Samstag, Oktober 19, 2019
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Money Makes The World Go Round?

Der Anfang vom Ende: Mensch spielt mit Geld, eröffnet Bankkonto, zahlt Geld ein, erhält Sparzinsen, fragt nicht, was Bank mit Geld macht. Mensch leiht Geld bei Bank, fragt nicht, woher Geld stammt, zahlt Kreditzinsen. Bank arbeitet mit Geld: quittiert, leiht und verleiht; egal, was Kunde mit Geld macht; Bank spielt, wäscht, spekuliert, gewinnt und verliert, wettet, investiert, kreiert neues Produkt, betrügt, fälscht Bilanz, zahlt Bonus, kauft, verkauft, ist bankrott, wird gerettet, gewinnt und verliert weiter. Mensch will immer mehr.

People. Planet. Profit.

Neue Banker braucht das Land.

Wir nähern uns dem Thema GELD aus der Luft. Im Klimakiller sitzend und wissend, dass jeder von uns beiden für diese Edition die Atmosphäre mit weiteren 1,2 Tonnen CO₂ anheizt, setzt der Airbus 320 aus Lissabon zur Landung in Berlin an. Die Zeitschrift ECO123 hat eine Einladung zum Jahrestreffen des Weltdachverbandes der nachhaltigen Banken GABV* im Gepäck. Wir wollen herausfinden, mit welchen Mitteln nachhaltige Banker die Weltwirtschaft zum Besseren verändern wollen. Zwei Flugtickets von Lissabon nach Berlin und zurück nach Faro allerdings verhageln unsere persönliche Klimabilanz. Im Durchschnitt verpestet jeder Europäer pro Jahr die Atmosphäre mit zehn Tonnen CO₂. Das sind pro Mensch und Jahr sieben Tonnen Abgase zu viel. Wollten wir das UN-Klimaziel von „plus zwei Grad“ noch erreichen, dürfte jeder von uns nur noch drei Tonnen Kohlendioxyd pro Jahr emittieren. Umweltfreundliche Mobilität ginge allerdings einher mit Entschleunigung. Der Realisierung des neuen Europäischen Schnellbahnsystems TGV, das uns in einer Nacht von Lissabon über Paris nach Berlin bringen könnte, fehlt jedoch das GELD. Womit wir beim Thema sind.

* Die Global Alliance for Banking on Values ​​(GABV) ist der Weltdachverband der 22 nachhaltig arbeitenden Banken aus Afrika, Asien, Australien, Europa und Latein- & Nordamerika. Zu den Mitgliedern gehören Mikrofinanzdienstleister in aufstrebenden Märkten, Kreditgenossenschaften, Gemeindebanken und nachhaltig arbeitende Genossenschaftsbanken, die soziale, ökologische und kulturelle Unternehmen finanzieren. www.gabv.org

Die Welt ist ein Spielcasino.

Mit der steten Akkumulation von Krediten zu einem enormen Schuldenpotential beginnt im September 2008 eine Finanz-, Banken- und Geldkrise, die Portugal, Europa und die Welt bis heute berührt. Viele private Haushalte sind verschuldet, Wirtschaftsunternehmen, Städte und Kommunen, ganze Länder und letztendlich systemrelevante Banken selbst. Jeder leiht sich GELD vom anderen. Ökonomische Pleiten und ökologische Katastrophen aber ereignen sich nicht nur in den USA** und in Europa, sondern überall rund um den Globus und das nicht erst seit 2008. Finanzkrisen hin, insolvente Banken her, bankrotte Handelsunternehmen, bis zur Zahlungsunfähigkeit verschuldete Kommunen, leere Renten- und Sozialkassen, insolvente Konsumkunden, Landflucht, Arbeitslosigkeit: eine Krise jagt die andere. Jede Wirtschaftskrise aber findet ihre Hauptursache im Schuldenmachen. Nicht, dass wir nur über unsere Verhältnisse lebten. Nein, langsam wird klar, woran genau das System krankt. GELD, das heute von New York über London nach Singapur und von dort global weiter hin- und hergeschoben wird, kennt nur einen Gradmesser, den Profit: noch mehr GELD. Geht es Bankern nur um die Vermehrung von Geld, oder gibt es so etwas wie eine Wirtschaftsethik, die ihre Arbeit bestimmt? Werden nur noch Bodenschätze und Meere geplündert und damit Spekulationen angeschoben, oder gibt es so etwas wie ein neues werteorientiertes ökologisches Bankgeschäft? Die große Akkumulation von Armut bei vielen Menschen und der enorme Reichtum bei wenigen großen Banken, bei Spekulanten und Hedgefonds nährt das soziale Pulverfass. Die Finanzkrise, die 2008 begann, dauert an und entwickelt sich immer mehr zur Sinn- und Systemkrise. Ein großer Teil der Öffentlichkeit erwartet deshalb heute, dass sich die Praktiken von Bankern ändern und sie auf die sozialen, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen angemessen reagieren. Die weltweite Schuldenwirtschaft ist die Bankrotterklärung einer raffgierigen Ökonomie und ihrer sie finanzierenden Banken. Der amerikanische Anthropologe David Graeber belegt in seinem Buch „Schulden – Die ersten 5.000 Jahre“ die These, dass jede Systemveränderung, jeder Umsturz und jede Revolution mit unbezahlten Schulden beginnt.

** 477 Bankenpleiten in den USA zwischen 2008-2013, www.start-trading.de/blog/liste-der-pleitebanken-usa

*** Englische Originalausgabe: Dept. The first 5.ooo Years, Melville House New York 2011, Dtsch. Ausgabe: Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Klett-Cotta, Stuttgart 2012, Bestseller

Unsere Recherche beginnt in Berlin im Schnee bei Eis und minus 13 Grad Celsius. Wir, die zwei Journalisten von ECO123 fahren mit der U-Bahn der Linie 2 zur Station Mohrenstraße zum Kongresszentrum Axica, Pariser Platz 3, 10117 Berlin. Hier ist der Sitz der deutschen DZ Bank mit Kongress- und Tagungszentrum, das zwischen britischer und amerikanischer Botschaft liegt. Das Brandenburger Tor vor der Haustür, die russische und französische Botschaft in unmittelbarer Nähe. Wir finden eine feine Bankenadresse für eine internationale Bankenkonferenz vor: Konferenz-Ticket 360 Euro, Gemeinnützige Institutionen 220 Euro und Studenten 80 Euro. Es kommen 300 Teilnehmer aus aller Welt. Die Presse zahlt nix. Der GABV-Bankenkongress beginnt mit einer Pressekonferenz.

