein Wasser mehr. Ähnlich reagiert mein Feigenbaum. Seine Blätter verfärben sich heller und heller und fallen dann zu Boden: Wassermangel. Alles vertrocknet. Die große Schirmpinie legt mir einen nahezu roten Teppich aus. Doch sie zeigt mir nicht den Weg nach Cannes zum Filmfestival. Es wird heißer und heißer und sie wirft mir die Hälfte ihrer Nadeln vor die Füße. Zuviel Gewicht, zu wenig Wasser, das Überleben ist in Gefahr. Abspecken. Das erlebe ich in diesen Tagen in Zeiten des Sommers in Zeiten des Klimawandels. Ich erinnere mich dabei an meine Kindheit und Jugend. Da waren 32 Grad Celsius ein Höchstwert und ich bekam hitzefrei in der Schule. Heute leben wir mit 37 und 38 Grad am Limit zum Fieber und dann gibt es Tage, an denen das Thermometer die 40 Grad-Leine reißt. Ich habe den Eindruck, mir bewegen uns auf gefährlich „dünnem Eis“.

Ich stehe mit vielen anderen Autos in einer Schlange vor der roten Ampel. Alle neben, hinter und vor mir sind Autos, die von Motoren angetrieben werden, die mit Diesel oder Benzin  betankt werden. Die Idee, die Auspüffe außen und hinten an den Autos anzubringen, ist fatal. Warum enden sie nicht in der Fahrerkabine? Sie erhitzen und verschmutzen die Atmosphäre mit Abgasen, in diesen Tagen ist das unsäglich. Niemand kommt auf die Idee, bei einem Waldbrand die Feuerwehr zu rufen, die dann sagt, sie käme erst im Jahr 2035. Da steht ein Auto mit laufendem Motor vor einer Eisdiele. Die Frau geht sich und ihren Kindern gerade ein Straciatella- Eis kaufen.

Noch gibt es bei uns genug zu Essen & Trinken, obwohl wir auf Messers Schneide tanzen und das jeden Tag. Hätte ich keinen Wasseranschluß von der Stadt, müßte ich jetzt meinem Zitronenbaum sagen, „Sorry, mein Freund, Dein Leben neigt sich dem Ende entgegen.“ Ich lebe in Resilienz. Was ist, wenn die Stadt morgen sagt, unser Wasser neigt sich dem Ende zu? Denn die Quelle, die mein Grundstück versorgt, sie ist versiegt. Im Botanischen Garten haben wir bereits 212 robuste kleine Bäume gepflanzt, die mit Wasser aus einer Wassermine versorgt werden. Die Wassermine läuft noch, weil wir einen Wald darüber besitzen, der noch nicht abgebrannt ist. Jeder neue Baum wird nur gepflanzt, wenn wir sicherstellen können, daß wir ihn durch den Sommer bringen können. Linden, Eichen, Walnusbäume sind Geschöpfe, deren Wurzeln Wasser speichern und sehr genügsam sind. Johannisbrotbäume und Casuarinas, Mandelbäume und Maulbeerbäume gehören ebenso zum Bestand der heimischen Botanik. Genügsamkeit ist in diesen Tagen leider keine Tugend mehr.

Warum hat man das Klima bislang nicht ernster genommen? Die Ironie ist doch, je mehr wir die Natur beherrschen wollen, desto unbeherrschbarer ist sie geworden. Fiel es den Menschen auch früher so schwer, die Folgen ihres Umgangs mit der Welt zu verstehen? Oder ist die Ignoranz gewachsen, seit die Menschheit hauptsächlich in den Städten  lebt? Es gab in allen Zivilisationen ein Bewusstsein, dass das Überleben in Gefahr ist, wenn man die Natur nicht achtet. Die Menschheit hat 50 Prozent aller je verbrannten fossilen Energien in den letzten 30 Jahren verbrannt. Es ist höchste Zeit, mit dem Verbrennen von Diesel, Benzin, Gas und Kohle aufzuhören. Es ist höchste Zeit für die Nutzung erneuerbarer, sauberer Energien.

Wir stehen vor dramatischen Kipppunkten, mit denen alles, was in den letzten 10 000 Jahren normal war, vorbei sein könnte. Die Welt ist so warm wie seit 25 000 Jahren nicht, die CO₂-Konzentration ist höher als in den letzten zwei Millionen Jahren. Wie kamen wir vom Garten Eden zu einer Welt, die unsere Vorfahren nicht wiedererkennen würden? Ich wünschte mir mehr Dynamik, mehr Ehrlichkeit und eine höhere Effizienz in der Klimapolitik. Weniger Ausreden. In dem Augenblick, in dem mir die Stadt das Wasser abstellt, muß ich ein Bohrloch in die Erde treiben, wie eine Ölgesellschaft, die nach Erdöl sucht. Oder ich selbst werde zum Klimaflüchtling. Wir alle sollten viel konsequenter werden bei der Umsetzung von Klimazielen und verstehen lernen, daß wir Teil der Natur sind, die gerade austrocknet. Das CO2 wird noch einige hundert Jahre in der Atmosphäre bleiben.  Teil der Natur? Und was heißt das für jeden einzelnen von uns jetzt?

 

Uwe Heitkamp (62)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.Translations: Dina Adão, John Elliot, Ruth Correia, Patrícia Lara, Kathleen Becker
Photos:Rafael Mariano

 

 

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