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Ein Interview im Hinterland

Es ist noch keine fünf Uhr morgens an einem langsam erwachenden Sommertag. Die Information bekomme ich zugespielt. Verabreden soll ich mich mit einer Gruppe von Menschen, die sich entschieden haben, den Monokulturen den Garaus zu machen. Dafür bin ich um vier Uhr aus dem Bett gestiegen und in die Kleidung gesprungen. Jetzt stehe ich an einer Kreuzung im Niemandsland. Das Auto habe ich schon vor einiger Zeit an einem sicheren Ort geparkt. Den Rest des Weges bin ich zu Fuß gegangen. Irgendwann habe ich die Teerstraße verlassen, bin in einen Sandweg eingebogen und bin diesem gefolgt bis zu den von Planierraupen gezogenen Terrassen. Ich warte an einer Korkeiche auf sie. Das ist der vereinbarte Treffpunkt. Es ist noch dunkel, doch langsam wird der Horizont grau, danach heller und nun gelb. Bald  wird die Sonne aufgehen. Die Stirnlampe habe ich schon vor einiger Zeit ausgeschaltet. Ich warte auf die Gruppe. Irgendwann sind sie dann einfach da. Sie kommen aus dem Nichts und aus allen Richtungen angeschlichen. Leise und kaum miteinander redend teilen sie sich auf: zwei bis drei Krieger pro Terrasse. Sie beginnen die im März und April heimlich gepflanzten Bäume der The Navigator Company wieder aus dem kargen grauen Boden rauszureißen und am Rand der Terrassen abzulegen. Zwei Leute schaffen auf diese Weise bis zu 500 der giftigen Pflanzen pro Stunde. Sie beenden das Wachstum um jeden Preis. “Kein Papier aus Monokulturen”, sagen sie. Denn erst einmal gepflanzt und durch den ersten Winter mit Regen in die Höhe geschossen, wird Eukalyptus zu einer Plage. Wenn sie nach acht Jahren geschnitten werden, wachsen sie unendlich nach. Schneiden und nachwachsen, die unendliche Art eine Landschaft zu vergiften. Dann besser gleich rausreißen.

© B. Thomas

 

Ich frage António, 26 Jahre,* ob er keine Bedenken habe, ein  fremdes Grundstück zu betreten und dort die frisch gepflanzten Bäume aus der Erde zu reißen? “Nein”, sagt er, “wir wurden auch nicht gefragt, ob wir Eukalyptus vor unserer Haustür haben wollen. Und dann brennt das Zeug wie Benzin mit seinen ätherischen Ölen. Im übrigen ist das Gelände ohne Zaun, es ist öffentlich zugänglich.” Sofia,* 31 Jahre, erzählt ihre Geschichte kurz und knapp. Zur Zeit des Lockdowns im März habe die Papiermafia viele tausend neue Eukalyptuspflanzen, sogenannte schnellwachsende Hybride dort gepflanzt, wo zuvor Erdbeerbäume, Korkeichen und Pinien standen. Man habe die abgebrannten Bäume mit Kettensägen gefällt und dann das Gelände terrassiert. Tatsachen schaffen, nenne man das. Keine Polizei habe sich dafür interessiert. Man sei bei der GNR gewesen, habe die illegale Aufforstung mit Eukalyptus angezeigt. Diese jedoch habe nicht einmal ein Protokoll aufnehmen wollen. Es sei der Polizei egal, was da draußen passiert. Das Rathaus sei informiert worden, der Bürgermeister, der ICNF. Alle hätten nur weggeschaut. Erst danach habe man sich Gedanken gemacht, selbst aktiv zu werden. “Ja, wir hatten Bedenken. Wir machen sowas hier zum ersten Mal” betont António, was nicht hieße, daß sie das Rausreißen von Eukalyptus nicht wieder machen würden.

Es sei an der Zeit, Widerstand zu leisten, denn sie alle wären durch den industriellen Eukalyptusanbau und die Waldbrände selbst zu Opfern geworden. “Es reicht”, sagt eine andere Aktivistin. Stunde um Stunde, Terrasse für Terrasse wird gesäubert. Dann irgendwann gehen sie an einem nahegelegenen See, ein Bad nehmen. Teambuilding.  Nach erledigter Arbeit verflüchtigen sie sich in alle Richtungen. In einer Woche wollen sie sich wiedertreffen. Dann machen sie weiter.

ECO123 besucht sie ein zweites Mal und vereinbart nach beendeter Arbeit dieses Interview mit Maria Ferreira*, 58 Jahre.

*Namen von der Redaktion geändert

 

 

Wir haben hier vor uns einen guten Blick über den Urwald der Algarve.

(lacht) Das war es einmal in der Tat…

 

…erinnern Sie sich?

Ja, das tue ich. Als ich nach Monchique zurückkam, war es immer noch der einheimische Wald.

 

Ich würde gerne Ihre Meinung über den Wald, den wir jetzt sehen, erfahren.