Gráfico Sustainable Banking

Haben wir etwas aus der Finanz-, Banken- und Geldkrise gelernt? Wir fragen, ob Banken und Hedgefonds neue Spielregeln für ihre Casinos brauchen oder ob der Gesetzgeber viel weiter gehen und die Casinos schließen sollte? Peter Blom, Sprecher von GABV ist auch Vorstandsvorsitzender der Niederländischen Triodos Bank (Zeist/Utrecht) erwidert, dass die Welt ein gesundes Bankensystem bräuchte. Dieses allerdings müsse auf ethischen Werten basieren; auf Transparenz, Nachhaltigkeit und der Vielfalt von vielen kleinen regionalen Banken. Der GABV gehe es um die Förderung und Finanzierung von nachhaltigen ökonomischen Projekten und Prozessen. Geld müsse für die Menschen da sein. Hochfrequenzhandel mit seinen Gefahrenpotentialen ohne gesellschaftlichen Nutzen hingegen müsse verboten werden.

pressekonferenz GABVDie Pressekonferenz findet in der Berliner Filiale der GLS Bank in der Schumannstraße 10 in 10117 Berlin statt, 150 Meter vom Kongresszentrum entfernt. Es ist 10 Uhr. Am Tisch vorn sitzen Christof Lützel (rechts), der Pressesprecher der genossenschaftlichen deutschen GLS Bank, der Peter Blom (links) und Thomas Jorberg, den Vorstandssprecher der GLS (Mitte) vorstellt. Ein Kollege der Nachrichtenagentur Reuters und zwei weitere freiberufliche Kollegen gesellen sich uns beiden Journalisten aus Portugal. Es irritiert irgendwie, dass die Pressekonferenz eines Internationalen Bankenkongresses in der Hauptstadt Deutschlands von nur fünf Journalisten besucht wird. Am Tag danach suchen wir nach Informationen in den Tageszeitungen. Vergeblich. Auch die Fernsehsender und Radiostationen ignorieren das Thema.

Peter Blom: „Als wir 2006 darüber nachgedacht haben, einen weitweiten Dachverband zu gründen, konnten wir noch nicht wissen, dass es zu einer finanziellen Krise im Jahre 2008 kommen würde. Global Alliance wurde 2009 in den Niederlanden gegründet. Wir haben damals weltweit unsere befreundeten Banken zusammengerufen. Wir haben uns gesagt, jetzt müssen wir diese Allianz gründen. Zuerst waren es nur neun Banken. Aber wir wollten die Spitzenreiter ansprechen. Banken, die sich mit Werten beschäftigten. Natürlich kann man bei Banken immer sagen, das sind finanzielle Werte. Die sind es auch. Uns aber war die Frage wichtig, wie können wir Werte in der Gesellschaft schaffen, Menschen und Betrieben helfen und ihren Nachhaltigkeitsentwicklungen. Nachhaltiges Banking ist nicht nur etwas für Europa. Deshalb haben wir weltweit damit angefangen. Nachhaltiges Banking kann man auch in Bangladesch machen, auch in der Mongolei und in Afrika. Heute sind wir 22 Mitglieder und verwalten 66 Milliarden Euro Vermögenswerte. Es gibt noch viele, die dazukommen möchten. Wir aber suchen Vorbilder. Es ist nicht so, dass wir wie in Kanada, wo wir bereits drei Mitgliedsbanken haben noch fünf oder zehn dazu nehmen. Wir werden weltweit weiter wachsen, auf 50 bis 60 Mitglieder. Wir brauchen auch neue Banker, nachhaltige Banker. Es gibt noch nicht so viele davon. Die müssen wir ausbilden. Wir wollen ein Brunnen der Inspiration sein, besonders auch für Kunden, damit diese wissen, dass es uns überhaupt gibt. Nachhaltige Banken, in denen man seine ganz normalen Bankgeschäfte abwickeln kann. Wir wollen in 2020 rund zwei Milliarden Menschen weltweit bedienen. Es muss sich viel in der Bankenwelt ändern und dazu wollen wir unseren Beitrag leisten.“

ECO123: Was bedeutet Nachhaltigkeit im Bankgeschäft und welche Sachthemen stehen bei der Kreditvergabe der GABV-Banken ganz oben auf der Liste?
Thomas Jorberg: „Ökologische Landwirtschaft, regenerative Energiegewinnung, nachhaltige Mobilität. (…) Wir brauchen einen Kulturwandel nicht nur bei den Banken, sondern auch beim Verbraucher. Dieser muss nämlich die Banken fragen, was macht ihr eigentlich mit meinem Geld. (…) Wenn wir in unserer Gesellschaft etwas verändern wollen, brauchen wir einen systemischen und einen kulturellen Wandel. Denn das Entscheidungssystem im Finanzbereich basiert ausschließlich darauf, dass wenn sie eine vergleichbare Laufzeit und ein vergleichbares Risiko haben, und einmal hat das Angebot zwei und ein anderes Mal hat es drei Prozent, dann ist die Entscheidung quasi vorgegeben. Und da kommt die Verantwortung für soziale, gesellschaftliche und ökologische Fragen nicht vor. Deswegen nenne ich das normale Bankgeschäft systemisch organisierte Verantwortungslosigkeit.

