Donnerstag, Juli 19, 2018
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Tabus und Grenzen übertreten

Acílio Maria Gala ist 22 Jahre alt, lebt in Lissabon und studiert Freizeitmanagement und touristische Animation an der Hotelfachschule in Estoril. Anderen zu helfen war schon immer Teil seines Wesens. Tagsüber arbeitet er als Kellner und abends besucht er den Unterricht. Dieses Jahr wollte er die Ferien zusammen mit seinem Freund Andrei Moreia (22) mal ganz anders verbringen.

Sie haben 3.500 km zwischen Lissabon und Athen zurückgelegt. Auf welche Art?
Wir haben Lissabon mit unseren Rücksäcken auf dem Rücken verlassen. Wir sind gelaufen und per Anhalter gefahren.

Welcher Route sind Sie gefolgt?
Wir haben die Fähre von Lissabon nach Almada genommen. Von dort sind wir dann Richtung Èvora losgelaufen und auch per Anhalter gefahren. Danach ging es nach Madrid und dann haben wir unsere Route in Richtung San Sebastian geändert.

Wieviele Tage hat es insgesammt gedauert, bis Sie in Griecheland angekommen sind?
Wir sind am 9. Juli aufgebrochen mit dem Ziel, am 15. August in Athen anzukommen, weil wir vereinbart hatten, an diesem Tag mit unserer Arbeit in einem Freiwilligencamp zu beginnen. Mit unseren Verbindungen und Mitfahrgelegenheiten kamen wir zufälligerweise schon am 10. an und konnten unser Voluntariat etwas früher antreten.

Also haben Sie einen Monat gebraucht, zu Fuβ und per Anhalter. Ihre Reise ging über San Sebastian, durch die Pyrenäen… und dann nach Frankreich – nach Bordeaux?
Den ganzen Süden Frankreichs haben wir in drei Tagen durchquert. Wir sind durch Toulouse gereist und dann in Italien angekommen. Nach Genua haben wir eine dreitägige Pause gemacht. Per Zufall wurde uns eine Mitfahrgelegenheit nach Turin angeboten, die wir angenommen haben.Von Turin aus ging es nach Mailand und dann die ganze Balkanküste entlang. Wir kamen durch Slowenien, Kroatien, Montenegro, weiter nach Bosnien, Albanien und … Griechenland. So viele Länder!

Erzählen Sie uns doch von ihrem Projekt Crowdfunding, dem PPL Portugal, das schon abgeschlossen ist. Sie stehen bei zur Zeit 800 Euro statt der angestrebten 500, also bei 150 Prozent….
Ja, wir hätten auch gerne die 1.000 Euro Marke geknackt, aber das ist sehr schwierig. Wir hatten jedoch viel Unterstützung. Die Reise von Lissabon nach Athen mit dem Rucksack auf dem Rücken war schon eine ziemlich harte Erfahrung, wir sind ja ohne Geld losgegangen.

Sie sind ohne Geld losgegangen…?
Ja genau, ohne Geld. Wir haben während der ganzen Reise keinen Cent ausgegeben, weil wir Leute getroffen haben, die uns zu essen gegeben haben und uns bei ihnen übernachten liessen. Einige haben uns sogar Geld gegeben und wir haben es geschafft, die ganzen Nahrungsmittel und das uns geschenkte Geld zu rationieren. Wir haben nur so viel wie nötig gegessen und auf der Straβe geschlafen… So sind wir nach kurzer Zeit in Athen angekommen.

Aus welchem Grund haben Sie beschlossen, zu Fuβ zu gehen?
Bevor wir diese Reise unternommen haben, waren wir mit der Flüchtlingsthematik vertraut und haben diese Problematik aufmerksam verfolgt. Also haben wir eine Form gewählt, unseren Sommer zu geniessen und gleichzeitig Menschen zu helfen. Wir wollten reisen. Wir sind extrem low-cost reisen gewohnt und dachten „warum nicht ohne Geld mit dem Rucksack auf dem Rücken von Lissabon nach Athen?“

