Donnerstag, Juli 19, 2018
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Resilienz. Nachhaltigkeit. Gutes Leben.

Wer an der Nadel hängt, dem geht es schlecht. Er bräuchte eigentlich eine Therapie, um vom Gift loszukommen. Aber nicht jeder Abhängige mag sich für eine Entgiftung und folgende Therapie entscheiden: nicht beim Heroin, nicht beim Alkohol und noch viele weniger die Raucher, was auch immer sie zurzeit rauchen. Viele pflegen ihre Abhängigkeiten und leben gut damit, sagen sie jedenfalls.

So ähnlich geht es unserer Wirtschaft. Sie hat sich eingerichtet in ihrer Abhängigkeit. Unsere Wirtschaft hängt an der Nadel der Subventionen, besonders in einen Wirtschaftszweig. In den Tourismus wird das ganze Gift aus Brüssel und Lissabon injiziert. Dieses Mal behauptet sogar der IWF, Portugal sei zu abhängig von der Dienstleistung Tourismus, es produziere selbst zu wenig, könne sich nicht mehr selbst ernähren, müsse zu viel importieren, exportiere selbst zu wenig, habe eine aufgeblasene und ineffiziente Verwaltung… Falls in naher Zukunft eine weitere Finanzkrise auftrete – zum Beispiel im Sektor Energie – bei möglicherweise steigenden Kerosinpreisen, einer EU-Ökosteuer auf Flugverkehr und seine Emissionen, oder bei einem weiteren Vulkanausbruchs auf Island – werde Portugals Tourismus kollabieren. Über Erdbeben vor der eigenen Haustür haben die sogenannten Experten bisher noch gar nicht nachgedacht.

Was passierte, wenn morgen signifikant weniger Touristen auf Portugals Flughäfen das Land beträten und nur noch leere Hotels, Apartments und Restaurants noch mehr leeren Wohnraum anböten? Mehr als zwei Millionen Arbeitslose stünden an den Schaltern der Arbeitsämter, um wiederum selbst Subventionen zu beantragen: das Arbeitslosengeld.

Der Begriff der Resilienz wurde aus der Not heraus geboren und ist in Portugal noch nicht angekommen

Der Begriff der Resilienz wurde aus der Not heraus geboren und ist in Portugal noch nicht angekommen. Es beschreibt die Toleranz oder besser, die Widerstandsfähigkeit eines Systems gegenüber Störungen. Wie gehe ich mit Veränderungen einer gewohnten Situation um? In diesem Sinne darf zumindest einmal über die Frage nachgedacht werden, was eigentlich morgen in Portugal geschehe, wenn die Subventionen für alle touristischen Projekte storniert würden; der Bau von Hotels nicht mehr gefördert würde, auch weil sowieso schon genug davon den ungestörten Blick auf das Meer beeinträchtigen. Man stelle sich vor, kein Projekt im Bereich des Tourismus würde mehr gefördert werden, kein Großprojekt der industriellen Land- und Forstwirtschaft (Schweine- und Hühnerzucht, Eukalyptuswälder etc.), grundsätzlich keine Großprojekte mehr.

Stattdessen würde die Mittelvergabe prinzipiell überdacht und neu geregelt werden. Man würde grundsätzlich nur noch nachhaltige Zukunftsprojekte in den Bereichen Bildung und Technologie, Gesundheitswesen, privater und öffentlicher Wohnungsbau, Gebäude-Energieeffizienz, Bio-Landwirtschaft und regenerative Energieproduktion bevorzugt behandeln und nur noch auf lokaler Ebene durch regionale Förderinstanzen, beispielsweise durch eine Förderstelle des untersten Entscheidungsträgers der Kommunalen Selbstverwaltung.

Abgesehen davon, dass in den vergangenen 25 Jahren der Zugehörigkeit Portugals zur EU sowieso nahezu immer die falschen Projekte mit den falschen Mitteln gefördert wurden, haben sich Portugal und seine Wirtschaft in eine Sackgasse hineinmanövriert, der schwer zu entkommen ist. Wie aber hätten wir uns eine regionale nachhaltige Förderung vorzustellen? Was wären die Alternativen?

Gingen wir von einer kleinen Gemeinde aus. Davon haben wir in Portugal viele, um genau zu sein insgesamt 308 Landkreise. In einer ländlichen Region wie beispielsweise Monchique, dessen 397 Quadratkilometer Fläche zu mehr als 75 Prozent mit industriellem Eukalyptuswald bestellt wird, könnte die Waldbrand- und Boden-Erosionsrisiken mit einer Politik der Behutsamkeit und Achtsamkeit enorm verringert werden, in dem eine Stadtverwaltung sorgsam mit wenig Fördergeldern einheimische Produkte wie Oliven, Kastanien, Kork, Kirschen, Johannisbrot, Äpfel, Kartoffeln, Pilze u.a. nachhaltig stimulierte. Mit einem Etat von nicht einmal 1 Million Euro könnten so – falls jeder Kleinbauer für ein Kilogramm seiner Produkte mit nur € 0,10 subventioniert würde – jedes Jahr mindestens 10.000 Tonnen lokale Produkte geerntet und weiterverarbeitet werden: zu Olivenöl, zu Johannisbrotmehl, zu Dämmstoffen beim Hausbau etc. Im Mittelpunkt einer solchen Politik ständen die Resilienz und damit die Selbstversorgung.

Wie ein Dorf dort hingelangen kann, betrachten wir an einer englischen Gemeinde namens Totnes. Einst hoch verschuldet, aber mit dem existierenden politischen Willen und der Motivation zu traditioneller und ökologischer Landwirtschaft und zu moderner und effizienter Mobilität und Energieproduktion nach regenerativen Grundsätzen, begann dort um 2006 ein unumkehrbarer Prozess zu einem besseren Leben für alle seine Einwohner. In seinem Weltbestseller „Wendezeit“ beschreibt der amerikanische Philosoph Fritjof Capra bereits 1982 den nahenden Paradigmenwechsel unseres jetzigen neuen Jahrhunderts. Es werde einen Wandel geben, der das mechanische Weltbild eines Descartes des 17. Jahrhunderts in ein neues ganzheitliches und ökologisches münden lasse.

Mit Spannung betrachten wir zurzeit die Verelendung unserer Städte (Detroit, Portimão u.a.), in die immer mehr Menschen vom Land flüchteten, das sie hinter sich und brach liegen ließen. Ihre handwerklichen und landwirtschaftlichen Fähigkeiten, sich selbst zu ernähren, verkümmerten zusehends, einhergehend mit der Sinnkrise. In Zukunft werden wir aber gezwungen sein, dem Unerwarteten adäquat zu begegnen und es gemeinsam solidarisch zu managen: Wetterextreme ebenso wie Alzheimer oder Ebola, Wasserknappheit, Hunger, Arbeitslosigkeit und Millionen von Flüchtlinge aus unbewohnbaren Gebieten ebenso, wie eine mögliche Rezession im Tourismus.

Wir werden nur dann ökonomisch und ökologisch überleben und ein gutes Leben führen können, wenn wir achtsam werden und Nachhaltigkeit verstehen lernen und unseren Alltag darauf fokussieren. José Garrancho, João Gonçalves und Hugo Lopes haben Antworten auf diese Fragen gesucht. Lesen Sie weiter.

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