Das muss sich ändern, wenn wir in unserer Gesellschaft etwas verändern wollen. Das heißt, in die Entscheidungssysteme müssen die Fragen sozialer, ökologischer und gesellschaftlicher Art integriert werden. Das muss sich sowohl auf Banken- als auch auf Kundenseite ändern. Der Gesetzgeber kann dafür die Rahmenbedingungen schaffen. Das andere sind die Kulturveränderungen. Im Moment haben wir im Bankenbereich eine Kultur, die auf Feindschaft angelegt ist. Aus dieser Kultur heraus machen Banken ihren Kunden Vorschriften, die verhindern, dass Schäden entstehen. Die eigentliche Frage aber ist doch, wie pflege ich meine Beziehung zu meinen Kunden. Die normalen Banken meinen, der Zinssatz sei die Leistungsfähigkeit, das Kernangebot einer Bank. Das ist falsch. Der Zinssatz ist nicht einmal voll der Preis. Einen Teil des Zinssatzes reichen wir vom Kreditnehmer an den Einleger weiter durch. Die Marge ist der Preis. Die eigentliche Leistung einer Bank aber ist die, dafür Sorge zu tragen, dass Geld dorthin fließt, wo es tatsächlich gesellschaftlich gebraucht wird. Und das ist eine Kulturfrage. Danach fragen Banker heute überhaupt nicht.

Die Kernleistung einer Bank reduziert sich leider nur auf die Höhe des Zinssatzes und nicht auf das Zusammenbringen der Aktiv- und Passivseite einer Bank. Die Beziehungsgestaltung zwischen der Bank und dem einzelnen Kunden ist das erste Level. Das zweite ist aber, das Möglichmachen, zumindest im Bewusstsein der Beziehung, zwischen Kunden die Geld brauchen und Kunden, die Geld anlegen.“

ECO123: Haben Sie Ideen, wie sich die Wirtschaftsprobleme Portugals lösen ließen?
Peter Blom: „Wir sehen, dass auf der iberischen Halbinsel viele neue Projekte entstehen. Organische Landwirtschaft zum Beispiel, aber auch Solarenergie. Die Immobilienblase ist ein Thema von gestern. Wir treffen auf junge Menschen, die gut ausgebildet sind. Portugal und Spanien werden durch diese schwierige wirtschaftliche Phase gehen und am Ende auf einem nachhaltigeren Niveau erfolgreich sein. Ich sehe eine wirkliche Zukunft dort, wo und wenn die Menschen zusammenarbeiten. Das ist eine Bewegung, die von unten kommt und wächst.“

ECO123: Sehen Sie in Portugal eine Bank, die Sie als Partner aufnehmen würden?
Peter Blom: „Um ehrlich zu sein, nein. Nicht in Portugal und auch nicht in Spanien. Die Genossenschaftsbanken dort machen eine sehr schwierige Phase durch. Das hat mit solider nachhaltiger Bankenarbeit nichts zu tun.“

ECO123: Money makes the world go round. Kann Nachhaltigkeit ein Zinsergebnis von drei, fünf oder 10 Prozent rechtfertigen?

Peter Blom: „Money should make the world go round und nicht anders herum, daß Geld um den Globus herum verschoben wird. Geld sollte den Menschen das Geschäfte machen erleichtern. Wie hoch dabei die Zinsen sein sollten, hängt sehr von der jeweiligen Situation ab. Als Bank verdienen wir mit dem Risiko-Management. Wir beschäftigen Profis, die davon leben müssen. Das ist der Preis des Bankgeschäfts. Aber das alles hat fair und transparent vonstatten zu gehen. Das ist eine sehr wichtige Voraussetzung im Bankgeschäft.”

peter-lammert rede GABVMeine sehr verehrten Damen und Herren… Der Kongress der Global Alliance For Banking On Values beginnt mit der Eröffnungsrede des Präsidenten des Deutschen Bundestages. Es spricht Norbert Lammert von der konservativen christdemokratischen Regierungspartei. Politiker können schön reden, besonders dann, wenn sie rhetorisch gut geschult sind. Der Präsident des deutschen Parlaments besitzt ein erstklassiges CV. Der Applaus des Publikums ist ihm sicher. Er spricht 45 Minuten und wünscht dem Kongress gutes Gelingen. Zwischendurch lässt er durchblicken, wie ohnmächtig die gestaltungsarme Politik eines Parlaments der globalen Finanz- und Bankenwelt hinterher schaut, gewaltige Summen in Sekundenschnelle um den Erdball zu verschieben. Zwischen den Parteien im eigenen Land und im Länderstreit der EU beschränkt sich der politische Gestaltungsspielraum auf die Reaktion von Krisen. Bei aller globalen Hektik stehen die Vermeidung von Chaos und reine Reisediplomatie im Vordergrund wöchentlicher Konferenzen, deren Ergebnisse schon morgen wieder obsolet sind…

 

Wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr erst merken, dass man Geld nicht essen kann.

Die Gier nach immer mehr

sedlacekFortschritt? Wohin? Weshalb muss ständig alles wachsen? „In der Ökonomie des Begehrens wird die Genügsamkeit abgeschafft,“ schreibt der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček (36), Autor des Bestsellers „Die Ökonomie von Gut und Böse“**** Er beschreibt in seinem Buch den Zustand, wie im Menschen das Begehren erwacht. Ständig unzufrieden zu sein und mehr zu wollen, sei sein Naturphänomen. „Wir können sogar sagen, dass die Unzufriedenheit der Motor des Fortschritts und der Marktkapitalisierung ist. In unserem ständigen Begehren, immer mehr zu bekommen, haben wir das Angenehme an der Arbeit geopfert. Wir wollen zu viel und deswegen arbeiten wir zu viel. Wir sind die mit Abstand reichste Zivilisation aller Zeiten, doch wir sind mindestens genauso weit von dem Wort genug oder von Zufriedenheit entfernt wie in der fernen primitiven Vergangenheit. Um es mit einem Satz zu sagen: Wenn wir nicht ständig um jeden Preis das BIP und die Produktivität steigern müssten, müssten wir uns auch nicht ständig im Schweiße unseres Angesichtes überarbeiten…“

Sedláček, Yale-Stipendiat und einer der Hauptredner des Bankenkongresses, benennt das Problem des heutigen Bankgeschäfts, den Zinssatz korrekt zu definieren, als das eigentliche sowohl ethische als auch mathematische Übel. „Wenn Banker verstünden, wie Zinssätze richtig kalkuliert würden, wäre der Bankrott Griechenlands nur Business as usual“. So vergleicht er die Arbeit der Banken, GELD zu verleihen und den Zinssatz zu bestimmen mit dem freitäglichen Gang in die Stammkneipe und dem Trinken von Bier, Schnaps und Wein. Wohlgemerkt seien Zinsen immer auf einer Reise durch die Zeit. Also, worin ähnelten sich GELD und Alkohol? Menschen würden bald merken, dass sie mit Alkohol tanzen und sogar singen könnten. Er würde ihnen viel Energie verleihen. Bei zu viel Alkohol allerdings wisse man aus Erfahrung gut, dass man am darauffolgenden Tag einen Kater hätte. Das ließe sich genau kalkulieren und übers Wochenende bewältigen. Mit Alkohol ließe sich übrigens auch eine Zeitreise unternehmen. Die Samstagmorgen-Energie würde bereits am Freitagabend auf den Kopf gehauen.

