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Nº 97 – Können wir unsere Einstellung zur Natur verändern?

Samstag, der 24. Juli 2021

Emissionen vermeiden, den Fußabdruck verkleinern. Ein ganz wichtiger Aspekt im Leben ist die Achtsamkeit. Die Achtsamkeit? fragt mich die Volontärin, die freitags in der Frühe kommt und ihre Bäume im Botanischen Garten wässert? Worauf soll ich Acht geben? Auf die Vögel im Wald. Hör dir mal diese Nachtigal da drüben an, die da ihr Lied singt. Ihren Gesang verinnerlichen. Das sei Kunst in der Ökologie, behauptet der 84-jährige Professor Gernot Böhme* aus Deutschland, den in Portugal bisher kaum jemand kennt. Seine vielen Bücher gibt es auch nicht auf Portugiesisch. Warum auch? Brauchen wir die Natur in Portugal? Oder machen wir aus Bäumen besser nur Papier? Diese vielen kleinen unterschiedlichen Bäume betrachten und herausfinden, wie es ihnen geht. Kann das jemand? Ja, man kann, wenn man sich darauf einläßt. Der Aspekt, nicht getrennt von der Natur zu leben, sondern mit und in ihr zu sein und sich vorzustellen, man selbst sei Natur, ein Teil von ihr, was man in der Stadt so gar nicht versteht, (da redet man eher über Mülltrennung) also ganzheitlich und ganz bei sich zu sein, und bei sich zu bleiben und hineinzugleiten in diesen Zustand, von mir aus nenne es Meditieren, das meint ja, eins mit der Natur zu werden, ja, das empfinde ich als faszinierend.

 

Du steckst zum Beispiel die Finger in die Erde bei deiner Kartoffelernte (und nimmst mal keine Hacke zu Hilfe) denn du hast drei Monate diese Kartoffeln beim Wachsen begleitet, du suchst mit den Fingern nach einer Kartoffel, und nach noch einer und so weiter – und hast die Erde zwischen den Fingern und fühlst die Sämigkeit und weil du jeden Tag nach den Pflanzen in deinem Garten schaust und sie gießt (Tomaten, Zucchini, Paprika, Gurken, Zwiebeln, Bohnen usw.). Sehr oft vergesse ich dann später, meine Fingernägel sauber zu machen, wenn ich als Journalist eine Bürgermeisterin interviewe oder ähnliches. Denn eigentlich bin ich Journalist. Zuerst schaue ich jeden Tag nach den Bäumen, und frage jeden einzelnen, der mir begegnet, wie es ihm geht mit dieser Hitzewelle am Mittag, den Temperaturschwankungen, denn ich sehe, die Pinien werfen einen Teil ihrer Nadeln ab, wenn sie sich gestresst fühlen. Die Zeichen der Zeit erkennen, bedeutet auch, daß ich das runde Loch in der Rinde erkenne und weiß, es ist der Borkenkäfer, der sich wieder bedient. Denn die Rinde wurde vom Waldbrand angegriffen, der Baum ist geschwächt. Wir konnten das Feuer, das den Baum versuchte hochzukriechen, noch schnell löschen, aber die Rinde unten ist schwarz. Und normalerweise ist sie das nicht. Deswegen, wenn die Sonne drauf scheint, ist diese schwarze Stelle viel heißer als die normale Rinde. So ein Baum lebt und er mag diese Hitze da unten auch nicht. Und der Käfer weiß das und greift an. Der Wald ist alt und der Baum mehr als 20 Meter groß. Ich bin sein Freund und er ist meiner.

Da nehme ich den Pinsel zur Hand, einen Eimer mit Kalk und Wasser und schlämme die offen liegenden Wurzeln ein und auch den unteren Stamm, so hoch ich komme, male ich die Rinde weiß an. Kalk desinfiziert. Jeder vom Feuer angegriffene Baum hat nun einen weissen Strumpf. Irgendwann kommt eine Gruppe Wanderer aus der Stadt vorbei und fragt neugierig, warum ich den Wald weiß anmale? Und ich erkläre ihnen meine Kunst im Wald inmitten der Natur. Und ja, sie beginnen, über den Aspekt der Kunst in der Natur zu plaudern, losgelöst und getrennt von ihr und als etwas, das man von außen betrachtet.  So gehen sie weiter ihres Weges und ich widme mich wieder meinem Baum, der vom Vater des António de Encarnação im Jahr 1905 gepflanzt wurde und nun die Welt schon 116 Jahre lang betrachtet und all diese Jahre vorbeiziehen gesehen hat, da von seinem Platz aus mit viel Geduld, ein wenig unbeweglich, aber ausharrend und diese großen Kriege des letzten Jahrhunderts hier in Caldas de Monchique einfach verpasste. Und das Virus Covid-19 interessiert ihn auch nicht. Die Menschen nehmen sich viel zu wichtig, läßt mich der Baum eines Morgens verstehen. Aber der Borkenkäfer macht ihm zu schaffen und er wird wohl daran zugrunde gehen, wie wir Menschen am Klimawandel.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