Ich kann nicht behaupten, dass  die Veränderung von heute auf morgen stattfand. Als ich nach Monchique zurückkam – und ich merkte das erst später, als ich Bilder von den ersten Jahren meines Berufslebens hier sah, es war 1986,  da gab es dort einen Mischwald. Wir hatten Schatten und da wuchsen Pilze. Wir lebten im Wald. Dann kamen die Brände, danach die tosenden Regenfälle. Wir haben den Beginn der Wüstenbildung nicht mitbekommen. Jeden Tag schauen wir uns die Dinge an und wir scheinen nicht zu erkennen, wie sich das Land  langsam verändert und mit ihm der Wald.

Wenn ich mir jetzt die Bilder aus dieser Zeit anschaue, fällt mir auf, dass wir uns damals in einem tropischen Land zu befinden schienen. Ich habe ein Bild von einem Bauern mit einem Obstkorb auf dem Kopf in diesem Feld, das grün und abwechslungsreich war. Jetzt haben wir da keine Bäume mehr. Die Babybäume wurden zuerst durch den Brand von 2003 und dann durch das Feuer von 2018 dezimiert.

 

Welche Auswirkungen hat das auf die Gegenwart?

Nun, die Erde versteppt, sie wurde verwundet, wie wir alle mit Traumata weiterleben. Die Erde ist eintönig. Das Feuer hat die Vielfalt einfach gefressen.

 

Das motiviert Sie, den Eukalyptus herauszureißen?

© dpa

Wenn ich mir dieses Land voller Eukalyptus-Monokulturen anschaue, wird mir klar, dass es weder in meiner noch in der Hand umweltbewusster Menschen liegt, dies legal verhindern zu können. Denn alles bewegt sich in diese eine Richtung. Wenn wir hinauf nach Fóia fahren, herrscht dort ein ganz spezielles Mikroklima der Algarve. Da können wir sehen, dass der Berg voll Eukalyptus steht. Am Picota, einem Thermalberg, der früher voll alter Erdbeerbäume stand – sie waren fünfzig, sechzig Jahre alt – ist es jetzt genauso. Wenn ich mir das ansehe, weiß ich, dass wir, die wir hier leben, es nicht legal verhindern können, weil die Befürworter von Monokulturen an der Macht sind, und Macht kommt vom Geld. Es ist sehr traurig, aber es ist so. Die einzige Antwort, die wir geben können ist, nicht aufzugeben. Wir tun alles, was wir können, damit  das Fällen einheimischer Bäume gestoppt wird. Es wäre viel besser, wenn jeder Bürger motiviert wäre, gute einheimische Bäume zu pflanzen und nicht Eukalyptus. Wir wissen, dass die Papiermafia 500 Euro Anreiz pro Hektar für die Bepflanzung von Eukalyptus bieten.

Das sind die Machenschaften einer Mafia. Sie können diesen Betrag anbieten, weil sie natürlich 30 mal mehr am Eukalyptus verdienen. Sie tun so, als ob sie hilfsbereite Menschen wären. Und die Bauern, vielleicht aus Unwissenheit, oder weil sie in Schwierigkeiten sind oder aus mangelndem Bewußtsein, sich nachhaltig um ihr Grundstück zu kümmern, steigen darauf ein. Das ist der Alltag hier. Das Geld kommt aus der Stadt.

 

Ist der Weg zwischen dem Wissen, dass Eukalyptus sehr schlecht für dieses Land ist, und der Handlung, ihn auszureißen, ein langer oder ist er kurz?

© dpa

Es ist ein Weg, der einem aus der Seele spricht. Wenn ein Mensch keine Möglichkeit mehr hat, diese Wirtschaftsgiganten legal zu bewegen, das Land nicht weiter zu zerstören, muss ein Mensch  tun, was ihm sein Herz sagt – ich werde dieses Land auf jeden Fall schützen! Es spielt keine Rolle, wie, denn das sind Mafiosi, und wir werden dieses Land vor der Mafia verteidigen.

Wenn wir sehen, dass sie dabei sind, dieses Land durch Geld und Manipulation der Bevölkerung, die sich dessen nicht bewusst ist, zu kontrollieren, dann werden wir alles tun, was wir können, um dies zu verhindern. Weil wir dieses Land lieben – sie lieben es nicht. Sie wollen so viel “raussaugen”, wie sie können, auch wenn das auf lange Sicht bedeutet, es zu zerstören. Es ist ja nicht ihr Land. Und das ist es, was die Leute nicht wissen.

Monokultur, sei es Eukalyptus oder eine andere Art, zerstört alles. Wir müssen Räume für diese Monokulturen finden, aus wirtschaftlichen Gründen, aber wir müssen Räume für den Wald reservieren, damit er bleibt, was er ist, damit die Menschen gesund leben können, mit Wasser, das aus den Quellen sprudelt. Weil dadurch Wasser und fruchtbarer Boden zerstört werden und Wüstenbildung Vorschub geleistet wird. Wir sind nicht gegen die Wirtschaft, wir alle leben von ihr, aber wir sind gegen eine zügellose Wirtschaft, die Kindern und Enkeln das Land stiehlt. Sie werden nicht das Land haben, das ich hatte, als ich in Monchique ankam. Das werden sie nicht!