Bei einem Besäufnis am Sonntagabend aber und einem Kater am Montagmorgen verhielte sich schon vieles anders, was nicht besonders clever wäre, besonders sei es Anfängern nicht zu empfehlen. Aber zwei Eigenschaften seien bei Alkohol anders. Man wisse, dass der Kater mit Kopfschmerzen verbunden sei und ungefähr, wie lange das Ganze anhielte.

Sedláček zum Publikum: „Jetzt stellen Sie sich aber einmal vor, die Kopfschmerzen kämen in unregelmäßigen Abständen. Sie säßen Freitagabends in ihrer Kneipe und tränken Unmengen Alkohol, tanzten und sängen, könnten aber nicht einschätzen, wann sie der Kater heimsuchen würde? Vielleicht würden sie am Sonntagabend auf die Uhr schauen und sich sagen, Donnerwetter ich hatte meinen Kater noch gar nicht. Der aber käme dann vielleicht erst viel später am Mittwochmittag auf dem Weg zur Arbeit, vor einem wichtigen Geschäftstermin? Ganz sicher würden sie dann alle vorsichtiger mit Alkohol umgehen, meinen sie nicht auch?“ Bei Finanzprodukten und einer Laufzeit von 40 Jahren, könne man auch nie sagen, ob die volle Rückzahlung gegen das Risiko eines Ausfalls geleistet würde. Weil wir die Zukunft nicht vorhersagen könnten und auch weil wir mit den besten Wirtschaftsmathematikern die Zukunft nicht berechnen könnten, würden wir nicht in der Lage sein, Wirtschaftskrisen vorherzusagen.

Wie also könnten Banker das Problem lösen? Was sie mit in ihre Rechnung unbedingt einbeziehen müssten sei das Wissen, dass sie mit hochprozentiger Energie handelten, die sie nicht beeinflussen könnten. Selbst im 21. Jahrhundert könne man keine korrekten Zinssätze für Bankenprodukte über einen langen Zeitraum kalkulieren. Die Zukunft sei unvorhersehbar: die Inflationsrate ebenso wie die Höhe des Bruttoinlandsprodukts. Tomáš Sedláček, Wirtschaftsberater des früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel, Chefökonom der größten tschechischen Bank CSOB und Universitätsdozent der Carls-Universität in Prag schließt seinen Vortrag auf dem GABV Kongress in Berlin mit den Worten: „Wir dürfen auf die Wirtschaft nicht herunterschauen wie auf einen neutralen Körper, wie Physiker das tun. Eine Finanz- und Bankenwelt ohne ethisches Wertesystem geht nicht. Lassen sie uns gegen den Strom anschwimmen und den Bankensektor aufräumen.“

**** Economics of Good and Evil. The Quest for Economic Meaning from Gilgamesh to WallStreet; New York, Oxfort University Press 2011; Dtsch Ausgabe Carl Hanser Verlag München 2012, Seite 274

Was machen zwei Journalisten auf einem Bankenkongress in ihrer Mittagspause? Sie stellen sich in einer langen Reihe an, nehmen sich ein Essen vom Buffet, speisen im Stehen und diskutieren Lösungswege.

Sagt der eine zum anderen: Warum hat Portugal 185 Milliarden Euro Schulden?
Erwidert der andere: Weil wir mit nichts zufrieden sind und es nie sein werden. Wir aber glauben fest daran, die Befriedigung unserer Bedürfnisse würde uns Zufriedenheit bringen.
Sagt der Erste: Falsch. Denn je mehr wir haben, desto mehr wollen wir dazu. Kreditfinanziert. So entstehen die Schulden. Arbeiten und abbezahlen? Ach, das machen wir morgen. Müssen Schulden denn überhaupt zurückbezahlt werden?
Zweite: Gute Frage. Wir kaufen mit Geld, das wir nicht haben, Dinge die wir nicht brauchen, um Menschen die wir nicht mögen, damit zu beeindrucken. Ich zweifele daran, ob wir wirklich glücklicher und freier sein werden, je mehr wir verdienen und besitzen.
Erste: Besitzen? In Wirklichkeit gehört mein Laptop der Bank. Alle klagen über die drastischen Sparmaßnahmen. Der Kelch möge an jedem vorbeigereicht werden. Trinkst du Wasser, wenn Du Wein angeboten bekommst? Der Mensch ist nun mal von Natur aus gierig und unersättlich. Wenn dir die Banken Geld für einen Computer, ein Auto oder Handy anbieten, nimmst du es. Oder nicht?
Zweite: Kauf dir ein Stück Müll, und du bekommst gratis noch eins dazu. Billig muss es sein, egal wie viel Lohn ein Arbeiter in China dafür bekommt.
Erste: Die Ursachen unserer Schuldenkrise liegen doch darin, dass wir vergessen haben, warum wir leben. Wir sind überzeugt, dass der Konsum zu unserer Sättigung führt. Es hat sich jedoch erwiesen, dass das Gegenteil zutrifft. Konsum ist wie eine Droge.
Zweite: Was an der Gesellschaft nicht stimmt, läuft auch in der Wirtschaft falsch. Jeden Tag werden wir mit Nachrichten und Seifenopern gefüttert, die uns Geschichten von Habgier, Geiz und Eigennutz erzählen und uns weißmachen, dass die zum Leben dazugehörten. Kulturelle Normen und Werte hingegen bedeuten uns gar nichts.
Erste: Eigentlich sollten wir dankbar für das sein, was wir haben, denn wir haben so viel. Die Erde ist ein Paradies. Mit Themen und Geschichten wie diesen, verdienen Journalisten allerdings kein Geld. Vielleicht sind wir deswegen die einzigen hier?
Zweite: Sehr gut. Dann ist das unsere Chance.

