Home | Short Stories | Nº 79 –
Nachruf
Die bedingunslose Leichtigkeit des Seins.

Nº 79 –
Nachruf
Die bedingunslose Leichtigkeit des Seins.

Samstag, der 20. März 2021

Es war ein tragischer Unfall. Er fiel zuhause, im Garten aus drei Metern von der Leiter und verletzte sich tödlich. Mein Freund Carlos ist jetzt in den ewigen Jagdgründen angekommen. Für mich war er ein Indianer, der aus dem Alentejo nach Monchique kam und ein Fremder in einer Gemeinschaft, ein Naturfreund, weise und humilde, ein ruhiger und belesener, eher stiller aber immer ein aufmerksamer Zeitgenosse. Carlos wird es kein zweites Mal in dieser Welt geben. Er schenkte uns wunderbare Bäume, zwei Pekan-Nußbäume, eine Kastanie und eine Korkeiche, Zeichen von Freundschaft, wie man im Alentejo sagt. Ich habe sie ausgepflanzt und werde die vier Bäumchen groß ziehen und wenn auch ich bald nicht mehr sein werde, werden es die Mitglieder unserer noch jungen Genossenschaft weiterführen.

Carlos hatte begnadete Talente. Er war ein Maler, Zeichner und Karikaturist, hatte seinen ganz eigenen Blick auf diese Welt, seinen Block und die Stifte immer dabei. Er zeichnete verantwortlich für zwei Titelbilder der ECO123. Bevor ich angefangen habe, diese Worte zu finden, habe ich mich entschieden, meine Trauer für einen Moment zu unterbrechen und daran zu denken, was er an meiner Stelle gewollt hätte. Denn so tragisch sein plötzlicher und ungerechter Tod ist, so wichtig ist, sich gedanklich in ihn hineinzuversetzen. Und da gibt es keine Trauer, sondern nur Freude über die gemeinsam gestaltete, miteinander verbrachte Zeit. Er hat mir gezeigt, wo die Pilze im Wald stehen und wofür sie gut sind. Manche davon haben wir in gemeinsamen Mahlzeiten zu uns genommen und eine gute Flasche Wein dazu geöffnet. Diese Mahlzeiten sind für mich nicht nur in Erinnerung geblieben, sie sind gegenwärtig und werden es immer sein. Er war ein ebenso guter Koch wie Freund, Partner, Kollege, Lehrer und Berater. Carlos Abafa rief mich in der vergangenen Woche an, um meinen Rat einzuholen. Noch mit 75 Jahren wollte er sein Benzinauto verschrotten und gegen ein Elektroauto eintauschen und hatte viele gut gestellte, interessante Fragen dazu. Er war jung im Geiste und auch offen gegenüber uns, die in Portugal leben und nicht wegen des Geldes ausgewandert sind.

Er war lange Jahre Professor an der Technischen Hochschule für Kunst und Design in Portalegre und bildete Generationen von Layoutern und Designern aus. Carlos kam nach Monchique mit der Liebe, als er Ana über diese Kunst kennenlernte. Carlos Abafa war 1,65 Meter und ein großer Portugiese, aber noch viel mehr, ein großer Mensch in dieser Welt und ein guter Vater.

Oft frage ich mich, warum sind wir so viele auf Erden und was machen wir hier eigentlich (falsch)?  Diese Frage habe ich mir bei ihm nie gestellt. Im Sinne der verschiedenen Religionen wird die Seele eines Sterbenden entweder in die ewigen Jagdgründe (Paradies) aufgenommen oder einer wandelt ruhelos durch das Universum und wird eines Tages zurückkommen müssen auf unsere Erde, diesen wunderbaren blauen Planeten, sozusagen als Strafe. Das befürchte ich bei Carlos nicht. Er war langsam, bedacht. Viele Menschen aus dem Alentejo besitzen diese unglaubliche Gabe der Leichtigkeit. Je langsamer ein Mensch ist, desto leichter wird er, man lernt dabei das Fliegen, das Schweben und nur leichte Menschen haben Zugang zu den ewigen Jagdgründen und werden nicht zurückgeschickt, um noch einmal, oder wieder und wieder von vorn zu beginnen. Und diese Leichtigkeit steht für vieles: für Mitgefühl und Anteilnahme, für soziale, kulturelle, ökologische usw. Intelligenz, für Klarheit und ein Leben im Gleichgewicht.

Carlos Abafa hat sich auch immer im Wald sehr wohl gefühlt. Gemeinsam mit Ana und den Freunden des Vereins “Monchique Alerta” hat er den Bau der ersten Zisterne “Mit Wasser löscht man Waldbrände” zu Ende gebracht und sogar perfektioniert. Manchmal schauten wir uns an und wußten, was er andere dachte. Ja, da ist tiefe Trauer, eine Sehnsucht nach mehr, aber im Loslassen liegt auch eine Form von Leichtigkeit. Und man soll loslassen, wenn es am schönsten ist. Richtig? Ich habe einen Freund verloren, aber noch viel wichtiger ist doch, daß wir über viele Jahre hinweg so viele gute Stunden miteinander verbringen durften. Das ist der Wert, den uns das Leben schenkt. Das ist die Form von Nachhaltigkeit, nach der wir suchen und hier und da auch finden, wenn wir uns bemühen, uns nah zu sein, aber auch in der richtigen Distanz zu stehen. Diese Form des Seins nennt ein Künstler bedingungslos. Damit mein geschätzter Freund Carlos Abafa nicht in Vergessenheit gerät, schlage ich vor, den Botanischen Garten nach ihm zu benennen. Entscheiden müssen das auch seine Familie, die Hinterbliebenen und die Genossenschaft selbst. Wir sehen uns hoffentlich bald wieder mein lieber Freund.

Uwe Heitkamp (60)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.
Übersetzungen : Dina Adão, Tim Coombs, João Medronho, Kathleen Becker

Check Also

Nº 86 – Volkszählung 2021

Samstag, der 8 Mai 2021 Echt wahr jetzt. Nicht Menschen zählen, nicht ihre Häuser und …

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.