Dienstag, Oktober 22, 2019
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Man braucht viele, um die Welt zu retten

Aber einer muss ja damit anfangen

Im Global Ecovillage Network haben sich rund 10.000 Dorf- und Gemeinschaftsprojekte weltweit in einem Netzwerk zusammengeschlossen. Es sind traditionelle Dorfgemeinschaften, Stadtteile oder bewusst gegründete Lebensgemeinschaften, die sich gemeinsam für einen Weg der Nachhaltigkeit entscheiden. Dabei fokussieren sie auf fünf Bereiche: Ökologie, Soziales, Kultur, Ökonomie und Ausbildung. Im zweiten Teil stellen wir vier Projekte vor.


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Findhorn \ Schottland

Die Findhorn Foundation in Schottland gehört zu den ältesten bestehenden Ökodörfern. Am 17. November 1962 zogen Eileen Caddy, Peter Caddy und Dorothy Maclean mit ihrem Wohnwagen und den drei Caddy-Kindern in einen bescheidenen Wohnwagenpark der Findhorn-Bucht und legten einen Garten an, in den sie ihr spirituelles und ökologisches Wissen einbrachten. Es war wie ein Wunder: Bald wuchsen im sandigen Boden 40 Pfund schwere Kohlköpfe, die sowohl skeptische Wissenschaftler als auch spirituelle Sucher anzogen. Immer mehr Besucher kamen, um das Wunder zu sehen, und bald brauchte es Programme und eine Gästeunterkunft. Der Bau von sieben Zedernhäusern und Kunstateliers, ein Gemeinschaftszentrum und ein Meditationsraum folgten.

Mittlerweile leben hier 600 Menschen: 120 feste Mitglieder erhalten Unterhalt und ein kleines Taschengeld für ihre Mitarbeit, und 500 Menschen siedelten sich ringsum an. Findhorn hat die höchste Dichte sozialer Unternehmen in Großbritannien (derzeit 45). Die Foundation selbst, die Stiftung im Herzen der Gemeinschaft, hat ein Vermögen von fünf Millionen Pfund und ein Jahreseinkommen von zwei Millionen. Ihre Workshops für persönliche Entwicklung und Training in Nachhaltigkeit dauern zwischen einigen Tagen bis mehreren Monaten und haben über 2000 Teilnehmer pro Jahr. Ihr ökologischer Fußabdruck ist halb so groß wie der des britischen Durchschnitts und einer der niedrigsten in der westlichen Welt. Die Foundation ist eine eingetragene Nicht-Regierungsorganisation der UNO; und Eileen Caddy wurde wenige Jahre vor ihrem Tod 2006 von der Queen für ihre Verdienste geehrt.

Viel hat sich in diesem halben Jahrhundert ereignet. Die Kohlköpfe haben sich auf eine durchschnittliche Größe eingependelt, Wunder scheinen weniger gefordert zu sein als ein gesunder Gemeinschaftsgeist. Von einer »Alternative zum Mainstream« hat sich Findhorn zu einer »Ergänzung« entwickelt: Die Gemeinschaft berät regelmäßig Lokalverwaltungen, Stadtplaner, Bürgermeister und Studenten in Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit.


Lakabe

Lakabe \ Spanien

Junge Aktivisten für Gewaltfreiheit aus ganz Spanien beschlossen im Jahr 1980, ein verlassenes Dorf in der Navarra zu besetzen, in das damals keine Straße führte: Lakabe. Da sie kein Geld hatten, bauten sie mit dem, was sie hatten, schleppten stundenlang Zement und Steine durch den Wald. Mauge aus der Gründergeneration berichtet: “Wir waren jung, und wir hatten die Diktatur und ihre düstere Atmosphäre nur ein paar Jahre hinter uns. Es war die Erfahrung radikaler Machtaneignung.”

Sie bauten das alte Dorf komplett wieder auf und lernten, eine Gemeinschaft zu werden. Alle Vereinbarungen, die damals getroffen wurden, sind noch heute gültig. Arbeit, Geld, Entscheidungen – alles wird geteilt. Doch nicht alles war leicht. Das Prinzip der basisdemokratischen Entscheidungsfindung führte zu endlosen Versammlungen.
Im Kontakt mit der Natur entstand ökologisches Bewusstsein, dazu gehörte ihre Windturbine. Den zehn Meter langen Stahlmast dafür trugen sie auf Schultern kilomenterweit durch den Wald.

1990 wurde ein Staudamm geplant, der alle Dörfer im Tal überflutet sollte. Lakabe führte die Proteste gegen dieses Projekt an. Viele Aktivisten landeten im Gefängnis. Der Staudamm wurde trotzdem gebaut, aber Lakabe liegt hoch genug, so dass es nicht geflutet wurde. Da die Gruppe während des Widerstandes eine Führungsrolle übernommen hatte, kamen sie mit allen in der Region in Kontakt, wurden von den Dörfern respektiert und ihre Mitglieder in den Gemeinderat des Tales gewählt.