Die Welt verändern

wendyluhabeDr. Wendy Luhabe (55) ist aus Südafrika nach Berlin gereist. Sie gehört zu den wenigen etablieren Wirtschaftsfachfrauen ihres Landes. Die frühere BMW Managerin mit Masters initiierte den ersten Equity-Fond für südafrikanische Geschäftsfrauen: The Women Investment Portfolio Holdings. Mit einem Finanzvolumen von 120 Mio. Rand (ca. 10 Mio. €) finanzierte sie Ausbildung und Geschäftsideen von Frauen. ECO123 sprach mit ihr über die neue Rolle von Frauen in Ökonomie und Bankwesen.

ECO123: Erzählen Sie uns Ihre ganz persönliche Erfolgsgeschichte aus Südafrika.
Wendy Luhabe: Als Südafrika eine Demokratie wurde, fühlte ich mich inspiriert ein Projekt anzustoßen das zum Ziel hatte, Frauen an den ökonomischen Veränderungen zu beteiligen. Wir gründeten eine Investmentfirma und reisten zwei Jahre durch das Land, um Frauen in Wirtschaftsfragen zu schulen, damit sie zu Investoren in ihrer eigenen Region wurden. Am Ende hatten wir 18.000 Frauen zu Investoren ausgebildet. Das ist ein sehr erfolgreiches Beispiel. Und damit nicht genug. Es hat nicht nur Frauen in Südafrika begeistert, ihr Selbstvertrauen durch aktive Teilnahme an einem ökonomischen Prozess zu stärken, sondern auch selbst Unternehmerinnen in verschiedenen Bereichen zu werden. Nun arbeiten Frauen als Ingenieurinnen im Bergbau und in ganz unterschiedlichen Bereichen der Wirtschaft. Das hatte es 20 Jahre zuvor, bevor Südafrika Demokratie wurde, nicht gegeben.
Wir haben uns als Pioniere einer Initiative verstanden, die es anderswo in dieser Welt bisher noch nicht gegeben hat. Deshalb sind wir auch riesig stolz darauf und möchten Frauen in anderen Teilen der Welt ermutigen von uns zu lernen, wie man ähnliches in einem anderen Land umsetzen kann.

ECO123:Was meinen Sie können Frauen anders und besser als Männer?
Wendy Luhabe:Ich denke nicht, dass es die Frage ist, was Frauen etwas besser machen können als Männer. Ich denke aber, dass Frauen zu gleichen Teilen an Führungsaufgaben beteiligt werden sollten, dort wo Entscheidungen getroffen werden, sollten sie Teil der Hüter und Verwalter der Ressourcen sein, die weltweit zugänglich sind. Im Moment ist die Situation nicht im Lot, weil Männer nur eine Sichtweise haben, Verantwortung wahrzunehmen und wir sehen, dass diese nicht nachhaltig ist. Wir müssen das gesamte menschliche Kapital ausschöpfen, das in der Welt vorhanden ist, denn wir leben nur eine bestimmte Weile auf diesem Planeten – und wenn wir dieses Potential nicht ausschöpfen – ist das immer nur die halbe Lösung. Wenn wir es integrativ betrachten, haben wir gemeinsam – Frauen und Männer – zu gleichen Teilen die Welt zu erschließen. Auf dem weiteren Weg ins 21. Jahrhundert hinein werden wir viel bewusster Möglichkeiten für Frauen schaffen müssen, damit Frauen an Entscheidungen gleichermaßen mitwirken: Frauen, die Länder regieren. Wir haben bisher ja nur ein paar ganz wenige Frauen, die als Präsidenten Ländern vorstehen. Wir wissen ja gar nicht, was wäre, wenn Frauen die Welt regierten. Wie diese Welt dann aussehen würde, wenn Frauen ihren Job machen würden.

ECO123:Wie löst Südafrika seine Problematiken zwischen der Ökologie und der Ökonomie, zum Beispiel bei den Arbeitsplätzen?
Wendy Luhabe:Wir haben die gleichen Herausforderungen wie der Rest der Welt. Es gibt hohe Arbeitslosenquoten, aber was wir in den vergangenen 20 Jahren gemacht haben und worin ich eingebunden war, ist die Förderung vom sozialen Unternehmertum. Das schafft eine Kultur innerhalb einer Gesellschaft, in der Menschen Firmen gründen, Gewinn erwirtschaften und zur gleichen Zeit auf die sozialen Herausforderungen ihrer Zeit reagieren. Das ist meiner Ansicht nach die wirkliche Lösung. Wir müssen eine Revolution innerhalb der nächsten Generation von jungen Menschen initiieren, die nicht nur dem kapitalistischen Modell folget, das vollständig ohne Antwort auf die Herausforderungen der Zeit dasteht, sondern zwei Dinge miteinander verknüpfen: Gewinn machen in Verbindung mit sozialem Investment.

Vielen Dank.

Dr. Simon Kagugube, Centenary Bank Vorstand aus Kampala (Uganda) ist einer von 300 Teilnehmern am GABV Kongress. Gekommen sind nicht nur Banker und Ökonomen aus den USA, Kanada, El Salvador, Bolivien, Peru, der Schweiz, Italien, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Uganda, Südafrika, der Mongolei, Bangladesch und Australien, sondern auch Projektarbeiter von NGO’s, Wissenschaftler aller Disziplinen angesehener Elite-Universitäten und Professoren mit ihren Studenten. Das Publikum unter der Glaskuppel des Konferenzgebäudes ist bunt. Die schwache Sonne über Berlin belichtet den schlanken Simon Gagugube: graues kurzes Haar, dunkler Anzug, weißes Hemd mit Krawatte und Pullover unter dunklem Kamelhaarschal. Er meldet sich zu Wort. Was er sagt ist prägnant und es passt in einen Satz. „Wir alle zusammen müssen den Beweis erbringen, dass wir es besser können und besser machen. Dann teilen wir diese Information mit allen da draußen.“ Er ist überzeugt davon, dass Banking auf der Basis ökologischer und kultureller Werte stattfinden muss. Wir werden unser Wissen teilen, voneinander lernen und international kooperieren. Cooperate Culture. Auf diesen kurzen Nenner bringen es die Teilnehmer des Kongresses nach den Workshops.

