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Nº 6 – Wirtschaft neu gestalten

Freitag, der 10 de April 2020

Auf Reisen sind wir hautnah am Puls unserer Gesellschaft. Als ich vor einigen Jahren von einer Hochzeit in Paris nach Schweden zurückfuhr, bemerkte ich, dass die Grenzkontrollen viel strenger geworden waren. Das war während der Flüchtlingskrise, und mir wurde wieder einmal bewusst, was für ein Privileg es ist, einen schwedischen Pass zu besitzen. Ich hatte das Gefühl, etwas unternehmen zu müssen, als sich die Polizisten viel Zeit nahmen, einen Passagier mit einem afrikanischen Pass ausführlich zu befragen (während sie mich uninteressiert durchwinkten, als ich mein burgunderfarbenes Dokument zeigte). Aber ich habe es nicht getan. Was hätte ich auch tun können? Ein Freund aus Simbabwe hat mir einmal erzählt, dass der simbabwische Pass manchmal scherzhaft als grüne Mamba bezeichnet wird, weil er grün ist und niemand ihn anfassen möchte.

Es war genau an jenem Tag im August letzten Jahres, an dem Greta Thunberg ihren emblematischen Segeltörn zum Klimagipfel in New York begann, als ich dann Schweden wieder mit dem Bus verließ, um mein Glück als Journalistin zu suchen. Interessanterweise schienen mich ihre Worte zu begleiten, wohin ich auch ging.

Wir leben in wirklich aufregenden Zeiten. Geradezu narzisstisch geraten wir jetzt in Panik, als ob Pandemien ein neues Phänomen wären. Ein wütender Jugendlicher sagte: „Wie kommt es, dass ihr, wenn es um das Klima und die Zukunft junger Menschen geht, wie gewohnt weitermacht, aber wenn es euch Erwachsene betrifft, Regierungen die Welt plötzlich auf den Kopf stellen?“

Ja, es ist irgendwie ironisch und von bloßstellender Peinlichkeit, dass wir ungerührt bleiben, wenn Ökosysteme auf breiter Front versagen – aber mit beispielloser Entschlossenheit agieren, wenn unser Lebensstil unmittelbar bedroht ist.

Darüber versuche ich zu schreiben. Wie die Situation der Gesellschaft einen Spiegel vorhält und uns zeigt, wie verletzlich wir trotz unserer Technologie und (ungerechtfertigten) Arroganz sind. Einige sagen, wir sind im Krieg, aber diese Darstellung halte ich für unzutreffend. Wenn dies ein Krieg wäre, so hätten wir ihn selbst begonnen. Unsere Landnutzung und -umwandlung, die Viehzucht und die Zerstörung natürlicher Lebensräume haben zu dieser Situation geführt, die uns jetzt um die Ohren fliegt. Wir sprechen von Krieg, aber stehen wir hier nicht einfach vor dem Ergebnis unseres Handelns? Vielleicht reden wir über Krieg, weil es schlicht einfacher ist, als Verantwortung übernehmen zu müssen.

Ich schreibe darüber, wie wir die Dynamik einer zusammenbrechenden Wirtschaft nutzen können, um sie auf lokaler Ebene neu zu gestalten, widerstandsfähiger und vielfältiger zu machen. In Zeiten schnellen Wandels hängt unser Überleben von unserer Anpassungsfähigkeit ab. Wir Umweltschützer hoffen, dass dies die große Veränderung ist, auf die wir gewartet haben. Wenn wir jedoch Lehren aus der Geschichte ziehen, könnte dies ebenso gut der Beginn eines Elite-Gesundheitssystems, einer noch brutaleren Anhäufung von Reichtum und einer Technodiktatur sein. Das lässt sich nicht voraussehen.

Angesichts dieser Horrorszenarien und noch bevor es mir überhaupt möglich ist, das alles zu verarbeiten, werde ich vom Instinkt gepackt. Ich möchte mit meiner Familie zusammen sein. Plötzlich fallen alle unwesentlichen Dinge wie unnützer Ballast von mir ab. Mir ist klar geworden, dass Blut dicker ist als Prinzipien, und zum ersten Mal seit Jahren kaufe ich ein Flugticket.

Im Flugzeug ist der Sitz neben mir leer und die Leute auf der anderen Seite des Ganges tragen Handschuhe und Gesichtsmasken. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Masken uns nicht vor uns selbst schützen werden. Dazu sind völlig andere Maßnahmen erforderlich.

Sonya Cunningham Oldenvik

freie Journalistin, 28 Jahre, lebt und arbeitet in Portugal, Schweden und Brasilien.

Fotos:dpa

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