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Neutralidade climática em laboratório

 

Berlin. Es sind genau 100 Teilnehmer, die in Wohngemeinschaften und Privathaushalten leben und an einem 365 Tage dauernden Test im Reallabor des täglichen Lebens teilnehmen. Im vom renommierten Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ausgeschriebenen, vom deutschen Umweltministerium und dem Berliner Senat geförderten Projekt, versuchen alle Teilnehmer während eines Jahres ihren ökologischen Fußabdruck (CO²) um 40% zu senken. ECO123 sprach mit dem Projektleiter Dr. Fritz Reusswig, der nach den ersten neun Monaten aktuell Stellung bezieht.

Fliegen, Autofahren, Fleisch & Wurst essen sind die größten Problemfaktoren in der Ökobilanz eines Menschen. Wie machen Sie den Leuten klar, dass weniger mehr ist?

Verzicht aufs Autofahren bedeutet auch immer Stressabbau, zumindest in der Großstadt. Wenn man bedenkt, dass viele Teilnehmer auf das Fahrrad umsteigen, verbessert das den Fußabdruck und sie kommen viel entspannter an. Klar ist, wenn einer einmal nach Neuseeland fliegt, hat er sehr viel CO² in seiner Bilanz. Was man beim Fliegen einsparen kann, verkleinert den Fußabdruck signifikant.

Der Versuch läuft jetzt schon neun Monate. Wie schafft man diese 40%?

Dr. Fritz Reusswig
Dr. Fritz Reusswig

Der Durchschnitt eines Deutschen liegt bei 11,5 Tonnen CO² pro Kopf und Jahr. Wir haben natürlich auch Teilnehmer, die bereits vorher für wesentlich weniger verantwortlich waren, für einen Ausgangswert von acht Tonnen beispielsweise, weil sie nicht fliegen oder einfach bescheiden leben. Da kann man nicht noch einmal 40% einsparen. Wenn ich 16 oder 20 Tonnen habe, kann ich leichter mal fünf Tonnen einsparen als wenn ich bei acht Tonnen Ausgangswert bin. Wir haben das kontinuierlich gemessen und bei denen, die acht Tonnen hatten und bei sieben landen werden, sind 20% auch ein Erfolg, weil sie bereits vorher hier und da viel eingespart haben. Es gibt Leute, die haben gesagt, sie sind dieses Jahr mal nicht in den Urlaub geflogen, sondern waren in Brandenburg im Urlaub. Wir sind umgestiegen vom Auto aufs Fahrrad. Andere haben etwas im Konsumbereich getan, wiederum andere haben zum Beispiel den Stromproduzenten gewechselt, zu einem Ökostromanbieter. Andere wiederum drehen ein bisschen an der Heizung, das bringt auch ein paar Kilo. Es gibt da verschiedene Strategien. Es kommt auch auf die berufliche Situation an. Da gibt es viele verschiedene Wege und alle bringen hier und da ein bisschen.

Gibt es denn kontinuierliche Gespräche mit den Probranden? Was sind die herausragenden Leistungen der Testpersonen?

Die Teilnehmer geben jede Woche ihre Zahlen ein. Wir messen wöchentlich den Fußabdruck über den ONLINE Klimatracker und wir haben jetzt gerade eine Befragung gemacht. Da gibt es Leute, die den Anteil der vegetarischen Ernährung über die Woche erhöhen und ausprobieren, was sie dabei sparen. Auch die Frage, kaufen wir Güter, die langlebiger sind, spielt eine Rolle oder kaufen wir die Regenhose, wenn es regnet? Dann machen wir die Erfahrung, dass wir die Regenhose vielleicht gar nicht brauchen, weil es gar nicht so viel regnet. Hauptsächlich machen wir die Erfahrung, dass das Auto häufiger in der Garage bleibt. Viele machen eine neue, ganz wichtige psychologische Erfahrung bei dem Test. Sie konnten sich etwas nicht vorstellen und wurden dann von ihren Kindern überredet, es mal auszuprobieren. Heizung und Strom sind wichtige Themen. Deutschland ist ein kaltes Land in Europa. Aber Fliegen toppt alles.

Das Projekt setzt ein weiteres Zeichen. Klar, man kann persönlich etwas tun und weniger fliegen und 20% Einsparung sind auch nicht wenig, aber an dieser Stelle ist auch die Politik gefragt. Denn die wahren Kosten vom Fliegen müssen durch eine CO²-Steuer oder etwas Ähnliches bezahlt werden. Es gibt eine politische Dimension, die für uns unverzichtbar ist. Wie denken unsere Testpersonen darüber? Wollen sie mehr oder weniger Klimapolitik, auch dann, wenn sie selbst etwas einsparen? Und die Antwort bei uns lautet: mehr Klimapolitik. In Japan wurde die gleiche Frage gestellt und die Antwort lautete, weniger Klimapolitik.

Mas não pretendem chegar às sete ou oito toneladas de CO2 por ano, mas sim a uma ou duas toneladas de CO2. Como conseguir alcançar a neutralidade climática?