Vom EGO-System zum ECO-System

Im Jahr 2010 betrug das Volumen der weltweiten Devisengeschäfte 1.500 Billionen US-Dollar, der Gesamtwert des internationalen Handels betrug hingegen nur 20 Billionen US-Dollar.* Weniger als 1,4 Prozent der Devisentransaktionen hatten einen direkten Bezug zur Realwirtschaft. Addieren wir die ausländischen Direktinvestitionen zum Handel hinzu, kommen wir auf fünf Prozent. 95 Prozent seien Transaktionen, die weder einen ökonomisch noch sozial vernünftigen Zweck erfüllten, referiert Dr. Otto Scharmer auf dem GABV Kongress. Dabei sei die Ökologie noch gar nicht berücksichtigt.

Der an der Universität in Herdecke (Deutschland) in Wirtschaft und Management promovierte Anthroposoph Scharmer ist Mitbegründer des Presencing Instituts und lehrt an der Massachusetts Institute of Technology (collective wisdom shapes business) und Vizepräsident des Global Agenda Council im Genfer Weltwirtschaftsforum. Er sieht eine der Voraussetzungen für die Lösung der Finanzkrise darin, dass die Banker beginnen zu lernen, loszulassen. Seine Lösungsstrategie: Weg vom EGO- System hin zum ECO-System.

Scharmer analysiert vor dem Kongress die Entkopplung des internationalen Finanz- und Bankensektors von der Realwirtschaft, die in den 1980er Jahren in die lateinamerikanische Finanzkrise mündeten, in die asiatische Finanzkrise der 1990er Jahre, in die Neue-Markt-Krise der 2000er und die globale Finanzkrise von 2008. Trotz der vielen unterschiedlichen Facetten, die diese Krisen offenbarten, läge ihnen immer ein und dasselbe Problem zugrunde: die zunehmende Entkopplung der Finanzwelt von der realen Wirtschaft. In seiner Analyse beobachtet Scharmer insgesamt acht existenzielle Problemfelder (genannt Entkopplungen) in einer Welt, die zunehmend globaler handelt und in fundamentalen Umbrüchen steckt.

Eine Wirtschaft, die nach alten Paradigmen arbeitet und nur auf linearen Geldprofit ausgerichtet ist, operiere mit einer ökologischen Belastung von 1,5 Planeten auf einer Erde die eine wesentlich verminderte Regenerationsfähigkeit habe. Das münde auch in ein soziales Dilemma. 2,5 Milliarden Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Das nähre stetig das soziale Pulverfass. In den USA besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung ein größeres Vermögen als die unteren 90 Prozent.

Ein weiteres gravierendes Problem sei, dass viele Führungspersönlichkeiten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Lebenswirklichkeiten der Menschen nicht mehr verstünden. Sie ignorierten, dass das Bruttoinlandsprodukt in den Industrieländern nicht zu mehr Wohlstand und Lebensqualität führe. (siehe ECO123, Ausgabe 1. Seite 23 Inlandsglücksprodukt IGB)

Die sechste Entkopplung zeige gravierende Defizite in Entscheidungsfindungsprozessen: demokratische Institutionen ignorierten hunderte Millionen Menschen zu Themen wie Lebensbedingungen und Zukunft. Die Rettung systemrelevanter Banken, Versicherungen und Länder mit Geldern des Steuerzahlers war nur eine dieser Entscheidungen.

Die Eigentumsfrage schaffe eine weitere Entkopplung: neben Privat- und Staatseigentum fehlten im internationalen Recht ein drittes soziales Eigentumskonzept, das Gemeingüter wie Regenwald, Grundwasser, Meere, den Boden, Arktis und Antarktis generell vor Raubbau schütze. Die achte Entkopplung beträfe das Thema Technologie. Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben orientierten sich immer noch nicht an den Bedürfnissen von Menschen und Gesellschaften und konzentrierten sich nicht auf die real existierenden Probleme.

* Dr. C. Otto Scharmer, Massachusetts Institute of Technology (MIT) – aktuelles Buch “Theory U”

Die Berliner Erklärung.

Der GABV Kongress fordert in seiner Abschlusserklärung an die Gesetzgeber, dass sich alle Banken verpflichten müssten, vollständige Transparenz über ihre Geschäftsmodelle sowie die Verwendung der ihnen anvertrauten Gelder zu gewähren; die sozialen und ökologischen Folgen von Bankgeschäften anhand regulatorisch verbindlicher Indikatoren dokumentieren; die Vielfalt von (regionalen) Banken als eigenes und wichtiges Ziel bei der Neuregulierung des (weltweiten) Bankensystems festgeschrieben wird.Auf Wiedersehen Berlin. Auf dem Weg zurück nach Portugal stellt sich die Frage, welche Bank in Portugal als erste zum nachhaltigen Geschäftsmodel finden und wann das sein wird. Im nächsten Jahr trifft sich die GABV in Melbourne, Australien. Mit dem Schiff wären wir da gut sechs Wochen unterwegs…

Das Ende vom Anfang: Mensch arbeitet, verdient Geld, eröffnet Bankkonto, zahlt Geld ein, erhält Sparzinsen, fragt, was Bank mit Geld macht. Mensch leiht Geld bei Bank, fragt, woher Geld stammt, zahlt Kreditzinsen. Bank arbeitet mit Geld: quittiert, leiht und verleiht; Bank fragt Kunde was mit Geld macht; Bank investiert, gewinnt, spendet und verschenkt Geld, kreiert soziales und ökologisches Finanzprodukt, finanziert Arbeit und Umwelt. Mensch übernimmt Verantwortung.