Sie hatten einen Grundgedanken…
Das Ziel dieser Reise war es, von der Hilfe für Flüchtlinge und Vertriebene des Syrienkriegs einmal abgesehen, Tabus und Barrieren hinter uns zu lassen, uns auf unsere Wurzeln als Nomaden zu besinnen und durch diese Erfahrung möglichst viel zu lernen. Ein weiteres Ziel war es, den Leuten zu zeigen, dass man kein Geld braucht, um das Beste aus seinem Leben zu machen. Das haben wir bewiesen, vor allem uns selbst.
Die Grundidee für das Reisen in dieser Form steht in starkem Bezug zu unserem Flüchtlingsprojekt: Wir haben uns so weit wie möglich in ihre Situation versetzt, zu Fuß und ohne Geld. Also sind wir in Lissabon mit einem kleinen Korb aufgebrochen und dem Bewusstsein, dass Flüchtlinge dieses Gefühl jeden Tag erleben. Wir konnten nicht viel mehr tun als zu laufen, zu lächeln und um Mitfahrgelegenheiten zu bitten. Alles andere hing nicht von uns ab, sondern von den Menschen die angehalten haben und uns Hilfe anboten, oder auch nicht.
Jeden Morgen sind wir mit dieser Unsicherheit aufgewacht: „Wird jemand anhalten und uns mitnehmen, oder werden wir zu Fuß gehen müssen?“ Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass wir einige Tage am Stück in Genua, Italien festgesessen sind. Drei Tage hofften wir darauf, mitgenommen zu werden, doch niemand hat angehalten. Wir konnten auch nicht auf einen anderen Platz ausweichen, da die Autobahn die einzige Verkehrsverbindung war – alle anderen Straßen hätten uns zu weit von unserer Route weggebracht. Nach drei Tagen haben wir es dann endlich geschafft, weiterzukommen.

War es sehr schwer?
Es war schon ein bisschen schwer, weil wir oft kein Geld hatten. Auch das Leben auf der Straße war hart, fern vom Komfort unserer Wohnstätten. Wir hatten nur das Nötigste zu Essen, weil wir unsere Nahrungsmittel rationieren mussten. Auch die ganze Unsicherheit und das mögliche Risiko, dem wir teilweise ausgesetzt waren, machten es etwas schwierig. Aber ich denke, dass die physische Herausforderung am schwersten war. Besonders auf dem Balkan herrschte eine starke Hitze und es war so heiβ, dass uns das Vorwärtskommen zu jeder Tageszeit sehr schwer fiel, da wir äusserst schnell erschöpft waren.

Wann und wie kam diese Idee zustande?
Seit ca. zwei Jahren geht mir durch den Kopf, die Welt die mich umgibt, mit eigenen Augen sehen zu wollen und nicht durchs Fernsehen oder was ich zu hören bekomme. Ich wurde mehr und mehr auf die unvorstellbare Dimension der Problematik aufmerksam und habe versucht, den Opfern so gut es mir möglich war, zu helfen. Wir identifizieren uns mit den Menschen, die leiden.
Wir reisen oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist unsere Art zu reisen. Im Sommer letzten Jahres waren wir von Faro nach Marokko unterwegs, hauptsächlich zu Fuß. Wir waren für die Flüchtlingsthematik sensibilisiert und haben die Gelegenheit genutzt, unsere Komfortzone zu verlassen. Für zwei Jungs ist es schwer, eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. Für zwei Mädchen oder ein Mädchen und einen Jungen ist es einfacher. Aber wir haben es geschafft.

Wie sieht ihr Alltagsleben in Bezug auf die Flüchtlinge heute aus?
Wir arbeiten für die Institution* beim Transport zwischen Flüchtlingscamp und den Städten. Im Augenblick unterstützen wir über 200 Flüchtlinge. Das beinhaltet unter anderem Haare zu schneiden, Begleitung zum Arzt, Rechtsanwalt oder beim Einkäufen.

Was werden Sie mit den Mitteln aus dem Crowdfunding tun?
Wir werden alles an den Verein Refugees Welcome Portugal spenden.

Danke.

ICOARM = International Collective Operations Aiding Refugees and Migrants
www.gofundme.com/transportationservices
https://ppl.com.pt/causas/aalifestyle

 

 

 

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