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DAS KIND IN UNS.

Samstag der 29. Juli 2023.

Junge Menschen sind die wertvollste Ressource unserer Gesellschaft. Stimmt das? Wenn sich junge Menschen auf den Asphalt kleben, hat das immer einen tieferen Grund. Damit müssen wir uns als Erswachsene konkret beschäftigen und die Aktion nicht einfach als pubertierende oder sogar terroristische Gewalttat beiseite schieben. Vernunft ist immer auch eine Frage der Entwicklung. Vernunft muß reifen. Manchmal machen Jugendliche in Gruppen Dinge, die sie allein für sich nie machen würden. Und manchmal sind diese Dinge einfach mal notwendig. Kongnitive Kontrolle entwickelt sich erst in der Pubertät. Als Erwachsene ist der Faktor „sich Zeit nehmen und zuhören“ dabei ganz wichtig. Nur so können Probleme auch wirklich gelöst werden. Nur so wachsen wir gemeinsam.

Nehmen wir als Erwachsene den Klimawandel genau so wenig ernst wie wir unsere Kinder im pubertierenden Alter kaum ernst nehmen? Der Klimawandel ist nur eines von vielen Problemen, die wir heutzutage an der Backe kleben haben. Aber es ist das Problem der Probleme. Sind wir bereit, uns beispielsweise von ein paar pubertierenden Kindern sagen zu lassen, daß wir falsch leben, wenn wir mit dem Auto zur Arbeit (oder sonst wohin) fahren und in einem Stau stecken, weil sie uns den Weg versperren, wenn sie sich festkleben und uns anhalten? Wie viele Male in unserem Leben standen wir schon in einem Stau, weil wir einfach viel zu viele Autofahrer in viel zu vielen Autos sind, die allein im Auto sitzen und wir es nicht auf die Reihe kriegen, Gemeinschaftsfahrten zu organisieren, oder sauber unterwegs zu sein – mit der Metro, dem Bus, der Bahn – oder auch einfach mal nur zu Fuß oder dem Fahrrad.

Ist es nur die Lust an der Provokation? Oder ist es auch unsere Unfähigkeit, die Komfortzone zu verlassen und unser „altes“ Leben zu verändern? Was macht es uns so schwer, unsere Vorstellungskraft auf die unserer Kinder zu lenken? Jugendliche beginnen in der Pubertät zu lernen, ihr “Ich”-Selbst zu stärken. Dazu gehören eben auch ein gewisser Widerstand und die Reibung mit uns Erwachsenen. Insofern sollten wir uns grundsätzlich freuen, wenn sich Jugendliche im Alltag, nun ja, an uns Erwachsenen reiben. Und sich auf der Straße festkleben? Von mir aus!

Wenn ich als Elternteil Jugendliche in ihrer Ich-Entwicklung stärken will, muss ich irgendwann in Verhandlungen treten. Nur so kann ich mit meinem Sohn oder meiner Tochter oder seinen oder ihren Freundinnen konstruktive Lösungswege finden. Junge Menschen denken vor allem an die Zukunft. Je älter Menschen werden, desto stärker denken sie an die Gegenwart. Dieses unterschiedliche Zeitgefühl ist biologisch vorgegeben und hat eine enorme Auswirkung auf Entscheidungen. Wenn ich – gefühlt – nur noch wenig Zeit vor mir habe, dann interessiert mich vor allen Dingen das Hier und Jetzt. Konkret: wenn fast alle mit laufenden Motoren im Stau stehen, die das Klima verpesten, ist das eine unschöne Begleiterscheinung. Wenn ich hingegen noch viel Zeit vor mir habe, denke ich ganz anders, nämlich: Verkehr muß auch anders machbar sein, vor allen Dingen sauber. Und wenn wir schon beim Klima sind, gibt es noch viele andere Themen, die darunterfallen.

 

 

Streit kann auch immer eine Form von Beziehungssuche sein. Orientierung suchen und finden und sich eine Meinung bilden. Sollten wir nicht offener sein und das Kind in uns öfter mal zulassen; miteinander reden, statt übereinander? In diesem Sinne verstehe ich junge Menschen als die wertvollste Ressource unserer Gesellschaft.

 

Uwe Heitkamp (62)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.Translations: Dina Adão, John Elliot, Ruth Correia, Patrícia Lara, Kathleen Becker
Photos:dpa

 

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