Es geht um eine Tonne CO² pro Kopf und Jahr, um das Klimaziel von Paris zu erreichen, plus 1,5 Grad Celsius, bis 2050 wohlgemerkt. Selbst wenn wir nach einem Jahr 40% eingespart hätten, können wir nicht im nächsten Jahr in diesem Stil weitermachen. Denn irgendwann ist das, was die einzelne Person kann, ausgereizt. Politik und Gesellschaft sind dann gefragt. Deshalb ist es uns ganz wichtig auch zu sagen, Klimaschutz ist Gemeinschaftsaufgabe. Eine Botschaft unseres Tests ist aber auch, dass es kein politisches Projekt ist, sondern dass Teile des Volkes es auch wirklich wollen und das unabhängig davon, ob die Politik das will. Das sehen Sie auch daran, dass sechs Familien die Europäische Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof auf eine strengere Klimapolitik verklagen. Ein peruanischer Bauer hat den größten CO² Verursacher in Europa, den deutschen Stromproduzenten RWE verklagt, weil dieser durch seine Kohlekraftwerke das Leben seiner Familie aufs Spiel setzt. Der einzelne Bürger kann nicht nur selbst sparen, er kann auch klagen oder sich Bewegungen anschließen, oder eine Regierung abwählen. Es geht über das bloße Reduzieren des eigenen Fußabdrucks hinaus.

Was heißt, das Lebensmittel LUFT ist auch eine politische Frage?

Lebensmittel? Ja. So ist es. Luft ist ein Gemeingut ohne welches wir keine fünf Minuten länger leben könnten, das wir aber für private Zwecke als Deponie benutzen für alles Mögliche, sei es Feinstaub vom Diesel oder oder oder … und in der Hoffnung, wir könnten das externalisieren. Es muss klar gemacht werden, dass es sich bei Luft um ein Allgemeingut handelt, das allen zusteht und das nur in dem Maße belastet werden kann, dass es nicht zu irreparablem Schäden führt. Deswegen besteht das 1,5 Grad Ziel. Das reflektiert sogar, dass wir die Luft in gewissem Maß verschmutzen dürfen. Erwärmung aber ist Verschmutzung. Und bereits das bedeutet das Ende der Korallen. Das nehmen wir in Kauf. Die Folgen werden jetzt schon deutlich und bei manchen sogar mehr als deutlich.

Wer sind die Berater in dem Projekt?

Wir arbeiten mit vielen Partnern und auch mit einer IT Firma zusammen, die uns den Tracker zur Verfügung stellt und die Datenbanken. Auch das Bundesumweltamt stellt seinen Jahresrechner zur Verfügung. Es ist ziemlich aufwendig herauszufinden, wie viel CO² beispielsweise die Produktion eines Waschmittels emittiert. Das Ausrechnen des Fußabdruckes eines Produktes kostet in etwa 10.000 Euro. Jetzt gehen Sie mal in einen Supermarkt und gucken mal, wie viel Produkte da in den Regalen stehen. Wie errechnet sich beispielsweise der Fußabdruck eines Waschmittels? Wir recherchieren selbst und haben verschiedene Partner, die mit uns zusammenarbeiten. Bei Lebensmitteln ist das schwieriger als beim Fliegen oder beim Thema Energie. Da arbeiten wir mit dem BUND zusammen und die bieten Energiesparberatung an. Da kommt jemand zu Ihnen nach Hause und guckt sich Ihre Wohnung genau an, macht eine Berechnung und schaut, wo man sparen kann, sowohl bei CO² als auch beim Euro. Die Verbraucherzentrale bietet das auch an, übrigens gratis. Und auf unserer Webseite haben wir einen Newsletter mit vielen Tipps.

Wer sind die Teilnehmer?

In unserem Blog tauschen sich die Teilnehmer des Tests aus. Da gibt es ganz Sparsame, die kommen im Konsum mit weniger als 20 Euro die Woche aus. Aber es gibt auch berufstätige Familien mit zwei Kindern, die im Spitzenverdienersegment operieren, sich aber auch im Klimaschutz engagieren. Ich bin als Soziologe sehr glücklich über diese Vielfalt. Wir haben Singles, Familien und auch WG’s und junge und auch pensionierte Leute. Das ist alles sehr bunt.

Hat dieser Test eine Zukunft?

Nach diesem einem Jahr könnte es weitergehen. Im Moment spielt der Test in Berlin. Wir stellen uns aber auch die Frage, wie kann man das auf Deutschland oder Europa übertragen, auch auf eine ländliche Region. Und wie kann man ein solches Projekt mit interessierten privaten Partnern aus der Wirtschaft fortführen, falls ein Ministerium es nicht mehr weiterfinanzieren würde. Wir denken übrigens, dass ein solcher Klimarechner wie wir ihn betreiben, auch in kommerzielle Angebote eingebaut werden kann, nach dem Motto, dass jeder Mensch zu jeder Zeit weiß, wie viel er mit seiner Aktivität für den Klimaschutz tut.

Vielen Dank.

Theobald Tiger

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