Heute leben drei Generationen in Lakabe, die Gemeinschaft ist zu 100% energieautonom und hat 80% regionale Lebensmittelautonomie. Lakabe hat auch eine eigene Schule und ein Workshop-Programm für Gäste, die neben ökologischem Wissen auch Wege der demokratischen Entscheidungsfindung in Gemeinschaft lernen.


©ecovillageithaca.org
©ecovillageithaca.org

Ithaca \ EUA

Die Umweltaktivistin Liz Walker aus San Francisco half 1990 mit, einen Protestmarsch mit 150 Menschen quer durch die USA zu organisieren. Während der Wanderung entstand bei vielen der Wunsch, anschließend nicht wieder in den Alltag zurückzukehren. Liz warf sich mit voller Kraft in das neue Projekt. Nahe der Stadt Ithaca an den Finger-Seen im Staat New York fanden sie ideale Bedingungen. “Wir wollten kein Aussteigerprojekt, sondern in den Mainstream. Das bedeutet für uns, den Weg zu einem nachhaltigen Leben gemeinsam mit Politikern und Universitäten zu gehen.”

Das Ecovillage liegt heute acht km vom Stadtzentrum Ithacas auf 71 ha Fläche. Es besitzt drei Bio-Bauernhöfe und zwei Co-Housing-Siedlungen. “Wir haben gemeinsam mit Städteplanern ein neues Landnutzungskonzept für die USA aufgestellt”, erläutert Liz. “Durch Gemeinschaft und gute Nachbarschaft sind die Menschen bereit, ihre Häuser enger zusammenzubauen. So bleibt Platz für gemeinsame Gärten, Fußwege, Picknickplätze und Spielplätze. Dieses Beispiel macht Schule.”

Für ihre Null-Energie-Häuser gewannen sie in den USA viele Preise und setzten neue Maßstäbe, die auch im Mainstream nachgeahmt werden. Konsequent setzen sie das Konzept der solidarischen Landwirtschaft um: Die Konsumenten zahlen Anfang des Jahres einen Festbetrag und erhalten dafür jede Woche Körbe und Kisten mit Obst und Gemüse. So wird das Risiko in der Landwirtschaft zwischen Produzenten und Konsumenten geteilt.

Liz: “Für mich ist es ein Abenteuer, mit 250 Menschen in einer Gemeinschaft zu leben. Nicht immer einfach, denn jeder hat seine eigene Meinung. Aber wir ergänzen uns, unterstützen uns und lernen immer dazu.”


©faveladapaz.wordpress.com
©faveladapaz.wordpress.com

Favela da Paz \ Brasilien

Der Distrikt Jardim Ângela in Sao Paulo gehörte laut UNO noch im letzten Jahrzehnt zu den gewaltreichsten Slums der Welt. Kriminalität, Drogendealer, Jugendgangs, Straßenkinder und allgemeine Armut beherrschten das Straßenbild. Claudio Miranda´s bester Freund wurde umgebracht, er selbst wurde im Alter von 13 bei einer Razzia von der Polizei festgenommen. “Der Polizist hielt mir die Pistole an den Kopf und wollte, dass ich beweise, das ich Musiker bin. Ich musste ihm etwas auf dem Saxophon vorspielen. Es gelang. Seit damals weiß ich, dass Musik Lebenskraft ist.” Heute gehört der Polizist zu seinen Freunden.

Claudio, sein Bruder Fabio, seine Frau Hellem und viele Freunde leiten eine Musikschule, die Straßenkindern eine Alternative bietet zu Drogen und Gewalt. Nach einem Besuch in Tamera/Portugal kam ihnen noch eine größere Idee. Claudio: “Wir nannten sie Favela da Paz – Slum des Friedens.” Das Familienhaus verwandelte sich nach und nach in ein ökologisches Zentrum, mit Biogasanlage zum Kochen auf dem Dach, Permakulturgärten an den Außenwänden sowie Solarduschen. Hellem: “Die Nachbarn wurden neugierig. Inzwischen geben wir Kurse in vegetarischem Kochen und urbaner Permakultur.”

Zusammenkommen und lernen statt sich zu bekämpfen und zu bestehlen, das machte Schule. Die Eltern des Viertels gestalteten den Schulhof um und pflanzten Bäume. Sie lehnten sich erfolgreich gegen die geplanten Zerstörungen angesichts der Fußball-WM auf. Und jeden Monat gibt es ein großes Samba-Fest.

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