Interview – Peter Blom

peter-blomECO123: Wie kann nachhaltiges Banking die Welt verändern?
Peter Blom: Ich denke, wir brauchen Geld, um die Wirtschaft zu verändern, um die Welt zu verbessern. Man kann Verbesserung nur finanzieren, in dem wir das Bankensystem verbessern.

ECO123:Welches sind Ihre ersten drei Schritte, um die Bankenwelt zu verändern?
Peter Blom:Erstens müssen wir das Vertrauen der Menschen durch Transparenz zurückgewinnen. Zweitens müssen Banken den Menschen klarmachen, wie sie etwas für die Gesellschaft leisten wollen, wie sie das Leben der Menschen auf diesen Planeten nachhaltig verbessern wollen. Drittens, Veränderungen funktionieren nicht mit ein paar großen Banken, die zu groß sind, als dass man sie einfach in Konkurs gehen lassen könnte. Deshalb brauchen wir Vielfalt. Banken müssen nah am Kunden arbeiten und müssen verstehen, was die Bedürfnisse ihrer Kunden sind. Banker müssen wieder eine Verbindung zu den einfachen Menschen bekommen, in der Nachbarschaft ansässig sein, zur Arbeit der Menschen einen Bezug finden.

ECO123:Wenn Sie die südlichen Staaten Europas betrachten, Länder wie Italien, Spanien und Portugal. Was meinen Sie, wie lässt die Situation dort vor Ort verbessern?
Peter Blom:Was ich dort sehe, ist ein starker Faktor der Gemeinsinn. Wir machen die Erfahrung, dass die Menschen dort Veränderung wollen, aber diese muss von unten kommen. Triodos Bank hat eine Zweigstelle in Spanien. Dort können wir nachhaltig ins Bankgeschäft eingreifen und weiterhelfen. Zusammen können wir einen Schritt weitergehen. Das ist auch der Unterschied. Auf diese Weise können wir was für das Land tun. Das alte Bankensystem kann die Probleme nicht lösen und helfen. Die sind damit beschäftigt, ihren Unrat, den sie anderen Leuten überlassen, zu beseitigen. Wirklich wichtig ist, dass eine Bewegung von unten entsteht und wächst.

ECO123: Es gibt jetzt 22 Banken im alternativen GABV und Sie sagten, es gäbe noch einige, die hinzukommen würden. Sehen Sie irgendeinen Kanditaten aus dem südlichen Europa, zum Beispiel aus Portugal, den Sie in aufnehmen würden? Wir operieren bereits in Italien und Spanien, noch nicht jedoch in Portugal. Da wird eine Initiative in Portugal kommen. Das Land braucht sie. Wenn solche eine Bank in Portugal gegründet würde, werden wir sie herzlich willkommen heißen im Klub der nachhaltigen Banken.

Interview – Thomas Jorberg

thomas-jobergECO123: Die GLS hat bereits jetzt 143.000 Kunden und einen Umsatz von 2,7 Milliarden Euro. Sie ist eine Bank, die in den letzten 25 Jahren gut gewachsen ist. Wo will die Bank hin?
Thomas Jorberg: In der Tat wachsen wir im Moment sehr stark. Wir haben einen momentanen Zuwachs von 2.000 bis 2.500 Kunden pro Monat und wir sehen, dass wir in den nächsten Jahren weiter so wachsen werden. Die Nachfrage nach einem sozial-ökologischem Bankgeschäft ist da.

ECO123:Wo wird die GLS in fünf Jahren stehen?
Thomas Jorberg: Wir sehen die Entwicklung, die wir in den letzten Jahren gemacht haben und sehen, dass sich das mit Raten von um die 20 Prozent fortsetzen wird. Wir erleben eher noch eine Dynamisierung.

ECO123: Die GLS aus Bochum besitzt Filialen in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, Freiburg und München. Wollen Sie eine deutsche Bank bleiben, oder denken Sie bereits darüber nach, in anderen Ländern Europas Filialen zu öffnen?
Thomas Jorberg: Wir sind eine Genossenschaftsbank. Unsere Geschäftspolitik ist, dass wir nahe bei den Kunden sein wollen. Insofern ist Deutschland unser Geschäftsgebiet. Wir haben auch Kunden aus dem Ausland, die bei uns Einlagen haben, Kredite machen wir seltener. Das machen wir dann in Kooperation mit anderen Mitgliedern der Global Alliance. Kann ein Kunde aus Portugal auch ein Konto bei Ihnen in Deutschland eröffnen? Selbstverständlich. Wir haben Kunden aus Portugal, Spanien und Frankreich und sehr viele aus Österreich.

Siehe auch: Change Makers  auf ECO TV

 ENTSCHEIDUNGSTRÄGER:

Die Geschichten die hinter der Bankenarbeit stehen, die unsere Welt verändern

bankmecuaustraliaBANKMECU
Melbourne, Australien

Die Women’s Property Iniatives (WPI) stellen Frauen und ihren Kindern langfristig sichere Wohnungen zur Verfügung – viele von ihnen entkommen damit häuslicher Gewalt. BANKMECU hat die WPI seit 2009 mit rund 3,4 Millionen Dollar finanziert. Damit konnte 110 Frauen und Kindern bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung gestellt werden.

absschweizABS – ALTERNATIVE BANK SCHWEIZ AG

Das Hotel Marta gehört der Frauenhotel AG Zürich und bietet Frauen mit psychischen Problemen zehn Arbeitsplätze. Das Hotel arbeitet nachhaltig und beweist, das es möglich ist als soziale Firma erfolgreich sich im Markt zu behaupten. Für ABS als eine soziale Geschäftsbank des Hotels gehört das tägliche Lernen zum Geschäft: wie funktionieren ökologische und soziale Projekte in der Zukunft?

bancapopolareitaliaBANCA POPOLARE ETICA
Messina, Italien

Sozialarbeit auf Sizilien, die sich täglich gegen die Präsenz der Mafia wehren muss. Die Reintegration von ehemaligen Straftätern der forensischen Psychiatrie in den Alltag durch Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen, handwerkliche Arbeit und Kulturinitiativen. Die Projekte der Messina Community Foundation werden transparent von der Banca Popolare Etica finanziert und von OECD, UNOPS und WHO begleitet.

