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„Woran denken Politiker wenn sie versuchen, nicht an die globale Erwärmung zu denken?“

Nichts schädigt das Vertrauen in eine Regierungspolitik mehr als die offensichtliche Verlogenheit beim Thema Klimawandel. Die Diskrepanz zwischen Denken, Sprechen und Handeln kann nicht größer sein, wenn einer beruflich mit dem Flugzeug von einer Klimakonferenz zur anderen unterwegs und gleichzeitig dafür verantwortlich ist, dass sich der Treibhauseffekt verlangsamt. Unumstritten ist, dass die Fortsetzung der Verbrennung von Erdöl, Gas und Kohle zur Überhitzung der Atmosphäre unseres Planeten führt, die sich lebensbedrohlich für die gesamte Menschheit erweist. Warum setzen die Regierungen Europas der Nutzung fossiler Brennstoffe keinen klar definierten Zeitrahmen zum Ausstieg aus Kohle, Erdöl und Gas und führen damit die Verbrennung auf null zurück und ersetzen sie gleichzeitig durch erneuerbare Energien, aus Sonne, Wasser und Wind?

Nichts schädigt das Vertrauen in die Politik mehr als jene Tatenlosigkeit in der Klimapolitik bei gleichzeitigen Milliardensubventionen in die durch den shut-down schwer angeschlagenen Tourismus-, Automobil- und Luftfahrtbranchen. Alle drei sind mitverantwortlich für einen signifikanten prozentualen Anteil an den CO2 Emissionen und dem Klimawandel. Anders formuliert lautet die Botschaft an die Politik, daß nichts das Mistrauen stärker erhöht als dieser Selbstbetrug, dem Widerspruch zwischen der in politischer Rede dargestellten Überzeugungen und dem Nichthandeln. Zeit wird knapp. Eine echte Lösung wäre die Veröffentlichung einer roadmap mit einem definitiven Zeitplan und der Ansage, wann das letzte Barrel Erdöl in Portugal und in Europa verfeuert wird.

© Dpa

Zugegeben, das ist ein sehr unangenehmer Gefühlszustand. Die Psychologie nennt ihn kognitive Dissonanz. Alle wissen, daß Fliegen die Atmosphäre noch weiter schädigt und trotzdem wird weiter geflogen: in den Urlaub, vom Büro zum Geschäftstermin, als globale Fracht, die um die Erde transportiert wird. Warum investieren António Costa und seine Minister nicht in die eigene lokale portugiesische Wirtschaft, in tausende von Kleinbetrieben, die auf kurzen Transportwegen nachhaltiger arbeiten?

Beim Fliegen baut sich derzeit in vielen Ländern und bei vielen Menschen ein immer unangenehmeres Gefühl auf, das in ein Dilemma mündet und das mit jedem Jahr unerträglicher wird. Braucht Fliegen, benötigt die Zerstörung unserer Atmosphäre immer noch Geld vom Staat, und falls ja, warum eigentlich? Die Kognitive Dissonanz ist nur zu überwinden oder zu reduzieren, indem ein Politiker entweder sein Verhalten ändert oder seine Einstellung. Man schämt sich zwar für sein Handeln und propagiert den Verzicht. Viele Politiker aber, Geschäftsleute und auch Touristen sind wenig gewillt, aufs Fliegen zu verzichten und z.B. auf die umweltfreundlichere Bahn umzusteigen und in sie zu investieren. Denn die Bahn braucht das Geld, um konkurrenzfähig und umweltfreundlich zu fahren. Wollte die Regierung des António Costa den CO2-Ausstoß des Flugverkehrs tatsächlich reduzieren, dann ginge das nur über eine Reduktion der im Verkehr befindlichen Flugzeuge, der Flüge und über eine Gleichbesteuerung von Flugzeugen mit allen anderen Verkehrsmitteln. Die Einführung einer Mineralöl- und Mehrwertsteuer auf den Betrieb von Flugzeugen und Flugreisen sowie eine Umlage der externen Kosten der Umweltschädigung durch die Luftfahrt, wäre in der Post-Corona-Epoche ein zweiter Schritt in die richtige Richtung.

Ein erster Schritt allerdings wäre, sich von dem 50%igen Aktienpaket der TAP sofort zu trennen, um nicht weiter unter Korruptionsverdacht zu stehen, zumindest aber, um sich von einem sehr schädlichen Interessenskonflikt zu befreien. Wie kann eine Regierung ein 50%iger Anteilseigner an einer Fluggesellschaft sein und dann einen neuen kontroversen Flughafen in ein Vogelschutzgebiet über alle Einsprüche der Einwohner hinweg für diese und andere Fluggesellschaften bauen? Widersprüche über Widersprüche. Sollten sie nicht bald einmal aufgelöst werden?

