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Die Invasoren, Teil 3.

Samstag, der 3. Juni  2023.

Landflucht und Wasserknappheit.

Am dritten Tag ging Lenz um Monchique herum und zurück nach Caldas. Lenz begann wie jeden Morgen mit dem intensiven Betrachten der Natur, was integraler Teil seines Philosophie-Studium war und stellte sich die Frage, was für Lebewesen Bäume wohl sind? Sie pumpten Wasser und Nährstoffe über weite Distanzen hoch bis in die Kronen ihrer Äste und Blätter. Und nicht nur das. Sie transformierten CO2 zu Sauerstoff. Warum bedeuteten sie dem Menschen so wenig? Bäume waren soziale Wesen, die sich gegenseitig halfen, wenn  ein anderer Baum in Not geriet. Sie verteilten gute Energie. Sie teilten Nahrung, sie informierten sich gegenseitig über Gefahren. Bäume waren Pflanzen, die jede für sich ein eigenes Zuhause in einer eigenen Klimazone beanspruchten. Und wenn auf einmal Invasoren in ihr Revier eindrangen, was passierte dann?

Beim Studium dieser Invasoren entdeckte Lenz, daß die Natur völlig aus dem Lot geraten würde und mit ihr die Menschen, die keinen Blick dafür übrig hatten, in welcher Gefahr sich die Natur und sie selbst sich befanden. Denn das Wasser wurde langsam knapp. Die Politik sprach bereits von Wasserknappheit und Rationierung. Die eingeschleppten australischen Aliens Eukalyptus und die vielen invasiven Akazienarten (auch Mimosen genannt) hatten sich wild wuchernd exponenziell vermehrt und waren dabei, die Natur für immer zu verändern, wenn nicht jetzt etwas dagegen unternommen würde. Das waren wasserintensive Baumarten, die das zehnfache von dem tranken, was heimische Baumarten in Portugal brauchten: Oliven-, Mandel- und Feigenbäume, Korkeichen, Schirmpinien, Johannisbrotbäume, nur um ein paar zu nennen. Dort, wo die Menschen ihr Land aufgegeben hatten, wucherten die Akazien und Mimosen millionenfach und hatten die pflanzliche Vielfalt bereits angegriffen. Auf seiner Wanderung durch die Natur hatte Lenz behutsam und vorsichtig dieses kryptische Wachstum begonnen zu studieren. Er schärfte seinen Blick durch Langsamkeit und Beständigkeit, machte viele Pausen. Lenz hatte über Jahre gelernt, Zusammenhänge und Ursachen verstehen zu lernen. Die Biodiversität eines gesamten Landkreises stand zur Disposition.

Aprikosen-, Pfirsich- und Johannisbrotbäume waren in akuter Gefahr, von den Mimosen umarmt und zerstört zu werden, Orangen und Zitronenbäume, zahlreiche alte Kirschbäume und Kastanien waren bereits Totholz. Mimosen waren zugleich Flach- und Tiefwurzler und eine superschnelle Baumart. Sie gruben allen anderen Bäumen das Wasser ab. Selbst junge Korkeichen und Schirmpinien vertrocknten in kurzer Zeit neben Akazien und Mimosen, die sich ungestüm vermehrten. Und wenn sie wie in Monchique durch Motorsensen jedes Jahr auch noch geschnitten wurden, motivierte sie das nur noch zusätzlich. Eine gefällte Akazie und zehn neue Invasoren sprossen aus dem Boden wie Aliens, die sich völlig unkontrolliert vermehrten. Im Botanischen Garten von Caldas waren diese Aliens jeden Tag per Hand mit ihren Wurzeln aus dem Boden gerissen worden. In jeder Woche verging mindestens ein Tag dabei, Aliensuche zu betreiben und sie zu finden, um sie zu eleminieren. Die andere Methode, ihnen Grenzen zu setzen war, sie stehen zu lassen, wenn sie nicht mehr auszureißen waren, aber die Rinde der Mimose abzuschälen. Dabei vertrockneten sie langsam. Handarbeit. Mühseelig. Wer wollte das machen?

Lenz ging an einem Vormittag von Marmelete nach Almarjão, dann bergab durch das Vale Figueiras an Casais vorbei zum Castelo de Nave und zurück nach Caldas de Monchique, wo er nachmittags ankam. Dabei schloss er den Kreis, den er zu Fuß abgeschritten hatte. Knapp 50 Kilometer hatten ihn seine Studien an drei Tagen durch die mehrfach verbrannte Natur geführt, die hier und da bereits giftgrün von Aliens überwachsen, wucherte. Bäche führten bereits kein Wasser mehr. Keine Regierung und kein Bürgermeister hatten diese Gefahr auf ihren Bildschirmen. Sie saßen vor ihren Computern und arbeiteten unbedarft vor sich hin und die Aktenberge wurden immer höher. Lenz hingegen wollte wissen, welche Baumarten nach dem großen Feuer von 2018 überhaupt noch existierten und wie es um die Biodiversität dieses früher einmal so schönen Gebirges bestellt war, das zu Europas einzigartigem Schutzgebiet Natura 2000 gehörte. Rund 350 km² des Landkreises Monchique (397 km²) gehörten zum Schutzgebiet Natura 2000. Aber die Gier nach noch mehr Geld hatte den einzigartigen noch intakten Mischwald innerhalb einer Generation zu einem gefährlichen Forst werden lassen, der von Monokulturen für die Papierindustrie dominiert wurde und aus der viele Menschen vom Land in die Städte geflüchtet waren. Und jetzt kamen die Invasoren. Zurück blieb eine Einöd, die hochexplosiv und brandgefährlich geworden war und der viele Menschen den Rücken gekehrt hatten. Die Gier nach immer mehr Geld hatte Monchique von einer ehemals grünen wasserreichen Lunge der Algarve zu einer vertrockneten Landschaft gemacht, die auf das Wasser von Águas do Algarve aus Faro angewiesen war, das jetzt den Berg hinaufgepumpt wurde…

Uwe Heitkamp (62)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.Translations: Dina Adão, John Elliot, Ruth Correia, Patrícia Lara, Kathleen Becker
Photos:Uwe Heitkamp

 

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