bancosolboliviaBANCOSOL
La Paz, Bolivien

David Santos Condori Sarco arbeitete in einer Schneiderei, die einer koreanischen Firma gehörte. Der Lohn reichte kaum zum Leben der Familie. So kam es, dass sich David überlegte, selbstständig zu machen. BANCOSOL hilft Kunden mit einem speziellen Programm, Informationen und Mikrokrediten, unbürokratisch und schnell. David Sarco betreibt heute zusammen mit seiner Frau eine eigene Schneiderei.

creditcooperatiffrancaCRÉDIT COOPÉRATIF
Frankreich

Transparenz, Solidarität, menschlicher Respekt & Verpflichtung zu fairer Gesellschaft: Groupe SOS begann in 1984 mit Sozialarbeit gegen Drogen & HIV mit Wohnen & Arbeit. In 44 sozialen Firmen wurden in 2011 rund 10.000 Mitarbeiter in mehr als 300 Krankenhäusern, Pflegestationen, Altenwohn- und Kinderheimen beschäftigt, die mehr als einer Mio. Menschen halfen. CRÉDIT COOPÉRATIF ist die Partnerbank von Groupe SOS.

culturabanknoruegaCULTURA BANK
Norwegen

2004: Kolonihagen Distribution & Maaemo beginnt in Oslo ganz klein als Produzent und Hauslieferant ökologisch angebauter Früchte/Gemüse & Backwaren. Sie haben 10 Kunden und packen die Körbe in der Küche. In 2007 eröffnen sie ihre Bäckerei, 2009 ihr Café und 2010 das Gourmet-Restaurant. CULTURA BANK finanziert das wachsende Unternehmen. In 2013 besitzen sie 1.300 Kunden, das Restaurant 2 Michelin Sterne.

triodosbankhollandaTRIODOS Bank
The Netherlands/Großbritannien Bristol

Together ist ein Projekt von ehemaligen Strafgefangenen die nirgendwo einen Job bekommen. Dann kommt Jim auf die Idee der Community Interest Company, die in Auktionen abbruchreife Häuser aufkauft, renoviert und wieder verkauft. TRIODOS BANK aus den Niederlanden war von Anfang an mit dabei und finanzierte den Start-Up der Firma, die nun in anderen Teilen Großbritanniens Nachahmer findet.

centenarybankugandaCENTENARY Bank
Kampala, Uganda

Mpanga Growers Tea Factory in West-Uganda ist seit der Unabhängigkeit in 1966 einer von vier früheren staatlichen Teeproduzenten. 1995 wurde der Teeproduzent privatisiert und alle Mitarbeiter konnten sich finanziell an ihr beteiligen. Dank der CENTENARY BANK und einem 7,5 Mio € Kredit ist Mpanga einer der größten Teeproduzenten Ugandas geworden und versorgt 4.700 Mitarbeiter in rund 800 Familien.

bracbankbangladeshBRAC Bank • Bangladesh

Mustafa Bepara produziert in Faridpur aus Kokosnussfazern Matratzen und Sofas. Mustafa ging bei seinem Onkel in die Lehre und lernte Handwerk, Geschäft, Management, die Suche und Pflege von Geschäftspartnern und -beziehungen. BRAC Bank half Mustafa seit 2006 mit mehreren Krediten und mit Fortbildung im DANIDA Business-To-Business Netzwerk. Seine Naturfasern ersetzen weithin Plastik und Schaumstoffe.

firstgreenbankeuaFIRST GREEN BANK
Florida USA

King Grove (gegründet 1874) im Herzen Floridas ist ein bäuerlicher Betrieb in vierter Generation. Bisher im Zitrusfrucht-Anbau tätig und in der Wohnungsbauentwicklung möchte er in die nachhaltige Erzeugung von Orangen, Pfirsichen, Blaubeeren etc. investieren. FIRST GREEN BANK erhält seine Banklizenz einige Wochen nach Beginn der Finanzkrise 2008 und beginnt sofort mit der Finanzierung bis hin zu solarer Stromerzeugung.

vancitycanadaVANCITY
Victoria, Britisch Columbia, Canada

Finanziert dem Stamm der Songhees ein eigenes Gemeindezentrum mit Schule. Wo andere Banken bei der Kreditierung der 18 Mio. Dollar Baukosten einen Rückzieher machten, überdachten die Banker von VANCITY und diskutierten fünf Jahre alle Finanzierungsmöglichkeiten bis sie eine Lösung fanden, denn wo ein Wille ist bekanntlich auch ein Weg. Die Rückzahlung wird an zukünftige Steuerrückzahlungen gekoppelt.

glsbankGLS Bank
Deutschland

Max Göbel wollte schon immer einen Kindergarten gründen und fand dann in der Nähe von Berlin den Jägerhof, ein altes UNESCO Weltkulturerbe im Glienicke-Park. Da die GLS Bank Bildung, Kultur und Gesundheit ebenso finanziert wie ökologische Landwirtschaft, erneuerbare Energien und Wohnprojekte, wurde man sich einig und der Umbau verwirklicht.

About the author

Uwe Heitkamp, 53, Journalist und Filmemacher, ist seit 25 Jahren in Monchique, Portugal zuhause. Er unternimmt gern lange Wanderungen in den Bergen und schwimmt in Gebirgsbächen und Seen. Schreibt und erzählt Geschichten über Menschen und ihre Bezüge zur Ökologie und Ökonomie. Sein aktueller Film „Erben der Revolution“, erzählt über 60 Minuten die Geschichte einer Wanderung durch Portugal. Zehn Menschen berichten aus ihrem Leben. Alle Protagonisten zusammen malen ein Bild vom Leben und Arbeiten in den Bergen Portugals. Der Film offenbart Einblicke in die Schönheit der Natur und das Leben der normalen Menschen. Welcher Weg bestimmt die Zukunft des Landes? (Abonnieren Sie ECO123 und sehen Sie den Film in der Mediathek)

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