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Wohin, bitte schön, soll die Reise gehen?

Samstag, der 13. Januar 2023.

Jetzt im Winter, wäre es an der Zeit, sich schon mal über den kommenden Sommer Gedanken zu machen und Entscheidungen zu treffen, wie wir Bürger uns in Monchique und anderswo in Portugal auf die kommende Dürre und die kommenden Waldbrände vorbereiten. Ich bin ein Mensch, der gern seine Erfahrungen von gestern und vorgestern mit einer Perspektive in die Zukunft verbindet. Monchique ist da sehr speziell. Wir haben die vielen Waldbrände selbst provoziert, weil einige Großgrundbesitzer fast überall Monokulturen angepflanzt haben und den traditionellen, den historischen, den natürlich gewachsenen Wald damit vernichtet haben, um des lieben Geldes willen. Und wenn ich mich mit Besitzern von Eukalyptus-Monokulturen streite, behaupten diese stock und steif, Eukalyptus könne gar nicht brennen. Mit was für schlauen Menschen muss ich meine Gespräche führen? Das ist in etwa so, als würde ich mit Doktor Marlboro ein Interview über die Ursachen des Lungenkrebses führen und der würde darin behaupten „Rauchen sei gesund!“ Na dann, Frohes Neues Jahr.

Nun mache ich mal folgendes. Ich rede mit Ihnen nicht über das eindimensionale Vorhaben, leichtes Geld zu verdienen, also z.B. nachwachsende und schnell wachsende Bäume alle  acht Jahre zu fällen und diese an die Papierfabrik zu verkaufen. Ich mache mir mal Gedanken über eine (er)lebbare Zukunft ohne Waldbrände und ohne Dürre. Denn sowohl Waldbrände als auch Dürren sind nicht gottgegeben, sondern menschgemacht. Wir können das jederzeit ändern und wir können uns schützen, wenn wir das wollen. Allerdings müßten wir zuerst unser Gehirn einschalten und dieses wertvolle Instrument benutzen, statt immer wieder nur an leicht verdientes Geld zu denken. Denn Geld verdienen ist gar nicht so leicht, wie uns das die Papierindustrie mit dem Anpflanzen von Eukalyptus-Monokulturen einreden will. Denn wer kommt nach den desaströsen Waldbränden für die verheerenden Schäden auf, wer für die Verluste? Wir alle tragen eine Verantwortung in uns. Spüren Sie das?

Das ist wie nach dem Atomunfall von Fukoshima 2011 oder Tschernobyl 1986. Man kann die Dinger auch abschalten und stattdessen Solarkraftwerke bauen oder den Strom mit Windturbinen herstellen. Man hätte sie nie bauen müssen. Und man muß auch keinen Eukalyptus pflanzen.

Die Erfahrung lehrt, man muß einen Samen in die Erde setzen und man muss wissen, welchen Samen. Danach braucht man das Wissen, wie man den Samen hegt und pflegt, damit daraus     zum Beispiel ein Baum wird, ein großer Baum in einem vielfältigen Wald, der nachhaltig bewirtschaftet werden soll – der die Feuchtigkeit im Boden konserviert – damit der Wald nicht so schnell Feuer fängt. Das wäre Nachhaltigkeit. Und Nachhaltigkeit braucht seine Zeit. Nachhaltigkeit ist nicht diskutierbar und nicht käuflich. Bleiben wir genügsam.

 

Nachhaltigkeit ist schwer vermittelbar. Viele wissen gar nicht, was „nachhaltig“ bedeutet. Es ist nur so dahergesagt, irgendwie verwendet, der guten Sprache wegen. Auch Sprache ist nur Mittel zum Zweck. Wer wirklich nachhaltig leben möchte, der wirtschaftet, arbeitet und denkt bereits im Winter an den kommenden Sommer, der denkt … an die Zukunft. Die Risiken kontinuierlich verringern, damit der Wald nicht wieder brennt und der gute Boden feucht bleibt – das gehört zu einer nachhaltigen Politik – und das jedes Jahr. An die Zukunft denken und aus der Vergangenheit lernen. Das ist nur ein Aspekt von Nachhaltigkeit. Ein anderer Aspekt ist die Wiederaufforstung mit Mischwäldern. Auch das nennt man nachhaltig. Etwas brennt ab und es wird sofort wiederaufgeforstet, allerdings nicht mit Eukalyptus. Und das leben wir auf allen Ebenen.

Ein anderes Beispiel: In 2016 rief ECO123 in Monchique das Schuhmacherprojekt ins Leben. Denn damals gab es nur noch drei alte Schuhmacher so um die 80 Jahre alt, die schon lange pensioniert waren. Wir  haben uns Gedanken um die Zukunft gemacht. Wir sahen es kommen, daß es bald gar keinen Schuhmacher mehr in der ehemaligen Hauptstadt der Schuhmacher, in Monchique, geben würde. 2024 gibt es nun keinen Schuhmacher mehr. Kaum zu glauben, der Beruf ist ausgestorben. Man darf nun neue Schuhe beim Chinesen kaufen und wenn die kaputt gehen, was oft ziemlich schnell passieren kann, werden die Schuhe weggeworfen, weil sie keiner repariert – auf den Müllberg …

Die Geschichte von damals geht so: im Winter 2015 ging ich ins Rathaus und sprach mit dem Bürgermeister, der hieß damals noch Rui André, über die Idee und den Plan, zwei Jugendliche in die Schuhmanufaktur GEA (Waldviertler Schuhe, https://www.gea.at) nach Schrems in Österreich zu schicken, um dort das Handwerk in einer echten Ausbildung mit Zertifikat zu erlernen. Wir leben ja in der EU und Österreich gehört wie Portugal zur EU. Einfache Sache, dachte ich mir. Dort – in Österreich  – bekommt jeder einen echten Ausbildungsvertrag und ein echtes Gehalt zwischen 800 und 1.000 Euro je nach Ausbildungsjahr. Davon  kann man in Portaugal nur träumen. Man lernt den Schuhmacherberuf in einer zwei- bis dreijährigen dualen Ausbildung in Werkstatt und Schule und erhält anschließend nach einer bestandenen Prüfung  den Gesellenbrief.