Seine Höhepunkte waren andere und es waren keine absoluten Höhepunkte und auch keine Tiefpunkte, er ist nicht manisch-depressiv und im Gegenteil, er war immer sehr ausgeglichen, aber  jedes Jahr wird das Wasser im Sommer weniger, und jedes Jahr diese vier Jahreszeiten, die es damals noch gab und er nimmt die langsame schleichende Veränderung des Klimas wahr, den die Leute nicht bemerken als etwas ganz großes, etwas Gefährliches. Wer das ganz Große betrachtet, die Technik und die Moderne, den sogenannten Fortschritt, wer sich in die großen Kunstausstellungen begibt und sich in den Weltraum schießen läßt, sollte im ganz Kleinen mit der Betrachtung, bei der Spurensuche beginnen. Ich mache das meist morgens mit einem Baum, der mich braucht. Guten Morgen, mein Freund, wie geht es Dir heute?

Dann nehme ich auch Neemöl und besprühe seine runden Wunden. Und ich betrachte den Wald der Nachbarn, deren Pinien schon alle tot sind. Langsam fallen sie um. Verbrannt und vom Borkenkäfer zerfressen. Wen kümmert es? Nach den Stürmen. Mit der Zeit gehen sie alle dahin, weil sich keiner mehr um die Natur kümmert. Natur und Bäume dürfen nicht zum Objekt verkommen, an dem man Geld verdient. Und wir Menschen dürfen auch nicht zum Objekt werden. Sind wir denn nur etwas wert, wenn wir uns in Geld aufwiegen lassen? Oder gibt es noch Werte wie Freundschaft und Verbindlichkeit?

Ich bin Gründungsmitglied einer Genossenschaft geworden und zwar deshalb, weil ich glaube, diese Gemeinschaft wird nach mir, nach uns weiterleben – auch und insbesondere – weil nicht das Geld das Wichtigste zwischen uns ist, sondern die Natur. Wir alle in dieser Genossenschaft kümmern uns um diesen Wald. Dieses zwei Hektar große Biotop mit einem Bach in der Mitte (das Grundstück ist ein V) zu konservieren, behutsam neue junge Bäume vieler Arten, die es hier einmal vor den Waldbränden gab, wieder zu pflanzen, zu betrachten, welche Erde ist die richtige für eine Erle, oder eine Esche, eine Buche, eine Eiche, eine Ulme?

Der Sommer ist die schwierigste Zeit des Jahres. Gepflanzt wird im November und im Winter. Wir arbeiten jetzt im Sommer intensiv mit jedem Baum, in dieser Welt zu sein und zu bleiben, bei Temperaturen von 37 Grad Celsius und mehr beginnt die Fiebergrenze zu verschwimmen. Die Grillen begleiten uns mit ihrem Zirpen den ganzen Tag lang. Was für eine Musik! Wir bauen Schattendächer aus Kork – auf Stelzen aus Akazie. Ich erkläre der Volontärin dieses Gefühl, das du zu einem kleinen Baum entwickeln kannst, um zu wissen, wie es ihm geht, dem Ginkgo und der Kastanie, dem Walnußbaum und der Kasuarina und den Zedern ganz oben, von wo aus du in das Tal schauen kannst (von einer Trockenzone in die Feuchtgebiete) und dich ausruhen und besinnen kannst und du in dir selbst wächst bei dem Versuch, mit der Natur eins zu werden. Das geht am besten um diese Zeit sehr früh morgens und auch, wenn es dämmert am Abend, also wenn du fühlst, das alles erwacht – oder – alles wieder zur Ruhe kommt. Erst wenn du diese Ruhe – wir können auch von Gleichgewicht sprechen – in dir findest, wirst du auf die vielen CO2 Emissionen verzichten, wirst dich fragen ob du diese oder jene Reise überhaupt machen mußt, hier und dorthin fahren solltest. Dann wirst du deinen Energieverbrauch hinterfragen und dann erst wirst du fühlen, was es heißt, Abgase aus der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Gas einzuatmen. Erst dann wirst du auch dich selbst mal infrage stellen und ob du wirklich jeden Tag tote Tiere essen möchtest? Die Natur ist mein Freund, mein Lebensraum und die Artenvielfalt gehört dazu. In einem Eukalyptuswald, in einer Monokultur, da bin ich allein auf weiter Flur und ohne Wasser …

*https://www.suhrkamp.de/person/gernot-boehme-p-470

Uwe Heitkamp (60)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.
Übersetzungen : Dina Adão, Tim Coombs, João Medronho, Kathleen Becker
Fotos: Uwe Heitkamp,dpa

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