 

Was haben Sie gefühlt, als wir uns morgens um fünf Uhr trafen (wir sprechen nicht über Namen und Orte) und Sie mit einer Gruppe von Leuten Hunderte von Hektar jungen Eukalyptus rausgezogen haben?

Es war ein Gefühl der Dringlichkeit. Dies war erst einmal der richtige Zeitpunkt, denn die kleinen Bäume waren gerade frisch gepflanzt und leicht herauszuziehen. Wie unsere Vorfahren zu sagen pflegten: “Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.”

 

© dpa

Haben Sie eine Idee, wie viele tausend Eukalyptusbäumchen Sie wieder aus der Erde herausgeholt  haben?

Zuerst haben wir gezählt, aber dann haben wir aufgehört, es zu tun. Wir wollten die Arbeit nur zu Ende bringen, aber wir haben es nie ganz geschafft. Wir haben getan, was wir konnten.

 

Sie haben ein Jahr gewonnen und wissen, dass das Unternehmen die ganze Gegend wieder neu bepflanzen wird. Was werden Sei dem entgegensetzen?

Die Lösung besteht darin, mit den Mitteln, die wir haben, weiterzumachen. Und wenn wir noch mehr Unterstützung bekommen können, bin ich mir sicher, sie offiziell zu stoppen.

 

…weil diese Neubepflanzung

in aller Stille geschieht? Das EU Netzwerk Natura 2000 sollte invasive Arten verhindern.

Ganz genau. Es ist gut zu wissen, dass es diese Richtlinie gibt.

 

Der ICNF (Instituto Conservação de Natureza e Floresta) lehnt es bis heute ab,  Eukalyptus als invasive Art zu deklarieren. Solange Eukalyptus nicht brennt, wird er nicht als invasiv definiert. Brennt er aber doch, vervielfältigt sich ein einziger Baum zu Hunderten von neuen Bäumen. Das heißt, man drückt beide Augen zu..

Wie ist es möglich, eine invasive Art nicht zu berücksichtigen, wenn wir über einen Baum sprechen, der, wenn er gefällt oder verbrannt wird, aus demselben Stumpf viele andere geboren werden? Der Erdbeerbaum zum Beispiel ist ein einheimischer Baum; der Eukalyptus stammt aus Australien und ist nur dazu da, den Papierfabriken Geld zu bringen.

 

Es wurde 1850 nach Portugal eingeschleppt. Er ist nun seit 170 Jahren im Land.

Stimmt, Eukalyptus ist nicht einheimisch…

 

Welche Träume behalten Sie in sich? Was würden Sie gerne verwirklicht sehen?

Ich hege die Vorstellung, wieder einen gesunden Wald zurück zu bekommen, einen Wald, der Schatten spendet, der die ausgetrockneten Brunnen wieder mit Grundwasser füllt und der Rehen und anderen Tieren Unterschlupf bietet. Einige Rehe sind nach der Feuern wieder zurückgekommen. Wir haben bereits  die ersten Tiere gesehen, die vor dem Waldbrand geflohen sind. All das käme zurück, was allen Wesen Glück bringt.

 

Und was notwendig ist, damit Menschen auf dem Land leben können, heißt…?

… Artenvielfalt.

 

Aber die Leute in den Städten verstehen dieses Wort noch immer nicht. Für viele ist es nur ein Wort ohne Bedeutung. Tiere gibt es doch im Zoo.

Städte sind eine Wiege des Betons. Die biologische Vielfalt muss auch in unseren Herzen existieren, wir können sie nicht duch “Monokulturen” leben. Wir müssen tolerant sein.

Ich bin nicht gegen Papierfabriken, aber ich bin gegen die Art und Weise, wie sie unser Land ausbeuten, das ist alles. Jeder Mensch hat Rechte. Ich habe auch Anspruch auf meine Eichen und meine Kastanienbäume. Wir haben noch so viel Papier zu recyceln. Es kann nicht nur die Wirtschaft sein, die sich durchsetzt. Wir müssen eine Art Konsens finden. Man kann nicht einfach in das Land der Menschen eindringen und verwüsten. Das darf nicht passieren.

 

Sie werden weitermachen?

Das werde ich (lacht). Natürlich.

 

Haben Sie keine Angst vor einen Strafprozess?

Ich denke nicht darüber nach. Also habe ich keine Angst. Bis ich darüber nachdenke…

 

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Uwe Heitkamp (60)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.
Übersetzungen : Fernando Medronho & Penny e Tim Coombs | fotografias: Dpa, B.T homas & Stefanie Kreutzer

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