Der jetzige Bürgermeister Paulo Alves saß damals noch als Oppositionsführer im gleichen Rathaus und in der gleichen Sitzung wie Rui André. Ich erinnere mich gut daran. Dort saßen fünf Stadtverordnete, die einstimmig dafür votieren, jedem der zwei Jugendlichen, die diese Ausbildung in Österreich mitmachen, eine Unterstützung (bolsa) zu gewähren, wenn sie oder er nach der Ausbildung zurückkämen und das Rathaus würde eine Hilfe in Höhe von 10.000 Euro (20 Monate x 500 Euro) beisteuern: eine sogenannte  Anschubfinanzierung, um eine Werkstatt für ein altes Handwerk in Monchique zu eröffnen. Hurra, auf daß das Schuhmacherhandwerk aus Tradition weiterlebe! Denn ein Schuhmacher braucht ja Nähmaschinen und Werkzeuge für die Einrichtung einer Werkstatt und für die Schuhe. Das Rathaus bietet seit vielen Jahren seinen verschiedenen Studenten bei einem Studium in Faro, Lissabon, Coimbra oder Porto eine solche Unterstützung an. Warum nicht also auch einem Handwerk, wenn dadurch Monchique vielfältig bleibt…

Ich führte in einem Jahr Vorbereitungszeit (2015) intensive Gespräche mit rund 400 Jugendlichen, mit deren Eltern, mit Lehrern und Schülern von Schulklassen, mit der Manufaktur selbst. Kostenlos. Lange habe ich mir überlegt, ob ich noch einmal darüber schreiben soll. Ich habe mir sehr viel Geduld antrainert und mehrfach das Thema in verschiedenen Gesprächen, auch mit dem ehemaligen Bürgermeister Rui André, immer wieder aufgegriffen. Es führt zu nichts. Denn die Überraschung kommt noch.

Dann gab es den ersten Auszubildenden, den ich von Monchique nach Huelva und der dann mit dem Zug klimafreundlich nach Schrems fuhr, die Hinfahrt wurde von ECO123 finanziert. Zé Pedro Mira vom letzten Schuhgeschäft in Monchique lernte während zweier Ausbildungsjahre in Schrems (Österreich) das Handwerk des Schuhmachers, eine alte Familientradition – und als er 2018 nach zwei Jahren aus der Ferne zurückkehrte und seine Werkstatt einrichten wollte, ging er schnurstracks in das Rathaus von Monchique, um die finanzielle Unterstützung für seine Werkstatt zu beantragen. Das ist nun fast sechs Jahre her. Dann, im August 2018 brannte Monchique.

Zé Pedro wartet 2024 noch immer auf die Unterstützung des Rathauses. Damals war er 25 Jahre alt, ein junger Mann, der künstlerisch begabt und handwerklich reif war und das Ziel hatte, das Schuhmacherhandwerk in Monchique fortzuführen. Die Unterstützung wurde vom Rathaus nie ausgezahlt. Der Bürgermeister konnte sich im Nachhinen nicht daran erinnern, in welcher Stadtratssitzung das Protokoll verfasst worden war. Sind das die Gedächtnisschwächen eines Bürgermeisters, die auch vor den Waldbränden nicht halt machen? Das Protokoll der Stadtratssitzung bleibt bis heute unauffindbar, eine Ungeheuerlichkeit für eine kommunale Körperschaft. Zé Pedro Mira, der seine Werkstatt mit Hilfe der Unterstützung schon lange hätte eröffnen können, reist heute in Europa herum, als Schuhmachergeselle und er vertieft seine beruflichen Erfahrungen auswärts. So verliert Monchique sein wertvollstes Kapital, seine Jugendlichen, seine Zukunft.

Ich frage mich, welchen Wert hat die Zusage einer Unterstützung durch das Rathaus von Monchique? Welchen Wert haben Zusagen in der Politik? Viele Jahre habe ich gewartet, weil ich davon ausging, das Rathaus braucht immer ein wenig mehr Zeit für die Umsetzung seiner Versprecher. Aber vielleicht habe ich nur noch nicht lange genug gewartet und möglicherweise ist das Jahr 2024 das alles entscheidende Jahr für die Verwirklichung meiner Idee, des Planes von ECO123, daß das Schuhmacherhandwerk in Monchique nicht aussterben darf. Denn was nicht aussterben darf, wird auch nicht aussterben, oder?

 

Uwe Heitkamp (64)

ausgebildeter Fernsehjournalist, Buchautor und Hobby-Botaniker, Vater zweier erwachsener Kinder, kennt sei 30 Jahren Portugal, Gründer von ECO123.Translations: Dina Adão, John Elliot, Ruth Correia, Patrícia Lara, Kathleen Becker
Photos:Uwe Heitkamp

 

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