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Nº 4 – In einer Gemeinschaft leben

Mittwoch, der 8. April 2020

Als ich am Morgen vom 1. März in Deutschland in den Zug stieg, wurden dort gerade die ersten Menschen an Beatmungsmaschinen gehängt. Als ich morgens am 2. März in Lissabon ankam, wurde das Coronavirus erstmals in Portugal nachgewiesen. Mit mir hatte das nichts zu tun. Aber Corona erzeugt einen dieser globalen Momente, wo jeder noch zeitlebens wissen wird, was er gerade gemacht hat.

Ich bin Autorin, lebe größtenteils in der Gemeinschaft Tamera (Landkreis Odemira) und pendle seit fast 17 Jahren zwischen Deutschland und Portugal hin und her, in den letzten Jahren leidenschaftlich gern mit Bus und Zug. Wenn ich in Portugal ankomme, habe ich meistens schon mein Rückfahrtticket 2-3 Monate später in der Tasche – und umgekehrt. Das ist diesmal anders, ich bleibe bis auf weiteres hier. So langsam realisiere ich meine Ausbremsung. Ich. Bin. Hier, jetzt. Kein Planen der nächsten Vorträge und Kurzreisen, keine Workshops, kein Publikum, kein Reisefieber. Sondern einfach ein Bleiben und Da-Sein. Ein merkwürdiger Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Ich arbeite alte Dinge auf, helfe im Garten, surfe im Internet, schreibe Freunden, von denen ich lange nichts gehört habe, mache lange Spaziergänge und beobachte das Licht und das Leben. Wolken, Bäume, Hügel: die Umrisse treten schärfer hervor. Und ich stelle fest, das ist es, was Corona mit uns und unserem Leben macht: Es macht die Dinge, die ohnehin da sind, sichtbarer. Das gilt für Diktaturen, die jetzt noch totalitärer werden. Für Arme, Geflüchtete, Wanderarbeiter, Straßenkinder, Slumbewohner, deren Leben jetzt noch unerträglicher wird. Das gilt für die Beziehungen mit den Menschen, mit denen wir leben. Es gilt für all die Lebensängste, die wir bisher verdrängen konnten. Es gilt aber auch für die Heilungsimpulse der Natur: Wie schnell sie aufatmet!

Bin ich froh, dass ich in einer Gemeinschaft lebe! Wir sind mit mehr Menschen “eingesperrt” als die meisten anderen, denn unsere Haushalte sind größer. Nach außen können wir uns sehr gut abschotten. Auch bei uns fallen viele Gewohnheiten weg, mit denen man vorher Unzufriedenheiten kompensiert oder Konflikten ausgewichen ist. Aber während in Kleinfamilien daraus sehr schnell Enge und Ärger entsteht, sind wir hier froh, dass wir einander haben. Wir bringen die aktuellen Fragen ins Gespräch, teilen uns auch Ängste und Fragen mit und bereichern uns. Natürlich ist es ein Vorteil, dass wir gelernt haben, mit Konflikten und Schwierigkeiten konstruktiv umzugehen. Natürlich stehen auch wir vor der krassen Frage, wie wir das Ganze wirtschaftlich überleben. Aber wir werden es schon irgendwie hinkriegen. Gemeinsam. Da geht immer was.

Mehr Nähe entsteht in unserem globalen Netzwerk: Unsere Freunde aus weltweiten Krisengebieten, aus Slums in Kenia, Brasilien, den Philipinen, aus Nahost und Mittelamerika berichten in Videokonferenzen von herzzerreißenden Situationen aus Armut, Enge, staatlicher Gewalt und Angst vor dem Virus. Dass viele von ihnen über Gemeinschaftsbildung, Konfliktlösung, Selbstversorgung in Energie und Lebensmitteln gelernt haben, kommt nun ihren Regionen zugute. Berührend sind die Stimmen unserer indigenen Freunde: Corona ist die Stimme der Erde, die die Menschheit zum Einhalten bringt.

Aus diesen Erfahrungsräumen möchte ich in den kommenden Wochen schreiben: Angst und Vertrauen; Gemeinschaft und Konfliktlösung; Lokalisierung in zerbrechenden Global-Systemen; globaler Zusammenhalt und Stimme der Erde.

Leila Dregger

Tamera, Odemira

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