ECO123 befasst sich seit seiner Gründung mit dem lebensumspannenden Thema des Klimawandels und der Verifizierung des CO2 Fußabdrucks in seiner journalistischen Arbeit. Wir führten eigene Standards in der Redaktionsarbeit ein, um Widersprüche aufzulösen. Grundsätzlich betreibt ECO123 seine Büros mit sauber erzeugter erneuerbarer Solarenergie. Heißes Wasser erzeugen wir über unsere Solarthermien und seit 2016 fahren wir zu Recherchen und im Vertrieb ein Elektroauto, das mit selbsterzeugter Solarenergie saubere Mobilität praktiziert. Wir haben das Fliegen aufgegeben. Unsere CO2 Bilanz liegt bei weniger als 3.000 kg/CO2 pro Kopf und Jahr.

Für Abonnenten hat ECO123 ein Pilot-Testspiel programmiert. Es orientiert sich am Protokoll von KYOTO, mit klar definiertem Zielen und Praktiken des Klimaschutzes. Sprechen wir über Klimaschutz gibt es keine Alternative zur Verbindlichkeit und dazu, Klimaschutz zu leben. ECO123 bietet allen Mitarbeitern und Abonnenten ein Online-Konto, ähnlich einem Bankkonto mit einem Guthaben von 3.000 kg CO2. Das ist jener Wert, der in KYOTO (Japan) für jeden Europäer als Emissions-Richtwert bereits 1997 festgelegt wurde. Mit diesem Emissionsbudget pro Teilnehmer und Jahr begannen genau 100 Leser der ECO123 den Klimatest am 1. März des vergangenen Jahres. Sie verpflichteten sich, wöchentlich einmal etwa zehn Minuten Zeit zu investieren, um drei Formulare ausfüllen. Nach zwölf Monaten und 52 Wochen steht nun der Sieger am Testspiel  KYOTO fest.

Es ist ECO123 Abonnent José Paulo Carraca (63) aus Lissabon, der im Endergebnis auf seinem Konto noch genau 633,3 kg CO2 Guthaben präsentieren kann und während eines Jahres nur 2.366,7 kg CO2 seines Budgets verbrauchte. Herzlichen Glückwunsch! Ich glaube, ich muss bei mir selbst anfangen, um der Unterscheid zu sein, der den Klimawandel bremst. Das beantwortet die Frage, wie ein Mensch zu einem guten Klimaergebnis kommt. ECO123 analysierte die wöchentlichen Eintragungen, die Abbuchungen des Rechners für die Mobilität (Auto, Metro und Zug), den Konsum (Ernährung, Kleidung, Kauf von Konsumartikeln, Recycling-Quote) und den Energieverbrauch im Haushalt. Über einen Zeitraum von einem Jahr füllte José Paulo regelmäßig seine Formulare aus und zeigte dabei, dass er auch bereit war, seine Gewohnheiten der Realität anzupassen. Als er merkte, dass sein CO2-Guthaben zu schnell schmolz, ließ er seinen Wagen stehen und fuhr mit der Metro und dem Bus, um so sein Guthaben zu retten. Geflogen ist er in diesem Jahr nicht. Er ernährte sich nicht jeden Tag von Fleisch und Fisch, lebte aber auch nicht vegetarisch. Seine Verpackungen recycelte er zu 75 Prozent und auch sonst lebte er ziemlich ausgewogen. Elektrizität bezog er von einem Stromversorger, der die Elektrizität aus erneuerbaren Energien liefert, also grünen Strom. Seinen Haushalt in der Großstadt Lissabon teilt er mit drei weiteren Familienmitgliedern. So wie José Paulo Caraca nahm auch Lénia Rio (Saldo -77,8 kg CO2) aus Gondomar bei Porto am Test teil und auch Mathilde Major (Saldo -139,3 Kg), die in Monchique lebt. Sie sind die Zweit- und Drittplatzierten. Vielen Dank fürs Mitmachen.

ECO123 setzt auch in diesem Jahr mit einer zweiten Staffel KYOTO fort. Auch sie dauert ein volles Jahr. Alle Abonnenten, die sich jetzt für den Klimatest anmelden möchten, können das Formular online auf https://kyoto.eco123.info herunterladen, ausfüllen und per Email an info@eco123.info zurückschicken.

Eine letzte Frage, die sich stellt ist, Warum machen wir das? Weil wir Optimisten sind und denken, dass es etwas Wertvolles an die nächste Generation zu vererben gibt, nicht nur die Schulden der Coronakrise und auch nicht die Klimakrise selbst. Jeder von uns hat es in der Hand, sein Leben nachhaltig zu gestalten. Wenn 100 Menschen das schaffen, mit weniger als 3.000 kg CO2 ein gutes Leben zu führen, schaffen das auch 1.000 und auch eine Million Menschen. Denn nichts schädigt das Vertrauen mehr als die offensichtliche Verlogenheit beim Thema Klimawandel.

 

Herzlichen Glückwunsch!


Uwe Heitkamp

traduções: Fernando Medronho & Chris Young | fotografias: Dpa e Uwe Heikamp

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